Artikel-Schlagworte: „Königsberg“

Acryl-Malworkshop im neuen Kunst-Atelier

Donnerstag, 28. April 2016

Das neue lichtdurchflutete Kunst-Atelier im Ostpreußischen Landesmuseum ist künftig der Ort für Kunst und Kreativität. Beim ersten Malworkshop in den großzügigen Räumlichkeiten ging es um kunsthistorische Hintergründe und Maltechniken mit Acrylkünstlerfarben. Acrylfarben reiften im Laufe der Zeit in rasanten Entwicklungsschritten zu einem exzellenten Malmedium heran. Sie geben den Künstlern die variabelsten Ausdrucksmöglichkeiten: Lasierende Effekte wie bei der Aquarellmalerei, Spachteltechnik wie bei der Ölmalerei oder für Collagen und Assemblagen. Alles ist mit Acrylfarben möglich!

Während des Wochenendseminars mit der Künstlerin Elena Steinke wurden die fast unbegrenzten Möglichkeiten der vielfältigen Nutzung von Acrylfarben studiert und auf verschiedenen Malgründen ausprobiert. Elena Steinke ist 1964 in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg/Ostpreußen geboren. Sie studierte Kunst, Computergraphik und Design. Seit 2001 lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und Dozentin in Breklum / Nordfriesland. Sie hat an zahlreichen Ausstellungen in Museen und Galerien mitgewirkt.

Gemeinsames kreatives Schaffen mit begeisterten Teilnehmerinnen beim Acryl-Malworkshop können im Video angeschaut werden: https://youtu.be/bBeN5v7N2tk

Ostpreußen als Reiseland – vor 1945

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Ein Vortragsangebot von Dr. Christoph Hinkelmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ostpreußischen Landesmuseum

Seit der politischen Öffnung in Mitteleuropa sind die auf drei Staaten verteilten ostpreußischen Städte und Landschaften wieder zugänglich und ein interessantes Reiseziel geworden. Wieder – muss man erneut sagen, denn bereits vor dem Zweiten Weltkrieg spielte der Fremdenverkehr eine wesentliche wirtschaftliche Rolle in der damaligen Nordostecke Deutschlands.

Tourismuswerbung in den 1930er Jahren

Die Kurische Nehrung mit ihren Sanddünen war ein klassisches Reiseziel vor dem Zweiten Weltkrieg, Aufnahme 1940 (E. Schütz)

Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert begann man, andere Regionen und weiter entfernt liegende Orte wegen ihrer Geschichte, Bauwerke, Bibliotheken usw. zu besuchen. Diesen „Gelehrten-Reisen“ gesellten sich im 19. Jahrhundert Erholungsreisen hinzu, die zunehmend auch nach Ostpreußen führten. Der Erste Weltkrieg bildete eine Zäsur, doch in den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich der Tourismus zu einer wichtigen Einnahmequelle im geographisch abgetrennten und v.a. landwirtschaftlich geprägten Ostpreußen.

Städte und Regionen warben in Prospekten mit ihren jeweiligen Besonderheiten (Marienburg, 1930er Jahre)

Die Verkehrsinfrastruktur der Provinz war vielseitig und gut auf den Fremdenverkehr eingestellt.

Ostpreußen warb mit guter Infrastruktur, moderaten Preisen für Reisen im Land ebenso wie für Übernachtungen und deutschlandweit bekannten Reisezielen. Innerhalb des Landes gelangte man mit Kleinbahnen, der Kraftpost und anderen Omnibusverbindungen sowie dem PKW zum Ziel. Für letztere gab die Mineralölfirma Shell die besten Straßenkarten heraus. Zwölf Gebiete bildeten den Schwerpunkt der Reiseziele: das Weichselland, die Frische Nehrung, Stadt und Landkreis Königsberg, das Samland, die Kurische Nehrung, das Ermland, das Oberland, Masuren, das Pregeltal, der Nordosten, die Rominter Heide sowie die immer mitberücksichtige Freie Stadt Danzig. Ferner lockten die größeren und attraktiveren Städte mit ihren Besonderheiten und ihrem Umland ebenso wie wichtige Gedenkstätten, z.B. die Abstimmungsdenkmale oder das „Reichsehrenmal“ Tannenberg, die an die Kämpfe im und die Volksabstimmung nach dem Ersten Weltkrieg erinnerten, Bildungsreisende und  „Sommerfrischler“ in die entlegene Provinz. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs endete diese Epoche.

Auch der Tourismus in Ostpreußen blieb von der Politik und Propaganda nicht verschont. Nach dem "Wiederanschluss" des Memelgebiets im Frühjahr 1939 wurden die bis dahin verwendeten Prospekte kurzerhand einfach überdruckt.

Einen Vortrag über das Reiseland bzw. über andere landeskundliche Besonderheiten Ostpreußens vermittelt das Ostpreußische Landesmuseum bei Interesse (Dr. Christoph Hinkelmann, Tel. 04131 75995-19).

Arno Surminski-Ausstellung in Königsberg / Kaliningrad

Montag, 24. August 2015
Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Am 6. August 2015 wurde im Museum „Friedländer Tor“ in Kaliningrad/Königsberg die Ausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums über das Leben und Werk des bekannten ostpreußischen Schriftstellers Arno Surminski eröffnet. Zur Ausstellungseröffnung waren Arno Surminski und seine Frau persönlich anwesend.

Es war die erste Kooperation unseres Hauses mit den Kollegen aus dem einstigen Königsberg, die in ihrem Museum die Geschichte der ehrwürdigen Stadt an der Pregel präsentieren.

Die Direktorin des Museums, Frau Marina Yadova, begrüßte zahlreiche Gäste und Besucher. Besonders freundliche Worte richtete sie an Arno Surminski, der sich, wie sie sagte, mit seinem ganzen Werk gegen den Krieg ausspreche. Er stelle die Geschichte Ostpreußens literarisch dar, das Museum erfülle die gleiche Aufgabe, bloß mit museumsspezifischen Darstellungsformen. Es gebe viel Verbindendes.

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Anknüpfend an die Worte von Frau Yadova brachte Arno Surminski in seiner Rede zum Ausdruck, wie froh er ist, dass die Ausstellung nach zahlreichen Stationen in Deutschland und Polen auch in Kaliningrad in Russland gezeigt werde. Sie könne helfen, das Verbindende zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen zu zeigen: Polen, Russen und Deutschen, jetzigen und alten Bewohnern Ostpreußens. Er wünschte der Ausstellung viel Erfolg. Nach der Eröffnung fand eine Lesung statt, in der Arno Surminski aus seinem Buch „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ die Passagen über die Zerstörung Königsbergs vorgetragen hat.

Lesung

Arno Surminski wurde 1934 in Jäglack (heute Jeglawki) im Kreis Rastenburg (heute Ketrzyn/Polen) in Ostpreußen geboren. Dort lebte er gemeinsam mit seiner Familie, bis seine Eltern 1945 deportiert wurden. Surminski blieb allein zurück und wurde 1947 nach mehreren Lageraufenthalten von einer Familie in Schleswig-Holstein aufgenommen. Seit 1972 arbeitet er freiberuflich als Wirtschaftsjournalist und Schriftsteller. Zu seinen Bestsellern gehören die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Polninken oder Eine deutsche Liebe“. Einige große Romane spielen im nördlichen Teil Ostpreußens, der heute zu Russland gehört, wie  „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ und „Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“. Die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Vaterland ohne Väter“ sowie zahlreiche Erzählungen wurden ins Russische übersetzt.

Arno Surminski vor der Ausstellung

Arno Surminski vor der Ausstellung

Wir bedanken uns herzlich für die tolle Zusammenarbeit und freuen uns auf weitere gemeinsame Projekte!

Eröffnungsrede

Eröffnungsrede

Der “Tempelhüter” steht wieder in Trakehnen

Montag, 17. März 2014

Aus Anlass des 200. Jubiläums des Hauptgestüts Trakehnen in Ostpreußen ließ die Preußische Gestütsverwaltung am 26. September 1932 vor dem Landstallmeisterhaus eine lebensgroße Pferdeplastik auf einem Sockel aufstellen. Sie zeigte den Hengst „Tempelhüter“, der 1905 geboren mit seiner harmonischen Vereinigung von Kraft und Eleganz das ideale Pferd seiner Zeit verkörperte.

Der neue Tempelhüter...noch ganz in weiß

Der neue Tempelhüter...noch ganz in weiß

Als 12 Jahre später die Rote Armee Trakehnen eroberte, waren seine Bewohner rechtzeitig geflohen. Zurück blieb das nicht-lebende Inventar, auch der Tempelhüter. Sein weiteres Schicksal blieb zunächst unbekannt, denn über das nördliche Ostpreußen, der Kaliningrader Oblast, senkte sich der Eiserne Vorhang sehr viel rigoroser als über andere Teile Ostpreußens. Nahezu keine Information drang nach außen.

Das ehemalige Eingangstor zum Gestüt

Das ehemalige Eingangstor zum Gestüt

Erst zu Beginn der 1970er Jahre wurde durch Zufall auch im Westen bekannt, dass die berühmte Trakehner Pferdeplastik nach Moskau gebracht worden war. Auf dem Sockel in Trakehnen stand hingegen ein Denkmal zur Erinnerung an einen Sowjetsoldaten, der sein Leben bei der Eroberung Ostpreußens verloren hatte. Mit der politischen Wende 1990/91 wurde das Kaliningrader Gebiet auch wieder für Deutsche zugänglich, und natürlich zog es sie auch nach Trakehnen, das heute wie der Tolstoi-Ort nahe Moskau Jasnaja Poljana heißt.

Hagen Mörig aus Braunschweig, der ab 2001 ein Jahr lang Aufbauarbeit in Jasnaja Poljana geleistet hatte, wollte sich mit dem Verlust des Tempelhüters in Trakehnen nicht abfinden. Er setzte alle Hebel in Bewegung, sammelte Tausende von Unterschriften, um die verantwortlichen Stellen in Moskau zur Rückgabe des Tempelhüters in den schließlich nun ebenfalls russischen Ort zu bewegen. Das gelang zwar nicht, doch wurde die Erlaubnis erteilt, eine Nachbildung der Pferdeplastik im ehemaligen Trakehnen aufzustellen.

Hagen Mörig in Trakehnen

Hagen Mörig in Trakehnen

Mit diesem „Freibrief“ sammelte Möhrig mehr als 30.000,- €. Zudem fand er in Kaliningrad (Königsberg) eine Gießerei, die die Plastik herstellte.

Unklar war jedoch noch lange der genaue Standort der Plastik in Trakehnen. Einige wenige Bewohner beharrten auf dem Verbleib des Soldatendenkmals auf dem Tempelhütersockel. Um die neue Pferdeplastik dennoch im Ort aufstellen zu können, errichtete ein dem Vorhaben sehr gewogener Einwohner einen Sockel in seinem Vorgarten. Kurz vor dem lange angekündigten Termin der feierlichen Enthüllung des Denkmals kam eine Anweisung aus Moskau, die eine beide Seiten befriedigende Lösung brachte: Das Soldatendenkmal wird auf den am Dorfrand gelegenen Friedhof zu Ehren von über 2.000 Rotarmisten gebracht, die bei der Eroberung der Region ums Leben gekommen waren, und die Feierlichkeiten beginnen mit einer Kranzniederlegung dort. Im Anschluss wird dann die Pferdeplastik auf de originalen Sockel gestellt.

Der Soldatenfriedhof

Der Soldatenfriedhof

Die feierliche Enthüllung der Tempelhüter-Nachbildung fand am 29. September 2013, 81 Jahre und 3 Tage nach der ersten Zeremonie am selben Ort, statt.

Zur Feierlichkeit fanden sich über 400 Menschen aus dem Dorf Jasnaja Poljana und der Region, auch Vertreter der Gebiets-Duma, des Landrats des Kreises Stallupönen/Nesterov und der Bürgermeister ein, weiterhin zahlreiche Gäste aus Königsberg/Kaliningrad und aus allen Teilen Deutschlands. Besonders stark vertreten waren Angehörige der Kreisgemeinschaft Ebenrode/Stallupönen, also der früheren Bewohner des Landkreises, zu dem Trakehnen vor 1945 gehörte. Sie waren mit einem eigenen Bus angereist, um der Zeremonie beizuwohnen.

Der enthüllte TEmpelhüter mit Dr. Gerhard Kübart

Der enthüllte Tempelhüter mit Dr. Gerhard Kübart

Die Festrede hielt Dr. Gerhard Kuebart, Kreisvertreter der Stallupöner und Großneffe des Künstlers Reinhold Kuebart, der zu Beginn der 1930er Jahre das Tempelhüter-Original geschaffen hatte. Auch das Ostpreußische Landesmuseum war bei der Feierlichkeit vertreten.

Dr. Christoph Hinkelmann

Ostpreußische Motive sehr „gefragt“

Donnerstag, 29. August 2013

Eine besondere Schenkung für das Museum:

Im September 1940 schrieb der Maler Karl Storch (1864-1954) in einem Brief über einen Malausflug: „In der vorigen Woche war ich wieder an der Küste weil das Wetter schön geworden war, (…) ich habe vormittags und nachmittags gemalt (…). Fünf Bilder brachte ich mit nach Hause, 3 in meiner üblichen Größe und zwei kleinere. Auf zwei von den größeren hab´ ich dasselbe Motiv von der Steilküste aber zu verschiedenen Tageszeiten wiedergegeben, ich will davon ein großes Bild machen. Ostpreußische Motive sind sehr „gefragt“, ich soll für die Kunsthandlung auch durchaus ein Herbstbild aus Masuren malen, das ist das südöstliche Ostpreußen nach Polen zu, ich hab´ aber nicht recht Lust dazu bei diesen Ernährungsverhältnissen auf Reisen zu gehen.“

Karl Storch, Samlandküste bei Neukuhren, 1941

Karl Storch, Samlandküste bei Neukuhren, 1941

Der damals bereits 76-jährige Maler war seit 1902 in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg als Lehrer an der dortigen Kunstakademie tätig gewesen und lebte nun bereits gut 10 Jahre im Ruhestand. Er war jedoch sehr eifrig, denn die Beliebtheit seiner vielen Landschafts- und Stadtansichten erfreuten sich in weiten Kreisen großer Anerkennung.

Das Gemälde, “Die Samlandküste bei Neukuhren”, ist 1941 entstanden und folgt sicher dem größeren Werk, das in dem Briefzitat erwähnt wird. Es wurde übrigens von einer Familie erworben, die 1942 aus der Seestadt Pillau (heute russisch Baltijsk) nach Bremen umziehen musste, um eine Erinnerung an die Samlandküste mitnehmen zu können. Für das Museum und seine Besucher ein Glücksfall. So konnte es vor den Verwüstungen, denen so viele Kunstwerke in Ostpreußen anheim fielen, gerettet werden. Wir freuen uns jedenfalls sehr über die Schenkung und danken den Gebern!

Zweifach vertrieben – Spuren vergessener NS-Opfer und Gedenken im russischen Königsberger Gebiet

Donnerstag, 21. Februar 2013

Am 30. Januar 2013, zum 80. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten, stellte Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, im Ostpreußischen Landesmuseum ein Kapital ostpreußischer Geschichte vor, welches in der Forschung bisher nur unzureichend Beachtung findet. Der Vortrag widmete sich sieben – meist unbekannten – Orten im russischen Königsberger Gebiet (Kaliningrader Oblast), die für verschiedene Opfergruppen des Nationalsozialismus stehen, und Formen des dortigen Gedenkens an sie.

Uwe Neumaerker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Die Zeit des Dritten Reiches wird in der Erinnerungskultur zuweilen ausgeblendet, häufiger beschränkt sie sich auf die – tatsächlich – unvergleichliche Schönheit der Natur, das “Land der dunklen Wälder und kristall´nen Seen”, und auf die tragischen Ereignisse von Flucht und Vertreibung der Deutschen sowie die grausame Rache der Soldaten Stalins 1944/45. Beschwiegen werden dann aber jene, die bereits vor Kriegsende Opfer im Deutschen Osten geworden waren – durch die eigenen Landsleute. Sie wurden ihrer Heimat beraubt und aus der Erinnerung an Ostpreußen ´vertrieben`. Hierzu gehören die ostpreußischen Juden und die als ´Zigeuner` verfolgten Sinti, die Angehörigen der polnischen Minderheit und die Patienten aus Heil- und Pflegeheimen, ebenso wie der ´Todesmarsch` und die anschließende Massenerschießung am Ostseestrand von Palmnicken Anfang 1945 mit bis zu 7.500 ermordeten jüdischen Häftlingen.

Das Holocaustdenkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände des Künstlers und Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Das Denkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände vom Künstler und Holocaust-Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Was wenige wissen: In Ostpreußen lebte bis zum 2. Weltkrieg die größte Sintiminderheit Deutschlands. Reinhard Florian ist ein Sinto, der überlebte – die Konzentrationslager Mauthausen, Auschwitz, Gusen und einen Todesmarsch – und der bereits seit seiner Kindheit soziale Ausgrenzung, Gewalt und Entrechtung ertragen musste. Zweifach vertrieben, dies machte Neumärker bereits mit seinen ersten Sätzen deutlich. „Vier Wochen nach seiner Befreiung am 6. Mai 1945 hat der 22-jährige Sinto Reinhard Florian aus Matheningken bei Insterburg nichts anderes im Sinn als heimzukehren: ´Ich wollte unter allen Umständen schnell zurück nach Hause. Nach Ostpreußen! In meine Heimat. Von da komm’ ich. Da gehöre ich hin! (…) Ich war doch Deutscher, ein Deutscher aus Ostpreußen. Der Krieg hatte daran nichts geändert. Wie sollte ich mich auch anders fühlen? Ich bin groß geworden in Deutschland und kenne kein anderes Land. Ich spreche auch nur Deutsch. Selbst als ich aus dem Lager kam, gab es für mich nur Deutschland`“ Der gesamte Vortrag ist bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas nachzulesen.

Im Gespräch mit dem Puplikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Im Gespräch mit dem Publikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Neumärker veranschaulichte, dass mit diesem Kapitel ostpreußischer Geschichte auch ein Kapitel gesamtdeutscher Geschichte beleuchtet wird. Sein Vortrag gab gewissermaßen auch einen Ausblick auf die sich im Entstehungsprozess befindende neue Dauerausstellung des Museums, die auch dieses Thema selbstverständlich nicht ausschließen wird.

Seit 2005 leitet Uwe Neumärker das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas”, die im Zentrum Berlins gelegene zentrale Holocaustgedenkstätte Deutschlands. Das Denkmal besteht aus dem überirdischen Stelenfeld und einem unterirdischen Ausstellungsraum, dem „Ort der Information“. Seit seiner Einweihung vor knapp 8 Jahren haben mehr als 10 Millionen Menschen das Stelenfeld besichtigt.

Zu dem Vortrag eingeladen hatte das Ostpreußische Landesmuseum gemeinsam mit dem Nordost Institut / IKGN Lüneburg.

Lehrreiche, sensationelle oder liebliche Alltagsbegebenheiten

Freitag, 18. Januar 2013

Das Ostpreußische Landesmuseum konnte dank privater Spenden vor Kurzem zwei großartige Gemälde erweben, die eine wichtige Ergänzung für die kunst- und kulturgeschichtliche Sammlung des Ostpreußischen Landesmuseums darstellen.

Es handelt sich um Genrebilder von Reinhold Dannehl (1833-88) und Carl Hübner (1814-79). Genrebilder gehörten zu den beliebten Gemäldearten des 19. Jh., die häufig Alltagsszenen in einer meist idyllisch-lieblichen Art darstellen.

Wer aus bedrängten und bedrängenden Lebensverhältnissen heraus wollte, fand schon im Mittelalter manchmal den Ausweg des Auswanderns. Lockende Angebote, sein Glück zu machen, gab es vor 700 Jahren im Osten, im 18. und 19. Jahrhundert z.B. in Amerika, der „Neuen Welt“.

Für die Genremalerei des 19. Jh. bot diese Thematik offenbar reizvolle Aspekte, sie zu Kompositionen zu verarbeiten. So wanderten in jener Zeit auch aus Ostpreußen viele Menschen Richtung Westen aus, in die entstehenden Kohlereviere des Ruhrgebiets oder über den Ozean nach Amerika. Dies schildert das Gemälde aus dem Jahr 1865 des aus Königsberg stammenden Malers Carl Hübner: Die Auswanderer.

Carl Hübner, Die Auswanderer, Öl, 1862

Carl Hübner, Die Auswanderer, Öl, 1862

In einem kahlen Raum, der mit Kisten und Kasten angefüllt scheint, sitzt rechts eine Auswandererfamilie, Vater, Mutter und ein Kind, zwei Matrosen gegenüber, die rauchen und offenbar einen Grog zu sich genommen haben. Der als Bauer in seiner altertümlichen Kleidung erkennbare Auswanderer zahlt mühsam Münzen auf den Tisch, die er aus einem schon schmalen Geldbeutel zog. Seine Frau sieht besorgt zu. Hinter ihr an der Wand hängt eine Landkarte mit den Umrissen des amerikanischen Kontinents.

Die beiden Matrosentypen, der eine mit Ringelpullover und Strohhut, der andere in Ölzeughose und dunkler Jacke, sehen nicht sehr vertrauenerweckend aus. Sie sind aber diejenigen, die das weitere Reiseschicksal der Auswanderer zu bestimmen scheinen.

Hübner schuf im seinerzeit beliebten Genre-Fach, Darstellungen von lehrreichen, sensationellen oder lieblichen Alltagsbegebenheiten, offenbar gern dramatische, konfliktreiche Szenen, wie einige Bildtitel seiner in Königsberg zwischen 1833 und 1879 ausgestellten Arbeiten zeigen: Die Auspfändung, Der Wucherer, Die Brandstätte oder: Der Abschied der Waise, Die Eifersüchtige, Der unwillkomm’ne Freier, Die Sünderin vor der Kirchenthüre. Hübner verbrachte zwar seine Hauptschaffenszeit ab 1838 in Düsseldorf, seine Arbeiten waren aber stets in seiner Heimatstadt auf den wichtigen Kunstausstellungen vertreten.

Reinhold Dannehl malte 1865 den spielenden Knaben vor einem Bauernhaus. Gezeigt wird dem Betrachter ein Vorplatz eines Bauernhauses, auf dem ein Knabe mit einem Hund spielt. Da der Knabe links in der Hundehütte steckt und auf allen Vieren zu stehen scheint, ist er dem ihm gegenüber rechts vorn sitzenden Hund zugeordnet, mit dem er „verkehrte Welt“ zu spielen scheint. Im Bildfeld darüber sieht man eine jüngere Frau aus dem Fenster lehnend mit einem Strickzeug beschäftigt. Diese geruhsame Szene wird noch mit einigen dekorativ verteilten Hausratsgegenständen ergänzt. Das tiefstehende Licht und die geruhsame Stimmung der Schilderung deuten auf eine abendliche Szene hin. Es scheint, als erwarteten Frau und Kind den von der Arbeit heimkehrenden Vater.

Reinhold Dannehl, Genreszene, Öl, 1865

Reinhold Dannehl, Genreszene, Öl, 1865

In einer bürgerlichen Stube wäre das Gemälde ein Ausdruck traulichen Familienlebens. Es stellt dabei auch einen nachklang des von manchen Städtern idyllisch- idealisiert gedachten Landlebens. Aspekte wie die Härte des Lebens, Armut, schwere Arbeit usw. sind nicht zu finden.

Der Maler Reinhold Dannehl war Schüler der Königsberger Kunstakademie, lebte ab 1857 in der Hauptstadt Ostpreußens als freischaffender Maler und war einige Jahre lang auch Lehrer an der dortigen Kunst- und Gewerkschule. Er gehörte zum festen Bestandteil der Königsberger Maler und Kunstszene. Aus den Katalogen der Königsberger Kunstvereinsausstellungen, die Dannehl 1861-71 regelmäßig beschickte, wissen wir, dass er tatsächlich hier ausschließlich Genrebilder zeigte, u. a. auch eine „Bauernstube“.

Belege für diese im 19. Jh. auch in Ostpreußen typische Malerei gab es zuvor in der Museumssammlung fast nicht. Daher sind diese Neuzugänge eine wirklich bedeutende Ergänzung des Bestandes und schließen eine merkliche Lücke.

Arno Surminski am Hansa-Kolleg in Hamburg

Donnerstag, 3. Januar 2013

Am 22. November fand das erste große Projekt in einer neuen Kooperation des Kulturreferates am Ostpreußischen Landesmuseum mit dem Hansa-Kolleg Hamburg einen letzten Höhepunkt. Im Mai dieses Jahres waren 19 Schülerinnen und Schüler, die im Zweiten Bildungsweg das Abitur anstreben, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin Agata Kern für sechs Tage nach Kaliningrad gereist. Über diese eindrucksvolle Reise haben wir bereits am 15. Juni 2012 im Blog berichtet.

Eingerahmt wurde dieses Reiseprojekt, das unter dem Motto „Von Kaliningrad nach Königsberg – Auf den Spuren von Marion Dönhoff“ stand, von zwei Veranstaltungen mit prominenten Ehrengästen. Nachdem am 29. Februar bereits Tatjana Gräfin Dönhoff bei der Vorstellung des Projekts vor Schülern des Hansa-Kollegs und der Lüneburger Wilhelm-Rabe-Schule gesprochen hatte, war nun bei der feierlichen Abschlussveranstaltung in der Aula des Hamburger Hansa-Kollegs Arno Surminski zu Gast.

Vorstellung der Studienreise

Vorstellung der Studienreise

Eines der eindrücklichsten Erlebnisse auf unseren Fahrten durch das Kaliningrader Gebiet war ganz sicher der Besuch der Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Palmnicken. Vielen der Schüler waren die grausamen Geschehnisse des Januars 1945 aus der Lektüre von Arno Surminskis Roman „Winter Fünfunvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“ bereits vor der Reise bekannt. Es war ein strahlender Frühlingstag, als wir auf unserer Reise das Mahnmal besuchten, das am weißen Ostseestrand an die Ermordung von 3000 jüdischen Frauen aus dem KZ Stutthoff durch Angehörige der SS erinnert – weitere 4000 Frauen hatten zuvor bereits den Todesmarsch nicht überlebt. Der friedliche Frühling an der Ostsee im Jahre 2012 – und der grausame Winter an genau der gleichen Stelle im Jahre 1945: Das war vermutlich der heftigste Kontrast auf dieser an Kontrasten überreichen Reise.

Lesung von Arno Surminski

Lesung von Arno Surminski

So war es für das Hansa-Kolleg ein ganz besonderes Glück, dass Arno Surminski sich bereit erklärte, in die Schule zu kommen und vor den Reiseteilnehmern und den Kollegiaten des Eingangsjahres aus seinem Buch zu lesen. Was an der Gedenkstätte, zumal bei Sonnenschein über der Ostsee, kaum fassbar erscheint, wird bei der Lesung plötzlich anschaulich. Die ermordeten Frauen bekommen Namen und Schicksale, und für einen Moment glauben wir, ihnen nahe zu kommen. Auf seine Weise ist Arno Surminskis Roman ein zweites Mahnmal für die ermordeten Frauen – eines nicht aus Stein, sondern aus Worten – und gerade dadurch viel fassbarer als das sichtbare Mahnmal am Strand im Norden Ostpreußens.

Die Schüler nutzten die Gelegenheit, den Autor nach seinen eigenen Erinnerungen an Ostpreußen zu fragen und zu erfahren, wie ein literarisches Werk wie dieser Roman entsteht. Am Ende der Veranstaltung stand die Preisverleihung an die Gewinner des Fotowettbewerbs, dem sich die reisenden Kollegiaten gestellt haben. Auch hier war das Motto: „Von Kaliningrad nach Königsberg“. Die Gewinner des ersten Preises haben das Thema auf ganz unterschiedliche Weise gelöst:

Während sich in der Fotographie von Thorben Beller im Fenster eines heruntergekommenen Kaliningrader Plattenbaus die Ruine eine Backsteinhauses aus deutscher Zeit spiegelt, lässt Richard Schuster vor dem im Dunkeln angestrahlten, aus Ruinen wiedererstandenen Königsberger Dom mit dem Lichtschein einer Taschenlampe den Schriftzug „Kaliningrad“ leuchten. Vergangenheit und Gegenwart; aber eben auch: Verfall und Zuversicht, vielleicht sogar ein wenig neuer Glanz – sie spiegeln sich auch in den Wettbewerbsbeiträgen der Kollegiaten. Es war eine Ehre für die Schule, dass die fünf Preisträger ihre Preise aus den Händen von Arno Surminski entgegennehmen konnten.

Wir schauen zurück und gleichzeitig nach vorn: Das erste große Projekt in der Kooperation zwischen Kolleg und Kulturreferat ist zuende. Aber weitere, kleine wie große, Projekte werden folgen. Und die Schüler des Eingangsjahres, die an diesem Vormittag zu Gast waren, konnten einen ersten Eindruck bekommen von dem, was sie in eineinhalb Jahren erwartet: Denn dann werden wir uns erneut auf den Weg machen, um Spuren des Vergangenen, vor allem aber die lebendige Gegenwart bei unseren östlichen Nachbarn zu erleben.

Holger Wendebourg (Lehrer am Hansa-Kolleg)

Kinder helfen Kindern: Das Ostpreußische Landesmuseum unterstützt das Straßenkinder-Projekt “Jablonka”

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Sie sind Kinder, oft Waisen. Sie wurden vernachlässigt und auch geschlagen. Sie haben nichts zu essen. Sie haben kaum Kleidung. Sie sind krank. Sie leben auf den Straßen Kaliningrads und das auch im eisig kalten Winter. Die Stadt Kaliningrad hat kein Geld, um die Kinder zu unterstützen. Aber Sie brauchen dringend Hilfe!

Diese Hilfe bekommen die Kinder in „Jablonka“ (dt. Apfelbäumchen), dem Rehabilitions-Zentrum in Kalingrad (ehemals Königsberg) der Ev.-Luth. Propstei der Nordkirche weltweit. Zu den Mitarbeitenden gehören ein Psychologe, ein Pädagoge und ein Arzt, die sich liebevoll um die Kinder und Jugendlichen kümmern.

Bis zu zweihundert Kinder und Jugendliche kommen tagsüber in das Zentrum. Sie erhalten Medizin, Essen und vor allem menschliche Wärme und Zuwendung. Bis zu vierzehn Kinder können in den zwölf Containern übernachten und sie gehen wieder regelmäßig zur Schule. Der Platz für ein Kind in „Jablonka“ kostet etwa 12 Euro pro Tag.

Das Ostpreußische Landesmuseum unterstützte das Projekt im Rahmen der Sonderausstellung „Versöhnender Schmerz – Deutsch-Russische Erinnerungen an den Exodus der Ostpreußen in Werken von Erhard Kalina und Elena Steinke“.

Elena Steinke ist in Königsberg/Kaliningrad geboren und freischaffende Künstlerin.

Elena Steinke ist in Königsberg/Kaliningrad geboren und freischaffende Künstlerin.

Pastorin Christa Hunziger stellte das Projekt „Jablonka“ mit einem Bilderbeitrag zum Internationalen Museumstag am 20. Mai 2012 im OL vor. Sie ist Europareferentin am Zentrum für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit und koordiniert die europäischen Partnerschaften der Ev.-Luth. Kirche. Diese hat in Norddeutschland unter anderem Partnerschaften nach Kaliningrad, Polen, den drei baltischen Ländern, Rumänien, Kasachstan und St. Petersburg.

Pastorin Christa Hunziger bei der Projektvorstellung.

Pastorin Christa Hunziger bei der Projektvorstellung.

Kinder helfen Kindern: Sowohl beim Internationalen Museumstag, als auch während der Kinderclub-Treffen haben Kinder Postkarten gemalt, um den Kindern in Kaliningrad zu helfen. Die Postkarten wurden verkauft und der beträchtliche Erlös wurde an die Nordkirche weitergeleitet. Die Gelder kommen den Straßenkindern zu Gute.

Postkartenmalaktion

Postkartenmalaktion

Mit einem Schreiben vom 27. November 2012 bedankt sich Pastorin Christa Hunziger beim Ostpreußischen Landesmuseum für die eingegangene Spende mit den Worten (Teilzitat):

„Liebe Mitarbeitende des Ostpreußischen Landesmuseums, liebe Frau Straatman,
auch von mir ein herzliches Dankeschön für die Spende. Ich freue mich, dass im Laufe der Ausstellung so viel zusammen gekommen ist für die Kinder in Kaliningrad… Alles Gute und herzliche Grüße, Ihre Christa Hunziger“.

Wir sind froh, dass wir helfen konnten! Wenn auch Sie spenden wollen, wenden Sie sich an:

Zentrum für Mission und Ökumene – nordkirche weltweit
Agathe-Lasch-Weg 16
22605 Hamburg

Tel: 040/88181-0
Fax: 040/88181-210

Email: info@nordkirche-weltweit.de

http://www.nordkirche-weltweit.de/

Direkter Kontakt:
Pastorin Christa Hunzinger – Europareferat
Tel.: 040 88181-413
Email: c.hunzinger@nordkirche-weltweit.de

Herzlicher Empfang in Kaliningrad für die Teilnehmer der ersten Lesereise des Ostpreußischen Landesmuseums und Russland Reisen Romanova

Freitag, 19. Oktober 2012

Mit Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann und Hans Graf zu Dohna

Ob im Deutsch-Russischen Haus, im Dohnaturm oder in Jantarny / Palmnicken, überall waren die deutschen Gäste willkommen und wurden die Lesungen von der russischen Bevölkerung und der Presse mit großem Interesse begleitet.

Die Reisegruppe am Kant Denkmal

Die Reisegruppe am Kant Denkmal

Freitags wird auch in Russland geheiratet. Jedes Kaliningrader Hochzeitspaar lässt sich am Dom und vor der Grabstätte Kants für die Familienalben ablichten. Denn gestern wie heute wird der Königsberger Philosoph von Russen und Deutschen gleichermaßen verehrt. Die Reisegruppe aus Deutschland fand Gefallen an einem der schönen Brautpaare und fotografierte es begeistert. Geschmeichelt von so viel Interesse, stellte es sich zu der Gruppe für weitere Fotos, denn das war ein ganz besonderes Motiv.

Solche und andere Begegnungen waren charakteristisch für die erste Lesereise nach Kaliningrad/Königsberg vom 27.09.-02.10.2012 organisiert vom Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg und Russland Reisen Romanova. Es war ein Besuch unter freundlichen, herzlichen und offenen Menschen.

Ein russisches Hochzeitpaar mit den Teilnehmern der Reise

Ein russisches Hochzeitpaar mit den Teilnehmern der Reise

Bereits am ersten Tag nach der Anreise empfing Direktor A. P. Portnjagin vom Deutsch-Russischen Haus seine Gäste. Daniel Lissner, Kulturreferent des Deutschen Konsulates, betonte seine Verbundenheit und nannte Arno Surminski („Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken“) den Grand Seigneur des Ostpreußenromans. Stephanie Kuhlmann („Hoffnung heißt Nadjeschda“) als Vertreterin der jüngeren Generation begrüßte ihre Gäste mit einer Ansprache auf Russisch: „Ich habe lange davon geträumt, in der Heimat meines Vaters vor russischem Publikum aus meinem Roman zu lesen, jetzt ist dieser Traum wahr geworden.“ Arno Surminski hatte im Deutsch-Russischen Haus, das für Verständigung steht, schon öfter gelesen. Zu den Besuchern der Lesung gehörten neben der deutschen Reisegruppe Russlanddeutsche, Studenten, Schriftsteller und Pressevertreter.

Einzigartige Natur und große Gesten im Dohnaturm

Die Kurische Nehrung zeigte sich auf der Reise bei schönstem Sonnenschein, sodass von der Epha-Düne aus eine gute Sicht bis nach Litauen möglich war. In der Außenstation der Vogelwarte Rybatschi / Rossitten konnten die Reiseteilnehmer die wissenschaftlichen Arbeiten hautnah miterleben. Der Ornitologe Prof. Leonid Sokolov demonstrierte die Beringung an Goldhähnchen, Tannenmeise und einer Eule. In Rossitten lud das Ufer am Kurischen Haff zu einer Erholungspause ein.

Ornitologe Prof. Leonid Sokolov

Ornitologe Prof. Leonid Sokolov

Ein weiteres Highlight der Reise war der herzliche Empfang im Dohnaturm. Dort bekam die Gruppe zunächst eine Führung durch die Bernsteinsammlung. Hans Graf zu Dohna hielt einen sehr persönlichen Vortrag über seine Familiengeschichte. Die stellvertretende Direktorin des Museums, Natalia Schewtschuk sagte in ihrer Begrüßungsrede: „Jeden Tag erwähnen wir Ihren Namen bei unseren Führungen, weil sich das Museum im Dohnaturm befindet.“ Das Interesse an dem adligen Autor war von Seiten des Museums und der örtlichen Presse sehr groß. Dohna hat ein beeindruckendes Buch über seine ostpreußischen Vorfahren geschrieben. Gedankt wurde ihm mit Gastgeschenken und einer besonders großen Geste: „Wenn Sie damit einverstanden sind, werden wir ein Dohnazimmer errichten, in dem wir Ihre Dokumentationen ausstellen.“

Hans Graf zu Dohna im Dohnaturm

Hans Graf zu Dohna im Dohnaturm

Sichtlich gerührt betonte Graf Dohna, er habe, nachdem er bei seinen ersten Reisen ein großes kulturelles Loch über dem Kaliningrader Gebiet vorgefunden hatte, nun das Gefühl, seine Heimat wiedergefunden zu haben. Avenir Ovsjanov, Heimatforscher und Autor zahlreicher Bücher, war ebenfalls gekommen und erklärte, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, die in einer Liste aufgeführte „Beutekunst“ aus dem Schloss Schlobitten aufzuspüren.

Dunkle Seiten der Geschichte und Begegnungen an der Kantuniversität

Der einzige Tag mit Regen und Sturm stand unter einem bewegenden Thema. In Palmnicken bewegte sich die Gruppe auf den Spuren des so genannten Todesmarsches, der im Januar 1945 mit der Massenerschießung von tausenden von jüdischen Frauen bei der an der Ostsee gelegenen Annagrube endete. Nach dem Besuch des örtlichen Bernsteinkombinats versammelte sich die Gruppe an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmnicken.

Mit Arno Surminski an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmicken

Mit Arno Surminski an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmicken

Im Kulturhaus fand im Anschluss eine Lesung mit Arno Surminski aus seinem Buch „Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken“ statt. Interessierte Zuhörer waren die Vertreterin der Stadtverwaltung, Irina Ivanova, die Journalistin Valentina Lutschnikowa sowie die Deutschlehrerin Natalia Sopovo mit ihren Schülern. Entspannte Stunden genossen die Teilnehmer im mondänen Ostseebad Swetlogorsk / Rauschen.

Nach der Lesung in Palmnicken mit den Schülern der dortigen Schule

Nach der Lesung in Palmnicken mit den Schülern der dortigen Schule

In der Kantuniversität hielt das ungewöhnliche Autorengespann am letzten Tag seine Abschlusslesung. Eingeladen waren neben den Germanistikstudenten auch andere Interessierte. Ein Teilnehmer der Reise, Professor Martin Teising, Rektor der International Psychoanalytic University Berlin (kurz: IPU Berlin), hielt eine Ansprache, in der er die russischen jungen Leute nach Deutschland zu einem Austausch einlud. Die Dozentin Elena Gordeeva freute sich über das Angebot und betonte die Wichtigkeit solcher Veranstaltungen und Programme für die deutsch-russische Verständigung. Bei Stephanie Kuhlmann bedankte sie sich für ihr Werk, da es das Kaliningrader Gebiet in ein positives Licht rücke.

Lesung an der Kantuniversität - Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann, Hans Graf zu Dohna (von links)

Lesung an der Kantuniversität - Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann, Hans Graf zu Dohna (von links)

Natalia Romanova, Inhaberin des Reisebüros Russland Reisen Romanova, und Kulturreferentin Agata Kern vom Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg sind sich einig: „Wir wollen auf jeden Fall im nächsten Jahr um die gleiche Zeit eine weitere Lesereise nach Kaliningrad veranstalten.“ Der eine oder andere aus der Reisegruppe hat bereits sein Interesse dafür bekundet. Der ortskundige deutschsprachige Reiseleiter Evgenij Snegovskij, der die Gruppe an allen Tagen begleitete, forderte dazu auf: „Kommen Sie wieder!“

Von Stephanie Kuhlmann