Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“

16. Mai 2018

Nach dem Nordischen Krieg, der für die ehemals von Schweden beherrschte Stadt Riga 1710 mit der Unterwerfung unter den siegreichen russischen Zaren Peter I. endete, reorganisierte die Bürgerschaft aus den stark dezimierten Reihen der Kaufleute und der unverheirateten Kaufgesellen eine reitende Bürger-Kompanie. Als diese 1720 auf ausdrücklichen Befehl des Zaren zum Empfang eines Gesandten vor die Stadttore beordert werden sollte, sah einer der unverheirateten Kaufgesellen, Hermann Ernst Barber, die Chance zur Begründung einer eigenen Kompanie.  Er entwarf nach schwedischem Vorbild eine Uniform aus blauen silbergestickten Röcken, strohfarbenen Westen mit Beinkleidern und schwarzen Hüten.  Die aus 60 Junggesellen aufgestellte neue Zweigkompanie machten im Unterschied zu der uneinheitlich gekleideten bürgerlichen Stammkompanie durch ihr prachtvolles Äußeres einen glänzenden Eindruck, so dass Rat und General-Gouverneur die Existenz der Rigaer einer nach ihrer Uniformfarbe benannten „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“ erlaubten.

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“, © Jan-Rasmus-Lippels

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“, © Jan-Rasmus-Lippels

Die „Blauen“ Junggesellen waren einem Offizier der Stammkompanie, die sich selbst 1728 Grün uniformierte und aus verheirateten Kaufleuten bestand, unterstellt. Ihre freiwilligen Mitglieder mussten Ausstattung und Pferd selbst stellen. Die Uniform wurde im Laufe der Jahre mehrmals ergänzt und umgestaltet, aber die hier zu sehende strohgelbe Weste aus Seidensamt, Leinen mit Stickereien versehen, erinnert an ihre ehemals glanzvollen Zeiten und ist als Original möglicherweise bereits im 18. Jahrhundert gefertigt.
Beide, die reitende Blaue und Grüne Bürger-Kompanie, übernahmen bis zu ihrem Zusammenschluss 1832/33 vor allem repräsentative Aufgaben. Sie geleiteten Zarinnen und Zaren, Botschafter und andere hochgestellte Persönlichkeiten nach Riga hinein – je höher der Rang des Gastes, umso weiter ritten sie vor die Stadttore hinaus. Sie stellten zudem Ehrenwachen und veranstalteten Festlichkeiten, beispielsweise zu den Krönungstagen der russischen Herrscher. Militärische Aufgaben übernahmen sie als reitende Stadtgarde erst Anfang des 19. Jahrhunderts, als Riga Teil kriegerischer Auseinandersetzungen wurde. Seit 1888 wurde niemand mehr in die Stadtgarde aufgenommen. Noch heute erinnert in der Rigaer Petrikirche die 1743 gekaufte Erb-Grabstätte an die „Blaue Garde“ und in der Kirche selbst soll ein schützender Geist jener „Blauen“ die Grabstätten bewachen.

Objekt der Woche #18 – Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

9. Mai 2018

Eine ärmliche, sichtlich besorgte Bauernfamilie zahlt zwei wenig vertrauenserweckenden Matrosen Geld für eine Überfahrt; anhand der im Hintergrund erkennbaren Karte soll es offensichtlich nach Amerika gehen, zumal auf der Transportkiste „Neu York“ steht.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderten viele Ostpreußen aus: Gerade im 19. Jahrhundert ging die Reise vor allem nach Amerika in das „verheißene Land“ – ohne König, ohne Militärdienst und mit nahezu freier Religionswahl, die auch Mennoniten, Baptisten oder sonstige kleinere Religionsgemeinschaften Freiräume bot, die im alten Europa und auch im eher toleranten Preußen vielfach verweigert wurden.
Später zog das Ruhrgebiet Auswanderungswillige an, wo das Los der Industriearbeiter zwar hart und mühsam war, aber doch leichter Arbeit zu finden war, die zudem deutlich besser bezahlt war als auf den ostpreußischen Gütern. Gelsenkirchen etwa entwickelt sich zu einem Zentrum polnisch sprechender, evangelischer Masuren.

Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Diese Auswanderungswelle hatte mehrere Ursachen. Neben einem hohen Geburtenüberschuss war ein Auslöser die preußischen Agrarreformen, die 1807 mit dem berühmten, in Memel erlassenen Oktoberedikt begannen. Sie befreiten die Bauern und Gutsbewohner vom mittelalterlichen Feudalwesen mit seinen persönlichen Abhängigkeiten und Dienstpflichten aus der verhassten Leibeigenschaft. Man sprach daher auch von Bauernbefreiung, aber die Wirkungen waren zwiespältig. Endlich war freie Orts- und Berufswahl erlaubt, und auch das Heiraten nunmehr ohne Erlaubnis möglich, was vermehrt Ehen in den ländlichen Unterschichten nach sich zog, für deren oft reiche Kinderschar eine Kleinsthofstelle nicht auskömmlich war.
Zudem musste für die Ablösung der alten Pflichten wie Fron-, Gespann- und Gesindedienste der Gutsherr entschädigt werden, was bei den Kleinbauern mangels Barvermögen meist mit Land erfolgte. Viele Hofstellen schrumpften dabei so stark, dass sie verkauft werden mussten – aus Bauern wurden Tagelöhner. Auch entfielen nun die Schutzpflichten des Gutsherrn für seine Bauern, etwa bei Missernten, Seuchen, Blitzschlag oder Krankheit.
Mit den Reformen wurde der Bauer ein selbständiger Unternehmer auf eigenes Risiko, was vom liberalen ost- und westpreußischen Oberpräsidenten Theodor von Schön durchaus gewollt war. Fallende Getreidepreise führten dann aber rasch zum Zwangsverkauf des Hofes. Die Armut der Unterschichten wurde verschärft durch die Mechanisierung, denn sie verdrängte ländliches Nebengewerbe wie die Leinenweberei, die ihren Beitrag zum Gesamteinkommen kleinbäuerlicher Schichten beitrug und reduzierte den ganzjährigen Personalbedarf der Güter, was zur saisonalen Wanderarbeit führte.
Die Arbeitslosigkeit und Armut waren hoch – Auswanderung schien für viele die einzige Perspektive. Der Verlust der ländlichen Bevölkerung blieb über Jahrzehnte hoch, Ostpreußen ein im Vergleich zum übrigen Deutschland äußerst dünn besiedeltes Land.

Der in Königsberg geborene und dort noch ausgebildete Hübner war seinerzeit ein anerkannter Genremaler. 1838 ging Hübner an die Düsseldorfer Akademie und wurde dort Gründer des “Vereins Düsseldorfer Künstler”. Ein vielbeachtetes Gemälde stellte auch die Not der schlesischen Weber dar. Hübner war bekannt für seinen realistischen, wenig idealisierenden Stil.

Objekt der Woche #17 – Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

2. Mai 2018

Der 1875 in Schlesien geborene Grafiker Heinrich Wolff hatte seine gründliche künstlerische Ausbildung 1891 an der Breslauer Kunstschule begonnen, an den Kunstakademien in Berlin und München fortgesetzt. 1900 gründete er eine private Schule für Grafik in München.
1902 berief der Direktor der Königsberger Kunstakademie, Ludwig Dettmann, Heinrich Wolff als Lehrer für freie Grafik. Unter ihm erlange die künstlerische Grafik in Königsberg hohes Ansehen. Sein 33 Jahre währende Akademietätigkeit prägte die ostpreußische Kunst der Zeit mit. Wolffs Arbeiten wirken durch ihre malerische Darstellungsweise der Landschaften, Stadtansichten als auch in den vielen Bildnissen.

Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Als Portraitist erlange Wolff so viel Anerkennung, dass ihm die medizinische Fakultät der Universität Königsberg dafür den Doktor h.c., ehrenhalber, verlieh. Nach seiner Pensionierung 1935 kehrte Wolff nach München zurück, wo er 1940 verstarb. Er gehört bis heute zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Lehrerschaft an der einstigen Königsberger Kunstakademie. Das Selbstbildnis wird in der neuen Dauerausstellung in der Grafikabteilung zu sehen sein.

Objekt der Woche #16 – Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

25. April 2018

Die zwei hohlen Silberbohnen sind Zeugnis einer alten Tradition zur Wertschätzung des Philosophen Immanuel Kants (1724-1804).
Der „Weltendenker“ Kant hatte zeit seines Lebens nie seine Heimat Ostpreußen verlassen. Informationen über das Geschehen in der Welt sammelte er in regelmäßigen Gesprächen seiner Tischrunde, deren Kreis bunt gemischt war, darunter Kaufleute, Banker, Militärs, Ärzte, Theologe und Literaten.

Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

William Motherby, Arzt, Landwirt und wie sein Vater Robert Motherby ein Freund von Kant, lud in Gedenken der letzten Geburtstagsfeier Kants am 22.4.1803 zwei Jahre später die damaligen Teilnehmer zu einem Gedächtnisfest ein. Daraus wurde eine jährliche Tradition, die zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde Kants“ führte und bis 1945 in Königsberg, später dann in Göttingen und seit 2011 wieder in Königsberg/Kaliningrad fortgeführt wurde.
Die in einen Kuchen eingebackene Bohne bestimmte auf der Versammlung der Gesellschaft am 22.04 eines jeden Jahres ihren Finder zum „Festordner“ (Präsident) der Gesellschaft (daher auch „Bohnenkönig der Bohnengesellschaft“ genannt), der im Folgejahr eine Festrede zu halten hat.
Die zwei silbernen Bohnen stammen aus dem Nachlass der Königsberger Familie von Hippel. Der Königsberger Bürgermeister und Polizeidirektor Theodor Gottlieb Hippel der Ältere (1741-1796) war ein Verfechter der Aufklärung, eng mit Kant befreundet und regelmäßiger Gast seiner Runde.

Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen ab 1915

20. April 2018

Vortrag von Dr. Nils Aschenbeck am 18. April 2018
Der Architekturdozent und Journalist Dr. Nils Aschenbeck gab am Mittwochabend im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg einen ausführlichen Einblick in die Entstehungs- und Ursprungsgeschichte der Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen aus der Reformarchitektur, welche seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs den architektonischen Zeitgeist prägte.
Die Reformarchitektur, eine Geste des Protests gegen den Historismus, gegen Biedermeier, Schnörkel und alles, was vorgibt, etwas zu sein, das es gar nicht ist, wollte an erster Stelle eines: ein beginnendes Jahrhundert einleiten, das am absoluten Nullpunkt startet und organisch, naturbezogen und ehrlich wächst. Es sollte eine Architektur des Unbewussten sein, die örtliche Besonderheiten und Charakterzüge der ansässigen Menschen zur Grundlage nahm und keine große Planung oder Symmetrie anstrebte. Um 1900 wurden althergebrachte Werte umgewertet. Was bisher als Wahrheit galt, bezweifelte oder lehnte man gar ab. Neue Ideale und Wahrheiten wurden gesucht.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach und Ostpreußen zum Kriegsschauplatz wurde, übertrug sich angesichts zerstörter Städte die bis dato ungebrochene Begeisterung der deutschen Bevölkerung für den „Reformkrieg“ auch auf den Wunsch nach Wiederaufbau, nach einem besseren, neuen Aufbau der zerstörten Gebiete. Private wie öffentliche Gelder flossen nach Ostpreußen, eben nicht nur, um Zerstörtes auszubessern, sondern um Idealstädte zu formen – moderne, sachliche Orte bar aller scheinheiligen Verzierungen, die den Menschen angeblich krank machten. Dieser Modernisierungsschub für Ostpreußen führte gar dazu, dass Flüchtende späterer Jahre angesichts Westdeutschlands die Stirn runzelten und staunten, „wie provinziell hier doch alles sei“.

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Die Architektur des Wiederaufbaus ist ein wichtiges Stück ostpreußischer Kulturgeschichte, das nach der Niederlage 1918 bald verdrängt, nicht mehr beachtet und noch heute in architekturhistorischen Fachkreisen weitestgehend ignoriert wird. Auf die Reformarchitektur folgte schnell eine stark international ausgerichtete Architektur. Formen, Gebäude, die prinzipiell an jeden Fleck der Erde passen und eine Allgemeingültigkeit in sich tragen sollten. Nils Aschenbeck betonte, wie schade er dies finde. Denn es war eine avantgardistische Architektur, Symbol eines zuversichtlichen Schrittes Richtung Zukunft, die in den Jahren zwischen der Jahrhundertwende und dem Kriegsende entstand. Der Glaube daran, mit dem neuen Jahrhundert eine neue Architektur, ja: eine neue Gesellschaft, neue Kinder, neue, bessere Menschen in neuer Kleidung formen zu können, war stark und zuversichtlich. Diese neue Architektur sollte wieder bei den Wurzeln, bei der Natur anfangen, um rein von jeglichem Ballast sein zu können. Viele Loggien und Balkone lockten die Menschen an die Luft, dem Zeitalter der Tuberkuloseerkrankungen wollte man endgültig den Gar ausmachen. Vorhänge wurden in Häusern und Wohnungen der Reformarchitektur vergeblich gesucht – Sitzpolster galten bereits als Zugeständnis.
Obwohl auch im Museum auf ominöse Sitzpolsterungen verzichtet wird, war die Aufmerksamkeit der Zuhörer von Nils Aschenbecks Vortrag bis zum Ende ungebrochen und mündete zum Abschluss in einer angeregten Diskussionsrunde, in der Fragen geklärt und Erinnerungen an bestimmte Orte und ihre architektonischen Besonderheiten in Ostpreußen ausgetauscht werden konnten.

Svenja Szalla, Praktikantin

Objekt der Woche #15 – Geflügelte Termite in Naturbernstein

18. April 2018

Ein kleines Insekt, eingeschlossen in fossilem Baumharz, das vor mindestens 35 Millionen Jahren aus einem Baum austrat. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Kiefernart. Sie wuchs in einem Wald irgendwo in Nord-, Mittel- oder Osteuropa im Eozän genannten, frühen Abschnitt der Erdneuzeit, des Tertiärs.

Geflügelte Termite in Naturbernstein

Geflügelte Termite in Naturbernstein

Zu dieser Zeit war das Klima in Europa sehr viel wärmer als heute. Subtropische Wälder bedeckten riesige Landflächen. Die im Bernstein eingeschlossene kleine Termite ist ein hervorragender Beweis für warmes Klima, denn bis heute kommen diese Pflanzenfresser (Holzzerstörer) nur in tropischen und subtropischen Landschaften vor. Sie sind sehr empfindlich gegenüber Trockenheit und leben gut geschützt in Totholzstämmen und steinharten Erdhügeln. Nur für kurze Zeit entwickeln sich Geschlechtstiere mit Flügeln, die die Bauten verlassen, sich paaren und eine neue Kolonie gründen. Entsprechend selten werden Termiten als Inklusen im Bernstein gefunden, umso schöner, dass es in der neuen Bernsteinabteilung zu sehen sein wird.

Objekt der Woche #14 – Vielseitigkeitssattel aus Insterburg

11. April 2018

Dieser leichte Pferdesattel wurde vorzugsweise im Reitsport eingesetzt. Gefertigt wurde er wahrscheinlich in den 1930er Jahren. Sicher ist, dass er von der Sattlerei Fr. Kuster in Insterburg hergestellt wurde, darauf weist ein Stempeleindruck hin. Insterburg war vor dem Zweiten Weltkrieg eine bedeutende Turnierstadt, alljährlich fanden hier Pferderennen statt, die weit über Ostpreußen hinaus Aufmerksamkeit erregten.

Vielseitigkeitssattel aus Insterburg

Vielseitigkeitssattel aus Insterburg

Der Sattel wurde vermutlich von Reinhold Leitner aus Podszohnen, Landkreis Stallupönen/Ebenrode, auf der Flucht 1945 in den Westen gebracht. Heute heißt der Ort Panfilovo und liegt im Kaliningrader Gebiet. Der Sattel ist für heutige Reitverwendungen auffallend klein und steht in der Abteilung Trakehnen dafür, dass Trakehner Pferde schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle im Reitsport spielten. Er wurde vom Fördererkreis Ostpreußischen Jagdmuseum – Hans-Ludwig Loeffke-Gedächtnisvereinigung e.V. für unser Museum angekauft.

Mit Farben experimentieren – Auf den Spuren von Carl Knauf

10. April 2018

Von Ricarda Larink, Praktikantin im Ostpreußischen Landesmuseum

Die Dauerausstellung ist gerade wegen Umbau geschlossen, doch das Ostpreußische Landesmuseum hatte während der Osterferien noch reichlich zu bieten.
So konnte man in der Sonderausstellung Gemälde des vergessenen Sohns der Künstlerkolonie Nidden bewundern: Carl Knauf.

Auch 15 Kinder fühlten in den Osterferientagen (20. bis 23 März 2018) unter dem Motto „Mit Farben experimentieren“ dem Kunstgenie auf den Zahn: An vier Tagen taten sie es ihm gleich und wurden unter der Leitung der Expertin Murte Liebenberg zu kleinen Künstlern. Natürlich, um den Namen „Osterferienprogramm“ auch Genüge zu tun, alles im Oster-Stil.

Nach einer kleinen Einführung in das fast vergessene Leben von Carl Knauf, die sie erstaunlich motiviert und wissbegierig über sich ergehen ließen, machten die Kinder sich direkt am ersten Tag tatkräftig ans Werk. Auch wenn sie sich kaum kannten und komplett verschiedene Charaktere aufwiesen, konnten sie –  gleich den Künstlern in Nidden – mithilfe von Ei und Farbpigmenten paarweise ihre eigenen Tempera-Farben herstellen.

Diese wurde brüderlich und schwesterlich geteilt und in kleine Kunstwerke verwandelt, von Osterszenerien bis Landschafts-darstellungen, inspiriert von den Bildern Carl Knaufs.

Auch am nächsten Tag konnten diese Temperafarben wieder genutzt werden. Nun wurden die Kinder nämlich in der ältesten aller „Osterkunstkategorien“ auf die Probe gestellt: dem Eierbemalen. Hier trafen sich die Gegensätze: einmal richtig traditionell in der Technik der Eitempera und dem Eierfärben mit Zwiebelwasser und dann super modern, indem an zwei weiteren Stationen mitgebrachte Eier unter der Leitung der Schülerpraktikantin Linda Niedergesäß mit Comics versehen wurden, oder unter meiner Anleitung Eier mit Sand, Glitzer, Schwamm- und „Brushtechnik“ aufgepeppt werden konnten.

Resultierend daraus waren erstens: fulminant-famose Eier en Masse; und zweitens: „There’s Glitter in the air. There’s Glitter everywhere.“

Damit die Eitempera auch vollends ausgeschöpft wurde, kam sie auch am dritten – dem wohl actionreichsten Tag – zum Einsatz. Actionreich, weil das Thema nun richtig experimentell wurde. An drei Stationen konnten die Farbforscher die Eitempera mithilfe von Pipetten auf ihr Blatt sprenkeln und spritzen, in Farbe getunkte Murmeln rollten und rasten über Papier, und das absolute Highlight: Die neue Farbschleuder zog die Kinder mit ihren hypnotisierenden Kreisen in ihren Bann.

Die Schleuder machte der Schlange Ka aus dem Dschungelbuch Konkurrenz

Die Schleuder machte der Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch Konkurrenz.

An Pause oder Ende war bei so viel Spaß kaum zu denken.

Auch unsere Volontärin Ann-Christin Lepper war von der Farbschleuder fasziniert.

Auch unsere Volontärin Ann-Christin Lepper war von der Farbschleuder fasziniert.

Zu guter Letzt machten wir noch einen Ausflug in die Farbenwelt des Carl Knauf. Denn auch wenn Öl, Impressionismus und natürliche Farben ganz ohne Schwarz sein Faible waren, wie die Kinder richtig erinnern konnten, hatte er auch das eine oder andere Aquarellbild in petto. Nach einer kurzen Einführung in die Farbenlehre und den Umgang mit dem Aquarellkasten konnten die Kinder nun ein kleines Kunstwerk selber gestalten. Leider blieb nicht mehr allzu viel Zeit, nachdem die Kinder zuerst die drei Aquarellbilder unserer Ausstellung suchten und fanden, so dass einzelne Bilder sogar noch trockengeföhnt werden mussten. Für eine Abschlussrunde im Stil einer echten Auktion blieb trotzdem Zeit, so dass jedes Kind seine gesammelten Werke wohlbehalten nach Hause brachte und, neben hoffentlich vielen schönen Erinnerungen an actionreiche Tage, auch ein handfestes Andenken hatte.

Das Resultat: getropfte, gekugelte und geschleuderte Bilder

Das Resultat: getropfte, gekugelte und geschleuderte Bilder.

Ich persönlich glaube ja, mit ihrer Begeisterung zur Kunst hätten sie dem einst bekannten Künstler Niddens alle Ehre gemacht.

Ein Spaß für klein und groß

Ein Spaß für Klein und Groß

Objekt der Woche #13 – Portraitbüste „Arno Surminski“ von Manfred Sihle-Wissel

4. April 2018

Bei seinem letzten Besuch im Ostpreußischen Landesmuseum brachte Arno Surminski unser heutiges Objekt der Woche mit: Seine Portraitbüste, die der deutschbaltische Bildhauer Manfred Sihle-Wissel von ihm anfertigte.

Der 1934 in Tallinn/Reval (Estland) geborene Künstler erlitt mit seiner Familie die für die deutschbaltische Bevölkerungsgruppe in den baltischen Staaten Estland und Lettland typische Umsiedlung 1939 ins Wartheland, anschließend die Flucht 1945, die ihn nach Hamburg brachte. 1954-59 studierte er an der dortigen Kunstgewerbeschule Bildhauerei bei Edwin Scharff und Hans Martin Ruwoldt. Er lebt seit 1981 in Brammer bei Rendsburg und arbeitet als freier Künstler. Unter vielen Portraitbüsten schuf er auch die Bildnisse etwa von Helmut Schmidt, Marion Gräfin Dönhoff, Siegfried Lenz und Walter Kempowski.

Arno Surminski überreicht die Büste unserem Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Arno Surminski überreicht die Büste unserem Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Der aus Ostpreußen stammende Schriftsteller Arno Surminski (geb. 1934) behandelt in seinen literarischen Werken vornehmlich Themen, die mit dem Schicksal von Menschen aus dem historischen Ostpreußen und den Geschicken des Landes selbst verbunden sind. Seit vielen Jahren ist er mit Veranstaltungen Gast im Ostpreußischen Landesmuseum, das ihm 2014 auch eine Ausstellung anlässlich seines 80. Geburtstags widmete. In der neuen Dauerausstellung des Museums wird er unter den Literaten vertreten sein durch die Portraitbüste aus Bronze, die der Künstler 2007 von ihm schuf.

Objekt der Woche #12 – Portraitbüste von Herzogin Dorothea von Preußen (1504-1547)

28. März 2018

Bei dieser Portraitbüste handelt es sich um eine Gipskopie, die 1960 vom Original in Kopenhagen aus dem Jahr 1572 abgenommen wurde.
Dorothea war als Gattin des Hohenzoller Albrecht von Brandenburg-Ansbach die erste Herzogin Preußens. 1525 hatte Albrecht als der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen das Ordensgebiet säkularisiert. Aus der Hand seines Onkels, des polnischen Königs Sigismund I., erhielt er das Land zu einem erblichen Lehen, das zugleich das erste protestantische Land weltweit wurde.
Zuvor hatte sich Albrecht intensiv mit Martin Luther beraten. Der Wittenberger hatte schon 1524 eine an die Ordensritter in Preußen gerichtete Polemik drucken lassen: „An die herren Deutschs Ordens das sy falsche keuschhait meyden und zur rechten Eelichen keuschhait greyffen, Ermanu[n]g“.
Albrecht, ganz Renaissancefürst, kam das für seine Dynastieplanung natürlich entgegen. Schon ein Jahr später heiratete er, der als Ordensmann einst Keuschheit und Ehelosigkeit gelobt hatte, die dänische Prinzessin Dorothea, Tochter von Friedrich I., König von Dänemark und Norwegen. Infolgedessen waren die weiteren Beziehungen Preußens zu Dänemark ausgezeichnet, wo später Dorotheas Bruder als Christian II. regierte.

Portraitbüste von Herzogin Dorothea von Preußen (1504-1547)

Portraitbüste von Herzogin Dorothea von Preußen (1504-1547)

Wie ihr Mann war Dorothea eine fromme Lutheranerin und unterstützte ihn bei der Gründung der Königsberger Universität, der nach Marburg zweiten protestantischen Universität und neben Krakau lange die östlichste in Europa.
Die Ehe war glücklich, allerdings überlebte von den sechs gemeinsamen Kindern nur die älteste Tochter Anna Sophie die ersten Monate.
Ihr nach dem frühen Tod geschaffenes Epitaph mit der hier gezeigten Büste war ein 1572 vollendetes Werk des Antwerpener Bildhauers Cornelis Floris (1514-1575), das an der Nordseite im Chor des Königsberger Doms hing. Die Betende wurde möglicherweise nach ihrer Totenmaske modelliert. Die Tafel ging 1945 verloren, nur die Büste ist heute im Puschkin-Museum in Moskau zu besichtigen. Eine Zweitausführung der Büste gibt es im Kopenhagener Schloss Rosenborg, von der diese Kopie stammt.
Nach dem Tod Dorotheas heiratete Albrecht ein zweites Mal und bekam zwei weitere Kinder, darunter seinen Nachfolger Albrecht Friedrich (1553-1618).
Albrecht starb vor 450 Jahren am 20. März 1568 im 78. Lebensjahr auf der Burg Tapiau an der Pest, 16 Stunden nach ihm auch seine zweite Gemahlin Anna Maria von Braunschweig.
Später wird die herzogliche Herrschaft auf die brandenburgischen Hohenzollern übertragen werden. Die Treuepflicht und Abhängigkeit von Polen wird etwa 100 Jahre später Kurfürst Friedrich Wilhelm, der “Große Kurfürst”, lösen und damit die Grundlage für die preußische Königskrönung durch Friedrich III./I. am 18.1.1701 schaffen.