Archiv für die Kategorie „Sammlung“

Das OL freut sich über ein neues Gesicht im Haus

Dienstag, 11. April 2017

„PriMus – Promovieren am Museum“ – So lautet das neue Validierungsprogramm der Leuphana Universität Lüneburg in Zusammenarbeit mit sechs Museen der Region. Mit dabei ist natürlich auch das Ostpreußische Landesmuseum. Julian Windmöller wird im Rahmen des Programms in den nächsten drei Jahren seine Doktorarbeit über den Münnich-Nolcken’schen Nachlass am OL schreiben und gleichzeitig dazu eine Ausstellung konzipieren. Ein ambitioniertes wie spannendes Projekt!

Julian Windmöller hat Geschichte, Philosophie und Englisch in Tübingen und Moskau studiert.

Insgesamt sechs Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler fertigen im Rahmen von PriMus ihre Doktorarbeiten an. Ziel von Primus ist es, Theorie und Praxis, das heißt auch Universität und Museum enger miteinander zu verbinden. So entstehen nicht nur sechs wissenschaftliche Arbeiten über noch schlummernde Sammlungsschätze, sondern auch sechs Ausstellungskonzepte, um die Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit zu vermitteln. Ein weiteres Ziel ist es, die Einstiegssituation in das Berufsfeld „Museum“ zu verbessern. Derzeit werden nach einem mindestens fünfjährigem Studium, zwei Jahre Volontariat und oft vier Jahre Promotion verlangt, um dann auf befristeten und gering bezahlten Stellen einzusteigen. PriMus möchte mit seinem Modell einen Gegenentwurf entwickeln, junge Experten für das Museum zu qualifizieren: Promotion und Volontariat werden befruchtend auf zusammen drei Jahre miteinander verzahnt. Ein solches Vorhaben ist ambitioniert, aber wir sind davon überzeugt, dass nur solche Programme dabei helfen, das Berufsfeld „Museum“ nachhaltig zu verbessern.

PriMus-Doktoranden Sarah Kreiseler, Julian Windmöller, Stephanie Regenbrecht und Fumi Takayanagi bei der Programmeröffnung im Spiegelkabinett des MKG in Hamburg am 6. April 2017

Für Julian Windmöller heißt das zunächst: Inventarisieren, denn der über 300 Objekte umfassende Nachlass der deutschbaltischen Adelsfamilie von Nolcken wird von ihm erstmals dokumentarisch und fotografisch erfasst. „Die Inventarisierung stellt die Grundlage für meine Arbeit dar – sowohl für die Promotion als auch für die Ausstellung“. Die vielfältige Sammlung reicht von Porzellan über Silber und Porträts hin zu Möbeln und Stichen. Zusätzlich befindet sich der schriftliche und fotografische Teil des Nachlasses im Herder-Institut, unserer Partnerinstitution in Marburg. Es stehen also auch Forschungsreisen nach Hessen an. Aber nicht nur dorthin. „Ich hoffe für die Ausstellung auch mit weiteren Partnern im In- und Ausland kooperieren zu können. Das Schloss Allatzkiwi in Estland, das früher der Familie von Nolcken gehörte und aus dem ein Teil der Sammlung stammt, beherbergt heute ein Museum. Eine Kooperation bietet sich hier geradezu an.“

Die Finanzierung der Ausstellung ist dabei nochmal ein Projekt für sich. Im Rahmen von PriMus werden zunächst nur die Konzepte erarbeitet, die Realisierung erfolgt erst danach. Bereits jetzt freuen wir uns daher, wenn sich Leute vorstellen können, die Ausstellung von Julian Windmöller finanziell zu unterstützen. Neben der Ausstellung selbst werden Restaurierungsmaßnahmen, Transport- und Leihkosten und weitere Kosten anfallen. Wir freuen uns bereits jetzt auf die Ausstellung und sind gespannt, welche Ergebnisse die Arbeit von Julian Windmöller zu Tage fördern werden. Herzlich Willkommen!

Weitere Informationen: www.leuphana.de/ipk/primus

Kant-Stadt Lüneburg

Mittwoch, 11. Mai 2016

“Kant-Stadt Lüneburg” – so könnte sich die hübsche mittelalterliche Hansestadt künftig auch nennen. Denn besiegelt ist: Die weltweit umfänglichste Sammlung zu Immanuel Kant (1724-1804) und bedeutende Werke von Käthe Kollwitz (1867-1945) kommen nach Lüneburg. Am 7.4. wurde der Übernahmevertrag in einem feierlichen Festakt zwischen beiden Trägern – der Ostpreußischen Kulturstiftung und der Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft – unterzeichnet.

Das Ostpreußische Landesmuseum übernimmt damit den wesentlichen Teil der Exponate des Anfang 2016 geschlossenen Museums „Stadt Königsberg“ aus Duisburg. Aus wissenschaftlicher Perspektive eine ideale Gelegenheit, Ostpreußen als Erinnerungsort für ganz Deutschland darzustellen und seine Bedeutung überzeugend gegenüber der Öffentlichkeit zu vermitteln.
Mit den in fast 50 Jahren gewachsenen Königsberger Sammlungen erhält das Ostpreußische Landesmuseum nach Einschätzung von Fachexperten und der Bundesregierung hochwertiges Kulturgut. Damit wird Lüneburg in den nächsten Jahren zur wichtigsten Stadt in Deutschland für die Präsentation des Königsberger Philosophen Immanuel Kant, dessen 300. Geburtstag im Jahre 2024 bevorsteht. Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert ist begeistert, denn die Exponate aus Duisburg schließen wichtige Lücken in den Beständen seines Hauses. Auch Oberbürgermeister Ulrich Mädge zeigte sich höchst erfreut über den historisch bedeutsamen Zuwachs in seiner Hansestadt.

Unser Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum

Freitag, 31. Januar 2014

Im Rahmen eines zweiwöchigen schulischen Praktikums im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg erhielten wir die Möglichkeit, Einblick in die verschiedenen Abteilungen und Bereiche des Museums zu gewinnen. Unsere Tätigkeiten umfassten hauptsächlich die Bereiche der Museumspädagogik, der Geschichtswissenschaft, des Kulturreferats und der Bibliotheksarbeit.

Die Arbeit in der Museumspädagogik begann mit dem Erstellen einer Rallye. Außerdem begleiteten wir Museumsbesuchergruppen von Erwachsenen und Kindern, mit denen wir eine Führung durch das Museum machten sowie Bernstein schleifen konnten.

Kinderführung "Ritter und Burgen"

Kinderführung "Ritter und Burgen"

Kindergruppe beim Museumsrundgang

Auch “hinter den Kulissen” des Museums gab es viel für uns zu tun. Wir lernten die Bibliothek kennen und erforschten alte Gegenstände und Dokumente, die möglicherweise für das Museum interessant sein könnten.

Silberne Kaffeekanne

Silberne Kaffeekanne

Kaffeekanne um 1800

Die zwei Wochen gingen schnell vorbei, weil wir uns immer sehr wohl fühlten, viel zu tun hatten und uns deshalb nie langweilig wurde. Jedem, der sich für Geschichte oder Ostpreußen begeistern lässt, empfehlen wir ein Praktikum hier zu machen oder einfach so mal vorbei zu kommen.

Marie (15) und Céline (15)

Unverdrossen gegen das Schicksal

Samstag, 16. November 2013

Neuzugang von Klaus Seelenmeyer erreicht OL

Klaus Seelenmeyer, geboren in Elbing 1918, war ein Mensch, der sich nicht aufdrängte, durch seine intensive Ausdrucksweise seiner Plastiken, Gemälde und Grafiken sich aber stets Aufmerksamkeit verschaffte.

Seine künstlerische Ausbildung mit dem Schwerpunkt Bildhauerei erhielt er, nach schwerer Kriegsverwundung, ab 1941 an der Königsberger Kunstakademie bei Hans Wissel. Malerei und Grafik spielen in seinem Leben später eine zunehmende Rolle.

Klaus Seelenmeyer, 1953

Klaus Seelenmeyer, 1953

Die Flucht führte Seelenmeyer 1945 zunächst nach Grainau/Oberbayern, ab 1949 war er mit seiner Familie in Lüneburg ansässig. Hier bezog er 1953 Arbeitsräume in der neu errichteten ostdeutschen Akademie und wirkte dort als Dozent bis 1956. Anschließend war er lange Kunstpädagoge am Gymnasium Johanneum. Später wohnte Seelenmeyer im Landkreis Lüneburg. Er starb 2010.

Seelenmeyers Werk umfasst viele Bereiche, von der Plastik in Stein, Metall, Ton und Holz über Malerei bis zur Grafik und angewandten Kunst. Er entwarf Denkmäler und architekturgebundene Kunstgestaltungen und führte sie auch aus. Die Inhalte seiner Werke sprechen von seiner tiefen Religiosität und einer Weltsicht, die den Menschen im Mittelpunkt hatte.

In seinen Gemälden und Grafiken brachte Seelenmeyer immer wieder die düsteren Zeitumstände und Erlebnisse des Krieges und der Nachkriegszeit zum Ausdruck. Auch dieses aus der Familie stammende Gemälde ist ein charakteristisches Beispiel dafür: Don Quichote und sein Begleiter Sancho Pansa reiten durch einen Hohlweg in einem düsteren Wald auf die Richtung zu, in der durch alles Dunkle doch die Sonne hindurch scheint.

Klaus Seelenmeyer: Don Quichote, 1957

Klaus Seelenmeyer: Don Quichote, 1957

Das Bild mag symbolisch für den Maler selbst stehen: gegen alles Unglück hat er sich doch immer wieder aufgerafft und mit den vorhandenen Möglichkeiten weiter gearbeitet. So musste er nach seiner schweren Verwundung des rechten Armes fast alles auf die linke Hand umlernen – für einen bildenden Künstler vermutlich besonders schwer. Nach der Flucht aus Ostpreußen 1945 musste er unter ärmlichsten Verhältnissen einen Neuanfang beginnen, wenige Jahre danach noch einmal in Lüneburg. Im Entstehungsjahr des Gemäldes hatte Seelenmeyer eben mit der Anstellung als Lehrer eine Position gefunden, die etwas dauerhafter zu sein schien und für die wachsende Familie ein wenig Sicherheit bot.

Das Gemälde steht für ein Schicksal eines heimatvertriebenen Ostpreußen, der in Lüneburg sich eine sehr beachtete Existenz aufbaute und durch sein Engagement in der Jugendarbeit sowie eine Tätigkeit als Ratsherr Bedeutung für die Geschichte der Stadt erlangte.

“Don Quichote” ist eine neue Dauerleihgabe für das Museum – für Besucher ist es vorraussichtlich nach dem Umbau 2015 zugänglich.

Karl Eulenstein wieder in Klaipeda zu sehen

Mittwoch, 13. November 2013

Ausstellungsdauer: 25. Oktober bis 8. Dezember 2013

Ein frischer Wind von der Ostsee hielt die Wolken über der größten Hafenstadt Litauens, dem alten, 1252 gegründeten Memel (heute Klaipeda), in Schach und ermöglichte es der Sonne, ein herbstlich schönes Licht zu geben. Eine Stimmung, wie sie in manchen Gemälden des eben dort 1892 geborenen Malers Karl Eulenstein meisterlich wiedergegeben ist.

Das Titelmotiv der Eulenstein-Ausstellung in Klaipeda

Das Titelmotiv der Eulenstein-Ausstellung in Klaipeda. Sie ist vom 25. Oktober bis 8. Dezember in der Kunstgalerie zu sehen.

Am Freitag, den 25. Oktober 2013, wurde in der Kunstgalerie in Klaipeda eine Ausstellung des Malers Karl Eulenstein (1892-1981) eröffnet, die in Zusammenarbeit mit dem Ostpreußischen Landesmuseum entstand. Bereits seit 1992 besteht die Kooperation mit den Museen im Memelgebiet, das die Litauer „Kleinlitauen“ nennen. In Klaipeda sind es das Historische Museum und die Kunstgalerie, in Silute, dem alten Heydekrug, ist es das Regionalmuseum.

Kurator Dr. Barfod führte zur Ausstellungseröffnung in das Thema ein

Kurator Dr. Barfod führte zur Ausstellungseröffnung in das Thema ein

Da aus Memel nicht eben viele bildende Künstler stammen, ist es besonders reizvoll, wenn einer von denen vor Ort gezeigt werden kann. Karl Eulenstein ist zudem wohl der bekannteste und bedeutendste Künstler, der dort vor 1945 geboren wurde.

Unter großer Besucherbeteiligung fand die Eröffnung statt. Die Werke Eulensteins stießen auf eine große Resonanz, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie alle Motive aus der Region oder der Stadt zeigen. Eulenstein, der seit 1925 in Berlin lebte, war schon 1925, 1931 und 1932 in seiner Geburtsstadt mit Ausstellungen vertreten. Zu seinem 100. Geburtstag 1992 wurde eine vom Ostpreußischen Landesmuseum erarbeitete umfangreiche Werkschau in Klaipeda gezeigt.

Einblick in die Ausstellung

Einblick in die Ausstellung

In den Abendnachrichten des litauischen Fernsehens wurde am 28. Oktober ein Kulturbeitrag zur Ausstellung ausgestrahlt. Wer Interesse hat und des Litauischen mächtig ist: Ab Minute 24:58 gibt es hier Einblicke in die Ausstellung.

Für die Zukunft wurden laut Kurator Dr. Jörn Barfod weitere Ausstellungsvorhaben mit den Museen in Klaipeda und Silute „recht konkret“ besprochen. Wir sind wie immer gespannt.

Eine Madonna aus der Wand gemeißelt

Donnerstag, 19. September 2013

Mitten im Zweiten Weltkrieg gelangte mit einem Umzug von der ostpreußischen Hafenstadt Pillau (bei Königsberg; heute russisch Baltisk bei Kaliningrad) ein Madonnenrelif erst nach Wilhelmshaven, 1955 schließlich nach Bremen. Damals war es schon etwa 50 Jahre alt. Weitere knapp 60 Jahre verblieb es im Treppenaufgang jenes Bremer Hauses, bis es die Tochter des seinerzeitigen Eigentümers, Oberbaurat Hermann Rebien (1906-66), jetzt dem Ostpreußischen Landesmuseum schenkte. Ein Museumsmitarbeiter stemmte das 76×56cm große, glasierte Tonrelief vorsichtig aus der Wand. Nun wird es im Museum von der Restauratorin zunächst behutsam gesäubert werden, bevor es in der Ausstellung den Besuchern zugänglich gemacht werden kann.

Ausbau des Madonnenreliefs in Bremen

Ausbau des Madonnenreliefs in Bremen

Das Relief entstand um 1903/04 in der Kaiserlichen Majolika-Werkstatt in Cadinen (bei Elbing am Frischen Haff, heute Polen). Dort hatte kein Geringerer als Kaiser Wilhelm II. eine Werkstatt für Kunstkeramik einrichten lassen, die, dem Zeitgeschmack entsprechend, viele Reliefs und Geschirre im historistischen Stil herstellte. So schuf ein noch unbekannter Künstler das Modell zu dieser Madonna an Vorbilder aus der italienischen Frührenaissance (15. Jahrhundert) angelehnt.

Eine Madonna aus der Wand gemeißelt

Eine Madonna aus der Wand gemeißelt

Auf welchem Weg dieses Stück einst nach Pillau gelangte, ist nicht bekannt. Wohl aber war schon dem Vorbesitzer Hermann Rebien bewusst, dass es sich bei diesem Relief um eine frühe Probearbeit der Cadiner Manufaktur handelt. Dies ist erkennbar an den Trocknungsrissen der Oberfläche, über die hinweg die Glasur aufgetragen wurde. Da solche Stücke nicht in den allgemeinen Verkauf gelangten, muss es sich bei der Herkunft dieser Madonna um einen besonderen Weg gehandelt haben.

Madonnenrelief, Cadinen, um 1904

Madonnenrelief, Cadinen, um 1904

Trotz der teilweise fehlenden Reliefrückwand, die schon beim Umzug aus Ostpreußen nach Nordwestdeutschland beschädigt gewesen sein muss, ist das Relief außerordentlich bedeutend. Es ist ein seltenes Stück und wegen des Probestückcharakters und der individuellen Glasur ein Unikat.

Ostpreußische Motive sehr „gefragt“

Donnerstag, 29. August 2013

Eine besondere Schenkung für das Museum:

Im September 1940 schrieb der Maler Karl Storch (1864-1954) in einem Brief über einen Malausflug: „In der vorigen Woche war ich wieder an der Küste weil das Wetter schön geworden war, (…) ich habe vormittags und nachmittags gemalt (…). Fünf Bilder brachte ich mit nach Hause, 3 in meiner üblichen Größe und zwei kleinere. Auf zwei von den größeren hab´ ich dasselbe Motiv von der Steilküste aber zu verschiedenen Tageszeiten wiedergegeben, ich will davon ein großes Bild machen. Ostpreußische Motive sind sehr „gefragt“, ich soll für die Kunsthandlung auch durchaus ein Herbstbild aus Masuren malen, das ist das südöstliche Ostpreußen nach Polen zu, ich hab´ aber nicht recht Lust dazu bei diesen Ernährungsverhältnissen auf Reisen zu gehen.“

Karl Storch, Samlandküste bei Neukuhren, 1941

Karl Storch, Samlandküste bei Neukuhren, 1941

Der damals bereits 76-jährige Maler war seit 1902 in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg als Lehrer an der dortigen Kunstakademie tätig gewesen und lebte nun bereits gut 10 Jahre im Ruhestand. Er war jedoch sehr eifrig, denn die Beliebtheit seiner vielen Landschafts- und Stadtansichten erfreuten sich in weiten Kreisen großer Anerkennung.

Das Gemälde, “Die Samlandküste bei Neukuhren”, ist 1941 entstanden und folgt sicher dem größeren Werk, das in dem Briefzitat erwähnt wird. Es wurde übrigens von einer Familie erworben, die 1942 aus der Seestadt Pillau (heute russisch Baltijsk) nach Bremen umziehen musste, um eine Erinnerung an die Samlandküste mitnehmen zu können. Für das Museum und seine Besucher ein Glücksfall. So konnte es vor den Verwüstungen, denen so viele Kunstwerke in Ostpreußen anheim fielen, gerettet werden. Wir freuen uns jedenfalls sehr über die Schenkung und danken den Gebern!

Dienstreisen bilden

Dienstag, 21. Mai 2013

Reisebericht von Dr. Eike Eckert

Nach Abschluss der Ausstellung „Glanz und Elend“ machte ich mich mit meinem Kollegen Dr. Hinkelmann am 30.4. auf eine Dienstreise nach Estland, um die Leihgaben in die dortigen Museen und Archive zurückzubringen.

Unser Transporter im Schiffsbauch

Unser Transporter im Schiffsbauch

Mitsamt Museums-Transporter ging es bei  herrlichem Frühlingswetter über die Ostsee: Von Travemünde vorbei an Bornholm und Gotland zunächst nach Helsinki und weiter nach Tallinn.

Die Hafenausfahrt von Tallin

Der Hafen von Tallinn

Angekommen in Estland steuerten wir zunächst die Universitätsstadt Tartu/Dorpat  an– übrigens die Partnerstadt von Lüneburg. Sie liegt ca. 2 Autostunden von der Hauptstadt Tallinn/Reval entfernt. Der Frühling hatte sich in Estland noch nicht recht einstellen wollen, spektakulär waren jedoch  die vielen Störche in ihren Nestern am Streckenrand.

Karl Ernst von Baer, deutsch-baltischer Naturforscher, gilt als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts.

Durch den Feiertag blieb uns Zeit für einen Spaziergang durch die alte Hansestadt, vorbei am Denkmal des großen Naturforschers Karl Ernst von Baer. Im Anschluss besichtigten wir das Universitätsmuseum im alten Dom. Am nächsten Tag wurden wir kurz nach der Öffnung im Estnischen Nationalmuseum vorstellig, wo wir die volkskunstlichen estnischen Exponate bei der Kollegin Riina Reinvelt ablieferten.

Im Estnischen Nationalmuseum: Dr. Eike Eckert und Reinvelt

Im Estnischen Nationalmuseum: Dr. E. Eckert und R. Reinvelt

Nach einem weiteren Stopp im Estnischen Nationalarchiv ging es zurück nach Tallinn, wo wir sogleich unsere Hauptleihgeber im Kunstimuuseum (Kumu) aufsuchten. Das moderne Museum – 2008 zum europäischen Museum des Jahres ernannt – steht inmitten von repräsentativen Regierungsgebäuden im Kadriorg-Park. Nach Erledigung der Formalitäten kamen wir in den Genuss  einer Führung durch das Haus. Die vielfältige Sammlung beeindruckte und ein wenig neidisch nahmen wir die riesigen Depoträume wahr, über die das Haus verfügt.

Schon mal ein Museums-Magazin gesehen? So schaut es im Kumu aus. Es ist das größte und modernste Kunstmuseum im Baltikum.

Schon mal ein Museums-Magazin gesehen? So schaut es im Kumu aus. Es ist das größte und modernste Kunstmuseum im Baltikum.

Weiter ging es mit unserem Transporter durch die engen Gassen der Altstadt, wo wir das Estnische Historische Museum in der Großen Gildehalle als letzten Leihgeber aufsuchten. Dr. Liibek, der Leiter des Museums, nahm die Exponate entgegen und erörterte mit mir zukünftige Kooperationsmöglichkeiten seines Hauses mit der deutschbaltischen Museumsabteilung im Ostpreußischen Landesmuseum.

Im Mittelalter trafen sich die reichen Kaufleute der Hansestadt in der „Großen Gilde“ - heute befindet sich hier das Estnische Historische Museum

Im Mittelalter trafen sich die reichen Kaufleute der Hansestadt in der „Großen Gilde“ - heute befindet sich hier das Estnische Historische Museum

Während ich nach der Rückgabe die anregende und übersichtliche Ausstellung zur estnischen Geschichte und der Geschichte der hansischen Kaufmannschaft näher begutachte, zog es Dr. Hinkelmann in das naturkundliche Museum. Den Abschluss bildete ein Spaziergang durch die Anfang Mai bereits mit vielen Touristen bevölkerte Altstadt. Zurück nach Lüneburg ging es auf demselben Seeweg über die Ostsee.

Dr. C. Hinkelmann mit Reiselektüre während der Fährfahrt

Dr. C. Hinkelmann mit Reiselektüre während der Fährfahrt

Vor dem Fährwechsel in Finnland hatten wir sogar noch die Gelegenheit für einen Spaziergang an der sonnigen Uferpromenade Helsinkis.

Als Neuerwerbung grüßt im Ostpreußischen Landesmuseum:

Mittwoch, 10. April 2013

Frau Amtsrat Dallmer blickt aus diesem Portraitgemälde den Betrachter ruhig an. Sie ist schon über ihre Lebensmitte hinaus, in den 50ern, aber sie hat auch noch gut 20 Jahre vor sich. Als sie geboren wurde, 1726, regierte der Soldatenkönig in Preußen, zu dem ihr Geburtsort in der Provinz Ostpreußen, Loebegallen, gehörte. Als sie mit gut 78 Jahren 1805 in der Bezirkshauptstadt Gumbinnen starb, war Friedrich Wilhelm III. König und seine Frau Luise eine europaweit gefeierte Königin.

Catharina Dorothea Gertrud wuchs in Loebegallen im Kreis Pillkallen, damals in Ostpreußen, heute im russischen Gebiet Kaliningrad, als Tochter des landwirtschaftlichen Gutspächters Caspar Dietrich Filius und seiner Frau Anna Magdalena Seiden, auf. Später heiratete sie einen ebensolchen Gutspächter im Nachbarkreis Gumbinnen, den Johann Friedrich Dallmer (1711-95) in Plicken, 1742. Sie war noch nicht 16 Jahre alt.

Bildnis Catharina Dorothea Dallmer, Öl, unbekannter Künstler, um 1780

Bildnis Catharina Dorothea Dallmer, Öl, unbekannter Künstler, um 1780

Mindestens drei Kinder sind aus den Quellen bekannt: 1751 wird die Tochter Catharina Helene Dorothea geboren, 1753 der Sohn Ludwig Christoph Bernhard und 1756 der Sohn Karl Reinhold Dallmer, alle in Plicken. Im nahen Gumbinnen wurden sie getauft. Nur zwei Jahre danach kam der Krieg nach Ostpreußen, das als Teil des Königreichs Preußen von russischen Truppen erobert und bis 1762 besetzt wurde.  In Europa wütete der Siebenjährige Krieg.

Es kamen wieder friedliche Zeiten und Frau Amtsrat Dallmer konnte das Großwerden ihrer Kinder erleben. Später zogen sie und ihr Mann in eine Wohnung in der Stadt Gumbinnen. Aus dieser Zeit, um 1780, mag das Gemälde stammen, das uns überliefert ist. Wahrscheinlich gab es als Gegenstück auch das Portrait ihres Mannes dazu. Das Gemälde trägt keine Malersignatur, nur hinten die Angabe des Namens und Sterbedatum der Dargestellten. Sie überlebte ihren Mann um 10 Jahre und starb in Gumbinnen am 28. April 1805, musste also Preußens Niederlage gegen Frankreich 1806 und die französische Besetzung nicht mehr miterleben.

Einblick in den Ausstellungsaufbau zu "Auserwählt". Die Ausstellung ist vom 13. April bis 22- September 2013 zu sehen.

Einblick in den Ausstellungsaufbau zu "Auserwählt". Ein Teil der Bilder hängt schon. Doch zeigt die Ausstellung noch viel mehr. "Auserwählt" stellt höchst unterschiedliche Einzelstücke aus der Sammlung des OL, die zwar wichtig sind, aber bislang nicht präsentiert wurden. Zu sehen ist die Ausstellung vom 13. April bis 22. September 2013.

Dieses Stück Geschichte anschaulich machen zu können hat wiederum eine private Spende an das Ostpreußische Landesmuseum ermöglicht! Zu sehen ist es ab Samstag in der neuen Ausstellung “Auserwählt. Sammlungsobjekte mit Geschichte“.

Lehrreiche, sensationelle oder liebliche Alltagsbegebenheiten

Freitag, 18. Januar 2013

Das Ostpreußische Landesmuseum konnte dank privater Spenden vor Kurzem zwei großartige Gemälde erweben, die eine wichtige Ergänzung für die kunst- und kulturgeschichtliche Sammlung des Ostpreußischen Landesmuseums darstellen.

Es handelt sich um Genrebilder von Reinhold Dannehl (1833-88) und Carl Hübner (1814-79). Genrebilder gehörten zu den beliebten Gemäldearten des 19. Jh., die häufig Alltagsszenen in einer meist idyllisch-lieblichen Art darstellen.

Wer aus bedrängten und bedrängenden Lebensverhältnissen heraus wollte, fand schon im Mittelalter manchmal den Ausweg des Auswanderns. Lockende Angebote, sein Glück zu machen, gab es vor 700 Jahren im Osten, im 18. und 19. Jahrhundert z.B. in Amerika, der „Neuen Welt“.

Für die Genremalerei des 19. Jh. bot diese Thematik offenbar reizvolle Aspekte, sie zu Kompositionen zu verarbeiten. So wanderten in jener Zeit auch aus Ostpreußen viele Menschen Richtung Westen aus, in die entstehenden Kohlereviere des Ruhrgebiets oder über den Ozean nach Amerika. Dies schildert das Gemälde aus dem Jahr 1865 des aus Königsberg stammenden Malers Carl Hübner: Die Auswanderer.

Carl Hübner, Die Auswanderer, Öl, 1862

Carl Hübner, Die Auswanderer, Öl, 1862

In einem kahlen Raum, der mit Kisten und Kasten angefüllt scheint, sitzt rechts eine Auswandererfamilie, Vater, Mutter und ein Kind, zwei Matrosen gegenüber, die rauchen und offenbar einen Grog zu sich genommen haben. Der als Bauer in seiner altertümlichen Kleidung erkennbare Auswanderer zahlt mühsam Münzen auf den Tisch, die er aus einem schon schmalen Geldbeutel zog. Seine Frau sieht besorgt zu. Hinter ihr an der Wand hängt eine Landkarte mit den Umrissen des amerikanischen Kontinents.

Die beiden Matrosentypen, der eine mit Ringelpullover und Strohhut, der andere in Ölzeughose und dunkler Jacke, sehen nicht sehr vertrauenerweckend aus. Sie sind aber diejenigen, die das weitere Reiseschicksal der Auswanderer zu bestimmen scheinen.

Hübner schuf im seinerzeit beliebten Genre-Fach, Darstellungen von lehrreichen, sensationellen oder lieblichen Alltagsbegebenheiten, offenbar gern dramatische, konfliktreiche Szenen, wie einige Bildtitel seiner in Königsberg zwischen 1833 und 1879 ausgestellten Arbeiten zeigen: Die Auspfändung, Der Wucherer, Die Brandstätte oder: Der Abschied der Waise, Die Eifersüchtige, Der unwillkomm’ne Freier, Die Sünderin vor der Kirchenthüre. Hübner verbrachte zwar seine Hauptschaffenszeit ab 1838 in Düsseldorf, seine Arbeiten waren aber stets in seiner Heimatstadt auf den wichtigen Kunstausstellungen vertreten.

Reinhold Dannehl malte 1865 den spielenden Knaben vor einem Bauernhaus. Gezeigt wird dem Betrachter ein Vorplatz eines Bauernhauses, auf dem ein Knabe mit einem Hund spielt. Da der Knabe links in der Hundehütte steckt und auf allen Vieren zu stehen scheint, ist er dem ihm gegenüber rechts vorn sitzenden Hund zugeordnet, mit dem er „verkehrte Welt“ zu spielen scheint. Im Bildfeld darüber sieht man eine jüngere Frau aus dem Fenster lehnend mit einem Strickzeug beschäftigt. Diese geruhsame Szene wird noch mit einigen dekorativ verteilten Hausratsgegenständen ergänzt. Das tiefstehende Licht und die geruhsame Stimmung der Schilderung deuten auf eine abendliche Szene hin. Es scheint, als erwarteten Frau und Kind den von der Arbeit heimkehrenden Vater.

Reinhold Dannehl, Genreszene, Öl, 1865

Reinhold Dannehl, Genreszene, Öl, 1865

In einer bürgerlichen Stube wäre das Gemälde ein Ausdruck traulichen Familienlebens. Es stellt dabei auch einen nachklang des von manchen Städtern idyllisch- idealisiert gedachten Landlebens. Aspekte wie die Härte des Lebens, Armut, schwere Arbeit usw. sind nicht zu finden.

Der Maler Reinhold Dannehl war Schüler der Königsberger Kunstakademie, lebte ab 1857 in der Hauptstadt Ostpreußens als freischaffender Maler und war einige Jahre lang auch Lehrer an der dortigen Kunst- und Gewerkschule. Er gehörte zum festen Bestandteil der Königsberger Maler und Kunstszene. Aus den Katalogen der Königsberger Kunstvereinsausstellungen, die Dannehl 1861-71 regelmäßig beschickte, wissen wir, dass er tatsächlich hier ausschließlich Genrebilder zeigte, u. a. auch eine „Bauernstube“.

Belege für diese im 19. Jh. auch in Ostpreußen typische Malerei gab es zuvor in der Museumssammlung fast nicht. Daher sind diese Neuzugänge eine wirklich bedeutende Ergänzung des Bestandes und schließen eine merkliche Lücke.