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Das Ostpreußische Landesmuseum zu Gast in Rastenburg / Kętrzyn: Alexander Kolde

Montag, 10. April 2017

Ein Bericht von Dr. Jörn Barfod

Seitdem im vergangenen Jahr im Museum in Kętrzyn (Polen), dem historischen Rastenburg in Ostpreußen, das Ostpreußische Landesmuseum eine Ausstellung über den Maler Alexander Kolde (1886-1963), eröffnete, besteht eine gute Zusammenarbeit der beiden Museen.

Die Burg in Rastenburg / Kętrzyn (Polen)

Die Burg in Rastenburg / Kętrzyn (Polen)

In der beeindruckenden mittelalterlichen Ordensburg ist das Museum der Stadt Kętrzyn untergebracht. In diesem besonderen Ambiente ausstellen zu können, macht Spaß. Dazu kommt, dass die Kollegen im Hause sehr freundlich und zuvorkommend sind. Das erleichtert die Zusammenarbeit.

Burghof Rastenburg / Kętrzyn (Polen)

Burghof Rastenburg / Kętrzyn (Polen)

Die Alexander Kolde Ausstellung brachte einen expressionistischen Maler an den Ort seiner Jugend zurück. Kolde wuchs in Rastenburg vor dem Ersten Weltkrieg auf. Später wurde er einer der führenden Maler in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg, bis er 1936 von den Nationalsozialisten Malverbot erhielt. 1945 musste er flüchten und kam nach Schleswig-Holstein. Seine farbstarken expressionistischen Werke können bis heute die Betrachter in ihren Bann ziehen. In seinem Werk nach 1945 finden sich viele Erinnerungen an Rastenburg, was in der Ausstellung gebührend hervorgehoben wurde.

Alexander Kolde: St. Georg in Rastenburg, Öl, um 1955

Alexander Kolde: St. Georg in Rastenburg, Öl, um 1955

Nach dem Erfolg dieser Malerei-Ausstellung bat das Museum in Kętrzyn gleich um eine weitere Präsentation aus dem Ostpreußischen Landesmuseum. Unter den Vorschlägen fiel die Wahl auf ein historisches Thema: Napoleon und die Königin Luise. In 30 historischen Grafiken werden die Geschichte der Eroberung Preußens durch Napoleon und seine Armee 1806, der Friedensschluss in Tilsit 1807 und die Begegnung Napoleons mit Königin Luise geschildert. Hinzu kommen einige Szenen aus dem Leben der preußischen Königin.

Ausstellung: Napoleon und Luise

Ausstellung: Napoleon und Königin Luise

Auch diese Geschichte berührte Ostpreußen und Rastenburg/Kętrzyn. Die Besucher entdecken sie als Teil ihrer Regionalgeschichte. Das Museum steuert zur Ausstellung zwei historische Objekte aus der Zeit der Kriege 1813-15 bei. Mit den Totenlisten der in den Schlachten gestorbenen Männer aus Rastenburg kommt man der Lebenswirklichkeit jener Zeit sehr nahe.

Totenschein für den Kanonier Christian Kroll aus Rastenburg, 1813_

Totenschein für den Kanonier Christian Kroll aus Rastenburg, 1813

Ostpreußen für Anfänger: Eine Schulreise nach Polen im September 2015

Sonntag, 15. November 2015

Ein Reisebericht von Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Ostpreußen. Was ist das? Und gibt es das überhaupt noch? 15 Schülerinnen und Schüler des Hamburger Hansa-Kollegs, alle im Alter von 20 bis 30 Jahren, haben sich eine Woche lang, vom 21. bis zum 27. September 2015, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Kern, auf den Weg durch Polens Nordosten gemacht, um dieser Frage nachzugehen. Mehrere von ihnen kannten die Geschichten ihrer Großeltern, die ihnen von ihrer alten Heimat erzählt hatten. Aber keiner von ihnen hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde.

Unsere_Gruppe_in_Sensburg_Mragowo

Unsere Gruppe in Sensburg / Mragowo

Wir haben viel gesehen in dieser Woche: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Danzig brachte uns unser Bus nach Sensburg / Mragowo, wo wir zwei Tage Quartier bezogen haben. Der folgende Tag führte uns auf einer Rundfahrt durch das Herz des alten Ostpreußen: Masuren – mit seinen Seen und der barocken Klosteranlage von Heiligelinde, nach Rastenburg und die nahe gelegen Wolfsschanze; sowie am Ende des Tages zum Lehndorff-Schloss in Steinort. In den folgenden Tagen ging es weiter nach Allenstein / Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren; nach Frombork / Frauenburg am Frischen Haff; und schließlich über Marienburg / Malbork wieder nach Danzig / Gdansk, wo wir die letzten beiden Tage verbracht haben.

Doch war das wirklich Ostpreußen, was wir dort gesehen haben? Wir haben unterwegs viel über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte in diesem Landstrich gelernt, über die pruzzischen Ureinwohner, die Kolonisierung der Landschaft durch den Deutschen Orden, über die Entstehung des Königreichs Preußen und sein ambivalentes Verhältnis zu Polen; über die Teilungen Polens und seine Wiedergeburt nach dem 1. Weltkrieg; über Krieg, Judenvernichtung und Vertreibung der deutsche Bevölkerung im und nach dem 2. Weltkrieg; und schließlich, in Danzig, über das moderne Polen und die mutige Revolte der Solidarnosc-Bewegung, die Polen schließlich in die Demokratie geführt hat, die es heute ist.

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Stadtführung in Allenstein / Olsztyn

Bruchstückhaft hatte wohl jeder von uns von dem einen oder anderen Aspekt dieser wechselvollen Geschichte schon einmal gehört. Aber erst im Laufe dieser Reise setzten sich die einzelnen Bruchstücke langsam zu einem Mosaik zusammen. Was wir unterwegs auf den ersten Blick sahen, war ein modernes Land, das offenbar längst wieder in Europa angekommen ist. Polen eben. Erst der Blick hinter die Kulissen, die zahlreichen Vorträge durch die polnischen Reiseführer, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat näher brachten, zeigte uns: So einfach ist das alles nicht. Viele der heutigen Bewohner Masurens und des Ermlandes haben ihre Wurzeln in der heutigen Ukraine oder in Litauen; viele der ehemaligen Bewohner haben heute Enkel, die in Deutschland leben und von der Heimat ihrer Großeltern kaum noch etwas wissen.

In Allenstein waren wir zu Gast bei der Stiftung Borussia, die in dem von ihr liebevoll restaurierten „Haus der Reinigung“ am ehemaligen jüdischen Friedhof residiert und sich die Bewahrung der Kulturschätze der Region zur Aufgabe gemacht hat. Man entdeckt die historischen Spuren in Polens Nordosten neu. Und dass es dabei nicht mehr um Nationalität geht, zeigten uns eindrucksvoll die deutschen und ukrainischen Mitarbeiter der Stiftung, die im polnischen Olsztyn in einem vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude arbeiten. Der Enthusiasmus gerade der jungen Mitarbeiter war so ansteckend, dass einzelne Schüler unserer Reisegruppe bereits darüber nachdenken, ob auch sie nach dem Abitur für ein Jahr als Praktikanten nach Olsztyn gehen wollen. Was die Frage nach „Ostpreußen“ angeht, hat die Stiftung eine geradezu salomonische Lösung gefunden, indem sie sich den von allen Nationalismen freien lateinischen Namen „Borussia“ gegeben hat.

Natürlich war bei etwas geschulterem Hinsehen die deutsche Geschichte der Landschaft dann doch nicht mehr übersehbar: Im guten Sinne in den zahllosen Backsteinkirchen und –burgen, prachtvollen Landsitzen (etwa in Cadinen bei Frauenburg) und Klöstern. Aber gleich nebenan steht eben auch die heute nur noch gespenstisch anmutende Bunkeranlage der Nazis in der Wolfsschanze bei Rastenburg; und unterhalb der phantastischen Kirchenburg von Frauenburg findet man dann, fast unscheinbar im Park, einen Gedenkstein, der an die massenhafte Flucht über das Frische Haff am Ende des 2. Weltkriegs erinnert. Die friedliche Ostsee – vor 70 Jahren das Grab für zahllose Flüchtlinge. Man kann nicht anders, als an diejenigen zu denken, die heute auf der Flucht vor dem Krieg verzweifelt den Weg über das Mittelmeer wählen.

Das idyllische Frauenburg mit seiner mächtigen Kirche war zugleich die Wirkungsstätte des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet ist. Der Astronom, der die Erde aus dem Zentrum des Weltalls nahm und der Menschheit gezeigt hat, wo tatsächlich ihr Platz im Universum ist. Ein Frage, die nun wahrhaftig weit jenseits aller Fragen der Nationalität steht. Und so ist die Frage, ob er denn nun Deutscher oder Pole gewesen sei, eine, die Kopernikus, der sich selbst mit lateinischem Namen benannte, vermutlich gar nicht verstanden hätte. Er war Allensteiner, oder Frauenburger – oder einfach: Europäer.

Danzig am Ende: Was für eine phantastische Metropole! Das Wetter meinte es wie immer gut mit uns. In der Abendsonne unseres Ankunftstages empfing uns die liebevoll und akribisch wieder aufgebaute Altstadt  in ihrer ganzen Lebendigkeit und all ihrem Glanz! Es war ein großes Glück, dass vor 70 Jahren offenbar niemand daran gezweifelt hat, dass man diese Altstadt, in der am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, wiederaufbauen müsse, wie sie eben war: deutsch, polnisch, hanseatisch.

Und Solidarnosc am Ende: Nach all den Exkursen in eine mehr oder weniger fern liegende Vergangenheit gab es dann den Besuch im nagelneuen und wirklich eindrucksvoll gelungenen Europäischen Solidarnosc-Zentrum. Wem von uns deutschen Besuchern, gerade unter den jüngeren, ist eigentlich noch wirklich bewusst, wo das alles begann, was vor genau 25 Jahren den Deutschen ihre Einheit bescherte? Der Aufbruch Ostmitteleuropas in die Freiheit und der schwere Weg dorthin sind in diesem neuen Museum mit Händen zu greifen. Und hier wird einem plötzlich bewusst, dass es nicht zuletzt der Mut der Danziger Werftarbeiter war, der es uns Norddeutschen heute ermöglicht, über eine offene Grenze zu unseren Nachbarn nach Polen zu reisen.

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Steinort / Sztynort

Ostpreußen, Borussia, Ermland-Masuren, Polen. Eine bis zur Unübersichtlichkeit wechselvolle, aber spannende Geschichte, eine wunderschöne Landschaft, großartige Städte. Wo die Großeltern nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs fliehen mussten, dürfen wir heute ungehindert unser östliches Nachbarland bereisen, das viele von uns immer noch viel zu wenig kennen. Aber daran haben wir jetzt ja wenigstens ein bisschen was geändert …

Wir danken dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseums, das uns diese Reise ermöglichst hat; und wir danken wieder einmal ganz besonders Agata Kern, die uns nun schon zum dritten Mal auf einer große Reise begleitet und auch diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen?

Mittwoch, 15. Juli 2015

Eine Lesereise mit Arno Surminski nach Jokehnen und Polninken vom 1.06. bis 10.06.2015

Ein Bericht von Patrice de Laminne aus Frankreich

Arno Surminski in Danzig

Arno Surminski

One rarely has the chance to visit the various places where the action of a autobiographical novel takes place. It’s even more exceptional to do it in company with the author himself. But we were able to do so, thanks to the OL museum which organized a journey through Ostpreussen. There we saw the places where Arno Surminski spent his first eleven years until he escaped to the West a few months after the end of the war. Herr Surminski was our guide through the world described in his book ‘Jokehnen oder wie lange fährt man von Ostpreussen nach Deutschland’.

The journey started in a hotel in Ogonken (Ogonki today) on the shore of Lake Święcajny. From this base we discovered his village Jäglack (The actual name of ‘Jokehnen’) and the exact place where his house once stood. We also saw and visited part of the nearby little castle mentioned in the book which is being entirely restored.

The once magnificent manor of the Lehndorff family, for a short while ‘haut lieu’ of German anti-Nazi resistance, was on our program too. Located ideally on Lake Mauersee (Mamry), we could visit a small part of the castle which had been left derelict for many years. Since 2009 the foundation Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz from Görlitz with a handful of courageous archeology strudents is currently restoring this beautiful place.

From Steinort, Mrs Kern had arranged our return to Ogonken through a two hour cruise on the lake. This region is really beautiful and would deserve to be known and visited by more Western Europeans. To add to the beauty of the lake, a typical Polish soup, the excellent Żurek, was served by a pretty young lady. What a treat!

We can easily imagine the emotion that Arno Surminski must have felt when revisiting all those places from his youth. In a number of them, he read a few chapters of his book in front of an audience composed of our twenty-member group and many Polish people who had read his book. Thus we learnt that his fame was not only limited to German readers, but crossed the borders and that Poles too, wanted to know what his writings were about.

In situations which could have been embarrassing, Herr Surminski always insisted on the feeling of friendship which he felt towards the Polish population which now lives in this region. Mutual understanding, reappraisal of history, acceptance of responsibility and eventually forgiveness were the key words to be found in his interviews. To a certain extent his work can be assimilated to that of an ambassador. Herr Surminski would always give a very positive answer often inflected with smiling humour.

In Angerburg (Today Wegorzewo), our visit was the occasion of the inauguration of an exhibition about the author, his life and his books. The Polish TVP television network and some important persons from the town attended the ceremony in front of a large audience that included many students that Herr Surminski invited to join instead of waiting outside. By this small gesture he expressed his concernedness with youth. Nobody should be left behind. History must be explained to our youngsters as well if we want the world to improve.

After visiting Marion Dönhoff’s Salons in Galkowen, followed by a small promenade on a little boat on the Kruttina accompanied by Pani Kristina’s patriotic and wistful singing, we finally reached Allenstein. It was the occasion to pay a visit to the Borussia foundation which is dedicated to maintain the memory of the very important Jewish cultural presence in the region.

We then travelled to Frauenburg, Elbing, the Stutthof KL and finally Danzig.

In Frauenburg/Frombork am Gedenkstein der Flucht über das zugefrorene Haff Januar 1945

Der Gedenkstein in Frauenburg/Frombork

In Danzig, we had the excellent guide Pan Florian who took us through the old part of the town with very crisp, precise and often funny descriptions.

Lesung in Danzig

Another very interesting visit was the European Solidarity Center on the site of the old Gdansk Shipyards. It is a huge museum opened in August 2014 which describes the struggle that Solidarnosc had to fight to obtain recognition from the then communist régime of general Jaruzelski. The many peaceful demonstrations which were systematically dispersed through violent action from the militia resulted in a number of deaths. When martial law was proclaimed on December 1981, the leaders of the movement were sent directly to jail, while a curfew and censorship of the mail and press were put in place.

The group we were part of was of an extremely high quality. We met many people with a very interesting background and with whom conversations were a delight.

We owe Mrs Agata Kern our deep gratitude for the excellence of her organization and for the opportunity to exchange views with an admirable author in the very much the places that his autobiographical novel describes.

Arno Surminski am Hansa-Kolleg in Hamburg

Donnerstag, 3. Januar 2013

Am 22. November fand das erste große Projekt in einer neuen Kooperation des Kulturreferates am Ostpreußischen Landesmuseum mit dem Hansa-Kolleg Hamburg einen letzten Höhepunkt. Im Mai dieses Jahres waren 19 Schülerinnen und Schüler, die im Zweiten Bildungsweg das Abitur anstreben, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin Agata Kern für sechs Tage nach Kaliningrad gereist. Über diese eindrucksvolle Reise haben wir bereits am 15. Juni 2012 im Blog berichtet.

Eingerahmt wurde dieses Reiseprojekt, das unter dem Motto „Von Kaliningrad nach Königsberg – Auf den Spuren von Marion Dönhoff“ stand, von zwei Veranstaltungen mit prominenten Ehrengästen. Nachdem am 29. Februar bereits Tatjana Gräfin Dönhoff bei der Vorstellung des Projekts vor Schülern des Hansa-Kollegs und der Lüneburger Wilhelm-Rabe-Schule gesprochen hatte, war nun bei der feierlichen Abschlussveranstaltung in der Aula des Hamburger Hansa-Kollegs Arno Surminski zu Gast.

Vorstellung der Studienreise

Vorstellung der Studienreise

Eines der eindrücklichsten Erlebnisse auf unseren Fahrten durch das Kaliningrader Gebiet war ganz sicher der Besuch der Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Palmnicken. Vielen der Schüler waren die grausamen Geschehnisse des Januars 1945 aus der Lektüre von Arno Surminskis Roman „Winter Fünfunvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“ bereits vor der Reise bekannt. Es war ein strahlender Frühlingstag, als wir auf unserer Reise das Mahnmal besuchten, das am weißen Ostseestrand an die Ermordung von 3000 jüdischen Frauen aus dem KZ Stutthoff durch Angehörige der SS erinnert – weitere 4000 Frauen hatten zuvor bereits den Todesmarsch nicht überlebt. Der friedliche Frühling an der Ostsee im Jahre 2012 – und der grausame Winter an genau der gleichen Stelle im Jahre 1945: Das war vermutlich der heftigste Kontrast auf dieser an Kontrasten überreichen Reise.

Lesung von Arno Surminski

Lesung von Arno Surminski

So war es für das Hansa-Kolleg ein ganz besonderes Glück, dass Arno Surminski sich bereit erklärte, in die Schule zu kommen und vor den Reiseteilnehmern und den Kollegiaten des Eingangsjahres aus seinem Buch zu lesen. Was an der Gedenkstätte, zumal bei Sonnenschein über der Ostsee, kaum fassbar erscheint, wird bei der Lesung plötzlich anschaulich. Die ermordeten Frauen bekommen Namen und Schicksale, und für einen Moment glauben wir, ihnen nahe zu kommen. Auf seine Weise ist Arno Surminskis Roman ein zweites Mahnmal für die ermordeten Frauen – eines nicht aus Stein, sondern aus Worten – und gerade dadurch viel fassbarer als das sichtbare Mahnmal am Strand im Norden Ostpreußens.

Die Schüler nutzten die Gelegenheit, den Autor nach seinen eigenen Erinnerungen an Ostpreußen zu fragen und zu erfahren, wie ein literarisches Werk wie dieser Roman entsteht. Am Ende der Veranstaltung stand die Preisverleihung an die Gewinner des Fotowettbewerbs, dem sich die reisenden Kollegiaten gestellt haben. Auch hier war das Motto: „Von Kaliningrad nach Königsberg“. Die Gewinner des ersten Preises haben das Thema auf ganz unterschiedliche Weise gelöst:

Während sich in der Fotographie von Thorben Beller im Fenster eines heruntergekommenen Kaliningrader Plattenbaus die Ruine eine Backsteinhauses aus deutscher Zeit spiegelt, lässt Richard Schuster vor dem im Dunkeln angestrahlten, aus Ruinen wiedererstandenen Königsberger Dom mit dem Lichtschein einer Taschenlampe den Schriftzug „Kaliningrad“ leuchten. Vergangenheit und Gegenwart; aber eben auch: Verfall und Zuversicht, vielleicht sogar ein wenig neuer Glanz – sie spiegeln sich auch in den Wettbewerbsbeiträgen der Kollegiaten. Es war eine Ehre für die Schule, dass die fünf Preisträger ihre Preise aus den Händen von Arno Surminski entgegennehmen konnten.

Wir schauen zurück und gleichzeitig nach vorn: Das erste große Projekt in der Kooperation zwischen Kolleg und Kulturreferat ist zuende. Aber weitere, kleine wie große, Projekte werden folgen. Und die Schüler des Eingangsjahres, die an diesem Vormittag zu Gast waren, konnten einen ersten Eindruck bekommen von dem, was sie in eineinhalb Jahren erwartet: Denn dann werden wir uns erneut auf den Weg machen, um Spuren des Vergangenen, vor allem aber die lebendige Gegenwart bei unseren östlichen Nachbarn zu erleben.

Holger Wendebourg (Lehrer am Hansa-Kolleg)

Der König hatte Geburtstag

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Zwar schon ein Weilchen her, aber durchaus lesenswert: Ein Reisebericht von Frauke Opitz


Es ist endlich Herbst, die Feierlichkeiten sind vorüber, die Kerzen heruntergebrannt, die Gäste abgereist. Die Musikanten haben ihre Instrumente eingepackt und im Schloss steht an einem Notenständer ein alter Mann gestützt auf seinen Krückstock. Seiner Haltung und dem leicht geneigten Kopf ist ein stilles Nachdenken anzusehen; mit den Fingern der linken Hand nestelt er behutsam an einer Querflöte, schiebt sie sorgfältig ins Futteral, wendet sich dann jedoch kraftvoll um und verlässt – begleitet vom tack-tack seines Stockes und seinen Hunden – mit etwas eckigem Gang den Raum. Kokolores, Fisematenten, denkt er, er hat anderes zu tun, auch als „Alter Fritz“ muss er immer noch präsent sein. Diese famosen Leute da aus Lüneburg, haben ihm ihre Aufwartung zu seinem 300. Geburtstag gemacht, sie sind lange wieder abgereist. Nette Leute waren das, so kunstbeflissen, das hat ihm, dem „Alten Fritz“ gefallen.

Der „Alte Fritz“? Aah, ich sehe Ihre Augen aufleuchten. Ja, genau, das war der mit den Kartoffeln und den Flötenkonzerten.  Friedrich II. oder auch Friedrich der Große. Damit hätten wir das geklärt, denn angeführt von Agata Kern und Dr. Jörn Barfod vom Ostpreußischen Landesmuseum machten wir tatsächlich Stippvisite bei Hofe anlässlich Friedrichs 300. Geburtstag. Vom 24. bis 29. Juli 2012 besuchten wir seiner Majestät Wirkungsstätten, die Schlösser und Profanbauten, die während seiner  Herrschaftszeit von 1740 bis zu seinem Tod am 17.8.1786 errichtet wurden, in denen er lebte oder regierte – oder beides tat – und die Ausstellungen anlässlich dieses Ereignisses.

Unsere Reise führt uns an einem Dienstag von Lüneburg nach Rheinsberg, einem Städtchen mit heute gut 8.000 Einwohnern., im Bundesland Brandenburg.  Hier verbrachte Friedrich II. (geboren am 24.1.1712) einige Jahre in dem ihm vom Vater Friedrich Wilhelm I. übereigneten Schloss zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth Christine, die er 1733 geheiratet hatte. Diese Jahre sind als glücklich überliefert; das Vater-Sohn-Verhältnis war dagegen nicht als gedeihlich zu bezeichnen. Dieses Verhältnis war durch den gnadenlos strengen Vater, der keinerlei Verständnis für die musischen Ambitionen seines Sohnes hatte, äußerst angespannt.

In Küstrin / Kostrzyn

In Küstrin / Kostrzyn

Die Dramatik dieses Vater-Sohn-Verhältnisses wird uns bei unserem Besuch in Küstrin besonders bewusst.

Rheinsberg ist also unser erstes Ziel, und bevor wir ins Schloss können, gibt uns Herr Dr. Barfod einen Überblick über die Geschichte der St. Laurentius-Kirche. Als ältestes erhaltenes Gebäude der Stadt wurde sie ca. 1250 errichtet.

Im 16. Jh. wurde die alte Kirche komplett nach damaligem Zeitgeschmack in Stil der Renaissance umgestaltet und ausgestattet. Das alles ist fast im Originalzustand erhalten. Eine wichtige Rolle für die Stadt und die Kirche spielte um diese Zeit die Familie von Bredow, die die Gruft als Grabstätte benutzte und in Rheinsberg für ca. 150 Jahre das Sagen hatte.

Ein paar Schritte nur und wir sehen das reizende Schloss Rheinsberg in wunderschöner Lage am Grienericksee. Friedrich Wilhelm I. schenkte das Schloss seinem Sohn Friedrich im Jahr 1734. Später wurde es im Stil des frühen Klassizismus geprägt von Prinz Heinrich von Preußen, dem jüngeren Bruder Friedrich II., literarisch durch Theodor Fontane bekannt gemacht in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und charmant beschrieben von Kurt Tucholsky; noch heute verzaubert es die Besucher. Neben Raumdekorationen noch aus der Zeit Friedrich II. sehen wir umfangreich restaurierte Räume, die gesamte Anlage mit dem weitläufigen Park vermittelt uns ein heiteres Lebensgefühl und wir können Friedrichs Erinnerungen an diese glückliche Zeit gut nachvollziehen.

Am Abend sehen wir einen Historienfilm von 1933 (Otto Gebühr gibt den Friedrich II.) über die Schlacht von Leuthen gegen das Österreichische Heer im Jahre 1757 während des Siebenjährigen Krieges. Herr Dr. Barfod gibt eine Einführung zum Thema, und es ist uns zu deutlich, dass hier der Krieg, der „große“ Kriegsherr Friedrich zu Propagandazwecken der Machthaber benutzt wird.

In Berlin

Es beginnen am Folgetag zwei wunderbare Tage in Berlin. Das Deutsche Historische Museum lockt mit einer Ausstellung „Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt…“ und stellt den König dar, wie ihn seine Nachwelt gesehen, aber auch sein Wirken missbraucht hat.

Leben und Wirken Friedrichs wurde durch die folgenden Jahrhunderte immer wieder Bezugspunkt für die unterschiedlichsten politischen Interessen. Er galt einmal als der aufgeklärte Herrscher, andererseits diente er konservativen Kreisen als Vorbild preußischer Tugenden. Das Kaiserreich idealisierte ihn zum Nationalidol, die Vertreter der Weimarer Republik schätzten an ihm alte Wertvorstellungen und Pflichtgebot und Ordnung, die Propaganda der Nazis verklärte ihn zum großen Sieger der Schlachten. In der neuen politischen Ordnung nach 1945 galt Friedrich dann als Kriegstreiber.

Die Ausstellung dokumentiert das facettenreiche Erinnerungspanorama in dreizehn thematisch gegliederten Abschnitten.

Wir verlassen das  Historische Museum nichts ahnend, dass wir bereits erwartet werden. Ein fester Gang wird hörbar, dazu das Tack-Tack eines Krückstockes, und vor uns steht seine Majestät höchstselbst. Welch eine Überraschung, und wie gut er gekleidet ist mit Uniformrock und Weste, die Stiefelhose in den Stulpenstiefeln, auf dem Kopf den Dreispitz, den Schwarzer-Adler-Orden am Revers, und nicht zu vergessen: Degen und Bandeau.

Großzügig hat Majestät seine Regierungsgeschäfte für uns ruhen lassen, und Friedrich II, der Preußenkönig (Widersacher behaupten, in Friedrichs Kleidern stecke der Schauspieler Olaf Kappelt, aber wir lassen uns ja nicht ins Bockshorn jagen…) führt uns durch seine alte Stadt, in der er viele Spuren hinterlassen hat. Prachtvolle Palais, beachtliche Bürgerhäuser zeugen von der Baugeschichte, wir machen eine Zeitreise, in der der König nicht vergisst, hier eine Anekdote zu erzählen und mit einem Augenzwinkern ihren Wahrheitsgehalt zu bestätigen, dort auf bedeutende Menschen seiner Zeit hinzuweisen oder ein Geheimnis auszuplaudern, das dann wohl doch keines war, weil wir es schon seit mehr als 200 Jahren kannten.

Wir flanieren mit seiner Majestät und lassen uns zeigen, was von alter Preußenherrschaft noch vorhanden ist. Dabei ist sein Tempo trotz Krückstock beachtlich bei seinem Alter…

Schloss Schönhausen ist unser letztes Ziel an diesem Tag.

1740 schenkte Friedrich II. das Anwesen seiner Gemahlin Elisabeth Christine, die es bis zu ihrem Tode 1797 bewohnte; allein, jedoch pflichtgemäß ihre Obliegenheiten als Königin warnehmend.

Erlauben Sie mir dazu eine sehr eigene Anmerkung: Friedrich lebte und regierte in Berlin und Potsdam. Es ist glaubhaft überliefert (dazu gibt auch Theodor Fontane ein Beispiel in seinen Aufzeichnungen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg), dass der König ein Fachmann auf allen Gebieten war, fast alles wusste und das auch besonders bei seinen Fahrten über Land reichlich kund tat. Nur da? Eigentlich steckte er seine Nase überall hinein, wusste meist alles besser und nervte seine Leute erheblich. Ob  er es privat anders hielt? Ob er in die eigenen Angelegenheiten seiner Frau, in ihr Leben auch mit Besserwisserei eingriff? Weiß man das? Für den Fall bringe ich für Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern einiges Verständnis auf, wenn sie sich ihrem königlichen Gatten entzog.

Excuses-moi Majestät, mehr als 200 Jahre nach Ihrem Ableben komme ich auf einen solchen Gedanken. Die Welt dreht sich weiter.

Das Schloss hat den II. Weltkrieg unversehrt überstanden. In weiten Teilen erhalten sind die Raumausstattungen des späten 17. und des 18. Jahrhunderts, der schöne Festsaal und das doppelläufige Treppenhaus. Dieses auch heute noch bedeutende Zeugnis friderizianisch-barocker Architektur wurde im Nationalsozialismus als Depot für die sogenannte „Entartete Kunst“ genutzt, der DDR diente es als Sitz des Präsidenten, später als Gästehaus und 1990 dem Außenministertreffen der “Zwei-plus-Vier-Gespräche” zur Wiederherstellung der deutschen Einheit.

Am 3. Reisetag fahren wir nach Küstrin, heute polnisch Kostrzyn

Im Jahre 1536 beginnt dort der Bruder des Kurfürsten von Brandenburg Joachim Hektor den Bau der Festung am Zusammenfluss von Oder und Warthe. Morastige Wiesen auf der Landseite machen den Bau zu einer schwer einnehmbaren „Sumpffestung“.

Eines lässt uns auch heute noch schaudern: Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig,  ließ nach der gemeinsamen Flucht Friedrichs und des Freundes Hermann von Katte vor Friedrichs Augen in der Festung Küstrin den Scharfrichter seinen blutigen Auftrag verrichten und den Freund hinrichten. Friedrich selbst wird  zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt. Die Festung Küstrin wird sein Gefängnis.

Das alles war nicht gerade förderlich für eine liebevolle Vater-Sohn-Beziehungen, nicht wahr? Friedrich wurde zunächst ebenfalls zum Tode verurteilt, dann jedoch begnadigt, weil das Gericht sich außer Stande sah, gegen den Thronfolger ein solches Urteil zu fällen, er wurde aus der Armee ausgestoßen und absolvierte in Küstrin eine „Lehre“ als Verwaltungsbeamter und konnte damit sich die Kenntnisse erwerben, die ihn als Regierungsschef später in die Lage versetzten, sein Land so gut zu verwalten.

Von Städtchen und Festung hat der II. Weltkrieg nur Trümmern hinterlassen. Wir gehen auf den alten Straßenzügen, sehen noch Bordsteine und in den Trümmern, die von Kraut und Strauch längst erobert sind, gelegentlich weisen ein paar Stufen auf einen Hauseingang.

Mittagspause! In einem Gasthaus in der Nähe wird uns ein kleines Mittagessen mit einer Polnischen Spezialität serviert. Es gibt eine schmackhafte Suppe, deren einer Bestandteil vergorenes Roggenschrot ist, also Sauerteig.

Die Rückfahrt nach Berlin führt uns auch durch das Oderbruch, unter anderem nach Letschien.

Größtenteils in der Regierungszeit Friedrich II. wird im 18. Jahrhundert die Oder begradigt, das Feuchtgebiet trockengelegt und eingedeicht. In Letschien errichtete man 1905 als Dank für die Trockenlegung der oft überschwemmten Gebiete Friedrich zu Ehren ein Denkmal.

Ausführlich beschreibt Fontane in seinen Aufzeichnungen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ die Anstrengungen, das Oderbruch trocken zu legen und nutzbar zu machen.

1841 erkrankte Fontane an Typhus und konnte sich aber bei seinen in Letschin wohnenden Eltern von der Krankheit erholen.

Unsere Gruppe in Letschin

Unsere Gruppe in Letschin

Nach der Trockenlegung wurden 40 Dörfer neugegründet, und Friedrich lud Bauern und Handwerker auch aus dem europäischen Ausland ein, das Land zu besiedeln. Religionsfreiheit, weitreichende Steuerbefreiung und die langjährige Befreiung vom Militärdienst machten die Besiedelung erfolgreich.

Ein typisches Kolonistendorf ist Neulietzegöricke, 1753 gegründet wurde dieses Dorf als langes Straßendorf angelegt. Neulietzegöricke als Dorfanlage steht als ältestes Kolonistendorf im Oderbruch unter Denkmalschutz. Wir besichtigen die schöne Dorfkirche mit ihrer Ausstattung aus dem Jahre 1840, die in den letzten beiden Jahren besonders durch emsiges Tun der Dorfbewohner restauriert wurde und das Schmuckstück des Dorfes ist – neben den Fachwerk- und Wohnhäusern sowie der Gaststätte „Zum Feuchten Willi“.

Am anderen Morgen ist Freizeit. Jeder kann seine eigenen Wege gehen oder einfach nur ausruhen.

Auch in der Königlichen Porzellan Manufaktur, die wir am Nachmittag besuchen, ist der Themenschwerpunkt der Ausstellung der König. Einzigartige Porzellankreationen, modernes Design und wunderbare alte Stücke kunstvoller Handwerksarbeit und Malerei, Meisterstücke der Porzellankultur,  sind versehen mit dem königsblauen Zepter. Friedrich II gab 1763 der Manufaktur Namen und Zeichen.

Die Königliche Porzellan-Manufaktur

Die Königliche Porzellan-Manufaktur

Im der Manufaktur und Ausstellung angeschlossenen Cafe werden uns in feinstem Porzellan beste Kuchen und Kaffee serviert. Ein Genuss.

Wir fahren weiter nach Potsdam und haben noch einmal einen schönen Filmabend. 1936 spielte Otto Gebühr die Rolle Friedrichs des Großen, und die Älteren unter uns sind erfreut über Lil Dagover als Madame Pompadour, Käthe Haack als Kaiserin Maria Theresia und Paul Dahlke als Feldmarschall von Dessau. Alles in allem ein schöner Tagesausklang.

Die Sonderausstellung „Friderisiko“ im Neuen Palais in Potsdam steht am Samstag, unserem 5. Reisetag auf dem Programm.

Dieses Neue Palais, in bestem Erhaltungszustand, ist der prächtigste Schlossbau des Königs und des 18. Jahrhunderts. Friedrich ließ es nach dem Siebenjährigen Krieg zwischen 1763 und 1769 erbauen zu seinem persönlichen Ruhm und als Denkmal seines militärischen Triumphes.

Friedrich II. war ein risikofreudiger Mensch, und das soll in der Bezeichnung für diese Ausstellung auch zum Ausdruck kommen.

Aufwendig sind Räume, Säle und Kabinette restauriert worden; viele Räume waren bisher unbekannt und sind nun zugänglich. Das Interieur ist kostbar und vielfältig, die Ausstattung der Appartements fürstlich und lässt uns staunen über die Schönheiten dieses Bauwerks;

wir können uns eine Vorstellung machen von Friedrichs kulturellen Ideen und seinem Willen, seine Größe auch mit diesem Bauwerk äußerlich für alle sichtbar zu machen. Die Atmosphäre des barocken Schlosstheaters betört noch heute. In unserer Phantasie stellen wir Schauspieler und Musikanten auf die Bühne, der König hat seinen Platz eingenommen und die Vorstellung beginnt.

Friedrich selbst hat im Palais nicht gewohnt, aber große Festlichkeiten gegeben und meist dienten die Appartements als Wohnung für illustre Gäste.


Am Nachmittag dieses Tages dann Schloss Sanscouci – ohne Sorge -, so konnte der Alte Fritz leben und ausspannen in schwierigen Zeiten. Hierhin zog es ihn, mit seinen Hunden natürlich. Sansouci war sein liebster Aufenthaltsort, sein Refugium. Wir betreten das Schloss, nachdem wir zunächst die Arkaden sehen, die an die Gestaltung des Petersplatzes in Rom erinnern. Innen überwältigend die Schönheiten des friderizianischen Rokkoko, des Konzertzimmers und all der Zimmer und Flure, die wir durchschreiten.

Dieses Schloss, gelegen auf den Weinbergterrassen, beherbergt die Raumausstattungen dem 18. Jahrhunderts noch im Original, und wir bewundern auch die eleganten Möbel, die wunderschönen Stuckarbeiten und die Farbigkeit der Wandmalereien. Der Ausblick in den Park verführt zu Träumen, in denen mit einiger Phantasie man Friedrich, schon leicht altersgebeugt, mit seinen Windspielen, seinen geliebten Hunden ein wenig lustwandeln sieht.

Anschließend spazieren wir selbst ausgiebig durch den Garten von Sanssouci. Es kennt wohl jeder von Fotografien den Blick über die Terrassen hinauf zum Schloss und umgekehrt. Es ist ein Spaziergang in einer Welt, in der der Alltag ausgeschlossen scheint. Blumenrabatten und Arkaden, weite Rasenflächen, der Blick zum Chinesischen Teehaus, das nach einer von Friedrich II. ausgewählten Kupferstichvorlage erbaut wurde, Lennés landschaftliche sowie der Sizialianische und der Nordische Garten sind nur ein Teil dieses schönen und bezaubernden Parks.

Hier in diesem Park wollte der König in einer Gruft auf der obersten Terrasse beigesetzt werden, jedoch ließ sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., den Sarg nach Potsdam in die Garnisonskirche bringen, wo Friedrich neben seinem Vater Friedrich Wilhelm I beigesetzt wurde. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Sarg Friedrich II. – nach vielen Umwegen während der Kriegs- und Folgejahre – seinem Wunsch entsprechend in Sanssouci beigesetzt, die schlichte Grabplatte immer geschmückt mit Blumen und: Kartoffeln.

Das Grab Friedrichs des Großen

Das Grab Friedrichs des Großen

Bevor es am Sonntag um die Mittagszeit zurückgeht nach Lüneburg machen wir noch Visite im  Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zur Ausstellung „König & Kartoffel, Friedrich der Große und die preußischen Tartuffoli“

Hier wird die Legende noch einmal herausgestellt, dass Friedrich II. Kartoffeln hat anpflanzen lassen, die von Soldaten bewacht wurden, um der Bevölkerung diese Feldfrüchte zur Beseitigung der Hungersnöte nach vielen Missernten schmackhaft zu machen. Die neugierig gewordene Landbevölkerung stahl nächtens Kartoffeln von den Feldern. Und die Soldaten? Sie waren nur Staffage und angewiesen, unbedingt wegzuschauen und den Diebstahl dadurch zu fördern. Eine Legende eben, übernommen aus Frankreich, wo tatsächlich ein kluger Mann sich dieser Liste bediente, um den hungernden Menschen die Kartoffel schmackhaft zu machen.

Die Ausstellung klärt auf über die Entwicklungsgeschichte der Kartoffel,  ihren Anbau, die traditionellen Anbaumethoden, die Veränderungen in den Agrarstrukturen und die Kartoffel als Grundnahrungsmittel. Im Alltag wandelte sich die Ernährung der Menschen im 18. und 19. Jh. grundlegend.

Bilder, Küchengeräte, landwirtschaftliche Geräte, Fach- und Kochbücher, historische Kartoffelrezepte geben einen weiten Einblick in die Geschichte der Kartoffel.

Nun aber merci für Ihre Geduld und adieu Majestät; mon Dieu, was haben Sie alles geleistet, untertänigste Bewunderung und grüßen Sie bitte bei Gelegenheit Monsieur Voltaire. Sie fragen nach den Kartoffeln? Ob wir sie kennen? Seien Sie versichert, Majestät, bei uns im Lüneburger Land, in der gleichnamigen Heide und im Wendland sichern sie nicht nur die Versorgung der guten Leute mit Nahrung, sondern auch das Einkommen der Kartoffelbauern. Wir werden Euer Majestät in guter Erinnerung behalten.

Aber nun müssen wir wieder nach Hause, und wir verabschieden uns von Berlin und Brandenburg und fahren nach Lüneburg zurück. Es waren anstrengende, aber wunderbare Tage.

Herzlicher Empfang in Kaliningrad für die Teilnehmer der ersten Lesereise des Ostpreußischen Landesmuseums und Russland Reisen Romanova

Freitag, 19. Oktober 2012

Mit Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann und Hans Graf zu Dohna

Ob im Deutsch-Russischen Haus, im Dohnaturm oder in Jantarny / Palmnicken, überall waren die deutschen Gäste willkommen und wurden die Lesungen von der russischen Bevölkerung und der Presse mit großem Interesse begleitet.

Die Reisegruppe am Kant Denkmal

Die Reisegruppe am Kant Denkmal

Freitags wird auch in Russland geheiratet. Jedes Kaliningrader Hochzeitspaar lässt sich am Dom und vor der Grabstätte Kants für die Familienalben ablichten. Denn gestern wie heute wird der Königsberger Philosoph von Russen und Deutschen gleichermaßen verehrt. Die Reisegruppe aus Deutschland fand Gefallen an einem der schönen Brautpaare und fotografierte es begeistert. Geschmeichelt von so viel Interesse, stellte es sich zu der Gruppe für weitere Fotos, denn das war ein ganz besonderes Motiv.

Solche und andere Begegnungen waren charakteristisch für die erste Lesereise nach Kaliningrad/Königsberg vom 27.09.-02.10.2012 organisiert vom Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg und Russland Reisen Romanova. Es war ein Besuch unter freundlichen, herzlichen und offenen Menschen.

Ein russisches Hochzeitpaar mit den Teilnehmern der Reise

Ein russisches Hochzeitpaar mit den Teilnehmern der Reise

Bereits am ersten Tag nach der Anreise empfing Direktor A. P. Portnjagin vom Deutsch-Russischen Haus seine Gäste. Daniel Lissner, Kulturreferent des Deutschen Konsulates, betonte seine Verbundenheit und nannte Arno Surminski („Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken“) den Grand Seigneur des Ostpreußenromans. Stephanie Kuhlmann („Hoffnung heißt Nadjeschda“) als Vertreterin der jüngeren Generation begrüßte ihre Gäste mit einer Ansprache auf Russisch: „Ich habe lange davon geträumt, in der Heimat meines Vaters vor russischem Publikum aus meinem Roman zu lesen, jetzt ist dieser Traum wahr geworden.“ Arno Surminski hatte im Deutsch-Russischen Haus, das für Verständigung steht, schon öfter gelesen. Zu den Besuchern der Lesung gehörten neben der deutschen Reisegruppe Russlanddeutsche, Studenten, Schriftsteller und Pressevertreter.

Einzigartige Natur und große Gesten im Dohnaturm

Die Kurische Nehrung zeigte sich auf der Reise bei schönstem Sonnenschein, sodass von der Epha-Düne aus eine gute Sicht bis nach Litauen möglich war. In der Außenstation der Vogelwarte Rybatschi / Rossitten konnten die Reiseteilnehmer die wissenschaftlichen Arbeiten hautnah miterleben. Der Ornitologe Prof. Leonid Sokolov demonstrierte die Beringung an Goldhähnchen, Tannenmeise und einer Eule. In Rossitten lud das Ufer am Kurischen Haff zu einer Erholungspause ein.

Ornitologe Prof. Leonid Sokolov

Ornitologe Prof. Leonid Sokolov

Ein weiteres Highlight der Reise war der herzliche Empfang im Dohnaturm. Dort bekam die Gruppe zunächst eine Führung durch die Bernsteinsammlung. Hans Graf zu Dohna hielt einen sehr persönlichen Vortrag über seine Familiengeschichte. Die stellvertretende Direktorin des Museums, Natalia Schewtschuk sagte in ihrer Begrüßungsrede: „Jeden Tag erwähnen wir Ihren Namen bei unseren Führungen, weil sich das Museum im Dohnaturm befindet.“ Das Interesse an dem adligen Autor war von Seiten des Museums und der örtlichen Presse sehr groß. Dohna hat ein beeindruckendes Buch über seine ostpreußischen Vorfahren geschrieben. Gedankt wurde ihm mit Gastgeschenken und einer besonders großen Geste: „Wenn Sie damit einverstanden sind, werden wir ein Dohnazimmer errichten, in dem wir Ihre Dokumentationen ausstellen.“

Hans Graf zu Dohna im Dohnaturm

Hans Graf zu Dohna im Dohnaturm

Sichtlich gerührt betonte Graf Dohna, er habe, nachdem er bei seinen ersten Reisen ein großes kulturelles Loch über dem Kaliningrader Gebiet vorgefunden hatte, nun das Gefühl, seine Heimat wiedergefunden zu haben. Avenir Ovsjanov, Heimatforscher und Autor zahlreicher Bücher, war ebenfalls gekommen und erklärte, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, die in einer Liste aufgeführte „Beutekunst“ aus dem Schloss Schlobitten aufzuspüren.

Dunkle Seiten der Geschichte und Begegnungen an der Kantuniversität

Der einzige Tag mit Regen und Sturm stand unter einem bewegenden Thema. In Palmnicken bewegte sich die Gruppe auf den Spuren des so genannten Todesmarsches, der im Januar 1945 mit der Massenerschießung von tausenden von jüdischen Frauen bei der an der Ostsee gelegenen Annagrube endete. Nach dem Besuch des örtlichen Bernsteinkombinats versammelte sich die Gruppe an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmnicken.

Mit Arno Surminski an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmicken

Mit Arno Surminski an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmicken

Im Kulturhaus fand im Anschluss eine Lesung mit Arno Surminski aus seinem Buch „Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken“ statt. Interessierte Zuhörer waren die Vertreterin der Stadtverwaltung, Irina Ivanova, die Journalistin Valentina Lutschnikowa sowie die Deutschlehrerin Natalia Sopovo mit ihren Schülern. Entspannte Stunden genossen die Teilnehmer im mondänen Ostseebad Swetlogorsk / Rauschen.

Nach der Lesung in Palmnicken mit den Schülern der dortigen Schule

Nach der Lesung in Palmnicken mit den Schülern der dortigen Schule

In der Kantuniversität hielt das ungewöhnliche Autorengespann am letzten Tag seine Abschlusslesung. Eingeladen waren neben den Germanistikstudenten auch andere Interessierte. Ein Teilnehmer der Reise, Professor Martin Teising, Rektor der International Psychoanalytic University Berlin (kurz: IPU Berlin), hielt eine Ansprache, in der er die russischen jungen Leute nach Deutschland zu einem Austausch einlud. Die Dozentin Elena Gordeeva freute sich über das Angebot und betonte die Wichtigkeit solcher Veranstaltungen und Programme für die deutsch-russische Verständigung. Bei Stephanie Kuhlmann bedankte sie sich für ihr Werk, da es das Kaliningrader Gebiet in ein positives Licht rücke.

Lesung an der Kantuniversität - Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann, Hans Graf zu Dohna (von links)

Lesung an der Kantuniversität - Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann, Hans Graf zu Dohna (von links)

Natalia Romanova, Inhaberin des Reisebüros Russland Reisen Romanova, und Kulturreferentin Agata Kern vom Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg sind sich einig: „Wir wollen auf jeden Fall im nächsten Jahr um die gleiche Zeit eine weitere Lesereise nach Kaliningrad veranstalten.“ Der eine oder andere aus der Reisegruppe hat bereits sein Interesse dafür bekundet. Der ortskundige deutschsprachige Reiseleiter Evgenij Snegovskij, der die Gruppe an allen Tagen begleitete, forderte dazu auf: „Kommen Sie wieder!“

Von Stephanie Kuhlmann

Das OL zu Gast in Polen

Dienstag, 20. März 2012

Ausstellung über Walter von Sanden-Guja in Allenstein / Olsztyn zu bewundern

Walter von Sanden (1888 – 1972) gehört zu den wichtigsten Natur- und Tierschriftstellern des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Doch ist er heute, wie auch das Genre, in dem er schrieb, weitgehend vergessen. Zu Unrecht, wie das Ostpreußische Landesmuseum meint, das 2011 eine wanderfähige Ausstellung über sein Leben Werk neu erstellte. Diese neue Präsentation wurde bewusst zweisprachig, deutsch und polnisch, angelegt, denn seine ostpreußische Heimat gehört heute zu Polen.

Dr. Christoph Hinkelmann vom OL mit Dr. Krzysztof Gebura (links), der hier als Übersetzer fungierte und Janusz Cyganski, Direktor des Museums für Ermland und Masuren

In seiner unverwechselbaren Darstellung wird uns das Land, das ihm Heimat war, anschaulich vor Augen geführt. Er konnte es uns aber auch physisch so erhalten wie es war, weil er Farbdias hinterließ, die heute einzigartige Zeitdokumente sind. Diese Bilder bilden das Rückgrat der biographischen Ausstellung über Walter von Sanden, der nach 1945 seinem Namen den des verlorenen Besitzes am Nordenburger See, Guja, hinzufügte.

Dr. Christoph Hinkelmann im Gespräch mit Besuchern der Ausstellung, hier mit einer autochtonen Allensteinerin

Die Ausstellung wurde im Sommerhalbjahr 2011 im Volkskulturmuseum Angerburg/ Muzeum Kultury Ludowej Węgorzewo gezeigt und ist nun im Naturmuseum in Allenstein/ Muzeum Przyrody Olsztyn zu sehen. Bei der Eröffnung am 29. Februar 2012 im Erdgeschoss des wunderbar restaurierten, repräsentativen Gebäudes, das einmal eine Villa am Allensteiner Stadtrand war, zeigten fast 50 Gäste Interesse an diesem besonderen Mann, der seine Heimat so sehr liebte und ihre Natur achtete. Er mag im deutschsprachigen Raum fast vergessen sein, doch vielleicht erlebt er nun eine Art Wiedergeburt in der Wahrnehmung im polnischen Sprachraum? Auf jeden Fall ist er gewissermaßen in seine Heimat zurückgekehrt und willkommen.

Das Naturmuseum in Allenstein - Muzeum Przyrody Olsztyn

Dies drückt auch ein Buchprojekt aus, das sich zufällig zeitgleich ergab. Grazyna Czausz, Autorin in Allenstein/Olsztyn, hat gerade die wohl schönste Tiergeschichte Walter von Sandens, „Ingo – die Geschichte meines Fischotters“ ins Polnische übersetzt, die demnächst als erstes Buch des deutschen Autors überhaupt in polnischer Sprache erscheinen wird. Sie war bei der Eröffnung im Naturmuseum persönlich anwesend.

Dr. Christoph Hinkelmann mit Grazyna Czausz

Marian Szymkiewicz, Leiter der zum Museum für Ermland und Masuren/Muzeum Warmii i Mazur gehörenden Einrichtung, führte in das Thema der Ausstellung ein. Im Anschluss daran stellte der wissenschaftliche Mitarbeiter des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg, Dr. Christoph Hinkelmann, der das Ausstellungsprojekt konzipiert hatte, Walter von Sanden in einem biographischen Bildervortrag näher vor. Er ging dabei auch auf seine wichtigsten Bücher, das genannte über den Fischotter (1939) und „Alles um eine Maus“ (1940), die Geschichte der ersten Entdeckung der seltenen Birkemaus im damaligen Deutschland, ein. Ebenso auf seine wichtigen autobiographischen Darstellungen „Das gute Land“ (1938) und „Schicksal Ostpreußen“ (1968), die eindrucksvoll beweisen, dass Walter von Sanden weit über die Naturschriftstellerei hinaus beobachten und analysieren konnte.

Alles um eine Maus - Im Mittelpunkt dieser Lektüre steht die kleine Birkenmaus.

Die Ausstellung wird bis Ende Juni 2012 im Naturmuseum Allenstein zu sehen sein.

Studienfahrt nach Polen

Dienstag, 15. November 2011

Auf der Marienburg

Vom 29. September bis zum 8. Oktober fuhren 13 Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule (gemeinsam mit Frau Seemann und Herrn Hörig sowie Frau Kern, der  Kulturreferentin des Ostpreußischen Landesmuseums) für zehn Tage nach Polen, um dort „Auf der Suche nach der Ortsidentität“ die ehemaligen deutschen Ostgebiete zu besuchen. In Greifswald schloss sich uns eine Gruppe von Schülern der Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Schule an (ebenfalls mit Lehrerin und Kulturreferentin). Ein paar Eindrücke von dieser abwechslungsvollen, lehrreichen, unterhaltsamen Fahrt sollen folgen.

Mit den polnischen Schülern in Nikolaiken

In Steinort

Nach mehreren Vorbereitungstreffen fuhren wir am Donnerstagmorgen um sieben Uhr am Busparkplatz auf den Sülzwiesen ab. Unser Busfahrer Georg begleitete uns über die ganzen zehn Tage und war damit – neben der eigentlichen Reisegruppe natürlich – eine der wenigen Konstanten in dieser Zeit: Immerhin übernachteten wir innerhalb von anderthalb Wochen in acht verschiedenen Unterkünften, sodass wir zwischendurch selbst durcheinander kamen, welche Orte wir jetzt wann besucht hatten. Am Ende der Fahrt sollte einerseits das Gefühl bleiben, außergewöhnlich viel erlebt zu haben, wodurch einem einzelne Erinnerungen teils lange zurückliegend erschienen, andererseits kam uns die Fahrt dennoch kurz vor – wir hätten problemlos noch eine Woche „da drüben“ bleiben können. Das ist auch kein Wunder, wenn man sich die vielen sehenswerten Orte im Norden Polens anschaut, zumal es eine Region ist, in die man sonst eher selten kommt: Begonnen in Stettin (Luftschutzbunker, Alltag im Zweiten Weltkrieg) und Danzig (eine wunderschöne wiederaufgebaute Innenstadt, Ausstellung zum Thema Solidarnośc), über Marienburg (Deutscher Orden im Mittelalter) und Galkowen (ein 150-Seelen-Dorf in Masuren mit einer Ausstellung zu Marion Gräfin Dönhoff), bis zur Wolfsschanze („Führerhauptquartier” im Zweiten Weltkrieg) und nach Thorn (Nikolaus Kopernikus) – überall konnte man Neues entdecken und sein geschichtliches Wissen vertiefen.

Westerplatte

Das eigentliche „Studieren” war aber nur ein Aspekt der Studienreise: Daneben sollten wir auch die polnische Kultur kennenlernen, wozu unter anderem ein Treffen mit Schülern eines Lyzeums in Nikolaiken gehörte. Außerdem aßen wir zu Mittag immer eine typisch polnische Mahlzeit, was bedeutete, dass es grundsätzlich eine Suppe als Vorspeise gab – ein Höhepunkt war in dieser Hinischt das Restaurant in Stettin, wo die Suppe statt in einem Teller in einem ausgehöhlten Brotlaib serviert wurde, den wir auch aufessen konnten. Als Hauptspeise konnten wir zwischen einem vegetarischen und einem fleischhaltigen Gericht wählen, zum Durstlöschen standen meist Orangensaft oder Wasser in Glaskrügen auf dem Tisch. Wir frühstückten immer in der Unterkunft, wo es oft ein reichhaltiges Buffet gab. Überhaupt fühlten wir uns in den Quartieren insgesamt wohl. Ansonsten war es interessant zu sehen, dass die Polen zwar viel englischsprachige Musik hören (mehrmals wurden in den Restaurants im Hintergrund Songs von Phil Collins gespielt), es aber nirgendwo ausländische Zeitungen oder Magazine zu kaufen gab. Die Speisekarte hingegen war in den größeren Städten fast immer zwei-, manchmal sogar dreisprachig gehalten.

Schifffahrt auf dem Spirdingsee

Was bleibt von der Studienfahrt? Erstens war es sehr interessant – das Wort ist dafür viel zu schwach –, mehr über unser östliches Nachbarland zu erfahren, über seine Geschichte und über seine Kultur (auch wenn wir – Schande über uns – nur zwei, drei polnische Vokabeln regelmäßig benutzt haben: Dzién dobry! – Guten Tag, dziękuje – danke und proszę – bitte). Zweitens gab es wirklich herrliche Orte: zum Fotografieren, zum Nachdenken oder zum Ausruhen. Und drittens, was ich auch als sehr wichtig empfand, damit die Studienfahrt zu einer herausragenden Veranstaltung wurde, war die Reisegruppe einfach großartig. Obwohl wir Raabe-Schüler aus vier verschiedenen zehnten Klassen kamen und uns vorher teilweise nur vom Sehen kannten, hatten wir keine Probleme miteinander und konnten uns richtig anfreunden. Insgesamt also eine wirklich wunderbare, vielfältige, grandiose Fahrt.

Freundschaftsspiel in Nikolaiken

Anmerkung: Im Text sind immer die deutschen Ortsnamen benutzt, da wir die polnischen Bezeichnungen so gut wie nie verwendet haben.

Vor dem Gasthaus in Galkowo

Christoph Reese, Klasse 10a

On the steps of Nicolas Copernicus

Dienstag, 15. November 2011

Mit Nicolaus Copernicus in Allenstein/Olzstyn

It was the second time we were part of a study journey through Poland. The journey stood under the topic of “On the steps of Nicolas Copernicus”.

More than last year, we have realized how sensitive visiting today’s Poland is for our fellow German participants: they have strong roots with Eastern Prussia and other regions that had once belonged to Germany. We have felt the pain and sorrow of those who had to leave their homes and places where they were born without having the possibility of returning for many years.

Accommodation: as usual, the hotels were of an acceptable quality with a special mention of the Hotel Radisson Blu in Warsaw which is of a very high International level

Transport: our driver – Gregor Kusiak – was the same as last year and we appreciated his kindness and the services of coffee and ‘Würstchen’ he provided during the mandatory pauses. As a driver myself, I admired his capacity to maneuver his huge bus in very confined location, while remaining extremely cautious in all occasions.

Unser Busfahrer Gregor Kusiak

Doctor Hamel: my wife and I are not specially acquainted with astronomy, so thanks to Doctor Hamel, we have discovered many aspects of this science which were unknown to us. His encyclopedic knowledge of everything related to space, stars, planets, astronomy and even astrology, allowed us to get clear answers to our naïve questions we put forward. To temper the monotony of a long distance trip between stops, he would address a specific subject and answer questions. On a more personal note, we have learnt that Doctor Hamel had a very innocent hobby which was to discover paintings or statues of sand-glasses in churches.  Sand-glasses depicted with or without wings are symbols of the time which passes. Sometimes one can find the personified Death (Knochenmann) with his scythe, too. Most of the time those symbols are stressed with the presence of a skull. All these adornments tend to remind mankind of its mortal condition.

Frauenburg

And I must admit that his ‘addiction’ is contagious since we are systematically looking for sand-glasses every time we visit churches after we left Lüneburg.

Poland: our first visit to this country was in 1986 and I must say that Poles have done tremendous efforts to modernize their country. Today it is very difficult to see any difference between Polish towns and any town in Western Europe in terms of modernity. Streets are clean, taxis are frequent and cheap, road surfaces are excellent, people are well dressed and cars are the same as ours. After travelling more than 2000 kilometers on Polish roads, one could only regret that there are not more motorways linking large towns. We have heard of a project to extend some of the existing motorways through private companies at the occasion of the next European Football championship together with Ukraine. This will imply toll payment for the vehicles using them.

Nicolas Copernicus: Copernicus is a brilliant scholar of the 15th century and belongs to the entire mankind like other scientists like Albert Einstein, Alexander Fleming or Marie Sklodowska-Curie. Their geniuses have no nationality. Thanks to Doctor Hamel, we have realized that this man was able to figure out the movement of the Earth around the Sun in opposition to the belief promoted by the Church. This was done without any real scientific instrument, just by pure reasoning and eye observation. Contrary to other scientists Copernicus was smart enough avoiding any kind of argumentation with the Church authorities who would have put him into difficulties and eventually an end to his astronomy research.

Frauenburg

Dr. Hamel never got tired in commenting Copernicus’ comprehensive studies. Whenever lecturing, either during our evening conversations or on the bus, his descriptions of scientific matters were put forward as simple as possible for a non expert audience.  Thanks to his steady explanations we are now much more knowledgeable on stars, shooting stars, black holes, dark matter, supernovae, nebulae, galaxies, asteroids, comets and such a difficult subject as parallax!

The guides: in each town we had the pleasure to make a tour of the city accompanied by a local guide. Just let me quote two particular experiences:

- We had been especially lucky with the tours offered at the Observatory of Thorn. As the initial guide was not available Mrs. Kern was able to obtain a replacement by no less than the director of the Observatory himself. So his visit was in English and Doctor Hamel was translating into German. Indeed who would have been more appropriate than the director himself?  I am sure that the quality of the visit was certainly superior to what it would have been had with any other normal guide.

- We were shown beautiful Krakau by the young lady Joanna. She was such a knowledgeable person and in addition had a perfect level of German. She guided us through the old town and castle and eventually the tour ended up in the Jewish quarter of Kazimierz. Joanna was brilliant and did her utmost to fill us in with cultural information:  Polish History, art, literature and Jewish culture.

The group: My wife and I are really grateful for the way people from the group were so nice with us. I must also insist on the punctuality that everyone displayed at every occasion and we never had to wait before leaving the hotel for a visit or for the travel to the next stop over.

Food: Mrs. Kern organized a number of dinners in town which distracted us from the usual international cuisine you find in hotels. In Thorn, for example we had a dinner in a very nice restaurant where we had a large room for us alone. In the next room, a pianist played some old French songs and American standards: the ambiance, the food, the music was really fantastic. The most remarkable occasion was a restaurant of the Jewish district of Krakau where we enjoyed not only the typical food but also the performance of three talented artists playing music from the Jewish folklore. At the Radisson Blu hotel in Warsaw, we also had a very nice dinner in a dining room for us alone with waiters just taking care of offering us with a glass of Sekt to begin with.

Being French of course means…. that we are hungry at noon and that we like to sit down and have a warm lunch. So every time when being on our own, we went out looking for local restaurants and local food. Our search for food was mixed with expectation and fear: fear not to be able to read the menu, because our Polish needs still SOME improvements. But French are courageous when food is concerned and needed.  Therefore we ventured into many small restaurants and were lucky. We loved the different krauts, Bigos and Pierogi and last not least cheese pancakes. At the end of the trip we became experts and for sure we look forward to a new journey to Poland in a near future.

Organization: As usual, the organization was perfect. Mrs. Kern showed her ability to improvise a constructive solution each time she faced the inconvenience of defecting guides or any other problem. The whole trip had been well thought in advance, taking care of limiting the time it took the bus to reach the next stop and the distance between towns were adjusted accordingly.  The fact that Mrs. Kern is able to deal with Poles in their own language is certainly a major asset.

Conclusion: My wife and I enjoyed this trip through Poland very much. The ambiance in the group was excellent, everybody talked to everybody; nobody was left alone. The visit of gorgeous places combined with the extended explanations given by Doctor Hamel on any scientific aspect of our trip was a tremendous benefit for each of us.

So again we are in the starting blocks for new adventures. As we know we will be heading for Berlin.

In der Salzmine von Wieliczka

Patrice de Laminne

Studienreise: Burgen im Deutschordenstaat Preußen (11.-19.9.2010)

Dienstag, 26. Oktober 2010

Von Agata Kern, Kulturreferentin für Ostpreußen am Ostpreußischen Landesmuseum

Himmel üeber Allenstein

Himmel über Allenstein / Olsztyn

Die vom Kulturreferat für Ostpreußen angebotenen Studienreisen erfreuen sich einer großen Beliebtheit. Sie vermitteln Kenntnisse über die Geschichte Ostpreußens, fördern grenzüberschreitende Kontakte und Begegnungen und haben meist Themenschwerpunkte zum Inhalt. Die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland und sogar aus dem europäischen Ausland.

2009 ging die Reise auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff anlässlich ihres 100. Geburtstages durch das nördliche und südliche Ostpreußen.

Dieses Jahr war das Thema: Burgen des Deutschen Ordens. Die wissenschaftliche Leitung der Reise hatte Malgorzata Jackiewicz-Garniec, polnische Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin, Autorin des Buches “Burgen im Deutschordensstaat Preußen”. Ihr Fachwissen beeindruckte die Teilnehmer.

Malgorzata Jackiewicz-Garniec und Joanna Demko (Dolmetscherin)

Die Reise begann mit der Besichtigung der größten gotischen Backsteinburg Europas in Malbork/Marienburg. Weitere Stationen der Reise waren unter anderem die Burgen in Kwidzyn/Marienwerder, Szymbark/Schönberg, Ostroda/Osterode, Nidzica/Neidenburg, Olsztyn/Allenstein und Reszel/Rössel.

Weitere Höhepunkte der Reise waren: Schifffahrt auf der Mauersee, Besuch im „Salon Marion Dönhoff“ in Galkowo, in dem anhand von Büchern, Ton- und Bilddokumenten den Besuchern das Leben und Werk von Marion Gräfin Dönhoff näher gebracht wird. Der Salon wird von Renate Marsch-Potocka, der langjährigen Korrespondentin der Nachrichtenagentur dpa, geführt.

Sehr bewegt hat die Teilnehmer die Besichtigung der ehemaligen Friedhofshalle „Bet Tahara“ (hebr. Haus der Reinigung) in Olsztyn/Allenstein. Das Haus wurde in den Jahren 1912-1913 nach den Plänen des weltberühmten deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn errichtet und ist eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse jüdischen Lebens im Ermland.

Es waren sehr intensive Reisetage mit vielen Eindrücken und warmherzigen Begegnungen.

Spaziergang in Schönberg / Szymbark

Spaziergang in Schönberg / Szymbark