Artikel-Schlagworte: „Ostpreußen“

Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen ab 1915

Freitag, 20. April 2018

Vortrag von Dr. Nils Aschenbeck am 18. April 2018
Der Architekturdozent und Journalist Dr. Nils Aschenbeck gab am Mittwochabend im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg einen ausführlichen Einblick in die Entstehungs- und Ursprungsgeschichte der Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen aus der Reformarchitektur, welche seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs den architektonischen Zeitgeist prägte.
Die Reformarchitektur, eine Geste des Protests gegen den Historismus, gegen Biedermeier, Schnörkel und alles, was vorgibt, etwas zu sein, das es gar nicht ist, wollte an erster Stelle eines: ein beginnendes Jahrhundert einleiten, das am absoluten Nullpunkt startet und organisch, naturbezogen und ehrlich wächst. Es sollte eine Architektur des Unbewussten sein, die örtliche Besonderheiten und Charakterzüge der ansässigen Menschen zur Grundlage nahm und keine große Planung oder Symmetrie anstrebte. Um 1900 wurden althergebrachte Werte umgewertet. Was bisher als Wahrheit galt, bezweifelte oder lehnte man gar ab. Neue Ideale und Wahrheiten wurden gesucht.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach und Ostpreußen zum Kriegsschauplatz wurde, übertrug sich angesichts zerstörter Städte die bis dato ungebrochene Begeisterung der deutschen Bevölkerung für den „Reformkrieg“ auch auf den Wunsch nach Wiederaufbau, nach einem besseren, neuen Aufbau der zerstörten Gebiete. Private wie öffentliche Gelder flossen nach Ostpreußen, eben nicht nur, um Zerstörtes auszubessern, sondern um Idealstädte zu formen – moderne, sachliche Orte bar aller scheinheiligen Verzierungen, die den Menschen angeblich krank machten. Dieser Modernisierungsschub für Ostpreußen führte gar dazu, dass Flüchtende späterer Jahre angesichts Westdeutschlands die Stirn runzelten und staunten, „wie provinziell hier doch alles sei“.

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Die Architektur des Wiederaufbaus ist ein wichtiges Stück ostpreußischer Kulturgeschichte, das nach der Niederlage 1918 bald verdrängt, nicht mehr beachtet und noch heute in architekturhistorischen Fachkreisen weitestgehend ignoriert wird. Auf die Reformarchitektur folgte schnell eine stark international ausgerichtete Architektur. Formen, Gebäude, die prinzipiell an jeden Fleck der Erde passen und eine Allgemeingültigkeit in sich tragen sollten. Nils Aschenbeck betonte, wie schade er dies finde. Denn es war eine avantgardistische Architektur, Symbol eines zuversichtlichen Schrittes Richtung Zukunft, die in den Jahren zwischen der Jahrhundertwende und dem Kriegsende entstand. Der Glaube daran, mit dem neuen Jahrhundert eine neue Architektur, ja: eine neue Gesellschaft, neue Kinder, neue, bessere Menschen in neuer Kleidung formen zu können, war stark und zuversichtlich. Diese neue Architektur sollte wieder bei den Wurzeln, bei der Natur anfangen, um rein von jeglichem Ballast sein zu können. Viele Loggien und Balkone lockten die Menschen an die Luft, dem Zeitalter der Tuberkuloseerkrankungen wollte man endgültig den Gar ausmachen. Vorhänge wurden in Häusern und Wohnungen der Reformarchitektur vergeblich gesucht – Sitzpolster galten bereits als Zugeständnis.
Obwohl auch im Museum auf ominöse Sitzpolsterungen verzichtet wird, war die Aufmerksamkeit der Zuhörer von Nils Aschenbecks Vortrag bis zum Ende ungebrochen und mündete zum Abschluss in einer angeregten Diskussionsrunde, in der Fragen geklärt und Erinnerungen an bestimmte Orte und ihre architektonischen Besonderheiten in Ostpreußen ausgetauscht werden konnten.

Svenja Szalla, Praktikantin

Bericht zur Lesung aus „Wolfsland“ von Arno Surminski

Montag, 26. März 2018

Svenja Szalla, Praktikantin

Arno Surminski war am Mittwochabend mit seinem erst 14 Tage jungen Erzählband „Wolfsland“ bei uns im Ostpreußischen Landesmuseum zu Gast. Für viele Lüneburger sind seine Lesungen inzwischen eine liebgewonnene, sich jährlich wiederholende Tradition. Bereits eine Stunde vor Beginn trafen die ersten Zuhörer ein, um sich Plätze in den vorderen Reihen zu sichern. Kulturreferentin Agata Kern führte durch den Abend, hob auch die ernste, traurige Kindheitsgeschichte des inzwischen 84-jährigen Autors hervor, dessen Eltern 1945 aus Ostpreußen verschleppt wurden und in einem russischen Lager starben, was Surminski erst Ende der 90er Jahre erfuhr. Die oft auch tragischen und ernsten Anteile der Geschichte Ostpreußens waren in den Erzählungen, die der Autor aus seinem neuen Buch las, ebenso vertreten wie die Zuversicht und der, auch in schweren Zeiten nicht versiegende, Humor des Volkes, das die Region zwischen Weichsel und Memel bewohnte.

Diesen Optimismus sinnbildlich wiederspiegelnd, hatte Surminski beschlossen, die Geschichten der Reihenfolge nach von ernst zu heiter werdend zu lesen. So schwangen persönliche Erinnerungen an das eigene Vertriebenwerden in der titelgebenden Erzählung „Wolfsland“ mit und auch die zweite Geschichte, „Dichtertreffen“, traf mitunter ironisch-tiefgehende Töne bei der Frage nach dem Erhalt des Gedankengutes des facettenreichen Volkes. Für allgemeine Heiterkeit sorgte die leicht spöttische, verblüffte Frage des Autors, der nach diesen zwei eher eindringlichen Erzählungen zu fröhlicheren Texten übergehen wollte: „Aber wo ist denn nun bloß das Heitere?“ Nach kurzem Suchen wurde er fündig – weiter ging es mit der „Masurischen Frömmigkeit“ und den Listen eines Pastors. Für seine deutschen wie auch masurischen Schäfchen verantwortlich, musste dieser nicht nur zweisprachig Gottes Wort verkünden, sondern auch Tricks und Kniffe anwenden, die Gemeinde in ihrer völkerübergreifenden Vorliebe für hochprozentige Getränke zu zügeln.

Arno Surminski während der Veranstaltung

Arno Surminski während der Veranstaltung

Viele seiner Geschichten sieht der Autor als Einladung, dem alten Ostpreußen, den masurischen Gepflogenheiten, der Wärme und selbstverständlichen Gastfreundschaft, die damals wie heute ungebrochen zu diesem Land der dunklen Wälder und stillen Seen gehört, einen Besuch abzustatten. Das Thema der deutsch-polnischen Aussöhnung beschäftigt Surminski seit jeher. Die Besinnung auf das gemeinsame geistige Kulturerbe ist ihm eine Herzensangelegenheit. Es gab diesen Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Religionen, die nicht nur friedlich beieinander lebten, sondern in ihrer Mannigfaltigkeit einen besonderen Geist, eine sich gegenseitig befruchtende Diversität, welche sich in Literatur, Bräuchen und Gedankengut niederschlug, ins Leben rief. Als ermunterndes Beispiel für das mögliche Gelingen einer sich vermischenden Gemeinschaft, sei Ostpreußen durchaus auch für heutige Tage ein bedenkenswertes Beispiel, befand der Autor mit einem feinen Lächeln.

Das Ostpreußische Landesmuseum zu Gast in der Domsaitis Galerie, Klaipeda/Memel in Litauen

Mittwoch, 18. Oktober 2017

von Dr. Jörn Barfod

Eine Malerlandschaft mit Licht und Raum und Wasser und Sonne – so beschrieb der Künstler Ernst Mollenhauer (1892-1963) die Kurische Nehrung. Er musste es wissen: Ein Vierteljahrhundert fast verbrachte der dort sein Leben und Arbeiten, im Zentrum der Künstlerkolonie Nidden. Der berühmte Hermann Blode wurde sein Schwiegervater und Mollenhauer übernahm das Hotel von ihm, das der Treffpunkt für die Künstler auf der Nehrung war. Neben vielen kulturellen initiativen verhalf er auch Thomas Mann zu seinem Sommerhaus in Nidden (heute Nida, Litauen).

In Erinnerung an die alte Künstlerkolonie Nidden und zum 125. Geburtstag des Malers Ernst Mollenhauer wurde am 6. Oktober in der Pranas-Domsaitis Galerie in Klaipeda/Memel eine Ausstellung mit Werken dieses ostpreußischen Expressionisten aus dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg eröffnet.

Dr. Jörn Barfod vom Ostpreußischen Landesmuseum eröffnet die Ausstellung in der Domsaitis Galerie

Dr. Jörn Barfod vom Ostpreußischen Landesmuseum eröffnet die Mollenhauer-Ausstellung in der Domsaitis Galeriei Klaipeda/Memel in Litauen

Das Ostpreußische Landesmuseum kann einen repräsentativen Querschnitt durch das malerische Werk Mollenhauers in Memel präsentieren, darunter auch drei der der absolut raren früheren Arbeiten. Der Künstler verlor 1945 fast sein gesamtes bis dahin geschaffenes Werk. Seine Tochter, Frau Maja Ehlermann-Mollenhauer, vermachte den künstlerischen Nachlass dem Ostpreußischen Landesmuseum.

Mollenhauers farbstarke Gemälde stellen den Betrachter ganz unvermittelt vor die Wucht der Naturgewalten, die den eigentümlichen Landstrich der Kurischen Nehrung prägen. Beispielhaft dafür prangt auf manchen Bildern die große Sonne. Diese kraftvolle Malerei, sein Markenzeichen, entwickelte der Künstler nach dem Studium an der Königsberger Kunstakademie bei Ludwig Dettmann und Arthur Degner auf der Kurischen Nehrung und in Begegnungen mit Max Pechstein weiter.

Ernst Mollenhauer: "Nehrungssonne"

Ernst Mollenhauer: "Nehrungssonne"

Nach der Flucht 1945 wurde Mollenhauer in Düsseldorf und Keitum/Sylt ansässig. Er schuf noch einmal das gewaltige Panorama der malerischen Welt Niddens neu. Seine Begeisterung für diese einzigartige Landschaft wusste er auch poetisch auszudrücken: „Nidden, du unvergessliches Wunderland! Wenn der Herbst seine Farben ausschüttete, dann warst du ein einziges Märchen, in dem Gott, der aus weitem Himmel zusah, den Menschen verzauberte, dann war Frieden, dann war Hohezeit, ein heiliges Lied zu singen, IHM zur Ehre.“

Besucher bei der Ausstellungseröffnung in der Galerie_Domsaitis

Besucher bei der Ausstellungseröffnung in der Galerie Domsaitis

Auch die Besucher der Vernissage in der Domsaitis-Galerie in Klaipeda/Memel spürten etwas von dieser besonderen Energie in der Malerei von Ernst Mollenhauer.

Hinter den Kulissen: Mein Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum

Mittwoch, 28. Dezember 2016

„Machen Sie Praktika, gehen Sie ins Ausland!“ – Diesen Rat eines Professors an der Uni befolgend, habe ich, Christina Ramsch, Studentin der Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg, mich vor einem Jahr entschieden, mir nach meinem vierten Semester Zeit zu nehmen, um Praktika zu absolvieren, denn: Nichts geht bekanntlich über Praxiserfahrung. Zum jetzigen Zeitpunkt befinde ich mich sozusagen auf der Schwelle zwischen den beiden Praktika, die mich in diesem Semester beschäftigen. Ich blicke zurück auf neun ereignis- und erfahrungsreiche Wochen im Ostpreußischen Landesmuseum und bin gleichzeitig gespannt auf weitere zehn Wochen Praktikum in der slowakischen Hauptstadt Bratislava.

Ankommen im Museum – von Irrungen und (Ent)wirrungen
Mein Praktikum habe ich unter der Anleitung von Silke Straatman in der von ihr geleiteten Abteilung Bildung und Vermittlung absolviert. Nach einem allseits äußerst freundlichen Empfang durch Silke Straatman und die übrigen Mitarbeiter, wurde sehr schnell deutlich: Der Zeitpunkt war günstig gewählt – „Es gibt Arbeit!“, wurde mir verkündet. Da ich motiviert war, möglichst viel zu erfahren und kennenzulernen, kam mir diese Tatsache natürlich entgegen. So boten bereits die ersten Tage reichlich Gelegenheit, mich einzubringen und aktiv zu werden. Und weil man ja bekanntlich am besten durch praktisches Arbeiten lernt („learning by doing“), verschwanden auch die anfänglichen kleinen Verwirrungen wie „Welches Büro gehört zu welchem Mitarbeiter?“, „Welcher Drucker ist gerade der Richtige?“ und „Ach ja, wo war nochmal der Aktionsraum?“ recht schnell.

Das neue Eingangsfoyer des Ostpreußischen Landesmuseums

Der Museumsmarkt 2016 – Wer? Wie? Wann? Und vor allem Was?
Anfang November stand der Museumsmarkt 2016 vor der Tür. Der Einblick in die Organisation dieser Veranstaltung bot mir einen aufschlussreichen Eindruck davon, wie ein solcher Markt koordiniert wird, was alles beachtet werden muss, wer involviert ist sowie viele weitere in die Planung zu integrierende Elemente. Ich selbst durfte mich mit der Organisation eines Gewinnspiels zugunsten des Museumskinderclubs befassen und mich anhand weiterer Aufgaben an der Umsetzung der Veranstaltung beteiligen. Dass der Museumsmarkt ein über mehrere Monate hinweg geplantes Ereignis ist, wurde mir spätestens zu dem Zeitpunkt bewusst, als ich bereits kurze Zeit nach der Veranstaltung die Akquise neuer Aussteller für den Museumsmarkt 2017 miterleben durfte.

Litauische Bernsteinkunst: Daiva Molyté und Audrius Lukauskas aus Nidden

Langeweile im Museum? Unmöglich! – Aufgabenvielfalt im Praktikum
Stand während der ersten Wochen des Praktikums noch unbestritten der Museumsmarkt im Zentrum der Aufmerksamkeit der Abteilung Bildung und Vermittlung, so prägten unterschiedlichste Themen und Aufgaben den zweiten Teil meiner Zeit im Museum. Hier nur ein kleiner Einblick:
Zum einen stand die Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Bernstein – Goldenes Fenster zu Vorzeit“ bevor. Jede Ausstellung, egal zu welchem Fachbereich gehörend, soll den unterschiedlichen Besuchern, ob jung oder alt, bestmöglich zugänglich gemacht werden. Im Rahmen der neuen Sonderausstellung wird daher ein kostenloses Quiz angeboten, welches Kindern ermöglicht, die Ausstellung eigenständig zu entdecken. Dieses Quiz zu erstellen gehörte zu meinen Aufgaben. Einen großen Teil meiner Zeit verwendete ich außerdem auf die Aktualisierung des Schulverteilers. Dieser ist relevant, damit das Museum bestmöglich mit den Schulen im näheren und weiteren Umkreis kommunizieren kann. Außerordentlich interessant waren für mich darüber hinaus die Treffen der Museumspädagoginnen in Lüneburg, bei denen ich Genaueres über die bestehenden Kooperationen zwischen den einzelnen Lüneburger Museen erfahren konnte. Ganz praktische Aspekte der museumspädagogischen Arbeit eröffneten sich mir schließlich während des Hospitierens bei einem Kindergeburtstag sowie beim Treffen des Kinderclubs im Museum als auch bei der Besprechung der Gestaltung neuer Räumlichkeiten für die Abteilung Bildung und Vermittlung.

Sonderausstellung: Bernstein - Goldenes Fenster zur Vorzeit

Besonders spannend waren für mich auch die Besprechungen zur Gestaltung der neuen Dauerausstellung, die zurzeit im Museum konzipiert wird. Diese Sitzungen haben mir einen kleinen Eindruck von all den Prozessen, unterschiedlichen Aufgaben und Personen vermittelt, die in ein solches Projekt integriert sind – ein Umfang und eine Komplexität, die ich mir zuvor nicht hätte vorstellen können.

Museum von A bis Z – Ein Resumée
Die vergangenen Monate waren für mich eine äußerst positive Zeit. Das hängt unter anderem mit der guten Arbeitsatmosphäre zusammen, die ich im Museum erleben durfte. Allen Mitarbeitern, aber insbesondere Silke Straatman habe ich es zu verdanken, dass ich mich dort sehr schnell wohl gefühlt habe. Es wurde mir sehr viel erklärt und gezeigt, ich konnte zudem jederzeit jede Frage stellen, die mir in den Sinn kam (und in zwei Monaten kommen da so einige Fragen zusammen!) und durfte bei einer Vielzahl von Terminen und Besprechungen anwesend sein, sodass das Praktikum immer abwechslungsreich blieb und keine Chance auf Langeweile bestand.

Insgesamt hatte ich somit eine äußerst aufschlussreiche Zeit im Ostpreußischen Landesmuseum, die mich um einige Erkenntnisse und Erfahrungen reicher gemacht hat. Eine Erkenntnis besteht sicherlich auch darin, dass zwei Monate nicht annähernd ausreichen, um auch nur eine Abteilung gänzlich kennenzulernen, aber ich bin überzeugt davon, dass ich einen intensiven Einblick in das Arbeitsfeld „Museum“, insbesondere in die Museumspädagogik, erhalten habe. Jetzt ist für mich jedenfalls klar: Ich werde mich auch in Zukunft im Zuge meines Studiums weiter in diese Richtung orientieren.

In diesem Sinne: Vielen Dank an das Museumsteam für diese spannende Zeit!

Praktikantin Christina Ramsch

Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht

Dienstag, 27. Dezember 2016

Ein Bericht von Christine von Brühl

Karminfarbener Verputz, bunt schimmernde Mosaiksteine, goldglänzende Sterne – das Innere des Mendelssohn-Hauses in Olsztyn wirkt wie aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Jahre haben die Mitstreiter der Stiftung Borussia darauf verwendet, dieses Kleinod wieder herzustellen. Aus der einstigen Bauruine der Leichenhalle des ehemaligen jüdischen Friedhofs ist ein stimmungsvoller Ort der Begegnung geworden.

Am 1. Dezember hatte ich die Freude, auf Einladung von Agata Kern vom Ostpreußischen Landesmuseum in diesem märchenhaften Ambiente mein Buch „Out of Adel“ vorzustellen. Es ist im Juni 2016 auf Polnisch unter dem Titel „Jak przestalam byc arystokratka“ im Verlag Dobra Literatura erschienen. Der Allensteiner Rundfunkjournalist Robert Lesinski unterstütze mich vor gut gefülltem Haus bei der Präsentation, Stiftungsvorsitzende Kornelia Kurowska begrüßte uns und stellte die Mitwirkenden vor.

Dr. Christine von Brühl, Robert Lesinski und Kornelia Kurowska (v.l.)

Nicht nur das Buch, auch die Geschichte meiner Familie stieß beim Publikum auf großes Interesse. Mein Großvater war bis 1934 Landrat in Allenstein, widersetzte sich als gläubiger Katholik den Nazis und wurde zur Strafe in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Meine Großmutter, geboren und aufgewachsen in Ostpreußen, wurde denunziert und kam ins Gefängnis. Beide Großeltern sowie drei ihrer vier Kinder – ein Sohn ist im Februar 1945 gefallen – konnten gegen Kriegsende fliehen und lebten in Westfalen. Sie sind nie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Dr. Christine von Brühl

Trotz dieser traurigen Ereignisse war das Wiedersehen mit Olsztyn ein freudiges Ereignis. Die Besucher der Lesung waren samt und sonders gut informiert und bewiesen Anteilnahme, Offenheit und Neugier. Zweifelsohne ist das auf das unermüdliche Engagement der Stiftung zurückzuführen. Tag für Tag beweist sie durch ihre Arbeit, welche kulturellen und ideellen Werte man aus der Vergangenheit schöpfen kann, sei sie auch noch so traurig. Einzelne Mitglieder der Stiftung stammen selbst aus Familien, die ihre Heimat nach dem Krieg verlassen mussten, wie beispielswiese aus der Gegend um Vilnius. Statt in Larmoyanz zu versinken, nutzen sie die historische Verbundenheit mit Ländern wie Litauen, Ukraine oder Deutschland, um einen regen internationalen Kulturaustausch zu pflegen. Sie schauen nach vorn und betrachten die geschichtlichen Ereignisse ihrer Region als Chance und Anlass zur Vielfalt. Das hat mich tief beeindruckt.

Seminarreise über die ostpreußische Literatur vom 20.-25.8. 2016

Montag, 14. November 2016

Ein Reisebericht von
Martin Maurach (Schlesische Universität in Opava / DAAD)

„Wir müssen herausfinden, ob es so etwas auch bei uns gibt“ oder: „Wir müssen so bald wie möglich wieder so eine Reise machen“: Wenn solche Äußerungen schon während eines Projektes fallen, spricht viel für sein Gelingen – und das war wohl auch der überwiegende Eindruck, mit dem die bunt gemischte Gruppe aus deutschen, österreichischen, polnischen und tschechischen Studierenden und Dozenten, von Anfang Zwanzig bis ins Seniorenalter, nach einer knappen Woche wieder auseinanderging – mit dem Wunsch: „Fortsetzung folgt!“ Das und der sehr gute, harmonische Verlauf sind vor allem der umsichtigen und hoch professionellen Reiseleitung von Seiten der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Agata Kern, zu verdanken.

Erster Höhepunkt der Reise war die Marienburg des Deutschen Ordens bei Malbork, ein lebendes Denkmal, da die gewaltige Anlage mit den über Jahrhunderte verteilten Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau gewissermaßen immer noch im Bau ist. Auf der Galerie der äußerlich viel bescheideneren Burg von Olsztyn / Allenstein zeigte sich später, dass weltbewegende Entdeckungen nicht immer einen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger brauchen: Kopernikus genügten die über Wände und Decke wandernden Lichtreflexe eines Wassergefäßes, um die scheinbare Bewegung der Sonne zu beschreiben.

Mit Nikolaus Kopernikus in Olsztyn/Allenstein

In Mragowo / Sensburg gab es eine Stadtführung mit einem Besuch des Ernst-Wiechert-Museums; die Struktur der im Kern mittelalterlichen Stadt war noch zu erkennen, ebenso die Spuren ihrer einst so einfachen wie wirkungsvollen Befestigung durch Verbindungsgräben zwischen mehreren Seen.

Vor dem Geburtshaus von Erich Mendelsohn in Olsztyn/Allenstein

Geschichte und Gegenwart der so oft als reaktionär verschrieenen ostpreußischen Adelsfamilien reichen bei den Dönhoffs und Lehndorffs allein im zwanzigsten Jahrhundert vom Widerstand gegen Hitler bis zur Begründung eines demokratisch-liberalen Journalismus und einer völkerverbindenden Publizistik in der Bundesrepublik. Das wurde beim Besuch des Marion Dönhoff Salons (Galkowo) im Gespräch mit Renate Marsch-Potocki deutlich. Quasi nebenan zeigte sich am Beispiel von Schloss Sztynort/Steinort aber auch, wie dramatisch die Lage mancher gerade noch als Ruinen erhaltener ehemaliger Adelssitze heute ist – ganz im Gegensatz zum grotesken Gruseltourismus, der in der Nachbarschaft aus rein kommerziellen Motiven in der ehemaligen ‚Wolfsschanze‘ betrieben wird.

Gespräch mit Renate Marsch-Potocki

In Ełk / Lyck erlebte die Gruppe mit Herrn Dr. Rafał Żytyniec ein sehr lebendiges Seminar zur Stadtgeschichte, zur Jugend von Siegfried Lenz in Lyck und zu einigen seiner Werke. Schauplatz war das im Entstehen begriffene Stadtmuseum mit einer künftigen Siegfried-Lenz-Abteilung. Themen waren unter anderem die Geschichtensammlung „So zärtlich war Suleyken“ und der Roman „Heimatmuseum“. Bei beiden ging es um den Bezug zur masurischen Region, ihre Stellung innerhalb der Heimat- und Erinnerungsliteratur, ihren Beitrag zur Aussöhnung mit der Geschichte und ihre Rezeption in verschiedenen Medien in Deutschland und Polen, u.a. im Film. Außerdem kamen interessante Details über Lenzens spätere Besuche in Ełk/Lyck und seine geistig-emotionale Wiederannäherung an seine Heimatstadt zur Sprache.
Von den beiden eingangs zitierten Aussprüchen galt der zweite der Planung einer neuen Reise auf den Spuren des Deutschen Ordens. Der erste bezog sich auf die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung Borussia, die wir in Olsztyn kennenlernten: internationale Begegnungen und Erziehung zur Toleranz vor allem für ehrenamtlich engagierte jüngere Menschen, Denkmal- und Grabpflege, Publikationen u.v.m.

Literaturseminar in Lyck Elk mit Dr.Rafal Zytyniec

Den Abschluss der Reise bildete noch ein herrlicher Tag in Gdańsk / Danzig, zur Hälfte den Spuren von Günter Grass, zur anderen der Altstadt gewidmet. Hätte die ganze Gruppe zugleich auf jener Bank zwischen den Skulpturen von Oskar Matzerath und seinem Schöpfer Platz gefunden, sie hätte die Gelegenheit auf jeden Fallgenutzt; so entstanden dafür viele einzelne Erinnerungsfotos.

Mit Günter Grass und Oskar Matzerath in Gdansk/Danzig

Nicht vergessen sei schließlich die wunderbare masurische Sommerlandschaft mit ihren Seen und Blumengärten, die für mich als Nachgeborenen sozusagen eine neu zu erbende Erinnerung darstellte und als literarische Inspirationsquelle glaubhaft wird.

Acryl-Malworkshop im neuen Kunst-Atelier

Donnerstag, 28. April 2016

Das neue lichtdurchflutete Kunst-Atelier im Ostpreußischen Landesmuseum ist künftig der Ort für Kunst und Kreativität. Beim ersten Malworkshop in den großzügigen Räumlichkeiten ging es um kunsthistorische Hintergründe und Maltechniken mit Acrylkünstlerfarben. Acrylfarben reiften im Laufe der Zeit in rasanten Entwicklungsschritten zu einem exzellenten Malmedium heran. Sie geben den Künstlern die variabelsten Ausdrucksmöglichkeiten: Lasierende Effekte wie bei der Aquarellmalerei, Spachteltechnik wie bei der Ölmalerei oder für Collagen und Assemblagen. Alles ist mit Acrylfarben möglich!

Während des Wochenendseminars mit der Künstlerin Elena Steinke wurden die fast unbegrenzten Möglichkeiten der vielfältigen Nutzung von Acrylfarben studiert und auf verschiedenen Malgründen ausprobiert. Elena Steinke ist 1964 in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg/Ostpreußen geboren. Sie studierte Kunst, Computergraphik und Design. Seit 2001 lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und Dozentin in Breklum / Nordfriesland. Sie hat an zahlreichen Ausstellungen in Museen und Galerien mitgewirkt.

Gemeinsames kreatives Schaffen mit begeisterten Teilnehmerinnen beim Acryl-Malworkshop können im Video angeschaut werden: https://youtu.be/bBeN5v7N2tk

Ostpreußen als Reiseland – vor 1945

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Ein Vortragsangebot von Dr. Christoph Hinkelmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ostpreußischen Landesmuseum

Seit der politischen Öffnung in Mitteleuropa sind die auf drei Staaten verteilten ostpreußischen Städte und Landschaften wieder zugänglich und ein interessantes Reiseziel geworden. Wieder – muss man erneut sagen, denn bereits vor dem Zweiten Weltkrieg spielte der Fremdenverkehr eine wesentliche wirtschaftliche Rolle in der damaligen Nordostecke Deutschlands.

Tourismuswerbung in den 1930er Jahren

Die Kurische Nehrung mit ihren Sanddünen war ein klassisches Reiseziel vor dem Zweiten Weltkrieg, Aufnahme 1940 (E. Schütz)

Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert begann man, andere Regionen und weiter entfernt liegende Orte wegen ihrer Geschichte, Bauwerke, Bibliotheken usw. zu besuchen. Diesen „Gelehrten-Reisen“ gesellten sich im 19. Jahrhundert Erholungsreisen hinzu, die zunehmend auch nach Ostpreußen führten. Der Erste Weltkrieg bildete eine Zäsur, doch in den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich der Tourismus zu einer wichtigen Einnahmequelle im geographisch abgetrennten und v.a. landwirtschaftlich geprägten Ostpreußen.

Städte und Regionen warben in Prospekten mit ihren jeweiligen Besonderheiten (Marienburg, 1930er Jahre)

Die Verkehrsinfrastruktur der Provinz war vielseitig und gut auf den Fremdenverkehr eingestellt.

Ostpreußen warb mit guter Infrastruktur, moderaten Preisen für Reisen im Land ebenso wie für Übernachtungen und deutschlandweit bekannten Reisezielen. Innerhalb des Landes gelangte man mit Kleinbahnen, der Kraftpost und anderen Omnibusverbindungen sowie dem PKW zum Ziel. Für letztere gab die Mineralölfirma Shell die besten Straßenkarten heraus. Zwölf Gebiete bildeten den Schwerpunkt der Reiseziele: das Weichselland, die Frische Nehrung, Stadt und Landkreis Königsberg, das Samland, die Kurische Nehrung, das Ermland, das Oberland, Masuren, das Pregeltal, der Nordosten, die Rominter Heide sowie die immer mitberücksichtige Freie Stadt Danzig. Ferner lockten die größeren und attraktiveren Städte mit ihren Besonderheiten und ihrem Umland ebenso wie wichtige Gedenkstätten, z.B. die Abstimmungsdenkmale oder das „Reichsehrenmal“ Tannenberg, die an die Kämpfe im und die Volksabstimmung nach dem Ersten Weltkrieg erinnerten, Bildungsreisende und  „Sommerfrischler“ in die entlegene Provinz. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs endete diese Epoche.

Auch der Tourismus in Ostpreußen blieb von der Politik und Propaganda nicht verschont. Nach dem "Wiederanschluss" des Memelgebiets im Frühjahr 1939 wurden die bis dahin verwendeten Prospekte kurzerhand einfach überdruckt.

Einen Vortrag über das Reiseland bzw. über andere landeskundliche Besonderheiten Ostpreußens vermittelt das Ostpreußische Landesmuseum bei Interesse (Dr. Christoph Hinkelmann, Tel. 04131 75995-19).

Ostpreußen für Anfänger: Eine Schulreise nach Polen im September 2015

Sonntag, 15. November 2015

Ein Reisebericht von Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Ostpreußen. Was ist das? Und gibt es das überhaupt noch? 15 Schülerinnen und Schüler des Hamburger Hansa-Kollegs, alle im Alter von 20 bis 30 Jahren, haben sich eine Woche lang, vom 21. bis zum 27. September 2015, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Kern, auf den Weg durch Polens Nordosten gemacht, um dieser Frage nachzugehen. Mehrere von ihnen kannten die Geschichten ihrer Großeltern, die ihnen von ihrer alten Heimat erzählt hatten. Aber keiner von ihnen hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde.

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Unsere Gruppe in Sensburg / Mragowo

Wir haben viel gesehen in dieser Woche: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Danzig brachte uns unser Bus nach Sensburg / Mragowo, wo wir zwei Tage Quartier bezogen haben. Der folgende Tag führte uns auf einer Rundfahrt durch das Herz des alten Ostpreußen: Masuren – mit seinen Seen und der barocken Klosteranlage von Heiligelinde, nach Rastenburg und die nahe gelegen Wolfsschanze; sowie am Ende des Tages zum Lehndorff-Schloss in Steinort. In den folgenden Tagen ging es weiter nach Allenstein / Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren; nach Frombork / Frauenburg am Frischen Haff; und schließlich über Marienburg / Malbork wieder nach Danzig / Gdansk, wo wir die letzten beiden Tage verbracht haben.

Doch war das wirklich Ostpreußen, was wir dort gesehen haben? Wir haben unterwegs viel über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte in diesem Landstrich gelernt, über die pruzzischen Ureinwohner, die Kolonisierung der Landschaft durch den Deutschen Orden, über die Entstehung des Königreichs Preußen und sein ambivalentes Verhältnis zu Polen; über die Teilungen Polens und seine Wiedergeburt nach dem 1. Weltkrieg; über Krieg, Judenvernichtung und Vertreibung der deutsche Bevölkerung im und nach dem 2. Weltkrieg; und schließlich, in Danzig, über das moderne Polen und die mutige Revolte der Solidarnosc-Bewegung, die Polen schließlich in die Demokratie geführt hat, die es heute ist.

Stadtführung_in_Allenstein_Olsztyn

Stadtführung in Allenstein / Olsztyn

Bruchstückhaft hatte wohl jeder von uns von dem einen oder anderen Aspekt dieser wechselvollen Geschichte schon einmal gehört. Aber erst im Laufe dieser Reise setzten sich die einzelnen Bruchstücke langsam zu einem Mosaik zusammen. Was wir unterwegs auf den ersten Blick sahen, war ein modernes Land, das offenbar längst wieder in Europa angekommen ist. Polen eben. Erst der Blick hinter die Kulissen, die zahlreichen Vorträge durch die polnischen Reiseführer, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat näher brachten, zeigte uns: So einfach ist das alles nicht. Viele der heutigen Bewohner Masurens und des Ermlandes haben ihre Wurzeln in der heutigen Ukraine oder in Litauen; viele der ehemaligen Bewohner haben heute Enkel, die in Deutschland leben und von der Heimat ihrer Großeltern kaum noch etwas wissen.

In Allenstein waren wir zu Gast bei der Stiftung Borussia, die in dem von ihr liebevoll restaurierten „Haus der Reinigung“ am ehemaligen jüdischen Friedhof residiert und sich die Bewahrung der Kulturschätze der Region zur Aufgabe gemacht hat. Man entdeckt die historischen Spuren in Polens Nordosten neu. Und dass es dabei nicht mehr um Nationalität geht, zeigten uns eindrucksvoll die deutschen und ukrainischen Mitarbeiter der Stiftung, die im polnischen Olsztyn in einem vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude arbeiten. Der Enthusiasmus gerade der jungen Mitarbeiter war so ansteckend, dass einzelne Schüler unserer Reisegruppe bereits darüber nachdenken, ob auch sie nach dem Abitur für ein Jahr als Praktikanten nach Olsztyn gehen wollen. Was die Frage nach „Ostpreußen“ angeht, hat die Stiftung eine geradezu salomonische Lösung gefunden, indem sie sich den von allen Nationalismen freien lateinischen Namen „Borussia“ gegeben hat.

Natürlich war bei etwas geschulterem Hinsehen die deutsche Geschichte der Landschaft dann doch nicht mehr übersehbar: Im guten Sinne in den zahllosen Backsteinkirchen und –burgen, prachtvollen Landsitzen (etwa in Cadinen bei Frauenburg) und Klöstern. Aber gleich nebenan steht eben auch die heute nur noch gespenstisch anmutende Bunkeranlage der Nazis in der Wolfsschanze bei Rastenburg; und unterhalb der phantastischen Kirchenburg von Frauenburg findet man dann, fast unscheinbar im Park, einen Gedenkstein, der an die massenhafte Flucht über das Frische Haff am Ende des 2. Weltkriegs erinnert. Die friedliche Ostsee – vor 70 Jahren das Grab für zahllose Flüchtlinge. Man kann nicht anders, als an diejenigen zu denken, die heute auf der Flucht vor dem Krieg verzweifelt den Weg über das Mittelmeer wählen.

Das idyllische Frauenburg mit seiner mächtigen Kirche war zugleich die Wirkungsstätte des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet ist. Der Astronom, der die Erde aus dem Zentrum des Weltalls nahm und der Menschheit gezeigt hat, wo tatsächlich ihr Platz im Universum ist. Ein Frage, die nun wahrhaftig weit jenseits aller Fragen der Nationalität steht. Und so ist die Frage, ob er denn nun Deutscher oder Pole gewesen sei, eine, die Kopernikus, der sich selbst mit lateinischem Namen benannte, vermutlich gar nicht verstanden hätte. Er war Allensteiner, oder Frauenburger – oder einfach: Europäer.

Danzig am Ende: Was für eine phantastische Metropole! Das Wetter meinte es wie immer gut mit uns. In der Abendsonne unseres Ankunftstages empfing uns die liebevoll und akribisch wieder aufgebaute Altstadt  in ihrer ganzen Lebendigkeit und all ihrem Glanz! Es war ein großes Glück, dass vor 70 Jahren offenbar niemand daran gezweifelt hat, dass man diese Altstadt, in der am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, wiederaufbauen müsse, wie sie eben war: deutsch, polnisch, hanseatisch.

Und Solidarnosc am Ende: Nach all den Exkursen in eine mehr oder weniger fern liegende Vergangenheit gab es dann den Besuch im nagelneuen und wirklich eindrucksvoll gelungenen Europäischen Solidarnosc-Zentrum. Wem von uns deutschen Besuchern, gerade unter den jüngeren, ist eigentlich noch wirklich bewusst, wo das alles begann, was vor genau 25 Jahren den Deutschen ihre Einheit bescherte? Der Aufbruch Ostmitteleuropas in die Freiheit und der schwere Weg dorthin sind in diesem neuen Museum mit Händen zu greifen. Und hier wird einem plötzlich bewusst, dass es nicht zuletzt der Mut der Danziger Werftarbeiter war, der es uns Norddeutschen heute ermöglicht, über eine offene Grenze zu unseren Nachbarn nach Polen zu reisen.

Steinort_Sztynort

Steinort / Sztynort

Ostpreußen, Borussia, Ermland-Masuren, Polen. Eine bis zur Unübersichtlichkeit wechselvolle, aber spannende Geschichte, eine wunderschöne Landschaft, großartige Städte. Wo die Großeltern nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs fliehen mussten, dürfen wir heute ungehindert unser östliches Nachbarland bereisen, das viele von uns immer noch viel zu wenig kennen. Aber daran haben wir jetzt ja wenigstens ein bisschen was geändert …

Wir danken dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseums, das uns diese Reise ermöglichst hat; und wir danken wieder einmal ganz besonders Agata Kern, die uns nun schon zum dritten Mal auf einer große Reise begleitet und auch diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Unverdrossen gegen das Schicksal

Samstag, 16. November 2013

Neuzugang von Klaus Seelenmeyer erreicht OL

Klaus Seelenmeyer, geboren in Elbing 1918, war ein Mensch, der sich nicht aufdrängte, durch seine intensive Ausdrucksweise seiner Plastiken, Gemälde und Grafiken sich aber stets Aufmerksamkeit verschaffte.

Seine künstlerische Ausbildung mit dem Schwerpunkt Bildhauerei erhielt er, nach schwerer Kriegsverwundung, ab 1941 an der Königsberger Kunstakademie bei Hans Wissel. Malerei und Grafik spielen in seinem Leben später eine zunehmende Rolle.

Klaus Seelenmeyer, 1953

Klaus Seelenmeyer, 1953

Die Flucht führte Seelenmeyer 1945 zunächst nach Grainau/Oberbayern, ab 1949 war er mit seiner Familie in Lüneburg ansässig. Hier bezog er 1953 Arbeitsräume in der neu errichteten ostdeutschen Akademie und wirkte dort als Dozent bis 1956. Anschließend war er lange Kunstpädagoge am Gymnasium Johanneum. Später wohnte Seelenmeyer im Landkreis Lüneburg. Er starb 2010.

Seelenmeyers Werk umfasst viele Bereiche, von der Plastik in Stein, Metall, Ton und Holz über Malerei bis zur Grafik und angewandten Kunst. Er entwarf Denkmäler und architekturgebundene Kunstgestaltungen und führte sie auch aus. Die Inhalte seiner Werke sprechen von seiner tiefen Religiosität und einer Weltsicht, die den Menschen im Mittelpunkt hatte.

In seinen Gemälden und Grafiken brachte Seelenmeyer immer wieder die düsteren Zeitumstände und Erlebnisse des Krieges und der Nachkriegszeit zum Ausdruck. Auch dieses aus der Familie stammende Gemälde ist ein charakteristisches Beispiel dafür: Don Quichote und sein Begleiter Sancho Pansa reiten durch einen Hohlweg in einem düsteren Wald auf die Richtung zu, in der durch alles Dunkle doch die Sonne hindurch scheint.

Klaus Seelenmeyer: Don Quichote, 1957

Klaus Seelenmeyer: Don Quichote, 1957

Das Bild mag symbolisch für den Maler selbst stehen: gegen alles Unglück hat er sich doch immer wieder aufgerafft und mit den vorhandenen Möglichkeiten weiter gearbeitet. So musste er nach seiner schweren Verwundung des rechten Armes fast alles auf die linke Hand umlernen – für einen bildenden Künstler vermutlich besonders schwer. Nach der Flucht aus Ostpreußen 1945 musste er unter ärmlichsten Verhältnissen einen Neuanfang beginnen, wenige Jahre danach noch einmal in Lüneburg. Im Entstehungsjahr des Gemäldes hatte Seelenmeyer eben mit der Anstellung als Lehrer eine Position gefunden, die etwas dauerhafter zu sein schien und für die wachsende Familie ein wenig Sicherheit bot.

Das Gemälde steht für ein Schicksal eines heimatvertriebenen Ostpreußen, der in Lüneburg sich eine sehr beachtete Existenz aufbaute und durch sein Engagement in der Jugendarbeit sowie eine Tätigkeit als Ratsherr Bedeutung für die Geschichte der Stadt erlangte.

“Don Quichote” ist eine neue Dauerleihgabe für das Museum – für Besucher ist es vorraussichtlich nach dem Umbau 2015 zugänglich.