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Hinter den Kulissen: Mein Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum

Mittwoch, 28. Dezember 2016

„Machen Sie Praktika, gehen Sie ins Ausland!“ – Diesen Rat eines Professors an der Uni befolgend, habe ich, Christina Ramsch, Studentin der Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg, mich vor einem Jahr entschieden, mir nach meinem vierten Semester Zeit zu nehmen, um Praktika zu absolvieren, denn: Nichts geht bekanntlich über Praxiserfahrung. Zum jetzigen Zeitpunkt befinde ich mich sozusagen auf der Schwelle zwischen den beiden Praktika, die mich in diesem Semester beschäftigen. Ich blicke zurück auf neun ereignis- und erfahrungsreiche Wochen im Ostpreußischen Landesmuseum und bin gleichzeitig gespannt auf weitere zehn Wochen Praktikum in der slowakischen Hauptstadt Bratislava.

Ankommen im Museum – von Irrungen und (Ent)wirrungen
Mein Praktikum habe ich unter der Anleitung von Silke Straatman in der von ihr geleiteten Abteilung Bildung und Vermittlung absolviert. Nach einem allseits äußerst freundlichen Empfang durch Silke Straatman und die übrigen Mitarbeiter, wurde sehr schnell deutlich: Der Zeitpunkt war günstig gewählt – „Es gibt Arbeit!“, wurde mir verkündet. Da ich motiviert war, möglichst viel zu erfahren und kennenzulernen, kam mir diese Tatsache natürlich entgegen. So boten bereits die ersten Tage reichlich Gelegenheit, mich einzubringen und aktiv zu werden. Und weil man ja bekanntlich am besten durch praktisches Arbeiten lernt („learning by doing“), verschwanden auch die anfänglichen kleinen Verwirrungen wie „Welches Büro gehört zu welchem Mitarbeiter?“, „Welcher Drucker ist gerade der Richtige?“ und „Ach ja, wo war nochmal der Aktionsraum?“ recht schnell.

Das neue Eingangsfoyer des Ostpreußischen Landesmuseums

Der Museumsmarkt 2016 – Wer? Wie? Wann? Und vor allem Was?
Anfang November stand der Museumsmarkt 2016 vor der Tür. Der Einblick in die Organisation dieser Veranstaltung bot mir einen aufschlussreichen Eindruck davon, wie ein solcher Markt koordiniert wird, was alles beachtet werden muss, wer involviert ist sowie viele weitere in die Planung zu integrierende Elemente. Ich selbst durfte mich mit der Organisation eines Gewinnspiels zugunsten des Museumskinderclubs befassen und mich anhand weiterer Aufgaben an der Umsetzung der Veranstaltung beteiligen. Dass der Museumsmarkt ein über mehrere Monate hinweg geplantes Ereignis ist, wurde mir spätestens zu dem Zeitpunkt bewusst, als ich bereits kurze Zeit nach der Veranstaltung die Akquise neuer Aussteller für den Museumsmarkt 2017 miterleben durfte.

Litauische Bernsteinkunst: Daiva Molyté und Audrius Lukauskas aus Nidden

Langeweile im Museum? Unmöglich! – Aufgabenvielfalt im Praktikum
Stand während der ersten Wochen des Praktikums noch unbestritten der Museumsmarkt im Zentrum der Aufmerksamkeit der Abteilung Bildung und Vermittlung, so prägten unterschiedlichste Themen und Aufgaben den zweiten Teil meiner Zeit im Museum. Hier nur ein kleiner Einblick:
Zum einen stand die Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Bernstein – Goldenes Fenster zu Vorzeit“ bevor. Jede Ausstellung, egal zu welchem Fachbereich gehörend, soll den unterschiedlichen Besuchern, ob jung oder alt, bestmöglich zugänglich gemacht werden. Im Rahmen der neuen Sonderausstellung wird daher ein kostenloses Quiz angeboten, welches Kindern ermöglicht, die Ausstellung eigenständig zu entdecken. Dieses Quiz zu erstellen gehörte zu meinen Aufgaben. Einen großen Teil meiner Zeit verwendete ich außerdem auf die Aktualisierung des Schulverteilers. Dieser ist relevant, damit das Museum bestmöglich mit den Schulen im näheren und weiteren Umkreis kommunizieren kann. Außerordentlich interessant waren für mich darüber hinaus die Treffen der Museumspädagoginnen in Lüneburg, bei denen ich Genaueres über die bestehenden Kooperationen zwischen den einzelnen Lüneburger Museen erfahren konnte. Ganz praktische Aspekte der museumspädagogischen Arbeit eröffneten sich mir schließlich während des Hospitierens bei einem Kindergeburtstag sowie beim Treffen des Kinderclubs im Museum als auch bei der Besprechung der Gestaltung neuer Räumlichkeiten für die Abteilung Bildung und Vermittlung.

Sonderausstellung: Bernstein - Goldenes Fenster zur Vorzeit

Besonders spannend waren für mich auch die Besprechungen zur Gestaltung der neuen Dauerausstellung, die zurzeit im Museum konzipiert wird. Diese Sitzungen haben mir einen kleinen Eindruck von all den Prozessen, unterschiedlichen Aufgaben und Personen vermittelt, die in ein solches Projekt integriert sind – ein Umfang und eine Komplexität, die ich mir zuvor nicht hätte vorstellen können.

Museum von A bis Z – Ein Resumée
Die vergangenen Monate waren für mich eine äußerst positive Zeit. Das hängt unter anderem mit der guten Arbeitsatmosphäre zusammen, die ich im Museum erleben durfte. Allen Mitarbeitern, aber insbesondere Silke Straatman habe ich es zu verdanken, dass ich mich dort sehr schnell wohl gefühlt habe. Es wurde mir sehr viel erklärt und gezeigt, ich konnte zudem jederzeit jede Frage stellen, die mir in den Sinn kam (und in zwei Monaten kommen da so einige Fragen zusammen!) und durfte bei einer Vielzahl von Terminen und Besprechungen anwesend sein, sodass das Praktikum immer abwechslungsreich blieb und keine Chance auf Langeweile bestand.

Insgesamt hatte ich somit eine äußerst aufschlussreiche Zeit im Ostpreußischen Landesmuseum, die mich um einige Erkenntnisse und Erfahrungen reicher gemacht hat. Eine Erkenntnis besteht sicherlich auch darin, dass zwei Monate nicht annähernd ausreichen, um auch nur eine Abteilung gänzlich kennenzulernen, aber ich bin überzeugt davon, dass ich einen intensiven Einblick in das Arbeitsfeld „Museum“, insbesondere in die Museumspädagogik, erhalten habe. Jetzt ist für mich jedenfalls klar: Ich werde mich auch in Zukunft im Zuge meines Studiums weiter in diese Richtung orientieren.

In diesem Sinne: Vielen Dank an das Museumsteam für diese spannende Zeit!

Praktikantin Christina Ramsch

Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht

Dienstag, 27. Dezember 2016

Ein Bericht von Christine von Brühl

Karminfarbener Verputz, bunt schimmernde Mosaiksteine, goldglänzende Sterne – das Innere des Mendelssohn-Hauses in Olsztyn wirkt wie aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Jahre haben die Mitstreiter der Stiftung Borussia darauf verwendet, dieses Kleinod wieder herzustellen. Aus der einstigen Bauruine der Leichenhalle des ehemaligen jüdischen Friedhofs ist ein stimmungsvoller Ort der Begegnung geworden.

Am 1. Dezember hatte ich die Freude, auf Einladung von Agata Kern vom Ostpreußischen Landesmuseum in diesem märchenhaften Ambiente mein Buch „Out of Adel“ vorzustellen. Es ist im Juni 2016 auf Polnisch unter dem Titel „Jak przestalam byc arystokratka“ im Verlag Dobra Literatura erschienen. Der Allensteiner Rundfunkjournalist Robert Lesinski unterstütze mich vor gut gefülltem Haus bei der Präsentation, Stiftungsvorsitzende Kornelia Kurowska begrüßte uns und stellte die Mitwirkenden vor.

Dr. Christine von Brühl, Robert Lesinski und Kornelia Kurowska (v.l.)

Nicht nur das Buch, auch die Geschichte meiner Familie stieß beim Publikum auf großes Interesse. Mein Großvater war bis 1934 Landrat in Allenstein, widersetzte sich als gläubiger Katholik den Nazis und wurde zur Strafe in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Meine Großmutter, geboren und aufgewachsen in Ostpreußen, wurde denunziert und kam ins Gefängnis. Beide Großeltern sowie drei ihrer vier Kinder – ein Sohn ist im Februar 1945 gefallen – konnten gegen Kriegsende fliehen und lebten in Westfalen. Sie sind nie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Dr. Christine von Brühl

Trotz dieser traurigen Ereignisse war das Wiedersehen mit Olsztyn ein freudiges Ereignis. Die Besucher der Lesung waren samt und sonders gut informiert und bewiesen Anteilnahme, Offenheit und Neugier. Zweifelsohne ist das auf das unermüdliche Engagement der Stiftung zurückzuführen. Tag für Tag beweist sie durch ihre Arbeit, welche kulturellen und ideellen Werte man aus der Vergangenheit schöpfen kann, sei sie auch noch so traurig. Einzelne Mitglieder der Stiftung stammen selbst aus Familien, die ihre Heimat nach dem Krieg verlassen mussten, wie beispielswiese aus der Gegend um Vilnius. Statt in Larmoyanz zu versinken, nutzen sie die historische Verbundenheit mit Ländern wie Litauen, Ukraine oder Deutschland, um einen regen internationalen Kulturaustausch zu pflegen. Sie schauen nach vorn und betrachten die geschichtlichen Ereignisse ihrer Region als Chance und Anlass zur Vielfalt. Das hat mich tief beeindruckt.

Seminarreise über die ostpreußische Literatur vom 20.-25.8. 2016

Montag, 14. November 2016

Ein Reisebericht von
Martin Maurach (Schlesische Universität in Opava / DAAD)

„Wir müssen herausfinden, ob es so etwas auch bei uns gibt“ oder: „Wir müssen so bald wie möglich wieder so eine Reise machen“: Wenn solche Äußerungen schon während eines Projektes fallen, spricht viel für sein Gelingen – und das war wohl auch der überwiegende Eindruck, mit dem die bunt gemischte Gruppe aus deutschen, österreichischen, polnischen und tschechischen Studierenden und Dozenten, von Anfang Zwanzig bis ins Seniorenalter, nach einer knappen Woche wieder auseinanderging – mit dem Wunsch: „Fortsetzung folgt!“ Das und der sehr gute, harmonische Verlauf sind vor allem der umsichtigen und hoch professionellen Reiseleitung von Seiten der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Agata Kern, zu verdanken.

Erster Höhepunkt der Reise war die Marienburg des Deutschen Ordens bei Malbork, ein lebendes Denkmal, da die gewaltige Anlage mit den über Jahrhunderte verteilten Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau gewissermaßen immer noch im Bau ist. Auf der Galerie der äußerlich viel bescheideneren Burg von Olsztyn / Allenstein zeigte sich später, dass weltbewegende Entdeckungen nicht immer einen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger brauchen: Kopernikus genügten die über Wände und Decke wandernden Lichtreflexe eines Wassergefäßes, um die scheinbare Bewegung der Sonne zu beschreiben.

Mit Nikolaus Kopernikus in Olsztyn/Allenstein

In Mragowo / Sensburg gab es eine Stadtführung mit einem Besuch des Ernst-Wiechert-Museums; die Struktur der im Kern mittelalterlichen Stadt war noch zu erkennen, ebenso die Spuren ihrer einst so einfachen wie wirkungsvollen Befestigung durch Verbindungsgräben zwischen mehreren Seen.

Vor dem Geburtshaus von Erich Mendelsohn in Olsztyn/Allenstein

Geschichte und Gegenwart der so oft als reaktionär verschrieenen ostpreußischen Adelsfamilien reichen bei den Dönhoffs und Lehndorffs allein im zwanzigsten Jahrhundert vom Widerstand gegen Hitler bis zur Begründung eines demokratisch-liberalen Journalismus und einer völkerverbindenden Publizistik in der Bundesrepublik. Das wurde beim Besuch des Marion Dönhoff Salons (Galkowo) im Gespräch mit Renate Marsch-Potocki deutlich. Quasi nebenan zeigte sich am Beispiel von Schloss Sztynort/Steinort aber auch, wie dramatisch die Lage mancher gerade noch als Ruinen erhaltener ehemaliger Adelssitze heute ist – ganz im Gegensatz zum grotesken Gruseltourismus, der in der Nachbarschaft aus rein kommerziellen Motiven in der ehemaligen ‚Wolfsschanze‘ betrieben wird.

Gespräch mit Renate Marsch-Potocki

In Ełk / Lyck erlebte die Gruppe mit Herrn Dr. Rafał Żytyniec ein sehr lebendiges Seminar zur Stadtgeschichte, zur Jugend von Siegfried Lenz in Lyck und zu einigen seiner Werke. Schauplatz war das im Entstehen begriffene Stadtmuseum mit einer künftigen Siegfried-Lenz-Abteilung. Themen waren unter anderem die Geschichtensammlung „So zärtlich war Suleyken“ und der Roman „Heimatmuseum“. Bei beiden ging es um den Bezug zur masurischen Region, ihre Stellung innerhalb der Heimat- und Erinnerungsliteratur, ihren Beitrag zur Aussöhnung mit der Geschichte und ihre Rezeption in verschiedenen Medien in Deutschland und Polen, u.a. im Film. Außerdem kamen interessante Details über Lenzens spätere Besuche in Ełk/Lyck und seine geistig-emotionale Wiederannäherung an seine Heimatstadt zur Sprache.
Von den beiden eingangs zitierten Aussprüchen galt der zweite der Planung einer neuen Reise auf den Spuren des Deutschen Ordens. Der erste bezog sich auf die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung Borussia, die wir in Olsztyn kennenlernten: internationale Begegnungen und Erziehung zur Toleranz vor allem für ehrenamtlich engagierte jüngere Menschen, Denkmal- und Grabpflege, Publikationen u.v.m.

Literaturseminar in Lyck Elk mit Dr.Rafal Zytyniec

Den Abschluss der Reise bildete noch ein herrlicher Tag in Gdańsk / Danzig, zur Hälfte den Spuren von Günter Grass, zur anderen der Altstadt gewidmet. Hätte die ganze Gruppe zugleich auf jener Bank zwischen den Skulpturen von Oskar Matzerath und seinem Schöpfer Platz gefunden, sie hätte die Gelegenheit auf jeden Fallgenutzt; so entstanden dafür viele einzelne Erinnerungsfotos.

Mit Günter Grass und Oskar Matzerath in Gdansk/Danzig

Nicht vergessen sei schließlich die wunderbare masurische Sommerlandschaft mit ihren Seen und Blumengärten, die für mich als Nachgeborenen sozusagen eine neu zu erbende Erinnerung darstellte und als literarische Inspirationsquelle glaubhaft wird.

Acryl-Malworkshop im neuen Kunst-Atelier

Donnerstag, 28. April 2016

Das neue lichtdurchflutete Kunst-Atelier im Ostpreußischen Landesmuseum ist künftig der Ort für Kunst und Kreativität. Beim ersten Malworkshop in den großzügigen Räumlichkeiten ging es um kunsthistorische Hintergründe und Maltechniken mit Acrylkünstlerfarben. Acrylfarben reiften im Laufe der Zeit in rasanten Entwicklungsschritten zu einem exzellenten Malmedium heran. Sie geben den Künstlern die variabelsten Ausdrucksmöglichkeiten: Lasierende Effekte wie bei der Aquarellmalerei, Spachteltechnik wie bei der Ölmalerei oder für Collagen und Assemblagen. Alles ist mit Acrylfarben möglich!

Während des Wochenendseminars mit der Künstlerin Elena Steinke wurden die fast unbegrenzten Möglichkeiten der vielfältigen Nutzung von Acrylfarben studiert und auf verschiedenen Malgründen ausprobiert. Elena Steinke ist 1964 in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg/Ostpreußen geboren. Sie studierte Kunst, Computergraphik und Design. Seit 2001 lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und Dozentin in Breklum / Nordfriesland. Sie hat an zahlreichen Ausstellungen in Museen und Galerien mitgewirkt.

Gemeinsames kreatives Schaffen mit begeisterten Teilnehmerinnen beim Acryl-Malworkshop können im Video angeschaut werden: https://youtu.be/bBeN5v7N2tk

Ostpreußen als Reiseland – vor 1945

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Ein Vortragsangebot von Dr. Christoph Hinkelmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ostpreußischen Landesmuseum

Seit der politischen Öffnung in Mitteleuropa sind die auf drei Staaten verteilten ostpreußischen Städte und Landschaften wieder zugänglich und ein interessantes Reiseziel geworden. Wieder – muss man erneut sagen, denn bereits vor dem Zweiten Weltkrieg spielte der Fremdenverkehr eine wesentliche wirtschaftliche Rolle in der damaligen Nordostecke Deutschlands.

Tourismuswerbung in den 1930er Jahren

Die Kurische Nehrung mit ihren Sanddünen war ein klassisches Reiseziel vor dem Zweiten Weltkrieg, Aufnahme 1940 (E. Schütz)

Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert begann man, andere Regionen und weiter entfernt liegende Orte wegen ihrer Geschichte, Bauwerke, Bibliotheken usw. zu besuchen. Diesen „Gelehrten-Reisen“ gesellten sich im 19. Jahrhundert Erholungsreisen hinzu, die zunehmend auch nach Ostpreußen führten. Der Erste Weltkrieg bildete eine Zäsur, doch in den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich der Tourismus zu einer wichtigen Einnahmequelle im geographisch abgetrennten und v.a. landwirtschaftlich geprägten Ostpreußen.

Städte und Regionen warben in Prospekten mit ihren jeweiligen Besonderheiten (Marienburg, 1930er Jahre)

Die Verkehrsinfrastruktur der Provinz war vielseitig und gut auf den Fremdenverkehr eingestellt.

Ostpreußen warb mit guter Infrastruktur, moderaten Preisen für Reisen im Land ebenso wie für Übernachtungen und deutschlandweit bekannten Reisezielen. Innerhalb des Landes gelangte man mit Kleinbahnen, der Kraftpost und anderen Omnibusverbindungen sowie dem PKW zum Ziel. Für letztere gab die Mineralölfirma Shell die besten Straßenkarten heraus. Zwölf Gebiete bildeten den Schwerpunkt der Reiseziele: das Weichselland, die Frische Nehrung, Stadt und Landkreis Königsberg, das Samland, die Kurische Nehrung, das Ermland, das Oberland, Masuren, das Pregeltal, der Nordosten, die Rominter Heide sowie die immer mitberücksichtige Freie Stadt Danzig. Ferner lockten die größeren und attraktiveren Städte mit ihren Besonderheiten und ihrem Umland ebenso wie wichtige Gedenkstätten, z.B. die Abstimmungsdenkmale oder das „Reichsehrenmal“ Tannenberg, die an die Kämpfe im und die Volksabstimmung nach dem Ersten Weltkrieg erinnerten, Bildungsreisende und  „Sommerfrischler“ in die entlegene Provinz. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs endete diese Epoche.

Auch der Tourismus in Ostpreußen blieb von der Politik und Propaganda nicht verschont. Nach dem "Wiederanschluss" des Memelgebiets im Frühjahr 1939 wurden die bis dahin verwendeten Prospekte kurzerhand einfach überdruckt.

Einen Vortrag über das Reiseland bzw. über andere landeskundliche Besonderheiten Ostpreußens vermittelt das Ostpreußische Landesmuseum bei Interesse (Dr. Christoph Hinkelmann, Tel. 04131 75995-19).

Ostpreußen für Anfänger: Eine Schulreise nach Polen im September 2015

Sonntag, 15. November 2015

Ein Reisebericht von Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Ostpreußen. Was ist das? Und gibt es das überhaupt noch? 15 Schülerinnen und Schüler des Hamburger Hansa-Kollegs, alle im Alter von 20 bis 30 Jahren, haben sich eine Woche lang, vom 21. bis zum 27. September 2015, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Kern, auf den Weg durch Polens Nordosten gemacht, um dieser Frage nachzugehen. Mehrere von ihnen kannten die Geschichten ihrer Großeltern, die ihnen von ihrer alten Heimat erzählt hatten. Aber keiner von ihnen hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde.

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Unsere Gruppe in Sensburg / Mragowo

Wir haben viel gesehen in dieser Woche: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Danzig brachte uns unser Bus nach Sensburg / Mragowo, wo wir zwei Tage Quartier bezogen haben. Der folgende Tag führte uns auf einer Rundfahrt durch das Herz des alten Ostpreußen: Masuren – mit seinen Seen und der barocken Klosteranlage von Heiligelinde, nach Rastenburg und die nahe gelegen Wolfsschanze; sowie am Ende des Tages zum Lehndorff-Schloss in Steinort. In den folgenden Tagen ging es weiter nach Allenstein / Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren; nach Frombork / Frauenburg am Frischen Haff; und schließlich über Marienburg / Malbork wieder nach Danzig / Gdansk, wo wir die letzten beiden Tage verbracht haben.

Doch war das wirklich Ostpreußen, was wir dort gesehen haben? Wir haben unterwegs viel über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte in diesem Landstrich gelernt, über die pruzzischen Ureinwohner, die Kolonisierung der Landschaft durch den Deutschen Orden, über die Entstehung des Königreichs Preußen und sein ambivalentes Verhältnis zu Polen; über die Teilungen Polens und seine Wiedergeburt nach dem 1. Weltkrieg; über Krieg, Judenvernichtung und Vertreibung der deutsche Bevölkerung im und nach dem 2. Weltkrieg; und schließlich, in Danzig, über das moderne Polen und die mutige Revolte der Solidarnosc-Bewegung, die Polen schließlich in die Demokratie geführt hat, die es heute ist.

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Stadtführung in Allenstein / Olsztyn

Bruchstückhaft hatte wohl jeder von uns von dem einen oder anderen Aspekt dieser wechselvollen Geschichte schon einmal gehört. Aber erst im Laufe dieser Reise setzten sich die einzelnen Bruchstücke langsam zu einem Mosaik zusammen. Was wir unterwegs auf den ersten Blick sahen, war ein modernes Land, das offenbar längst wieder in Europa angekommen ist. Polen eben. Erst der Blick hinter die Kulissen, die zahlreichen Vorträge durch die polnischen Reiseführer, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat näher brachten, zeigte uns: So einfach ist das alles nicht. Viele der heutigen Bewohner Masurens und des Ermlandes haben ihre Wurzeln in der heutigen Ukraine oder in Litauen; viele der ehemaligen Bewohner haben heute Enkel, die in Deutschland leben und von der Heimat ihrer Großeltern kaum noch etwas wissen.

In Allenstein waren wir zu Gast bei der Stiftung Borussia, die in dem von ihr liebevoll restaurierten „Haus der Reinigung“ am ehemaligen jüdischen Friedhof residiert und sich die Bewahrung der Kulturschätze der Region zur Aufgabe gemacht hat. Man entdeckt die historischen Spuren in Polens Nordosten neu. Und dass es dabei nicht mehr um Nationalität geht, zeigten uns eindrucksvoll die deutschen und ukrainischen Mitarbeiter der Stiftung, die im polnischen Olsztyn in einem vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude arbeiten. Der Enthusiasmus gerade der jungen Mitarbeiter war so ansteckend, dass einzelne Schüler unserer Reisegruppe bereits darüber nachdenken, ob auch sie nach dem Abitur für ein Jahr als Praktikanten nach Olsztyn gehen wollen. Was die Frage nach „Ostpreußen“ angeht, hat die Stiftung eine geradezu salomonische Lösung gefunden, indem sie sich den von allen Nationalismen freien lateinischen Namen „Borussia“ gegeben hat.

Natürlich war bei etwas geschulterem Hinsehen die deutsche Geschichte der Landschaft dann doch nicht mehr übersehbar: Im guten Sinne in den zahllosen Backsteinkirchen und –burgen, prachtvollen Landsitzen (etwa in Cadinen bei Frauenburg) und Klöstern. Aber gleich nebenan steht eben auch die heute nur noch gespenstisch anmutende Bunkeranlage der Nazis in der Wolfsschanze bei Rastenburg; und unterhalb der phantastischen Kirchenburg von Frauenburg findet man dann, fast unscheinbar im Park, einen Gedenkstein, der an die massenhafte Flucht über das Frische Haff am Ende des 2. Weltkriegs erinnert. Die friedliche Ostsee – vor 70 Jahren das Grab für zahllose Flüchtlinge. Man kann nicht anders, als an diejenigen zu denken, die heute auf der Flucht vor dem Krieg verzweifelt den Weg über das Mittelmeer wählen.

Das idyllische Frauenburg mit seiner mächtigen Kirche war zugleich die Wirkungsstätte des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet ist. Der Astronom, der die Erde aus dem Zentrum des Weltalls nahm und der Menschheit gezeigt hat, wo tatsächlich ihr Platz im Universum ist. Ein Frage, die nun wahrhaftig weit jenseits aller Fragen der Nationalität steht. Und so ist die Frage, ob er denn nun Deutscher oder Pole gewesen sei, eine, die Kopernikus, der sich selbst mit lateinischem Namen benannte, vermutlich gar nicht verstanden hätte. Er war Allensteiner, oder Frauenburger – oder einfach: Europäer.

Danzig am Ende: Was für eine phantastische Metropole! Das Wetter meinte es wie immer gut mit uns. In der Abendsonne unseres Ankunftstages empfing uns die liebevoll und akribisch wieder aufgebaute Altstadt  in ihrer ganzen Lebendigkeit und all ihrem Glanz! Es war ein großes Glück, dass vor 70 Jahren offenbar niemand daran gezweifelt hat, dass man diese Altstadt, in der am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, wiederaufbauen müsse, wie sie eben war: deutsch, polnisch, hanseatisch.

Und Solidarnosc am Ende: Nach all den Exkursen in eine mehr oder weniger fern liegende Vergangenheit gab es dann den Besuch im nagelneuen und wirklich eindrucksvoll gelungenen Europäischen Solidarnosc-Zentrum. Wem von uns deutschen Besuchern, gerade unter den jüngeren, ist eigentlich noch wirklich bewusst, wo das alles begann, was vor genau 25 Jahren den Deutschen ihre Einheit bescherte? Der Aufbruch Ostmitteleuropas in die Freiheit und der schwere Weg dorthin sind in diesem neuen Museum mit Händen zu greifen. Und hier wird einem plötzlich bewusst, dass es nicht zuletzt der Mut der Danziger Werftarbeiter war, der es uns Norddeutschen heute ermöglicht, über eine offene Grenze zu unseren Nachbarn nach Polen zu reisen.

Steinort_Sztynort

Steinort / Sztynort

Ostpreußen, Borussia, Ermland-Masuren, Polen. Eine bis zur Unübersichtlichkeit wechselvolle, aber spannende Geschichte, eine wunderschöne Landschaft, großartige Städte. Wo die Großeltern nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs fliehen mussten, dürfen wir heute ungehindert unser östliches Nachbarland bereisen, das viele von uns immer noch viel zu wenig kennen. Aber daran haben wir jetzt ja wenigstens ein bisschen was geändert …

Wir danken dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseums, das uns diese Reise ermöglichst hat; und wir danken wieder einmal ganz besonders Agata Kern, die uns nun schon zum dritten Mal auf einer große Reise begleitet und auch diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Unverdrossen gegen das Schicksal

Samstag, 16. November 2013

Neuzugang von Klaus Seelenmeyer erreicht OL

Klaus Seelenmeyer, geboren in Elbing 1918, war ein Mensch, der sich nicht aufdrängte, durch seine intensive Ausdrucksweise seiner Plastiken, Gemälde und Grafiken sich aber stets Aufmerksamkeit verschaffte.

Seine künstlerische Ausbildung mit dem Schwerpunkt Bildhauerei erhielt er, nach schwerer Kriegsverwundung, ab 1941 an der Königsberger Kunstakademie bei Hans Wissel. Malerei und Grafik spielen in seinem Leben später eine zunehmende Rolle.

Klaus Seelenmeyer, 1953

Klaus Seelenmeyer, 1953

Die Flucht führte Seelenmeyer 1945 zunächst nach Grainau/Oberbayern, ab 1949 war er mit seiner Familie in Lüneburg ansässig. Hier bezog er 1953 Arbeitsräume in der neu errichteten ostdeutschen Akademie und wirkte dort als Dozent bis 1956. Anschließend war er lange Kunstpädagoge am Gymnasium Johanneum. Später wohnte Seelenmeyer im Landkreis Lüneburg. Er starb 2010.

Seelenmeyers Werk umfasst viele Bereiche, von der Plastik in Stein, Metall, Ton und Holz über Malerei bis zur Grafik und angewandten Kunst. Er entwarf Denkmäler und architekturgebundene Kunstgestaltungen und führte sie auch aus. Die Inhalte seiner Werke sprechen von seiner tiefen Religiosität und einer Weltsicht, die den Menschen im Mittelpunkt hatte.

In seinen Gemälden und Grafiken brachte Seelenmeyer immer wieder die düsteren Zeitumstände und Erlebnisse des Krieges und der Nachkriegszeit zum Ausdruck. Auch dieses aus der Familie stammende Gemälde ist ein charakteristisches Beispiel dafür: Don Quichote und sein Begleiter Sancho Pansa reiten durch einen Hohlweg in einem düsteren Wald auf die Richtung zu, in der durch alles Dunkle doch die Sonne hindurch scheint.

Klaus Seelenmeyer: Don Quichote, 1957

Klaus Seelenmeyer: Don Quichote, 1957

Das Bild mag symbolisch für den Maler selbst stehen: gegen alles Unglück hat er sich doch immer wieder aufgerafft und mit den vorhandenen Möglichkeiten weiter gearbeitet. So musste er nach seiner schweren Verwundung des rechten Armes fast alles auf die linke Hand umlernen – für einen bildenden Künstler vermutlich besonders schwer. Nach der Flucht aus Ostpreußen 1945 musste er unter ärmlichsten Verhältnissen einen Neuanfang beginnen, wenige Jahre danach noch einmal in Lüneburg. Im Entstehungsjahr des Gemäldes hatte Seelenmeyer eben mit der Anstellung als Lehrer eine Position gefunden, die etwas dauerhafter zu sein schien und für die wachsende Familie ein wenig Sicherheit bot.

Das Gemälde steht für ein Schicksal eines heimatvertriebenen Ostpreußen, der in Lüneburg sich eine sehr beachtete Existenz aufbaute und durch sein Engagement in der Jugendarbeit sowie eine Tätigkeit als Ratsherr Bedeutung für die Geschichte der Stadt erlangte.

“Don Quichote” ist eine neue Dauerleihgabe für das Museum – für Besucher ist es vorraussichtlich nach dem Umbau 2015 zugänglich.

„Da liegt der Hase im Pfeffer“ Das OL beim internationalen Jagdkulturkongress in Polen

Montag, 23. September 2013

Am 30. und 31. August 2013 fand in der Hotelanlage „Warszawianka“ in Jachranka unweit von Warschau der 3. Internationale Jagdkulturkongress statt. Eingeladen hatten der Polnische Jagdverband und das Museum für Jagd und Reiterei in Warschau. Der eigentliche Motor des Treffens war jedoch Prof. Dr. Tadeusz J. Żuchowski von der Universität Posen/Poznán.

3. Internationaler Jagdkulturkongress in Warschau

3. Internationaler Jagdkulturkongress in Warschau

Zum ersten Mal überhaupt war ein Vertreter des Ostpreußischen Landesmuseums eingeladen, sich mit einem Vortrag zu beteiligen. Dr. Christoph Hinkelmann, der als Leiter der Abteilung Naturkunde/Landwirtschaft auch die Jagd betreut, sprach dort über „Historische und soziale Aspekte der Jagd in Ostpreußen vor 1945, mit besonderer Berücksichtigung der Rominter Heide“.

Dr. Christoph Hinkelmann während seines Vortrags in Warschau, Foto: Andrzej Wierzbieniec

Dr. Christoph Hinkelmann während seines Vortrags in Warschau, Foto: Andrzej Wierzbieniec

Dieses Thema verbindet die Interessen der deutschen wie der polnischen Jäger ebenso wie die Vergangenheit mit der Gegenwart und fand großes Interesse. Zwei weitere Vorträge „Jagdkultur und Zeitgeist. Eine kulturhistorische Betrachtung mit Ausblick auf die Gegenwart in Deutschland“ (Dieter Stahmann) und „Da liegt der Hase im Pfeffer. Zur Jagd- und Kulturgeschichte des Feldhasen“ (Dr. Rolf Roosen) wurden von deutschen Referenten präsentiert, während die übrigen 20 Beiträge von polnischen, russischen, tschechischen und italienischen Fachleuten vorgetragen wurden.

Von links: Dr. Christoph Hinkelmann, Dr. Rolf Roosen, Dieter Stahmann Foto: A. Wierzbieniec

Von links: Dr. Christoph Hinkelmann, Dr. Rolf Roosen, Dieter Stahmann, Foto: Andrzej Wierzbieniec

Einen Schwerpunkt des ebenso vielfältig wie interessant gestalteten Themenspektrums bildete die Jagdmusik mit vielen praktischen Darbietungen – von den Jagdsignalen über die große Vielfalt der jagdlichen Musikinstrumente bis zu ihrer Verwendung in der hohen Musikkunst wie in Opern und Symphonien.

Die Veranstaltung im EU-Partnerland Polen zeigte auf beeindruckende Weise, wie die Völker in Europa zu einer Einheit zusammen wachsen, wenn sich Menschen mit gleichen Interessen begegnen und über die Sprachgrenzen hinweg verständigen können. Nach dem Kongress besuchte Dr. Hinkelmann das Naturkundemuseum in Allenstein/Olsztyn, um sich mit seinem dortigen Kollegen, Marian Szymkiewicz, über gemeinsame Projekte im kommenden Jahr, 2014, zu verständigen. Wir dürfen gespannt sein.

Eine Madonna aus der Wand gemeißelt

Donnerstag, 19. September 2013

Mitten im Zweiten Weltkrieg gelangte mit einem Umzug von der ostpreußischen Hafenstadt Pillau (bei Königsberg; heute russisch Baltisk bei Kaliningrad) ein Madonnenrelif erst nach Wilhelmshaven, 1955 schließlich nach Bremen. Damals war es schon etwa 50 Jahre alt. Weitere knapp 60 Jahre verblieb es im Treppenaufgang jenes Bremer Hauses, bis es die Tochter des seinerzeitigen Eigentümers, Oberbaurat Hermann Rebien (1906-66), jetzt dem Ostpreußischen Landesmuseum schenkte. Ein Museumsmitarbeiter stemmte das 76×56cm große, glasierte Tonrelief vorsichtig aus der Wand. Nun wird es im Museum von der Restauratorin zunächst behutsam gesäubert werden, bevor es in der Ausstellung den Besuchern zugänglich gemacht werden kann.

Ausbau des Madonnenreliefs in Bremen

Ausbau des Madonnenreliefs in Bremen

Das Relief entstand um 1903/04 in der Kaiserlichen Majolika-Werkstatt in Cadinen (bei Elbing am Frischen Haff, heute Polen). Dort hatte kein Geringerer als Kaiser Wilhelm II. eine Werkstatt für Kunstkeramik einrichten lassen, die, dem Zeitgeschmack entsprechend, viele Reliefs und Geschirre im historistischen Stil herstellte. So schuf ein noch unbekannter Künstler das Modell zu dieser Madonna an Vorbilder aus der italienischen Frührenaissance (15. Jahrhundert) angelehnt.

Eine Madonna aus der Wand gemeißelt

Eine Madonna aus der Wand gemeißelt

Auf welchem Weg dieses Stück einst nach Pillau gelangte, ist nicht bekannt. Wohl aber war schon dem Vorbesitzer Hermann Rebien bewusst, dass es sich bei diesem Relief um eine frühe Probearbeit der Cadiner Manufaktur handelt. Dies ist erkennbar an den Trocknungsrissen der Oberfläche, über die hinweg die Glasur aufgetragen wurde. Da solche Stücke nicht in den allgemeinen Verkauf gelangten, muss es sich bei der Herkunft dieser Madonna um einen besonderen Weg gehandelt haben.

Madonnenrelief, Cadinen, um 1904

Madonnenrelief, Cadinen, um 1904

Trotz der teilweise fehlenden Reliefrückwand, die schon beim Umzug aus Ostpreußen nach Nordwestdeutschland beschädigt gewesen sein muss, ist das Relief außerordentlich bedeutend. Es ist ein seltenes Stück und wegen des Probestückcharakters und der individuellen Glasur ein Unikat.

Ostpreußische Motive sehr „gefragt“

Donnerstag, 29. August 2013

Eine besondere Schenkung für das Museum:

Im September 1940 schrieb der Maler Karl Storch (1864-1954) in einem Brief über einen Malausflug: „In der vorigen Woche war ich wieder an der Küste weil das Wetter schön geworden war, (…) ich habe vormittags und nachmittags gemalt (…). Fünf Bilder brachte ich mit nach Hause, 3 in meiner üblichen Größe und zwei kleinere. Auf zwei von den größeren hab´ ich dasselbe Motiv von der Steilküste aber zu verschiedenen Tageszeiten wiedergegeben, ich will davon ein großes Bild machen. Ostpreußische Motive sind sehr „gefragt“, ich soll für die Kunsthandlung auch durchaus ein Herbstbild aus Masuren malen, das ist das südöstliche Ostpreußen nach Polen zu, ich hab´ aber nicht recht Lust dazu bei diesen Ernährungsverhältnissen auf Reisen zu gehen.“

Karl Storch, Samlandküste bei Neukuhren, 1941

Karl Storch, Samlandküste bei Neukuhren, 1941

Der damals bereits 76-jährige Maler war seit 1902 in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg als Lehrer an der dortigen Kunstakademie tätig gewesen und lebte nun bereits gut 10 Jahre im Ruhestand. Er war jedoch sehr eifrig, denn die Beliebtheit seiner vielen Landschafts- und Stadtansichten erfreuten sich in weiten Kreisen großer Anerkennung.

Das Gemälde, “Die Samlandküste bei Neukuhren”, ist 1941 entstanden und folgt sicher dem größeren Werk, das in dem Briefzitat erwähnt wird. Es wurde übrigens von einer Familie erworben, die 1942 aus der Seestadt Pillau (heute russisch Baltijsk) nach Bremen umziehen musste, um eine Erinnerung an die Samlandküste mitnehmen zu können. Für das Museum und seine Besucher ein Glücksfall. So konnte es vor den Verwüstungen, denen so viele Kunstwerke in Ostpreußen anheim fielen, gerettet werden. Wir freuen uns jedenfalls sehr über die Schenkung und danken den Gebern!