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Von Bernsteinkunst bis Scherenschnitt – Vielfältiges Kunsthandwerk auf dem Museumsmarkt 2016

Mittwoch, 16. November 2016

von Christina Ramsch, Praktikantin in der Abteilung Bildung und Vermittlung

Auf dem folgenden Film können Sie sich einen Eindruck vom Museumsmarkt machen:

https://youtu.be/MOShlKMXR5o

„Tradition trifft Modernes“ – unter diesem Motto fand, traditionell am ersten Wochenende im November, vom 4. bis 6. November 2016, der Museumsmarkt im Ostpreußischen Landesmuseum statt. Im fertiggestellten Neubau des Museums präsentierten in dieser Zeit 31 Aussteller ihr vielfältiges Kunsthandwerk den insgesamt etwa 1800 Besuchern. Feierlich eröffnet wurde der Markt am Freitagabend durch Oberbürgermeister Ulrich Mädge. Bei musikalischer Untermalung durch Jazzpianist Bernd Homann konnten die Besucher ihre Aufmerksamkeit anschließend den unterschiedlichen Ständen widmen, die mit Objekten von Keramik und Schmuck über Textilien bis hin zu kulinarischen Köstlichkeiten eine große Bandbreite zeigten.

Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert begrüßt Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der den Museumsmarkt eröffnet

Jazzpianist Bernd Homann begleitet den Eröffnungsabend musikalisch

An den Folgetagen konnte, wer sich etwas Zeit nahm, außerdem Spinnerinnen bei der Arbeit beobachten, Zeuge werden, wie ein Schmuckstück aus Bernstein entsteht oder sogar eine Künstlerskizze von sich selbst anfertigen lassen.

Künstlerin Elena Steinke präsentiert einem Besucher sein Portrait

Besucher können dem Bernsteinkünstler bei der Arbeit über die Schulter schauen

Währenddessen versuchten die Kinder sich selbst im Kerzen drehen oder ließen beim Bemalen kleiner Elchanhänger aus Holz ihrer Kreativität freien Lauf.

Elch-Malspaß am Kindertisch

Kinderprogramm mit Christina Ramsch

Erfolgreich war das Wochenende auch für den Kinderclub des Museums. Viele Besucher versuchten am Samstag und Sonntag bei der „Elch-Tombola“ zugunsten des Kinderclubs ihr Glück. So konnte manch Einer am Ende des Tages ein schönes, nützliches oder leckeres Andenken vom Markt mit nach Hause nehmen.
Alles in allem kann das Museum und die Organisatorin des Marktes Silke Straatman somit einen gelungenen Museumsmarkt verzeichnen, der auch bei mir die Vorfreude auf das nächste Jahr geweckt hat.

Königsberger Marzipan mit Trakehner Wappen

Kunsthandwerker im neuen Sonderausstellungsraum des Museums

Für mich als Praktikantin in der Abteilung Bildung und Vermittlung des Museums war es äußerst spannend, die Organisation einer solchen Großveranstaltung, die sich sehr stark vom „normalen“ Museumsalltag abhebt, aus der Nähe mitzuerleben. Es hat mir großen Spaß bereitet, in den vergangenen Wochen „hinter die Kulissen“ zu schauen, dabei die Zusammenhänge der Planung und Koordination des Marktes etwas besser verstanden und selbst einen kleinen Beitrag zu seiner Umsetzung geleistet zu haben. Damit waren die letzten Wochen der Vorbereitung sowie die Tage des Museumsmarktes selbst für mich eine Zeit, aus der ich sicherlich einige wertvolle Erfahrungen mit in die Zukunft nehmen werde.

Kant-Stadt Lüneburg

Mittwoch, 11. Mai 2016

“Kant-Stadt Lüneburg” – so könnte sich die hübsche mittelalterliche Hansestadt künftig auch nennen. Denn besiegelt ist: Die weltweit umfänglichste Sammlung zu Immanuel Kant (1724-1804) und bedeutende Werke von Käthe Kollwitz (1867-1945) kommen nach Lüneburg. Am 7.4. wurde der Übernahmevertrag in einem feierlichen Festakt zwischen beiden Trägern – der Ostpreußischen Kulturstiftung und der Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft – unterzeichnet.

Das Ostpreußische Landesmuseum übernimmt damit den wesentlichen Teil der Exponate des Anfang 2016 geschlossenen Museums „Stadt Königsberg“ aus Duisburg. Aus wissenschaftlicher Perspektive eine ideale Gelegenheit, Ostpreußen als Erinnerungsort für ganz Deutschland darzustellen und seine Bedeutung überzeugend gegenüber der Öffentlichkeit zu vermitteln.
Mit den in fast 50 Jahren gewachsenen Königsberger Sammlungen erhält das Ostpreußische Landesmuseum nach Einschätzung von Fachexperten und der Bundesregierung hochwertiges Kulturgut. Damit wird Lüneburg in den nächsten Jahren zur wichtigsten Stadt in Deutschland für die Präsentation des Königsberger Philosophen Immanuel Kant, dessen 300. Geburtstag im Jahre 2024 bevorsteht. Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert ist begeistert, denn die Exponate aus Duisburg schließen wichtige Lücken in den Beständen seines Hauses. Auch Oberbürgermeister Ulrich Mädge zeigte sich höchst erfreut über den historisch bedeutsamen Zuwachs in seiner Hansestadt.

Große Namen und großer Andrang im Ostpreußischen Landesmuseum

Montag, 19. August 2013

Marie – Cécile Herzogin von Oldenburg, Urenkelin vom letzten deutschen Kaiser Wilhelm II., las mit Dr. Marianna Butenschön aus Briefen ihrer Vorfahrin, Alexandra, Kaiserin von Russland.

Alexandra Feodorovna, die "Preussin auf dem Zarenthron"

Alexandra Feodorovna, die "Preußin auf dem Zarenthron". Gemälde von A. Malyukov, 1836

Große Namen hallten am Abend des 14. Augustes durch den Dioramenbereich des Ostpreußischen Landesmuseums: Allen voran der Name Charlotte von Preußen (1798-1860), älteste Tochter des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. und der legendären Königin Luise. Charlotte galt als ebenso schön und bewundernswert wie ihre berühmte Mutter, mit der sie als Kind die Flucht vor Napoleon nach Ostpreußen miterleben musste. Als „Alexandra Fjodorowna“ und Gattin von Zar Nikolaus I. war sie ab 1825 Kaiserin von Russland.

Aufgeschrieben hat die Geschichte der „Preußin auf dem Zarenthron“ Dr. Marianna Butenschön. Die Osteuropa-Historikerin und Journalistin erzählte aus ihrem Buch, beschrieb die sehr engen Verknüpfungen Preußens und Russlands und gab mit historischen Fakten und Anekdoten einen spannenden und berührenden Einblick in das Leben und in die Zeit der in Deutschland viel zu wenig bekannten Adligen.

Doch nicht nur große Namen standen im Raum. Frau Dr. Butenschön hatte in ihr Programm einen prominenten Gast integriert: Immer dann, wenn aus Briefen und Reden ein Hohenzoller zitiert wurde, las Ihre Königliche Hoheit, Marie-Cécile Herzogin von Oldenburg, Urenkelin des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. und damit direkte Nachkommin von Königin Luise wie auch selbst Urururenkelin von Charlotte von Preußen.

Marie-Cecile und Marianna Butenschoen

Marie-Cécile Herzogin von Oldenburg und Dr. Marianna Butenschön

Mit derart interessanten Vorfahren mag es kaum überraschen, dass die Herzogin so lebendig aus dem Leben Charlottes las, dass das Publikum eine wahre Vorstellung von Leben und Zeit bekam und selbst so private Details wie die Kosenamen “Muffi” und “Niks“ für Zarin und Zar nie peinlich wirkten. Dies ist nicht zuletzt auch Marianna Butenschön zu verdanken, die fundiert und abwechslungsreich einen spannenden und oft unerwarteten Einblick in das Leben am preußischen und russischen Hof erlaubte.

Mit deutlich mehr als 100 Besuchern war der Abend bis auf den letzten Platz ausverkauft. Manche waren wohl auch gekommen, um eine echte Hohenzollerin zu sehen. Zuletzt hatte 2010 ihr Bruder, Christian Sigismund Prinz von Preußen, die erfolgreiche Ausstellung über Leben und Mythos der Königin Luise im Ostpreußischen Landesmuseum eröffnet. Viele der Gäste erwiesen sich als Spezialisten, die mit (Ost)Preußens Geschichte bestens vertraut sind. Frau Butenschön hatte sozusagen ein Heimspiel, als sie den von Charlottes Vater König Friedrich-Wilhelm III. komponierten Präsentiermarsch anspielen ließ und dieser sofort als solcher erkannt und benannt wurde.

Viel Beifall für ein hervorragendes Team

Langer und lauter Beifall belegte: Die von der Kulturreferentin Agata Kern organisierte Veranstaltung wurde ein gelungener, besonderer und viele berührender Abend. Am Ende nahmen sich beide Gäste ausführlich Zeit für Gespräche und Buchsignaturen.

Ein Dankeschön vom Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Ein Dankeschön vom Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Übrigens, bereits 1964 war Marie Cécile Herzogin von Oldenburg zur Eröffnung des neuen Jagmuseums in Lüneburg zu Gast. Immerhin ist sie noch im ostpreußischen Cadinen geboren, wo Kaiser Wilhelm eine Fabrik für Keramik und Majolika errichtet hatte und die Entwürfe höchstpersönlich freigab. Cadiner Majolika ist vielfältig im Museum zu sehen. Die Herzogin war überrascht, wie sehr sich das Museum seither entwickelt hat. Sie versprach, bald wiederzukommen.

Eroeffnung des ostpreußischen Jagdmuseums in der Salzstraße 1964

Die junge preußische Prinzessin 1964 bei der Eröffnung des Ostpreußischen Jagdmuseums in der Lüneburger Salzstraße

60 Jahre Kulturförderung nach §96 Bundesvertriebenengesetz

Freitag, 29. März 2013

Am 19.3.2013 stellte Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert anlässlich des 60. Jubiläums die Kulturförderung des Bundes auf Grundlage des §96 Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) vor, welche auch die Finanzierungsbasis des Ostpreußischen Landesmuseums darstellt.

Wörtlich heißt es im §96:

Bund und Länder haben entsprechend ihrer durch das Grundgesetz gegebenen Zuständigkeit das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten, Archive, Museen und Bibliotheken zu sichern, zu ergänzen und auszuwerten sowie Einrichtungen des Kunstschaffens und der Ausbildung sicherzustellen und zu fördern. Sie haben Wissenschaft und Forschung bei der Erfüllung der Aufgaben, die sich aus der Vertreibung und der Eingliederung der Vertriebenen und Flüchtlinge ergeben, sowie die Weiterentwicklung der Kulturleistungen der Vertriebenen und Flüchtlinge zu fördern. Die Bundesregierung berichtet jährlich dem Bundestag über das von ihr Veranlasste.”

In der gut besuchten Veranstaltung im Rahmen unserer Reihe “Museum erleben” wurde einführend das historische Umfeld und die zunächst noch schwierige Situation der Vertriebenen in der jungen Bundesrepublik vorgestellt, welche u.a. mit dem Lastenausgleichgesetz verbessert werden sollte. Hierfür bedurfte es eine klare Regelung, wer in den Genuss dieser Leistungen kommen konnte – geregelt wurde dies alles schließlich im über 100 Paragraphen umfassenden BVFG von 1953. Heute findet es neben der Kulturförderung vorrangig bei Spätaussiedlern noch Anwendung.

Da die Flüchtlinge und Vertriebene selbstverständlich integriert, aber eben nicht in einer Form assimiliert werden sollten, dass sie als eigenständige Opfergruppe nicht mehr erkennbar gewesen wären, bedurfte es einer Förderung ihrer Kulturpflege, die angesichts der damals noch offenen Frage der Oder-Neiße-Grenze explizit auch Wirkung im Ausland entfalten sollte. Hierfür wurden im § 96 BVFG, dem so genannten Kulturparagraphen, Bund und Länder in die Pflicht genommen.

Die Bomben auf Königsberg 1944 im Kunstunterricht

Die exakte Formulierung des § 96 BVFG muss als Glücksfall eingeschätzt werden, da bei aller Sperrigkeit sich sein Auftrag als besonders zukunftsträchtig erwiesen hat. So wird ausdrücklich vom „Kulturgut der Vertreibungsgebiete“ gesprochen, was einen weiteren Rahmen umreißt als etwa eine Reduzierung auf die Vertriebenen selbst, wie es ein erster Entwurf auch vorsah. Auf dieser Basis erlischt der gesetzliche Auftrag der Kulturförderung nun eben nicht mit dem Ende der Erlebnisgeneration, davon abgesehen, dass auch die bereits 1953 genannten „Archive, Museen und Bibliotheken“ Einrichtungen darstellen, die grundsätzlich keinen befristeten Ansatz folgen, sondern qua Definition auf Langfristigkeit konzipiert sind. Dem §96 BVFG wohnt also eine unbefristete Verpflichtung der öffentliche Hände inne.

Eines der wichtigsten Stücke des OL, angeschafft mit Bundesmitteln: Der barocke Kreuzfuß aus Bernstein und Elfenbein

Gleichwohl haben sich über die verschiedenen Dekaden Auftrag und Ausstattung den jeweiligen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst. Herr Mähnert führte die jeweilige Finanzierung, die Zielgruppen und die dahinter stehende politische Intention aus. Sicher die größte Veränderung war der Trend zur Musealisierung in der 1982 verabschiedeten „Grundsatzkonzeption zur Weiterführung ostdeutscher Kulturarbeit“. Darin wurde unmissverständlich festgehalten, dass das kulturelle Erbe und die geistige Substanz der deutschen Kulturlandschaften des Ostens Teil der deutschen Kultur und nicht anders als andere Teile des kulturellen Nationalerbes zu behandeln seien.

Der große Königsberger Immanuel Kant hat Ostpreußen zwar nie verlassen; sein Erbe ist aber für ganz Deutschland und Europa von Bedeutung

Es kam entsprechend zur Gründung bundesgeförderter Landesmuseen, wissenschaftlicher Institute und zur Einführung der so erfolgreich wirkenden Kulturreferate für die kulturelle Breitenwirkung. All diese Maßnahmen kosteten Geld und waren daher mit einer wesentlichen Mittelsteigerung verbunden. Eine neue Phase der Kulturförderung wurde eingeläutet, die von der Wende 1989 noch weiter stimuliert wurde. Im Jahr 1992 wurden immerhin über 36 Millionen DM allein vom Bund zur Verfügung gestellt.

Obwohl 1997 eine einstimmige interfraktionelle Entschließung des Deutschen Bundestages festhielt, dass viele deutsche Heimatvertriebene zu „Botschaftern der Aussöhnung und Verständigung“ geworden seien und auch die Kulturförderung längst unter der Prämisse der Völkerverständigung stand, wurde in der Neukonzeption von 2000 die institutionelle Förderung gerade von vertriebenennahen Stiftungen und Vereinen ausgesetzt; dies betraf z.B. den Ostdeutschen Kulturrat oder die Kulturstiftung der Vertriebenen. Obwohl ausdrücklich eine Professionalisierung durch hauptamtliche Wissenschaftler gegenüber ehrenamtlicher Aktivitäten der Vertriebenen vorgesehen war, sank der Gesamtbetrag der institutionellen Förderung für Museen und Institute von gut 9 Millionen Euro 1998 auf nur noch 6 Millionen im Jahr 2006 und liegt auch heute noch bei knapp unter 8 Millionen Euro. Die Projektmittel sanken von knapp 6 Millionen auf ein Minimum von ca. 2,5 Millionen im Jahr 2004 und liegen heute bei etwa 3,5 Millionen Euro. Das Gesamtvolumen von gut 20 Millionen Euro 2013 liegt damit noch fast 3,5 Millionen Euro unter dem Wert von 1998, allerdings deutlich oberhalb des bislang tiefsten Wertes von ca. 14 Millionen Euro 2006. Dabei ist nicht nur die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung als neue Institution in die Förderung aufgenommen worden, d.h. für die bereits etablierten Häuser ist der Kuchen noch kleiner geworden. Vielmehr muss betont werden, dass angesichts der immer geringer werdenden Kenntnisse von Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa und dem Wegbruch der Erlebnisgeneration Aufgaben und Verantwortung der nach §96 BVFG geförderten Kulturarbeit wesentlich zunehmen, welche mit den geringeren Fördermitteln indes immer schwerer zu bewerkstelligen sind.

Entwicklung der Bundesförderung nach §96 BVFG; Quelle: BKM

In diesem Zusammenhang stellte Herr Mähnert kurz sämtliche derzeit bundesgeförderte Einrichtungen des §96 BVFG vor. Am Beispiel des Ostpreußischen Landesmuseums wurde gezeigt, wie zukunftsorientiert Kulturarbeit in diesem Sektor sein kann. Sein Museum hat 2012 erneut 10 Prozent mehr Besucher gewinnen können. Zudem wurden erstmals mehr Kinder und Jugendliche gezählt als Senioren, was zeigt, dass Ostpreußen keineswegs nur für die Erlebnisgeneration von Relevanz ist.

Dies ist allerdings nur möglich durch umfangreiche und aufwendige Kulturangebote. Das Museum zeigt jährlich 6-8 Wechselausstellungen in Lüneburg und darüber hinaus etwa die gleiche Zahl an verschiedenen Standorten in Deutschland sowie in Litauen, Polen und Russland. Zahlreiche Konzerte, Lesungen, Vorträge und Führungen binden trotz der 25 Jahre alten Dauerausstellung auch Stammbesucher. Zugleich rückt die grenzüberschreitende Kulturarbeit immer mehr in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Gerade seine letzten Ausstellungsprojekte zur Hanse und den baltischen Herrenhäusern waren durch anspruchsvolle Kooperationen mit Kultureinrichtungen im ehemaligen Ostpreußen bzw. in Estland und Lettland verbunden. Immer wieder begeistert das große Interesse auch junger Menschen in den östlichen Nachbarländern an der alten deutschen Geschichte. Es steht zu hoffen, dass auch hierzulande dieser kulturelle Reichtum wieder mehr Würdigung erlangt.

Deutsche und polnische Schüler gemeinsam beim Denkmal zum Beginn des 2. Weltkriegs auf der Westernplatte bei Danzig

Das Museum wurde 2011 als erstes der nach §96 BVFG finanzierten Einrichtungen vom Museumsverband als professionell arbeitende Einrichtung zertifiziert und kann damit belegen, Teil der musealen scientic community in Deutschland und Europa zu sein.

Die nun anstehende Erweiterung um eine deutschbaltische Abteilung, die es zugleich ermöglichen wird, die lange überfällige Modernisierung der 25 Jahre alten Dauerausstellung anzugehen, wird einen weiteren Schub auslösen. Damit und mit der Ausweitung des musealen Themenspektrums, der endlich die Integration der Vertriebenen beinhaltet sowie den multiperspektivischen Blick auf den Umgang mit dem deutschen Kulturerbe in der Bezugsregion des Museums, wird das Ostpreußische Landesmuseum eine zukunftsträchtige Umsetzung des gesetzlichen Auftrags nach §96 BVFG zur Bereicherung aller Kulturinteressierten in Deutschland und Europa vorstellen.

Das "Scharffsche Haus" in der Heiligengeiststraße - bald der neue Haupteingang des Museums

Zweifach vertrieben – Spuren vergessener NS-Opfer und Gedenken im russischen Königsberger Gebiet

Donnerstag, 21. Februar 2013

Am 30. Januar 2013, zum 80. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten, stellte Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, im Ostpreußischen Landesmuseum ein Kapital ostpreußischer Geschichte vor, welches in der Forschung bisher nur unzureichend Beachtung findet. Der Vortrag widmete sich sieben – meist unbekannten – Orten im russischen Königsberger Gebiet (Kaliningrader Oblast), die für verschiedene Opfergruppen des Nationalsozialismus stehen, und Formen des dortigen Gedenkens an sie.

Uwe Neumaerker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Die Zeit des Dritten Reiches wird in der Erinnerungskultur zuweilen ausgeblendet, häufiger beschränkt sie sich auf die – tatsächlich – unvergleichliche Schönheit der Natur, das “Land der dunklen Wälder und kristall´nen Seen”, und auf die tragischen Ereignisse von Flucht und Vertreibung der Deutschen sowie die grausame Rache der Soldaten Stalins 1944/45. Beschwiegen werden dann aber jene, die bereits vor Kriegsende Opfer im Deutschen Osten geworden waren – durch die eigenen Landsleute. Sie wurden ihrer Heimat beraubt und aus der Erinnerung an Ostpreußen ´vertrieben`. Hierzu gehören die ostpreußischen Juden und die als ´Zigeuner` verfolgten Sinti, die Angehörigen der polnischen Minderheit und die Patienten aus Heil- und Pflegeheimen, ebenso wie der ´Todesmarsch` und die anschließende Massenerschießung am Ostseestrand von Palmnicken Anfang 1945 mit bis zu 7.500 ermordeten jüdischen Häftlingen.

Das Holocaustdenkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände des Künstlers und Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Das Denkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände vom Künstler und Holocaust-Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Was wenige wissen: In Ostpreußen lebte bis zum 2. Weltkrieg die größte Sintiminderheit Deutschlands. Reinhard Florian ist ein Sinto, der überlebte – die Konzentrationslager Mauthausen, Auschwitz, Gusen und einen Todesmarsch – und der bereits seit seiner Kindheit soziale Ausgrenzung, Gewalt und Entrechtung ertragen musste. Zweifach vertrieben, dies machte Neumärker bereits mit seinen ersten Sätzen deutlich. „Vier Wochen nach seiner Befreiung am 6. Mai 1945 hat der 22-jährige Sinto Reinhard Florian aus Matheningken bei Insterburg nichts anderes im Sinn als heimzukehren: ´Ich wollte unter allen Umständen schnell zurück nach Hause. Nach Ostpreußen! In meine Heimat. Von da komm’ ich. Da gehöre ich hin! (…) Ich war doch Deutscher, ein Deutscher aus Ostpreußen. Der Krieg hatte daran nichts geändert. Wie sollte ich mich auch anders fühlen? Ich bin groß geworden in Deutschland und kenne kein anderes Land. Ich spreche auch nur Deutsch. Selbst als ich aus dem Lager kam, gab es für mich nur Deutschland`“ Der gesamte Vortrag ist bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas nachzulesen.

Im Gespräch mit dem Puplikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Im Gespräch mit dem Publikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Neumärker veranschaulichte, dass mit diesem Kapitel ostpreußischer Geschichte auch ein Kapitel gesamtdeutscher Geschichte beleuchtet wird. Sein Vortrag gab gewissermaßen auch einen Ausblick auf die sich im Entstehungsprozess befindende neue Dauerausstellung des Museums, die auch dieses Thema selbstverständlich nicht ausschließen wird.

Seit 2005 leitet Uwe Neumärker das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas”, die im Zentrum Berlins gelegene zentrale Holocaustgedenkstätte Deutschlands. Das Denkmal besteht aus dem überirdischen Stelenfeld und einem unterirdischen Ausstellungsraum, dem „Ort der Information“. Seit seiner Einweihung vor knapp 8 Jahren haben mehr als 10 Millionen Menschen das Stelenfeld besichtigt.

Zu dem Vortrag eingeladen hatte das Ostpreußische Landesmuseum gemeinsam mit dem Nordost Institut / IKGN Lüneburg.

Blitzbesuch der niedersächsischen Kulturministerin Wanka

Mittwoch, 7. November 2012

Freude vor dem Elch

Kurzfristig hatte sich die niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Prof. Dr. Johanna Wanka, für einen Besuch am Montag Abend, 5. November angekündigt. Erstmalig hatte sie das Museum im Jahr zuvor besucht. Was war von dem Gesprächswunsch aus Hannover zu halten?

In der Regel überbringt man  bevorzugt gute Nachrichten persönlich und Minister machen da keine Ausnahme. So auch hier. Bereits im Sommer hatte Staatsminister Bernd Neumann, der als Beauftrager der Bundesregierung für Kultur und Medien der wichtigste Förderer des Museums ist, angekündigt, die erhebliche Kostensteigerung durch die diesjährige Tariferhöhung ausgleichen zu wollen. Da aber das Land Niedersachsen sich ebenfalls institutionell an der Museumsfinanzierung beteiligt, war auch von dieser Seite eine Aufstockung der Zuwendungen erforderlich.

Gestern Abend wurde die Zusage von höchster Stelle persönlich mitgeteilt. Direktor Joachim Mähnert und die Vertreter des Stiftungsrates der Ostpreußischen Kulturstiftung, Wilhlem von Gottberg und Hubertus Hilgendorff, freuten sich über das vorweihnachtliche Präsent, welches die Finanzlage des Museums für kommenden Jahre wieder etwas entspannt.

Ostpreußisches Landesmuseum in Berlin als Experte gefragt

Dienstag, 6. November 2012

Die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag hatte zu einem Kongress nach Berlin in den Reichstag geladen: „Aussöhnung als Aufgabe – Deutschlands Arbeit an den Kriegsfolgen seit 1945“ am 15.10.2012

Die Einladung der ganztägigen Veranstaltung versprach einen hohen Anspruch: „Die nationale Verantwortung, welche die Bundesrepublik Deutschland nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges zu übernehmen hatte, umfasste stets zwei Aspekte. Es ging zum einen um die Versöhnung und Wiedergutmachung gegenüber den Opfern der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik.
Zum anderen musste die damals noch junge Bundesrepublik Solidarität und Lastenausgleich in der eigenen Bevölkerung schaffen. Die Menschen in Deutschland waren von den Kriegsfolgen unterschiedlich hart betroffen. In Mittel- und Südosteuropa hatten die Deutschen meist ein besonders schweres Kriegsfolgenschicksal zu tragen: Flucht und Vertreibung, Enteignung, Deportation, Zwangsarbeit oder jahrzehntelange Unterdrückung ihrer nationalen Identität.“

Geladen hatten Klaus Brähmig MdB, Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Fraktion sowie der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder MdB, die beide den Kongress vor etwa 300 Zuhörern eröffneten.

Die Eröffnung durch Klaus Brähmig MdB

Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, hielt den Eröffnungsvortrag. Es folge ein spannendes, von Andreas Stopp (Deutschlandfunk) moderiertes Panel „Junge Deutsche und der Osten – die Enkelgeneration sucht neue Wege zur Geschichte“, bei der Norbert Rasch von der Deutschen Minderheit aus Schlesien, der Regisseur Rick Ostermann (Wolfskinder), die Autorin Merle Hilbk und das BdV-Präsidiumsmitglied Stephan Mayer MdB miteinander diskutiert.

Die Diskussion um das Konzept der neuen Stiftung

Im Anschluss ging es um die neue Konzeption der geplanten Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung. Moderiert vom FAZ-Redakteur Dr. Reinhard Müller debattierten die Osteuropahistoriker Prof. Dr. Norbert Conrads (Universität Stuttgart), Prof. Dr. Norman Naimark (Univeristät Stanford), Prof. Dr. Karl Schlögel (Viadrina Universität Frankfurt/Oder) sowie Prof. Dr. Stefan Troebst (Universität Leipzig) mit dem Stiftungsdirektor Prof. Dr. Manfred Kittel. OL-Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert vertrat die museale Praxis und ein Haus, das sich seit vielen Jahren eben auch mit der musealisierten Darstellung von Flucht und Vertreibung beschäftigt. Immerhin hatte die CDU/CSU-Fraktion die bekannte Fluchtinszenierung des OL als Motiv der Veranstaltung gewählt.

Dr. Joachim Mähnert und Prof. Dr. Norbert Conrads

Staatsminister Bernd Neumann, in dessen Zuständigkeit sowohl die neue Stiftung „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ wie auch das Ostpreußische Landesmuseum und überhaupt alle Landesmuseen mit ehemals ostdeutschem Bezug fallen, betonte in seiner anschließenden Rede den Wert und die Bedeutung des Kulturerbes der Deutschen im östlichen Europa.

Prof. Dr. Hellmuth Karasek las aus „Auf der Flucht. Erinnerungen“ und nahm dann Teil an der Diskussion über die „Suche nach der verlorenen Geschichte – Aussöhnung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit“, kongenial moderiert von Prof. Dr. Michael Stürmer. Neben der BdV-Vorsitzenden Erika Steinbach war der Psychoanalytiker Prof. Dr. Michael Ermann sowie PD Dr. Magnus Brechtken als stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte auf dem Podium.
Höhepunkt der Veranstaltung war eine Grundsatzrede der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Ihre Rede ist hier nachzulesen. Johannes Singhammer, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, beschloss die rundum gelungene Veranstaltung.

Grundsatzrede der Bundeskanzlerin

Der Kongress ist vollständig nachzuerleben im Internet auf Youtube. Mehr Angaben über das Programm und die Referenten finden sich auf den Seiten der Fraktion.

Kultur bewahren gegen das Vergessen

Dienstag, 6. November 2012

BdV-Vorsitzende Erika Steinbach besucht das Ostpreußische Landesmuseum

Am 22. Oktober besuchte die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach auf Einladung Ihres CDU-Fraktionskollegen Eckhard Pols MdB erstmalig das Ostpreußische Landesmuseum. Das Museum, institutionell von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Niedersachsen gefördert, ist immerhin das älteste der verschiedenen Landesmuseen, welche auf Grundlage des §96 Bundesvertriebenengesetzes eingerichtet wurden, und konnte diesen Sommer sein 25jähriges Bestehen feiern – für die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen also ein Ort besonderen Interesses.
Gemeinsam mit dem niedersächsischen Kultusminister Dr. Bernd Althusmann ließ sich Frau Steinbach von Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert die Arbeit seines Hauses vorstellen und durch die Ausstellungsräume führen.

Erika Steinbach MdB mit Direktor Mähnert vor dem barocken Bernstein-Kreußfuß.

Frau Steinbach zeigte sich beeindruckt von der über 1.500 qm großen Dauerausstellung mit ihren wertvollen Exponaten, etwa den faszinierenden Kunstwerken aus Bernstein oder der großzügigen Gemäldegalerie mit Meisterwerken von Lovis Corinth und Käthe Kollwitz und nicht zuletzt der historischen Abteilung, welche die Geschichte Ostpreußens von der Urgeschichte bis 1945 mit einer Vielzahl von Objekten zu erzählen weiß.

Insbesondere die aufwendige Inszenierung der Flucht aus Ostpreußen über das vereiste Frische Haff fand das Interesse der BdV-Vorsitzenden. Gleich beim ersten Blick berührt die lebensgroße Darstellung eines Flüchtlingstrecks mit den originalen Fluchtwagen, Kleidungs- und Gepäckstücken und vermittelt eine Ahnung der damaligen, von Leid, Angst und Verlust geprägten Emotionen. Direktor Mähnert konnte bestätigen, dass vor diese Szene auch Menschen ohne persönliche Erinnerungen oder familiäre Bezüge ergriffen sind und so z.B. auch Schulkinder sensibilisiert werden können für das Schicksal solchen Heimatverlustes.

Direktor Dr. Joachim Mähnert, Eika Steinbach MdB, Eckhard Pols Mdb, Kultusminister Dr. Bernd Althusmann

Dr. Joachim Mähnert, Eika Steinbach MdB, Eckhard Pols Mdb, Kultusminister Dr. Bernd Althusmann

Der Abgeordnete Eckhard Pols hob gegenüber Frau Steinbach den Wert des Hauses für Lüneburg hervor, das als weltweit einziges Museum für Ostpreußen dessen reiche Kultur und über siebenhundertjährige Geschichte einer deutschen Kulturlandschaft dem In- und Ausland zugänglich mache. Da Niedersachsen neben den Bayern den größten Teil der Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen aufnahm, thematisiere das Museum einen wichtigen Teil deutscher wie auch regionaler Geschichte. “Die deutsche Siedlungs- und Kulturgeschichte im nordöstlichen und östlichen Europa ist somit Teil des geschichtlichen Erbes aller Deutschen, unabhängig ihrer Herkunft. Europa ist eine Wertegemeinschaft, und das Erinnern an diese gemeinsame kulturhistorische Wurzel ist eine wichtige Legitimation dieses modernen Museums mit seinen zahlreichen Partnern aus Deutschland, aber eben auch aus Litauen, Polen und Russland.”

Direktor Mähnert und Eckhard Pols MdB

Kultusminister Dr. Althusmann wiederum weiß von der sehr aktiven museumspädagogischen Arbeit des Museums mit seinen vielfältigen Schulklassenangeboten, dem „Kinderclub“ für Kinder aus bildungsfernen Schichten, dem Ansatz des „einfachen Lernens“ und moderner Vermittlungsmethodik wie Rollenspielelemente, Bastel- und Mitmachangebote oder sehr anspruchsvollen Formaten wie „Philosophieren für Kinder“. Als Lüneburger und Familienvater kennt er einige davon sogar persönlich. Beispielhaft sei der hohe Besucheranteil von Kindern und Jugendlichen, der schon fast so hoch liegt wie der von Senioren, was belegt, wie lebendig und zukunftsträchtig Ostpreußens Kulturgeschichte vermittelt werden kann.

Kultusminister Dr. Bernd Althusmann vor einer Ausgabe des Versailler Vertrags

Angesichts dieses breiten Erfahrungshintergrunds, besonders auch bei dem nicht einfachen Themenkomplex von Flucht und Vertreibung, betonte Frau Steinbach, wie wichtig ihr eine enge Kooperation zwischen dem Landesmuseum und der in Berlin entstehenden Ausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung Versöhnung sei. Hier konnte der Museumsdirektor auf bereits bestehende beste Beziehungen zu den Mitarbeitern der Stiftung verweisen.Nicht zuletzt war das Museum auch auf dem großen CDU/CSU-Fraktionskongress in dieser Frage prominent auf dem Podium vertreten.
Gemeinsam wurde dann noch bei herrlichem Sonnenschein ein Rundgang über die benachbarten Liegenschaften unternommen, auf denen das Museum sich in den folgenden Jahren erweitern wird. Das Ostpreußische Landesmuseum erhält nicht nur eine deutschbaltische Abteilung, sondern es wird sich in seiner Dauerausstellung zudem erstmals mit der Geschichte Ostpreußens nach 1945 auseinandersetzen. Was geschieht heute dort? Wer erinnert wie an das deutsche Kulturerbe? Und was ist aus den Ostpreußen nach Verlust ihrer Heimat geworden? Warum eigentlich steht ein Ostpreußenmuseum überhaupt in Lüneburg?

Die Erweiterung des Museums wird in einem Rundgang erklärt

Erika Steinbach erinnerte in diesem Zusammenhang an die großartige Aufbauleistung der Heimatvertriebenen: “Sie wurden vertrieben, fanden in Lüneburg und Umgebung ein neues Zuhause und haben über die Jahre den wesentlichen Anteil daran gehabt, das Museum mit aufzubauen.” Dies geschieht bis heute. Das enorme Engagement der Ostpreußen, deren großzügige Unterstützung den Ankauf der benachbarten Liegenschaften ganz ohne öffentliche Finanzierung möglich gemacht hatte und so dem Museum ein einzigartiges Entwicklungspotential für die nächsten Jahrzehnte erlaubt, wurde von Frau Steinbach mit großem Erstaunen begrüßt und als uneingeschränkt vorbildlich kommentiert. Jetzt sind für den Neubau und die Ausstattung der neuen Dauerausstellung die Regierungen in Berlin und Hannover in der Pflicht. Frau Steinbach versprach zu helfen.

Das Planetenschleifenmodell erklärt die Entdeckung des Kopernikus

Das Ostpreußische Landesmuseum feierte Geburtstag

Mittwoch, 8. August 2012

25 Jahre OL – ein Rück- und Ausblick mit viel Lob und rosigen Aussichten für die Zukunft

Rosige Aussichten in Zeiten des “Kulturinfarktes”? Ja! Zumindest was die ambitionierten Um- und Neubau-Pläne des OL anbelangt. Durch die Feierlichkeiten zum Jubiläum, bei welchem das Museum mit viel Lob von allen Seiten bedacht wurde, hat sich die Aufbruchsstimmung gefestigt und nicht nur die gesamte Mannschaft des Museum freut sich auf das, was bald kommen mag, sondern auch all die Gäste. Die Weichen sind gestellt, Erweiterung und Modernisierung des Museums rücken in greifbare Nähe.

25-Jahre Ostpreußisches Landesmuseum

25 Jahre Ostpreußisches Landesmuseum

Aber der Reihe nach. Am Samstag, den 14 Juli, wurde im Lüneburger Rathaus gefeiert. Das Ostpreußische Landesmuseum hatte aus Anlass seines 25jährigen Jubiläums geladen und viele, viele kamen. Mit fast 250 Personen war der mit mittelalterlichen Malereien prächtig ausstaffierte Fürstensaal bis auf den letzten Platz gefüllt, darunter viel Prominenz: Der niedersächsische Kultusminister Dr. Bernd Althusmann war ebenso unter den geladenen Gästen wie mehrere Abgeordnete des Deutschen Bundestags und des niedersächsischen Landtags, Ratsmitglieder und Bürgermeister der Hansestadt. Ebenso wenig fehlten Kulturschaffende wie der Schriftsteller Arno Surminski oder der Architekt und Autor Christian Papendieck. Viele Lüneburger feierten „ihr“ Landesmuseum, aber auch das polnische Generalskonsulat erwies dem Museum die Ehre. Selbstverständlich gehörten zu den Gästen auch zahlreiche Ostpreußen mit Vertretern aus Stiftungen und Vereinen sowie Vertreter der Deutschbalten – schließlich entsteht mit dem Umbau des Museums auch eine deutschbaltische Abteilung.

Ein Streichertrio eröffnete den Festakt mit Antonin Dvorak, Terzetto für 2 Violinen und Viola 75a

Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge eröffnete die Reihe der Grußworte. Er betonte die Bedeutung des Museums als wichtigen Bestandteil der städtischen Museumslandschaft, wies auf seine überregionale Bedeutung hin und bedankte sich für die vielen für die Stadt wertvollen Museumsaktivitäten wie etwa die aktuelle Hanse-Ausstellung. Zugleich verschwieg er nicht den schwierigen Start ebenso wenig wie seine persönliche damalige Skepsis, als er 1987 während der Eröffnungsfeier unter den Gegendemonstranten stand. Inzwischen sei für ihn allerdings, so hob er unter lautstarken Beifall hervor, dieses schwierige Anfangskapitel abgeschlossen und nunmehr nach vorne zu schauen.

Zu Gast im Fürstensaal v.l.: Wilhelm von Gottberg, Dr.Berggreen-Merkel, Ulrich Mädge, Dr. Josef Lange, Dr. Joachim Mähnert

Frau Dr. Berggreen-Merkel, Abteilungsleiterin beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), hob hervor, dass das Museum in Lüneburg das Einzige sei, welches „die reiche Kultur und über siebenhundertjährige Geschichte der historischen Region Ostpreußen in Gänze bewahrt, erforscht und einer breiten Öffentlichkeit im In- und Ausland vermittelt.“ Zugleich erinnerte sie daran, dass „die deutsche Siedlungs- und Kulturgeschichte im nordöstlichen und östlichen Europa Teil des geschichtlichen Erbes aller Deutschen, unabhängig ihrer Herkunft“ sei. Europa sei eine Wertegemeinschaft, und das Erinnern an diese gemeinsame kulturhistorische Wurzel sei eine wichtige Legitimation dieses modernen Museums mit seinen zahlreichen Partnern aus Deutschland, aber eben auch aus Litauen, Polen und Russland.

Dr. Berggreen-Merkel betonte, dass die Pflege der Erinnerung im Museum wichtig sei, denn „es wird eine Zeit kommen, nicht all zu fern, wo die letzten, die die Zeit noch persönlich erlebten haben (…) nicht mehr unter uns sein werden.“ Für diese Zeit bedürfe es anderer Zeugen – das Ostpreußische Landesmuseum werde diese Aufgabe übernehmen.

Staatssekretär Dr. Josef Lange vertrat das Land. Er wies darauf hin, dass Niedersachsen neben Bayern den größten Teil der Flüchtlinge und Vertriebenen aufnahm; ihr Bevölkerungsanteil lag damals immerhin bei knapp 30 Prozent. Entsprechend sah er die Bedeutung des Museums auch in der Anerkennung der beeindruckenden Leistung, welche die Heimatvertriebenen beim Wiederaufbau der Bundesrepublik erbracht haben. Er lobte das Haus als ein weithin anerkanntes Museum und als Ort der Versöhnung.

BKM Referatsleiter Dr. Thomas Lindner mit dem Schriftsteller Arno Surminski

Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert wies auf die erfolgreiche Arbeit der letzten 25 Jahre hin: Über 130 Wechselausstellungen, eine nahezu ähnlich hohe Zahl von Leihausstellungen, präsentiert im In- und Ausland sowie hunderte von Lesungen, Konzerten und Studienreisen. Mähnert bedankte sich bei den Zuwendungsgebern Bund und Land sowie bei seiner hoch motivierten, kompetenten Mannschaft, zu der neben den Angestellten immerhin auch 50 aktive Ehrenamtliche zählen.
Übrigens, wer eine Übersicht der letzten 133 Ausstellungen sehen will, der muss sich nur mal die Außenfront des Museums anschauen. Beeindruckend.

Dr. Eckert führte im Anschluss an den Empang im Rathaus durch die Ausstellung „Vertraute Ferne. Kommunikation und Mobilität im Hanseraum“ im Museum

Immerhin noch etwa 100 Besucher waren vom Rathaus ins Museum gekommen, um zwischen verschiedenen Angeboten zu wählen – etwa ein Rückblick, nicht nur der letzten 25 Jahre, durch den langjährigen Kustos Dr. Jörn Barfod oder einen Ausblick auf die anstehende Erweiterung mit Direktor Dr. Joachim Mähnert. Es gab Gelegenheit, den neuen Historiker für die deutschbaltische Abteilung und dem Modul „Integration der Vertriebenen“, Herrn Dr. Eike Eckert, kennenzulernen, der durch die aktuelle Sonderausstellung zur historischen Hanse führte oder mit Dr. Christoph Hinkelmann eine Führung durch die Dauerausstellung mitzumachen, bevor diese in den kommenden zwei Jahren komplett umgebaut werden wird.

Rückblick auf die Anfänge des Ostpreußischen Landesmuseum - Dr. Barfod erinnerte auch an das 1958 entstandene Ostpreußische Jagdmuseum im Lüneburger Alten Kaufhaus am Alten Kran

25 Jahre erfolgreiche Arbeit des Ostpreußischen Landesmuseums waren Anlass genug für diese würdige wie fröhliche Feier, die sichtlich den vielen Anwesenden Spaß machte. Von den Schwierigkeiten des Anfangs, die in manchen Reden anklangen, ist kaum mehr etwas geblieben. Heute ist das Museum eine nicht nur in der Region für seine professionelle Arbeit anerkannte und geschätzte Einrichtung, dessen umfangreiches Ausstellungs- und Begleitprogramm längst auch Besucher zu begeistern versteht, die keine gebürtigen Ostpreußen sind. Seine national wie international wichtige Aufgabe ist unumstritten, und sein guter Ruf bei den Kultureinrichtungen in den heutigen Ländern des historischen Ostpreußens spricht für sich.

Kinder im Sternenzelt im Ostpreußischen Landesmuseum

In den Worten des Museumsdirektors klang das so: „Museen sind heute quicklebendige Orte, in denen Menschen zueinander kommen, schöne Momente der Besinnung und Untererhaltung erleben, Überraschendes erfahren und neugierig werden auf eine Vertiefung der gezeigten Themen. Auch das Ostpreußische Landesmuseum ist so ein lebendiger Ort, in denen z.B. Kinder mit Begeisterung ihren Geburtstag feiern und unsere Museumsräume mit ihrem fröhlichen Lachen erfüllen. Und wenn diejenigen, die noch eigene, persönliche Erinnerungen an das wunderbare und legendenerfüllte Ostpreußen mitbringen, wenn diese Jüngsten der Erlebnisgeneration heute über 70 Jahre alt sind, dann wissen sie, dass ihre Erinnerungen nicht verloren gehen, sondern bei uns im Museum weiterleben können und werden.“

Eine Vernissage der besonderen Art

Mittwoch, 28. März 2012

Versöhnung ist und bleibt ein großes Wort – im Großen wie im Kleinen. Und daher ist es kein Zufall, dass das Ostpreußische Landesmuseum dieses Thema in der neuen Sonderausstellung, dessen feierliche Eröffnung am vergangenen Freitag, den 23. März 2012, stattfand, aufgriff.

„Versöhnender Schmerz. Deutsch-Russische Erinnerungen an den Exodus der Ostpreußen in Werken von Elena Steinke und Erhard Kalina“ lautet der Titel – und er hält, was er verspricht.

Versöhnen hat oft mit Erinnern zu tun. Ohne Erinnerung sind ein Verarbeiten und ein Verzeihen kaum möglich. 2011 haben sich ein deutscher Künstler und eine russische Künstlerin erinnert. Vorher haben sie zugehört und den schmerzlichen Inhalt eigener Familienerinnerungen künstlerisch umgesetzt. Die Kunstwerke der Ausstellung thematisieren Tragödien, die Menschen damals in Ostpreußen erlebt haben, die sich aber bis heute in vergleichbarer Art und Weise auf der Welt abspielen.

Dr. Barfod, Kurator der Ausstellung, und Elena Steinke sprechen über das "Wiegenlied im Eis"

Aber die Ausstellung heißt nicht ohne Grund „Versöhnender Schmerz“. Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und über 20 Jahre nach Überwindung des „Eisernen Vorhangs“ dient ein Erinnern an schreckliche, aber gemeinsame Erfahrungen nicht mehr der Spaltung und Verletzung, sondern dem Verarbeiten und Versöhnen und zum Aufbau guter nachbarschaftlicher Beziehungen. Auf diesen Gedanken und die damit verbundenen Schwierigkeiten ging der Direktor des Museums, Dr. Mähnert, in seiner Begrüßungsrede ein. Gemeinsames Erinnern und Versöhnen ist noch keine Selbstverständlichkeit, wie die Schwierigkeiten der „Stiftung Flucht, Vertreibung Versöhnung“ zeigen.

Besucher der Vernissage beim Betrachten des Zyklus`von Erhard Kalina

Im Anschluss an die zum Nachdenken anregenden Worte des Direktors, führte der Kurator Dr. Jörn Barfod kenntnisreich in die Ausstellung ein. Die Künstler befassen sich auf jeweils ganz eigene Weise und mit unterschiedlichen Techniken mit dem Thema. Kalinas Werke bilden einen Zyklus in geschlossener Form ab – von der Flucht und Vertreibung bis hin zur Ankunft und des langwierigen Prozesses des Wiederaufbaus in einem neuen Leben. Steinkes Werke hingegen zeigen eindrucksvolle Einzelmotive. die neben dem Leid der Vertreibung zusätzlich den „Roten Terror“ des Stalinismus widerspiegeln.

Elena Steinke und Erhard Kalina

Der Abend endete mit einer beeindruckenden Vernissage, bei der die Besucher die Gelegenheit nutzten mit den anwesenden Künstlern ins Gespräch zu kommen, um mehr über die Hintergründe der Werke zu erfahren. Besonderes Interesse weckte zudem ein Bild, welches im Mittelpunkt einer besonderen Spendenaktion steht, die das Museum in Zusammenarbeit mit Elena Steinke veranstaltet und die dem Hilfsprojekt “Jablonka” für Straßenkinder in Kaliningrad/Königsberg zugute kommen soll. Die Ausstellung ist noch bis zum 23. September 2012 im Ostpreußischen Landesmuseum zu sehen.

Elena Steinke: Sehnsucht. Die Malerin, selbst in Jablonka geboren, wird dieses, eigens für die Spendenaktion angefertigte Bild, stiften und im Anschluss der Ausstellung zur Versteigerung anbieten