Archiv für April 2018

Objekt der Woche #16 – Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

Mittwoch, 25. April 2018

Die zwei hohlen Silberbohnen sind Zeugnis einer alten Tradition zur Wertschätzung des Philosophen Immanuel Kants (1724-1804).
Der „Weltendenker“ Kant hatte zeit seines Lebens nie seine Heimat Ostpreußen verlassen. Informationen über das Geschehen in der Welt sammelte er in regelmäßigen Gesprächen seiner Tischrunde, deren Kreis bunt gemischt war, darunter Kaufleute, Banker, Militärs, Ärzte, Theologe und Literaten.

Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

William Motherby, Arzt, Landwirt und wie sein Vater Robert Motherby ein Freund von Kant, lud in Gedenken der letzten Geburtstagsfeier Kants am 22.4.1803 zwei Jahre später die damaligen Teilnehmer zu einem Gedächtnisfest ein. Daraus wurde eine jährliche Tradition, die zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde Kants“ führte und bis 1945 in Königsberg, später dann in Göttingen und seit 2011 wieder in Königsberg/Kaliningrad fortgeführt wurde.
Die in einen Kuchen eingebackene Bohne bestimmte auf der Versammlung der Gesellschaft am 22.04 eines jeden Jahres ihren Finder zum „Festordner“ (Präsident) der Gesellschaft (daher auch „Bohnenkönig der Bohnengesellschaft“ genannt), der im Folgejahr eine Festrede zu halten hat.
Die zwei silbernen Bohnen stammen aus dem Nachlass der Königsberger Familie von Hippel. Der Königsberger Bürgermeister und Polizeidirektor Theodor Gottlieb Hippel der Ältere (1741-1796) war ein Verfechter der Aufklärung, eng mit Kant befreundet und regelmäßiger Gast seiner Runde.

Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen ab 1915

Freitag, 20. April 2018

Vortrag von Dr. Nils Aschenbeck am 18. April 2018
Der Architekturdozent und Journalist Dr. Nils Aschenbeck gab am Mittwochabend im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg einen ausführlichen Einblick in die Entstehungs- und Ursprungsgeschichte der Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen aus der Reformarchitektur, welche seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs den architektonischen Zeitgeist prägte.
Die Reformarchitektur, eine Geste des Protests gegen den Historismus, gegen Biedermeier, Schnörkel und alles, was vorgibt, etwas zu sein, das es gar nicht ist, wollte an erster Stelle eines: ein beginnendes Jahrhundert einleiten, das am absoluten Nullpunkt startet und organisch, naturbezogen und ehrlich wächst. Es sollte eine Architektur des Unbewussten sein, die örtliche Besonderheiten und Charakterzüge der ansässigen Menschen zur Grundlage nahm und keine große Planung oder Symmetrie anstrebte. Um 1900 wurden althergebrachte Werte umgewertet. Was bisher als Wahrheit galt, bezweifelte oder lehnte man gar ab. Neue Ideale und Wahrheiten wurden gesucht.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach und Ostpreußen zum Kriegsschauplatz wurde, übertrug sich angesichts zerstörter Städte die bis dato ungebrochene Begeisterung der deutschen Bevölkerung für den „Reformkrieg“ auch auf den Wunsch nach Wiederaufbau, nach einem besseren, neuen Aufbau der zerstörten Gebiete. Private wie öffentliche Gelder flossen nach Ostpreußen, eben nicht nur, um Zerstörtes auszubessern, sondern um Idealstädte zu formen – moderne, sachliche Orte bar aller scheinheiligen Verzierungen, die den Menschen angeblich krank machten. Dieser Modernisierungsschub für Ostpreußen führte gar dazu, dass Flüchtende späterer Jahre angesichts Westdeutschlands die Stirn runzelten und staunten, „wie provinziell hier doch alles sei“.

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Die Architektur des Wiederaufbaus ist ein wichtiges Stück ostpreußischer Kulturgeschichte, das nach der Niederlage 1918 bald verdrängt, nicht mehr beachtet und noch heute in architekturhistorischen Fachkreisen weitestgehend ignoriert wird. Auf die Reformarchitektur folgte schnell eine stark international ausgerichtete Architektur. Formen, Gebäude, die prinzipiell an jeden Fleck der Erde passen und eine Allgemeingültigkeit in sich tragen sollten. Nils Aschenbeck betonte, wie schade er dies finde. Denn es war eine avantgardistische Architektur, Symbol eines zuversichtlichen Schrittes Richtung Zukunft, die in den Jahren zwischen der Jahrhundertwende und dem Kriegsende entstand. Der Glaube daran, mit dem neuen Jahrhundert eine neue Architektur, ja: eine neue Gesellschaft, neue Kinder, neue, bessere Menschen in neuer Kleidung formen zu können, war stark und zuversichtlich. Diese neue Architektur sollte wieder bei den Wurzeln, bei der Natur anfangen, um rein von jeglichem Ballast sein zu können. Viele Loggien und Balkone lockten die Menschen an die Luft, dem Zeitalter der Tuberkuloseerkrankungen wollte man endgültig den Gar ausmachen. Vorhänge wurden in Häusern und Wohnungen der Reformarchitektur vergeblich gesucht – Sitzpolster galten bereits als Zugeständnis.
Obwohl auch im Museum auf ominöse Sitzpolsterungen verzichtet wird, war die Aufmerksamkeit der Zuhörer von Nils Aschenbecks Vortrag bis zum Ende ungebrochen und mündete zum Abschluss in einer angeregten Diskussionsrunde, in der Fragen geklärt und Erinnerungen an bestimmte Orte und ihre architektonischen Besonderheiten in Ostpreußen ausgetauscht werden konnten.

Svenja Szalla, Praktikantin

Objekt der Woche #15 – Geflügelte Termite in Naturbernstein

Mittwoch, 18. April 2018

Ein kleines Insekt, eingeschlossen in fossilem Baumharz, das vor mindestens 35 Millionen Jahren aus einem Baum austrat. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Kiefernart. Sie wuchs in einem Wald irgendwo in Nord-, Mittel- oder Osteuropa im Eozän genannten, frühen Abschnitt der Erdneuzeit, des Tertiärs.

Geflügelte Termite in Naturbernstein

Geflügelte Termite in Naturbernstein

Zu dieser Zeit war das Klima in Europa sehr viel wärmer als heute. Subtropische Wälder bedeckten riesige Landflächen. Die im Bernstein eingeschlossene kleine Termite ist ein hervorragender Beweis für warmes Klima, denn bis heute kommen diese Pflanzenfresser (Holzzerstörer) nur in tropischen und subtropischen Landschaften vor. Sie sind sehr empfindlich gegenüber Trockenheit und leben gut geschützt in Totholzstämmen und steinharten Erdhügeln. Nur für kurze Zeit entwickeln sich Geschlechtstiere mit Flügeln, die die Bauten verlassen, sich paaren und eine neue Kolonie gründen. Entsprechend selten werden Termiten als Inklusen im Bernstein gefunden, umso schöner, dass es in der neuen Bernsteinabteilung zu sehen sein wird.

Objekt der Woche #14 – Vielseitigkeitssattel aus Insterburg

Mittwoch, 11. April 2018

Dieser leichte Pferdesattel wurde vorzugsweise im Reitsport eingesetzt. Gefertigt wurde er wahrscheinlich in den 1930er Jahren. Sicher ist, dass er von der Sattlerei Fr. Kuster in Insterburg hergestellt wurde, darauf weist ein Stempeleindruck hin. Insterburg war vor dem Zweiten Weltkrieg eine bedeutende Turnierstadt, alljährlich fanden hier Pferderennen statt, die weit über Ostpreußen hinaus Aufmerksamkeit erregten.

Vielseitigkeitssattel aus Insterburg

Vielseitigkeitssattel aus Insterburg

Der Sattel wurde vermutlich von Reinhold Leitner aus Podszohnen, Landkreis Stallupönen/Ebenrode, auf der Flucht 1945 in den Westen gebracht. Heute heißt der Ort Panfilovo und liegt im Kaliningrader Gebiet. Der Sattel ist für heutige Reitverwendungen auffallend klein und steht in der Abteilung Trakehnen dafür, dass Trakehner Pferde schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle im Reitsport spielten. Er wurde vom Fördererkreis Ostpreußischen Jagdmuseum – Hans-Ludwig Loeffke-Gedächtnisvereinigung e.V. für unser Museum angekauft.

Mit Farben experimentieren – Auf den Spuren von Carl Knauf

Dienstag, 10. April 2018

Von Ricarda Larink, Praktikantin im Ostpreußischen Landesmuseum

Die Dauerausstellung ist gerade wegen Umbau geschlossen, doch das Ostpreußische Landesmuseum hatte während der Osterferien noch reichlich zu bieten.
So konnte man in der Sonderausstellung Gemälde des vergessenen Sohns der Künstlerkolonie Nidden bewundern: Carl Knauf.

Auch 15 Kinder fühlten in den Osterferientagen (20. bis 23 März 2018) unter dem Motto „Mit Farben experimentieren“ dem Kunstgenie auf den Zahn: An vier Tagen taten sie es ihm gleich und wurden unter der Leitung der Expertin Murte Liebenberg zu kleinen Künstlern. Natürlich, um den Namen „Osterferienprogramm“ auch Genüge zu tun, alles im Oster-Stil.

Nach einer kleinen Einführung in das fast vergessene Leben von Carl Knauf, die sie erstaunlich motiviert und wissbegierig über sich ergehen ließen, machten die Kinder sich direkt am ersten Tag tatkräftig ans Werk. Auch wenn sie sich kaum kannten und komplett verschiedene Charaktere aufwiesen, konnten sie –  gleich den Künstlern in Nidden – mithilfe von Ei und Farbpigmenten paarweise ihre eigenen Tempera-Farben herstellen.

Diese wurde brüderlich und schwesterlich geteilt und in kleine Kunstwerke verwandelt, von Osterszenerien bis Landschafts-darstellungen, inspiriert von den Bildern Carl Knaufs.

Auch am nächsten Tag konnten diese Temperafarben wieder genutzt werden. Nun wurden die Kinder nämlich in der ältesten aller „Osterkunstkategorien“ auf die Probe gestellt: dem Eierbemalen. Hier trafen sich die Gegensätze: einmal richtig traditionell in der Technik der Eitempera und dem Eierfärben mit Zwiebelwasser und dann super modern, indem an zwei weiteren Stationen mitgebrachte Eier unter der Leitung der Schülerpraktikantin Linda Niedergesäß mit Comics versehen wurden, oder unter meiner Anleitung Eier mit Sand, Glitzer, Schwamm- und „Brushtechnik“ aufgepeppt werden konnten.

Resultierend daraus waren erstens: fulminant-famose Eier en Masse; und zweitens: „There’s Glitter in the air. There’s Glitter everywhere.“

Damit die Eitempera auch vollends ausgeschöpft wurde, kam sie auch am dritten – dem wohl actionreichsten Tag – zum Einsatz. Actionreich, weil das Thema nun richtig experimentell wurde. An drei Stationen konnten die Farbforscher die Eitempera mithilfe von Pipetten auf ihr Blatt sprenkeln und spritzen, in Farbe getunkte Murmeln rollten und rasten über Papier, und das absolute Highlight: Die neue Farbschleuder zog die Kinder mit ihren hypnotisierenden Kreisen in ihren Bann.

Die Schleuder machte der Schlange Ka aus dem Dschungelbuch Konkurrenz

Die Schleuder machte der Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch Konkurrenz.

An Pause oder Ende war bei so viel Spaß kaum zu denken.

Auch unsere Volontärin Ann-Christin Lepper war von der Farbschleuder fasziniert.

Auch unsere Volontärin Ann-Christin Lepper war von der Farbschleuder fasziniert.

Zu guter Letzt machten wir noch einen Ausflug in die Farbenwelt des Carl Knauf. Denn auch wenn Öl, Impressionismus und natürliche Farben ganz ohne Schwarz sein Faible waren, wie die Kinder richtig erinnern konnten, hatte er auch das eine oder andere Aquarellbild in petto. Nach einer kurzen Einführung in die Farbenlehre und den Umgang mit dem Aquarellkasten konnten die Kinder nun ein kleines Kunstwerk selber gestalten. Leider blieb nicht mehr allzu viel Zeit, nachdem die Kinder zuerst die drei Aquarellbilder unserer Ausstellung suchten und fanden, so dass einzelne Bilder sogar noch trockengeföhnt werden mussten. Für eine Abschlussrunde im Stil einer echten Auktion blieb trotzdem Zeit, so dass jedes Kind seine gesammelten Werke wohlbehalten nach Hause brachte und, neben hoffentlich vielen schönen Erinnerungen an actionreiche Tage, auch ein handfestes Andenken hatte.

Das Resultat: getropfte, gekugelte und geschleuderte Bilder

Das Resultat: getropfte, gekugelte und geschleuderte Bilder.

Ich persönlich glaube ja, mit ihrer Begeisterung zur Kunst hätten sie dem einst bekannten Künstler Niddens alle Ehre gemacht.

Ein Spaß für klein und groß

Ein Spaß für Klein und Groß

Objekt der Woche #13 – Portraitbüste „Arno Surminski“ von Manfred Sihle-Wissel

Mittwoch, 4. April 2018

Bei seinem letzten Besuch im Ostpreußischen Landesmuseum brachte Arno Surminski unser heutiges Objekt der Woche mit: Seine Portraitbüste, die der deutschbaltische Bildhauer Manfred Sihle-Wissel von ihm anfertigte.

Der 1934 in Tallinn/Reval (Estland) geborene Künstler erlitt mit seiner Familie die für die deutschbaltische Bevölkerungsgruppe in den baltischen Staaten Estland und Lettland typische Umsiedlung 1939 ins Wartheland, anschließend die Flucht 1945, die ihn nach Hamburg brachte. 1954-59 studierte er an der dortigen Kunstgewerbeschule Bildhauerei bei Edwin Scharff und Hans Martin Ruwoldt. Er lebt seit 1981 in Brammer bei Rendsburg und arbeitet als freier Künstler. Unter vielen Portraitbüsten schuf er auch die Bildnisse etwa von Helmut Schmidt, Marion Gräfin Dönhoff, Siegfried Lenz und Walter Kempowski.

Arno Surminski überreicht die Büste unserem Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Arno Surminski überreicht die Büste unserem Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Der aus Ostpreußen stammende Schriftsteller Arno Surminski (geb. 1934) behandelt in seinen literarischen Werken vornehmlich Themen, die mit dem Schicksal von Menschen aus dem historischen Ostpreußen und den Geschicken des Landes selbst verbunden sind. Seit vielen Jahren ist er mit Veranstaltungen Gast im Ostpreußischen Landesmuseum, das ihm 2014 auch eine Ausstellung anlässlich seines 80. Geburtstags widmete. In der neuen Dauerausstellung des Museums wird er unter den Literaten vertreten sein durch die Portraitbüste aus Bronze, die der Künstler 2007 von ihm schuf.