Studienreise vom 27. Juli bis zum 3. August 2026: von Danzig über Lyck und zurück
Von Dr. Jörn Barfod
Der Beginn in Danzig am 28.7. bot ein besonders reiches kulturgeschichtliches Ambiente, das mit einer Stadtführung am ersten Tag erkundet wurde. Der Nachmittag stand dann ganz im Zeichen der Literatur: Der besondere Kenner neuerer deutscher Literatur in Polen, Prof. Dr. Miroslaw Ossowski, hielt im Herder-Zentrum der Universität Danzig einen Vortrag zu Ostpreußen in der deutschen Literatur nach 1945 – mit besonderer Berücksichtigung von Siegfried Lenz.

So sehr gut eingeführt konnte die Reise Richtung Lyck beginnen. Danzig erinnerte als Ort daran, dass Lenz als Marinesoldat 1944 eine Zeit lang in Gdingen/Gotenhafen, polnisch Gdynia, stationiert war.
Richtung Masuren führte am 29.8. der Weg eine Strecke lang über den oberländischen Kanal. Die Schifffahrt auf dem Wasserweg mit den „geneigten Ebenen“ oder „Rollbergen“, über die die Boote zur Überwindung der Höhenunterschiede gezogen werden, war ein besonders Erlebnis von Landschaft und Technik des 19. Jahrhunderts.

Der Weg (im angenehmen Reisebus, der die Gruppe von Danzig bis Danzig sicher beförderte) führte weiter nach Olsztynek (ehem. Hohenstein) zum Freilichtmuseum. Diese landestypischen Bauernhäuser mögen bei einigen Motiven in Lenz‘ Roman „Heimatmuseum“ als Vorbilder gedient haben. In einem der Häuser fand sich auch ein großer Webstuhl, ein wichtiger Gegenstand in diesem Roman. Ganz nebenbei waren in einigen Gebäuden die Reste des einstigen Freilichtmuseums von Königsberg zu finden.
Am 30.7. schließlich sah die Gruppe die Geburtsstadt des Autors, sehr fundiert geführt durch den Direktor des Stadtmuseums, Dr. Rafal Zytyniec. An einigen markanten Punkten der Kindheit und Jugend des Dichters, so u.a. am See und auf der Schlossinsel, wurde gehalten. Andere Orte aus der Biografie von Lenz sind nach 1945 verschwunden, etwa das Denkmal des Generals Günther und das Häuschen der Großmutter.

Eindrucksvoll war die Schilderung der Geschichte der Volksgruppe der Masuren durch Dr. Zytyniec, ihr Schicksal zwischen der deutschen und später polnischen Bevölkerungsmehrheit. Dies wurde vertieft durch den Besuch des Hauses des masurischen Volksdichters Michal Kajka in einem verträumten Dorf Ogrodek (Ogrodtken) bei Lyck. Auf der Fahrt erinnerte der Besuch des Soldatenfriedhofs Bartossen/Bartosze an die Kriegszeiten 1914/15 und 1944/45, die auch über diese Landschaft hinwegzogen und jeweils Tod und Zerstörung brachten.

Der letzte Julitag war der heißeste der ganzen Fahrt. Nach der Besichtigung des Stadtmuseums und einer Tafelausstellung über Siegfried Lenz und seine Bedeutung in Polen, speziell in Masuren, stand am Nachmittag eine Fahrt mit der Lycker Kleinbahn auf dem Programm. Aus Lenz‘ Erzählungen „So zärtlich war Suleyken“ ist sie als „Eine Kleinbahn namens Popp“ bekannt geworden. Auf der Fahrt durch Wälder und Felder war das Masuren des Dichters in hochsommerlicher Pracht zu sehen. An der Endstation wartete ein kleines Feuer, bei dem bei 33 Grad im Schatten Würstchen gegrillt wurden. Eine Szene, die mit ihrer gewissen Merkwürdigkeit an Suleyker Geschichten erinnern mochte.

Am 1. August musste Abschied von Lyck genommen werden. Die Rückfahrt nach Danzig führte dieses Mal über Steinort/Stynort, wo seit langem das Schloss der Familie von Lehndorf wieder hergestellt wird. Die Vorsitzende der Lehndorff-Gesellschaft, Frau Dr. Bettina Bouresh, berichtete über die Geschichte und die Aufbauarbeiten von Schloss und Park.

Der Abschlusstag in Danzig führte nochmals in das dunkelste Kapitel Europas durch den Besuch des Museums des Zweiten Weltkriegs. Versöhnt konnte man werden durch eine kleine Führung durch die wiedererstandene Marienkirche mit einigen ihrer Kunstschätze von europäischem Rang sowie durch ein besonderes Abendessen in einer „Hafenkneipe“ an der Mottlau.

Am 3.8. traten alle die individuelle Heimreise an, sofern sie nicht noch eine weiter Zeit im Lande verbleiben wollten. Alle Teilnehmer der gelungenen Studienreise sind nun voller Eindrücke, die stets beim Wiederlesen der einschlägigen Arbeiten von Siegfried Lenz vor dem inneren Auge aufsteigen können. Masuren als Landschaft und Menschenschlag sind darin bekanntlich wichtige Schlüsselbegriffe.
