Auf dem Silbertablett präsentiert

Zwei fliegende Engel schleppen ein großes, verschnörkeltes Rahmengerüst heran. In diesem steht auf einem Rasensockel ein Schaf, das eine lange Fahnenstange mit einem Wimpel dran trägt, die oben in einem Kreuz endet.

Die Engel und das Schaf mit dem Kreuzstab sind Symbole aus der christlichen Bildsprache. Diese Zeichen sagen: Die zwei Himmelsboten zeigen hier das Sinnbild des am Kreuz gestorbenen und auferstandenen Christus. . Das Lamm als Opfertier in der Tradition des Alten Testaments erscheint in der Offenbarung, dem letzten Buch des Neuen Testaments, als Erlöserzeichen.
Nur das Rahmenwerk, das einzige ganz weltliche Stück in der Darstellung, ist nach der neuesten Mode gemacht, schnörkelig-knorpelig. Diese Form, auch eine Kartusche genannt, zeigt das moderne Ornament der Zeit um 16Das Rahmenwerk, das einzige ganz weltliche Stück in der Darstellung, ist nach der neuesten Mode gemacht, schnörkelig-knorpelig. Diese Form, auch eine Kartusche genannt, zeigt das moderne Ornament der Zeit um 1640/50. Und auf dem Silber befindliche kleine eingeprägte Marken verraten, dass diese Gravur, wie das ganze Tablett, der Goldschmied Christoph Selig 1650 in Königsberg gearbeitet hat.

Die Gravur auf dem Silbertablett im Detail

Sie befindet sich mitten auf einem gerundet querrechteckigen Silbertablett, das aus der evangelischen Kirche des ostpreußischen Städtchens Bartenstein (heute polnisch Bartoszyce) stammt. Es gehörte zum Altargerät. Das sind in evangelischen Kirchen etwa Abendmahlskelche, Patenen (Teller zum Austeilen der Abendmahlsoblaten), Kannen für den Abendmahlswein, Taufwasserkannen, Leuchter usw. – aber wozu ein Tablett? Und noch dazu eines, auf das nichts hinaufgestellt wurde bei der Handlung, das hätte die Darstellung mit den Engeln und dem Lamm nur verdeckt.

Des Rätsels Lösung liegt in dem seltenen Brauch in der evangelisch-lutherischen Kirche in Ostpreußen, dass bei der Austeilung von Brot (Oblate) und Wein beim Abendmahl ein Tablett untergehalten wurde, damit Krümel der Oblate oder Tropfen vom Wein nicht auf den Boden fielen. Die Inschrift auf der Unterseite des Tabletts besagt, dass Barbara Franck, Witwe des seligen Joachim Bergandt, dieses Stück am 5. Juni 1650 gestiftet hat; freilich nicht, weil sie um die Sauberkeit des Kirchenfußbodens Sorge hatte.

Brot und Wein verwandeln sich im Abendmahl nach katholischer Auffassung in Leib und Blut Christi. Auch nach lutherischer Ansicht geschieht dies, wenn der Mensch, der Brot und Wein zu sich nimmt, dies glaubt. Und es ist Ausdruck der Ehrfurcht vor diesen Dingen des Abendmahls, dass nichts achtlos zu Boden fallen soll. Aus diesem Zusammenhang erklärt sich nun auch der Ort, an dem die Darstellung angebracht ist: Die Gläubigen sehen auf das untergehaltene Tablett und haben durch die Symbolik den Urheber des Abendmahls, Jesus Christus, vor Augen. Das ist ein feierlicher Anblick, aber hier durch das Ornament auch schön und würdevoll verziert.

Foto: Silbertablett © Ostpreußisches Landesmuseum