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Vielfältige Spurensuche

Dienstag, 19. Dezember 2017

Vom 25. September bis zum 1. Oktober 2017 unternahm eine 38-köpfige Gruppe eine spannende Reise durch das Kaliningrader Gebiet und ins westliche Litauen. Von Hamburg ging es mit dem Flugzeug nach Danzig; von dort mit dem Bus weiter mit Übernachtungen in Kaliningrad/Königsberg, Sovjetsk/Tilsit, Silute/Heydekrug und schließlich von Klaipeda/Memel mit dem Schiff zurück bis Kiel. Es wurde eine außergewöhnliche Entdeckungsreise mit vielen menschlichen Begegnungen und oft überraschenden Eindrücken von Land und Leuten.

Reisegruppe vor dem Kantdenkmal in Kaliningrad

Reisegruppe vor dem Kantdenkmal in Kaliningrad

Begleitet wurde die Fahrt von Ulla Lachauer, die seit Jahrzehnten in der Region reist und recherchiert und darüber zahlreiche Filme und Bücher veröffentlicht hat. Sie hat seither maßgeblich dazu beigetragen, dass heute ein differenziertes, nicht nur nostalgisches Bild von Ostpreußen in den Köpfen der Menschen in Deutschland existiert. Ihre Lesungen auf dieser Reise im Kaliningrader Bücherclub „Katarakt“, im Tilsiter Heimatmuseum und in der Kirche von Vilkiskai/Willkischken spiegelten eindrucksvoll, wie die Menschen in der Region seit der Wende Anfang der 90er Jahre versuchen, ein neues, eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich in einer veränderten Welt zurechtzufinden.
Ein Höhepunkt der Reise war zweifellos der Besuch des Grigoleitschen Hofes im ehemaligen Bittehnen, heute Bitenai. Über das wechselvolle Schicksal der Bäuerin Lena Grigoleit im 20. Jahrhundert hat Ulla Lachauer 1996 das Buch „Paradiesstraße“ veröffentlicht; jetzt wurde die gesamte Reisegruppe von Lena Grigoleits Töchtern Irena und Birute sowie ihrem Enkel Mindaugas und dessen Frau Enida empfangen: in herzlicher Gastfreundschaft und mit einem überbordenden Büfett voller einheimischer Köstlichkeiten. Mindaugas erläuterte zudem sachkundig die aktuellen Probleme der Landwirtschaft im heutigen Litauen.
Die Liste der Museen, Kirchen, Denk- und Sehenswürdigkeiten, die wir besuchten, ist lang und würde den Rahmen dieses kleinen Berichts sprengen. Besonders anrührend war es, dass einige Mitreisende vor Ort konkrete Spuren ihrer eigenen Vorfahren entdecken und besichtigen konnten – Erlebnisse, die allen unter die Haut gingen.
Am Ende stand die aufrichtige Dankbarkeit der Reisenden gegenüber dem Ostpreußischen Landesmuseum und dem Büro Russland-Reisen Romanova, die zusammen diese Fahrt umsichtig organisiert haben. Auch der örtliche Reiseführer und Übersetzer Ewgeni Snegowski wurde mit großem Applaus verabschiedet – seine sachkundigen Erläuterungen und oft humorvollen Kommentare haben zum Erfolg des gesamten Unternehmens nicht unwesentlich beigetragen.
Uwe Naumann

Dialogprogramm und Autorenlesung – die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte im deutsch-russischen Begegnungszentrum am Newski Prospekt 22-24 in St.Petersburg

Montag, 8. Dezember 2014

Das Buch „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“ von Ulla Lachauer

Ulla Lachauer

Ulla Lachauer

Am 17. November 2014 lud die Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum Sankt Petersburg“ zum Dialogprogramm und zur Autorenlesung mit der deutschen Autorin und Historikerin Ulla Lachauer ein. Unter dem Motto „Die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte“ las und erzählte die Autorin in deutscher Sprache aus ihrem Buch „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“.

Neben der Veranstaltung für die Besucher der deutsch-russischen Begegnungszentrums fand am 18. November auch eine weitere deutschsprachige Lesung mit Dialog im Studentenklub der staatlichen pädagogischen Herzen-Universität Sankt Petersburg statt.

An beiden Veranstaltungen wurde das Thema der EU-Russland-Beziehungen, der deutschen historischen Kulturlandschaften in Osteuropa, sowie die übergreifenden Themenbereiche über die Sowjetdeutschen  wie – Deportation, Vernichtung der deutschen Wolga-Republik, Repressionen, Trud-Armee, Aussiedlung und das 250järige Manifest von 1763 der russischen Kaiserin Katharina II. angeschnitten.

Ulla Lachauer wurde 1951 im ländlichen Westfalen geboren. Historikerin, Autorin und Dokumentarfilmerin. Ihre Liebe gilt den bäuerlichen Welten Europas, ganz besonders im Osten. Sie hat seit den 80er Jahren immer wieder Russland bereist und dort gearbeitet. Sie lebt in Stuttgart.

Als Überraschungsgast der Lesungen war Rita Pauls, die in den 1990er Jahren mit ihrer einzigartigen Biografie den Anstoß für das Buch lieferte und gleichzeitig seine Protagonistin ist, mit nach Sankt Petersburg gereist.
Aufgewachsen in einer russlanddeutschen Mennonitenfamilie, kam Rita Pauls 1989 als junge Frau aus Kasachstan nach Deutschland. Ihre Geschichte und die ihrer Familie werden von Ulla Lachauer in ihrem Buch aufmerksam und behutsam porträtiert. Rita Pauls, so heißt es im Klappentext des Buches, ist damals eine junge, lebenslustige Frau: selbstbewusst, von barocker Statur und mit einer schönen Gesangsstimme. Sie lebt in Mannheim und hat eine weit verstreute Familie – Ritas Leute. Die Pauls‘ gehören zu den mittlerweile zweiundhalb Millionen Russland-Aussiedlern. Im Mikrokosmos dieser Familie, deren Mitglieder in Deutschland, Russland und Kanada leben, spiegelt sich eine ganze Epoche bzw. ganze Jahrhunderte deutsch-russischer Historie – ein Stück Weltgeschichte.

Um Ritas Familie kennenzulernen nimmt uns Ulla Lachauer mit  auf eine große Reise mit. Es zunächst zu den Wolgadeutschen mennonitischen Siedlungen, zu Ritas Großmutter in die sibirische Weite, in die kasachische Steppe, über den Atlantik nach Kanada, wo es im Zuge der Spurensuche zu einer glücklichen Familienzusammenführung kommt. Schließlich führt es sie  ins bäuerliche Westpreußen – die Heimat von Ritas Vorfahren.

Im Anschluss an die Lesung ergab sich unter der Moderation von Irena Bijagowa, Leiterin der Kultur-und Bildungsprojekte am Begegnungszentrum,  ein lebhafter Dialog zwischen der Autorin Lachauer, Rita Pauls und dem Publikum. Besonders hervorgehoben wurden während dieses Dialoges die Parallelen und Überschneidungen zwischen der Geschichte Rita Pauls’ und der Biografie der Autorin. So war das kasachische Karaganda nicht nur die unheilvolle „Stadt der Verbannten“, in die Ritas deutsche Großeltern unter Stalin deportiert wurden. Für Rita war es der Ort einer glücklichen und behüteten Kindheit, an dem sie ohne Kenntnis der vergangenen Schrecken aufwuchs. Gleichzeitig war Karaganda für Ulla Lachauer mit der eigenen Familiengeschichte verknüpft: Ihr Schwiegervater war eben dort in Kriegsgefangenschaft gewesen. So entstehen Verbindungen, Kontakte, vielleicht sogar Freundschaften, wie die, die heute Ulla und Rita im schwäbischen Stuttgart verbindet.

Rita Pauls erzählte vom schwierigen und vielschichtigen Entscheidungsprozess, ausreisen oder bleiben, der die Familie schließlich nach Deutschland führte.
Heute arbeitet Rita als Übersetzerin in Deutschland und ist trägt damit entscheidend zum Verständnis zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat bei.

Zu Wort kamen Besucher des Begegnungszentrums, die von ihrer eigenen Familiengeschichte mit russisch-deutschem Hintergrund erzählten. In all diesen Beiträgen zeigten sich die vielfältigen deutsch-russischen Verbindungen, deren Ausbau und Stabilisierung seit 1993 das erklärte Ziel der Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum“.

Das Projekt „Dialogprogramm und Autorenlesung. Die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte“ wurde von der  Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum“ in Zusammenarbeit  mit der Konrad-Adenauer-Stiftung/ EIZ (Europäische und Internationale  Zusammenarbeit) und dem Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg realisiert. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich für die gute Zusammenarbeit und die große Unterstützung bedanken und darauf hinweisen, dass  es ohne die dieses Projekt in seiner heutigen Form nicht möglich gewesen wäre.

Ein besonderer Dank gilt den Partnern vom Germanistik Lehrstuhl an der staatlichen pädagogischen Herzen-Universität Sankt Petersburg.

Das Deutsch-Russische Begegnungszentrum St. Petersburg (drb) kümmert sich seit 21 Jahren um Kultur- und Bildungsprojekte und eine wachsende Zahl von Stammbesuchern erfreut sich daran.

Irena Bijagowa