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Ostpreußen für Anfänger: Eine Schulreise nach Polen im September 2015

Sonntag, 15. November 2015

Ein Reisebericht von Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Ostpreußen. Was ist das? Und gibt es das überhaupt noch? 15 Schülerinnen und Schüler des Hamburger Hansa-Kollegs, alle im Alter von 20 bis 30 Jahren, haben sich eine Woche lang, vom 21. bis zum 27. September 2015, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Kern, auf den Weg durch Polens Nordosten gemacht, um dieser Frage nachzugehen. Mehrere von ihnen kannten die Geschichten ihrer Großeltern, die ihnen von ihrer alten Heimat erzählt hatten. Aber keiner von ihnen hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde.

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Unsere Gruppe in Sensburg / Mragowo

Wir haben viel gesehen in dieser Woche: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Danzig brachte uns unser Bus nach Sensburg / Mragowo, wo wir zwei Tage Quartier bezogen haben. Der folgende Tag führte uns auf einer Rundfahrt durch das Herz des alten Ostpreußen: Masuren – mit seinen Seen und der barocken Klosteranlage von Heiligelinde, nach Rastenburg und die nahe gelegen Wolfsschanze; sowie am Ende des Tages zum Lehndorff-Schloss in Steinort. In den folgenden Tagen ging es weiter nach Allenstein / Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren; nach Frombork / Frauenburg am Frischen Haff; und schließlich über Marienburg / Malbork wieder nach Danzig / Gdansk, wo wir die letzten beiden Tage verbracht haben.

Doch war das wirklich Ostpreußen, was wir dort gesehen haben? Wir haben unterwegs viel über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte in diesem Landstrich gelernt, über die pruzzischen Ureinwohner, die Kolonisierung der Landschaft durch den Deutschen Orden, über die Entstehung des Königreichs Preußen und sein ambivalentes Verhältnis zu Polen; über die Teilungen Polens und seine Wiedergeburt nach dem 1. Weltkrieg; über Krieg, Judenvernichtung und Vertreibung der deutsche Bevölkerung im und nach dem 2. Weltkrieg; und schließlich, in Danzig, über das moderne Polen und die mutige Revolte der Solidarnosc-Bewegung, die Polen schließlich in die Demokratie geführt hat, die es heute ist.

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Stadtführung in Allenstein / Olsztyn

Bruchstückhaft hatte wohl jeder von uns von dem einen oder anderen Aspekt dieser wechselvollen Geschichte schon einmal gehört. Aber erst im Laufe dieser Reise setzten sich die einzelnen Bruchstücke langsam zu einem Mosaik zusammen. Was wir unterwegs auf den ersten Blick sahen, war ein modernes Land, das offenbar längst wieder in Europa angekommen ist. Polen eben. Erst der Blick hinter die Kulissen, die zahlreichen Vorträge durch die polnischen Reiseführer, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat näher brachten, zeigte uns: So einfach ist das alles nicht. Viele der heutigen Bewohner Masurens und des Ermlandes haben ihre Wurzeln in der heutigen Ukraine oder in Litauen; viele der ehemaligen Bewohner haben heute Enkel, die in Deutschland leben und von der Heimat ihrer Großeltern kaum noch etwas wissen.

In Allenstein waren wir zu Gast bei der Stiftung Borussia, die in dem von ihr liebevoll restaurierten „Haus der Reinigung“ am ehemaligen jüdischen Friedhof residiert und sich die Bewahrung der Kulturschätze der Region zur Aufgabe gemacht hat. Man entdeckt die historischen Spuren in Polens Nordosten neu. Und dass es dabei nicht mehr um Nationalität geht, zeigten uns eindrucksvoll die deutschen und ukrainischen Mitarbeiter der Stiftung, die im polnischen Olsztyn in einem vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude arbeiten. Der Enthusiasmus gerade der jungen Mitarbeiter war so ansteckend, dass einzelne Schüler unserer Reisegruppe bereits darüber nachdenken, ob auch sie nach dem Abitur für ein Jahr als Praktikanten nach Olsztyn gehen wollen. Was die Frage nach „Ostpreußen“ angeht, hat die Stiftung eine geradezu salomonische Lösung gefunden, indem sie sich den von allen Nationalismen freien lateinischen Namen „Borussia“ gegeben hat.

Natürlich war bei etwas geschulterem Hinsehen die deutsche Geschichte der Landschaft dann doch nicht mehr übersehbar: Im guten Sinne in den zahllosen Backsteinkirchen und –burgen, prachtvollen Landsitzen (etwa in Cadinen bei Frauenburg) und Klöstern. Aber gleich nebenan steht eben auch die heute nur noch gespenstisch anmutende Bunkeranlage der Nazis in der Wolfsschanze bei Rastenburg; und unterhalb der phantastischen Kirchenburg von Frauenburg findet man dann, fast unscheinbar im Park, einen Gedenkstein, der an die massenhafte Flucht über das Frische Haff am Ende des 2. Weltkriegs erinnert. Die friedliche Ostsee – vor 70 Jahren das Grab für zahllose Flüchtlinge. Man kann nicht anders, als an diejenigen zu denken, die heute auf der Flucht vor dem Krieg verzweifelt den Weg über das Mittelmeer wählen.

Das idyllische Frauenburg mit seiner mächtigen Kirche war zugleich die Wirkungsstätte des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet ist. Der Astronom, der die Erde aus dem Zentrum des Weltalls nahm und der Menschheit gezeigt hat, wo tatsächlich ihr Platz im Universum ist. Ein Frage, die nun wahrhaftig weit jenseits aller Fragen der Nationalität steht. Und so ist die Frage, ob er denn nun Deutscher oder Pole gewesen sei, eine, die Kopernikus, der sich selbst mit lateinischem Namen benannte, vermutlich gar nicht verstanden hätte. Er war Allensteiner, oder Frauenburger – oder einfach: Europäer.

Danzig am Ende: Was für eine phantastische Metropole! Das Wetter meinte es wie immer gut mit uns. In der Abendsonne unseres Ankunftstages empfing uns die liebevoll und akribisch wieder aufgebaute Altstadt  in ihrer ganzen Lebendigkeit und all ihrem Glanz! Es war ein großes Glück, dass vor 70 Jahren offenbar niemand daran gezweifelt hat, dass man diese Altstadt, in der am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, wiederaufbauen müsse, wie sie eben war: deutsch, polnisch, hanseatisch.

Und Solidarnosc am Ende: Nach all den Exkursen in eine mehr oder weniger fern liegende Vergangenheit gab es dann den Besuch im nagelneuen und wirklich eindrucksvoll gelungenen Europäischen Solidarnosc-Zentrum. Wem von uns deutschen Besuchern, gerade unter den jüngeren, ist eigentlich noch wirklich bewusst, wo das alles begann, was vor genau 25 Jahren den Deutschen ihre Einheit bescherte? Der Aufbruch Ostmitteleuropas in die Freiheit und der schwere Weg dorthin sind in diesem neuen Museum mit Händen zu greifen. Und hier wird einem plötzlich bewusst, dass es nicht zuletzt der Mut der Danziger Werftarbeiter war, der es uns Norddeutschen heute ermöglicht, über eine offene Grenze zu unseren Nachbarn nach Polen zu reisen.

Steinort_Sztynort

Steinort / Sztynort

Ostpreußen, Borussia, Ermland-Masuren, Polen. Eine bis zur Unübersichtlichkeit wechselvolle, aber spannende Geschichte, eine wunderschöne Landschaft, großartige Städte. Wo die Großeltern nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs fliehen mussten, dürfen wir heute ungehindert unser östliches Nachbarland bereisen, das viele von uns immer noch viel zu wenig kennen. Aber daran haben wir jetzt ja wenigstens ein bisschen was geändert …

Wir danken dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseums, das uns diese Reise ermöglichst hat; und wir danken wieder einmal ganz besonders Agata Kern, die uns nun schon zum dritten Mal auf einer große Reise begleitet und auch diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Auf Wiedersehen und Glückauf!

Donnerstag, 13. November 2014
Mit kleinen Rittern das Museum erkunden

Mit kleinen Rittern das Museum erkunden

Eine schöne Zeit geht zu Ende, eine neue, gewiss genauso schöne Zeit beginnt. Nach einem kurzen Praktikum im Bereich der Museumspädagogik hatte ich das Glück, ab August 2012 als freie Mitarbeiterin in diesem Bereich arbeiten zu dürfen. Viele spannende und liebevoll erarbeitete Angebote für Kindergeburtstage, Schulklassen, Kindergärten und gelegentlich auch für Gruppen von Erwachsenen erwarteten mich. So reisten die Kinder und ich besonders gern zurück ins Mittelalter, um einmal nachzusehen, wie die Menschen früher auf einer Burg lebten oder was ein Ritter den ganzen Tag so trieb. Besonders die Kreuzritter vom Deutschen Orden und ihr Walten in Preußen interessierten uns hierbei.

Auch bei Ferienprogrammen und besonderen Aktionen in der wunderschönen Hansestadt durfte ich dabei sein. Bernsteinschleifen im Kurpark begeisterte Jung und Alt. Unter dem Titel LandArt ließen wir im Rahmen eines Osterferienprogramms mit Kindern und Jugendlichen unserer Kreativität freien Lauf. Dabei schufen wir tolle Kunstwerke mit und in der Natur.

Nun hat es mich in das Reich der Hexen, Zwerge und Berggeister – nach Goslar im Harz – verschlagen. Dort mache ich ein Volontariat mit dem Schwerpunkt auf der Museumspädagogik. Die Erfahrungen, die ich im Ostpreußischen Landesmuseum gemacht habe, kann ich jetzt in meine Arbeit einbringen. Dafür möchte ich mich noch einmal beim OL und allen lieben Menschen dort bedanken.

Ich wünsche Euch Glück Auf und auf Wiedersehen.

Katharina Fuhrhoop

Schon Kindergartenkinder lassen sich faszinieren und begeistern!

Schon Kindergartenkinder lassen sich faszinieren und begeistern!

Gesichter einer Stadt: Eine Schulreise nach Riga

Donnerstag, 10. April 2014

Unsere Gruppe in Rundale

Unsere Gruppe in Rundale

Riga: Die lettische Metropole ist Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2014. Seit Beginn dieses Jahres zahlt man auch in Lettland mit dem Euro. Zwei gute Anlässe, einmal genauer hinzuschauen, was sich in der größten Stadt des Baltikums gerade tut. Der richtige Moment, diese Stadt zu besuchen.

Seit zwei Jahren verbindet das Hansa-Kolleg in Hamburg – ein Gymnasium des Zweiten Bildungsweges, auf dem junge Erwachsene in drei Jahren das Abitur erwerben – und das Ostpreußische Landesmuseum eine Kooperation. Nachdem vor zwei Jahren die Wahl eines gemeinsamen Reiseziels auf Kaliningrad / Königsberg gefallen war, stand nun vom 23.-30. März dieses Jahres bereits die zweite gemeinsame Reise an. 17 Schülerinnen und Schüler zusammen mit Agata Kern und zwei Lehrern des Kollegs fuhren zusammen nach Riga.

„Gesichter der Stadt“ haben wir das Projekt genannt. Wir hätten es auch, in Anlehnung an Rosa von Praunheim, einen der zahllosen bekannten Prominenten, die aus dieser Stadt stammen, „Spurensuche in Riga“ nennen können. Gedacht hatten wir dabei zunächst an die Gesichter der großen Söhne (und Töchter) der Stadt wie Heinz Erhardt, Sergej Eisenstein oder Meinhard von Gerkan; oder an die lange Liste derjenigen, die in Riga gewirkt und hier ihre Spuren hinterlassen haben – wie Johann Gottfried Herder oder Richard Wagner.

Blick von St Petri

Blick von St Petri

Schnell wurde aber klar, dass auch die Stadt selbst mehr als nur ein Gesicht hat. Das eine ist uns scheinbar vertraut. Wir erinnern uns an Lüneburg oder Bremen, das mit der Gründung Rigas vor 800 Jahren eng verbunden ist. Es ist das Gesicht der Hanse und der deutschen Städtebauer des Mittelalters, die hier am östlichen Rand der Ostsee einen letzten Außenposten vor den Grenzen des Russischen Reiches errichteten. Ist dieses ehemals deutsche heute das lettische Gesicht der Stadt? Backsteingotik und Jugendstil in seiner prachtvollsten Form. Und einige markante Blickfänge der Moderne und Gegenwart um sie herum: Wie der fast 400 Meter hohe Fernsehturm oder die gerade neu errichtete Nationalbibliothek, der Altstadt gegenüber auf der anderen Seite der Düna – oder eben auf Lettisch: Daugava.

Jugendstil in Riga

Jugendstil in Riga

Das andere Gesicht zeigte uns unsere lettische Reiseführerin Ilse Sila in der Moskauer Vorstadt. Diese beginnt unmittelbar am östlichen Rand der Altstadt, gleich hinter dem Zentralmarkt, und in ihr wird nun nicht mehr Lettisch, sondern Russisch gesprochen. Die Stadt zerfällt sprachlich in etwa zwei gleich große Hälften, und russisch ist das zweite Gesicht der Stadt. Nun könnte man eine solche doppelte Identität als Chance sehen. Aber es wird eben auch sofort sichtbar, dass sich mit der ethnischen eine soziale Grenze durch die Stadt zieht. Lettland mag, gemessen an mitteleuropäischem Wohlstand, ein eher armes Land sein. Nur: In der Altstadt bemerken wir dies nicht. In der Moskauer Vorstadt kann man es dagegen mit Händen greifen.

Während wir uns noch fragen, wie man in den heruntergekommenen Mietskasernen der Maskavas iela, der Moskauer Straße, überhaupt leben kann, erleben wir aber bereits einen ganz anderen, womöglich noch tiefer gehenden Kontrast: Wir sind zu Besuch bei orthodoxen Altgläubigen. Seit den Zeiten Peters des Großen hat diese Gemeinschaft alle Verfolgungen überstanden und an ihren überlieferten Riten festgehalten. Ein Leben, das fast mönchisch nur aus Gebet und Arbeit zu bestehen und wie aus dem Mittelalter bruchlos in die Gegenwart gelangt zu sein scheint, könnte uns kaum fremder sein. Aber der alte, bärtige Herr, der uns die Riten seiner Glaubensgemeinschaft nahe bringt, hat eine Ausstrahlung, der sich auch der eine oder die andere junge Deutsche anscheinend nicht entziehen kann. – Der gerade mal vielleicht 200 Meter weite Weg von der orthodoxen Messe am Rande der Moskauer Vorstadt zum auf Lettisch gehaltenen lutherischen Gottesdienst in der benachbarten Jesuskirche wirkt auf mich jedenfalls am folgenden Sonntag wie der Weg zwischen zwei Welten, einen ganzen Kontinent voneinander entfernt.

Sieben Tage sind wir unterwegs. Von den beiden Reisetagen abgesehen ist je ein Tag den verschiedenen Gesichtern des multikulturellen Riga gewidmet. Und es stellt sich heraus, dass Riga weit mehr als nur zwei Gesichter hat: Es hat ein lettisches, ein russisches, ein deutsches und ein jüdisches.

Die jüdische Gemeinschaft, die noch 1930 weit mehr als 10% der Stadtbevölkerung ausmachte, hat in der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung das Schicksal aller anderen jüdischen Gemeinschaften Osteuropas teilen müssen und ist heute kaum noch existent. Umso beeindruckender ist die Leistung des fast 90-jährigen Historikers Margers Vestermannis, der, in den 40-er Jahren selbst KZ-Häftling und Partisanenkämpfer, später das Jüdische Museum in Riga aufgebaut hat. Von ihm durch das Museum geführt zu werden, war wohl die größte Ehre, die uns auf unserer Reise zuteil wurde.

Mit dieser Vergangenheit konfrontiert, staunt man als deutscher Besucher mitunter über das wohlwollende Interesse, das in Riga den Deutschen und der deutschbaltischen Geschichte entgegengebracht wird. Besonders eindrucksvoll wurde uns dies deutlich, als wir von lettischen Mitarbeiterinnen des Hauses die Arbeit von Domus Rigensis vorgestellt bekamen: Ein „Deutschbaltisch-Lettisches Zentrums“ hat sich, weitgehend getragen von lettischem Engagement, der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte der Stadt verschrieben; einer großen Geschichte, die 1939 nach fast 750 Jahren ihr Ende fand.

Schwarzhäupterhaus

Schwarzhäupterhaus

Hört sich das alles nach einer Überdosis Geschichtsunterricht an? Wir hatten unseren Spaß in den Restaurants und Kneipen der Altstadt. Wir ließen uns faszinieren von der Atmosphäre der riesigen Markthallen. Und die Sonne schien – nicht nur bei unserem Busausflug nach Rundale und Jurmala. Ein echter Urlaubstag: Im Herrenhaus Rundale an der Grenze zu Litauen – einem Schloss, in dem man den Glanz der Zarenzeit zu spüren vermeint; und im Ferienort Jurmala, wo die Sonne am Ostseestrand einige von uns sogar zu einem Bad im eiskalten Wasser verleitete.

Jurmala

Jurmala

Rundale

Rundale

Bei aller Multikulturalität: Riga ist die Hauptstadt des EU-Mitgliedsstaates Lettland. Eines kleinen Staates mit etwas mehr Einwohnern als Hamburg und einer Fläche von der Größe Bayerns. Einer Nation, die 1918 ihre Souveränität von Russland gewonnen hat, um sie nur zwei Jahrzehnte später wieder zu verlieren. Und die 1991 die Gunst der historischen Stunde genutzt hat, um sich erneut ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Die Geschichte der deutschen und sowjetischen Okkupation wird uns im Okkupationsmuseum erklärt. Ganz unvermeidlich steht die tagespolitische Aktualität im Raum. Lettland gedenkt an diesem Tag der sowjetischen Deportationen des Jahres 1941. Schon beim Festakt vor dem Freiheitsdenkmal sind uns neben den baltischen die ukrainischen Flaggen aufgefallen. Ganz offensichtlich gelten der neuen ukrainischen Regierung die Sympathien der Letten. Und ganz offensichtlich erkennt man hier in Riga im Schicksal der Ukraine das eigene wieder. Lettland ist ein modernes europäisches Land. Es feiert seine Modernität mit dem Titel der Europäischen Kulturhauptstadt. Und es demonstriert seine Zugehörigkeit zu Europa mit der Einführung des Euro. Aber auf unsere Frage, ob das, was in der Ukraine geschehe, in Riga Angst auslöse, antwortet unsere junge lettischen Museumsführerin mit einem einfachen: „Ja.“

Ja – es war der richtige Moment, diese Stadt zu besuchen.

Wir danken dem Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum, das uns diese Reise ermöglichst hat; wir danken Ilse Sila, die uns eine Woche lang immer freundlich und kompetent ihre Heimatstadt nahe gebracht hat; und wir danken ganz besonders Agata Kern, die uns begleitet und diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Holger Wendebourg

(Lehrer am Hansa-Kolleg, Hamburg)

100 Jahre in 7 Tagen. Leben und Wirken von Willy Brandt

Freitag, 28. Juni 2013

Organisiert wurde die Veranstaltung vom Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg (unter Leitung von Agata Kern) in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat für Pommern am Pommerschen Landesmuseum (unter Leitung von Magdalena Gebala) in Greifswald.

Auf Tour und Spurensuche in Berlin und Warschau gingen neben einer Gruppe von  Gymnasiasten der Wilhelm-Raabe-Schule in Lüneburg auch Schüler des Alexander-von-Humboldt Gymnasiums in Greifswald.

Der Titel der Studienreise hielt was er versprach. Nachzulesen ist das gesamte Programm in diesem Reisetagebuch. Respekt!

Lars Brandt, zweiter von drei Söhnen des berühmten Politikers, hielt Mitte Mai im OL eine Lesung. Diese Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule waren zu Gast, um sich auf die Studienreise vorzubereiten.

Lars Brandt, zweiter von drei Söhnen des berühmten Politikers, hielt Mitte Mai im OL eine Lesung. Diese Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule waren zu Gast, um sich auf die Studienreise vorzubereiten.

Von Kaliningrad nach Königsberg. Eine Schulreise auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff

Freitag, 15. Juni 2012

Kaliningrad? Auf meine Frage, gestellt an mehr als 100 junge Erwachsene, wer wisse, wo sich Kaliningrad befinde, heben sich weniger als zehn Hände. Kaliningrad ist fernstes Ausland – aus dem Blick verloren und nicht einmal dem Namen nach bekannt. Diese Exklave von der Größe Schleswig-Holsteins, eingezwängt zwischen Polen im Süden und Litauen im Norden – das soll Russland sein? Eine kleine Lektion in Geographie für Schüler, die ganz genau wissen, was südlich und westlich von Deutschland liegt, vom östlichen Europa aber offenbar nur sehr ungenaue Vorstellungen haben.

Königsberg? Erwartungsgemäß ist dieser Name nun bekannt, kann von dem einen oder anderen auch zugeordnet werden: Dass Ostpreußen bis 1945 Teil Deutschlands war, wissen viele. Aber Ostpreußen existiert ja nicht mehr, ist Geschichte, mehr gibt es da kaum zu wissen. Und Königsberg? Vom Erdboden verschwunden.

Gruppenfoto vor dem Kant-Mausoleum in Königsberg

Im Winter 1945 waren es sieben Wochen zu Pferde, die die aus Friedrichstein bei Königsberg stammende spätere „ZEIT“-Herausgeberin Marion Dönhoff brauchte, um auf der Flucht aus Ostpreußen nach Vinsebeck in Westfalen zu gelangen. Und die 1200 Kilometer, die hinter ihr lagen, waren eine Distanz, die in den folgenden Jahrzehnten so unüberbrückbar war, dass sie ihre Heimat jahrzehntelang nicht wieder sehen konnte.

Im Frühjahr 2012 sind es 18 Stunden mit dem Linienbus, die Hamburg von Kaliningrad trennen. 690 Kilometer Luftlinie, damals wie heute. Aber da es Königsberg nicht mehr gibt und wir von Kaliningrad nichts wissen, ist es eine Reise in weite Ferne – in die unbekannte Geschichte Deutschlands und ebenso in die unbekannte Gegenwart Russlands.

Leninskij Prospekt - Blick von einer Hochbrücke

Eine Schulreise einmal anders: Nicht Rom, Paris oder London, weiter entfernt, aber für Schüler irgendwie vertraut, selbst wenn sie zuvor nie dort waren; sondern Kaliningrad, kaum weiter als München, aber aufregende terra incognita. Das Angebot, eine solche Reise gemeinsam zu unternehmen, aus Anlass des 10-jährigen Todestages von Marion Dönhoff, kam von der Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, Agata Kern. Die Schüler und Lehrer des Hansa-Kollegs in Hamburg, einem Gymnasium des Zweiten Bildungsweges, haben nicht gezögert, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

Der Königsberger Dom

Die Reise dauerte sechs Tage, vom 7. bis 13. Mai; sie war strapaziös, aufregend, einzigartig. Eine Reise in ein unbekanntes Land – und eine Reise in die eigene Vergangenheit. Diese Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die so unterschiedlich, aber gleichermaßen fern sind, war es wohl, die alle Teilnehmer mit Aufregung der Fahrt entgegensehen ließ und unterwegs eine Faszination hervorbrachte, der sich keiner entziehen konnte. Start war am Montagnachmittag am Hamburger Busbahnhof. Russland begann aber schon im Bus: 19 deutsche Schüler und zwei deutsche Lehrer in Begleitung von Agata Kern und ansonsten nur russische Fahrgäste und russische Busfahrer. Gegen Mitternacht waren wir in Polen, und Kaliningrad immer noch endlos weit entfernt. Angesichts der Enge im Bus war an Schlaf kaum zu denken. Ostpreußen empfing uns am nächsten Morgen mit Sonnenschein; wenig später hatten wir auch die russische Grenze passiert und pünktlich um zehn Uhr, aber völlig erschöpft, konnten wir unsere Zimmer im Hotel „Kaliningrad“, mitten im Zentrum der Stadt, beziehen. Vier Stunden hatten wir zur Erholung, bevor unser russischer Reiseführer Sergej zu uns stieß und das Besichtigungsprogramm begann. Aber für viele Schüler war schnell alle Müdigkeit vergessen und schon in diesen vier Stunden stürzten sie sich in das Getümmel zwischen Kaliningrader Siegesplatz und Königsberger Dom.

Sergej erwies sich als der perfekte Reiseführer: Er kennt die Geschichte jeder Straße und jedes Gebäudes; er stellt Kontakte her, die anderen Touristen völlig unmöglich wären; er ist der perfekte Organisator und von unerschütterlicher Geduld mit den 22 Gästen aus Deutschland. Wir sehen den Dom, den Hafen und den Siegesplatz. Plattenbauten, orthodoxe Kathedralen und überraschend sorgfältig restaurierte Backsteingebäude aus deutscher Zeit.

Christ-Erlöser-Kathedrale auf dem Siegesplatz

Und immer hat Sergej irgendeine Überraschung für uns bereit: Das Boot, das der von der Anreise und dem ersten Stadtrundgang erschöpften Gruppe Gelegenheit gibt, bei einer Hafenrundfahrt im Sonnenschein die Beine baumeln zu lassen; oder das Orgelkonzert, das der Organist des Königsberger Doms eigens für unsere Gruppe gibt.

Zwei Tage fährt uns Oleg, unser Busfahrer, aus der Stadt heraus quer durch das Gebiet: In Pillau feiert die Marine am 9. Mai das Ende des Großen Vaterländischen Krieges. Am Stadtrand befindet sich das Gräberfeld für ungezählte Soldaten aller Nationen, die in eben diesem Krieg ihr Leben verloren haben. Der Strand davor lädt zum Bernsteinsammeln ein und eine Besichtigung des Bernsteintagebaus in Palmnicken darf im Programm nicht fehlen. Wieder wenige Kilometer weiter am weißen Ostseestrand von Palmnicken dann das Mahnmal für die 7000 Ende Januar 1945 in eisiger Nacht am Strand von Nazis erschossenen jüdischen Frauen – bevor es abschließend in den Touristentrubel des Seebades Rauschen geht – Kontraste, so heftig, dass sie manchmal schwer auszuhalten sind.

Eingangstor zum Gestüt Trakehnen

Der folgende Tag führt uns nach Insterburg, Gumbinnen, Trakehnen, Eydtkuhnen. Dörfer und Provinzstädte, deren Namen wir vielleicht gerade noch kennen, die aber, wie Marion Dönhoff formuliert hat, „keiner mehr nennt“. Namen, mit denen ein 25-jähriger heute kaum noch etwas verbindet.

Besuch einer Schule in Gumbinnen, heute Gusev

Fällt in Kaliningrad der Kontrast zwischen deutscher, sowjetischer und moderner russischer Architektur ins Auge, so ist es in der Provinz der oft nur mit Mühe, oft gar nicht aufgehaltene Verfall der Gebäude, gleich ob aus Vor- oder Nachkriegszeit, der uns manchmal ratlos macht. Und selbst Landschaft lässt sich, so lernen wir, zerstören: Von der großen Kulturlandschaft der ehemaligen Kornkammer Ostpreußen ist selten mehr übrig geblieben als verwilderte Wiesen. Bauerndörfer sind zu Hunderten verschwunden – entstanden ist dafür weite, einsame, sich selbst überlassene Natur, und mindestens die Störche lieben diese Landschaft …

Königsberg und Kaliningrad. Die Stadt mit zwei Gesichtern

Die stärksten Erlebnisse sind aber die persönlichen Begegnungen mit Menschen, die dieses Land endlich selbst in die Hand nehmen – die die Geschichte des Landes zu ihrer eigenen machen, die Zukunft gestalten wollen und die Begegnung mit den Besuchern aus dem fernen Deutschland suchen: Da ist die Frau aus der protestantischen Gemeinde der Salzburger Kirche in Gumbinnen – sie erzählt uns von der Unterdrückung alles Religiösen in sowjetischer Zeit und vom Aufbau des Diakoniezentrums in den letzten Jahrzehnten. Die Kollegin aus der Berufsschule im Gebäude des ehemaligen Friedrichgymnasiums von Gumbinnen – eine engagierte Deutschlehrerin, die auf der Suche nach Kooperationspartnern in Deutschland ist. Oder die Chefredakteurin und der Übersetzer des „Königsberger Express“, die das Kunststück fertig gebracht haben, als Russen in Kaliningrad eine Zeitung in deutscher Sprache zu etablieren. Ein Praktikum für Hamburger Studenten in der Redaktion dieser Zeitung? Am Ende der Reise kam unter den Schülern diese Frage auf – und sie zeigt: Wir kommen wieder …

Redaktionsräume des Königsberger Express mit Chefredakteurin und Übersetzer

Eine Schulreise nach Kaliningrad: Das hieß, sich auf etwas völlig Neues einzulassen; die üblichen Reisepfade zu verlassen, auf denen sich der deutsche Durchschnittstourist und oft genug auch Schulen immer wieder bewegen. Belohnt wird dieses Wagnis mit der Begeisterung der Schüler. Diese Begeisterung zeigt: Ein Reiseziel muss weder schön sein noch im Trend liegen, um uns zu berühren. In einer scheinbar ganz fremden Kultur die Spuren der eigenen zu suchen; und in Russland Menschen zu begegnen, die in ihrer Heimat die Spuren deutscher Geschichte pflegen, weil sie sie als gemeinsame Geschichte begreifen, im Schrecklichen wie im Guten – das lässt niemanden kalt.

Und für 21 Hamburger Schüler und Lehrer ist am Ende dieser Reise Königsberg nicht mehr tot und Kaliningrad nicht mehr fremd.

Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Weit ist der Weg nach Osten

Freitag, 2. März 2012

Weit ist der Weg nach Osten. Unter diesem Titel lud das Ostpreußische Landesmuseum zu  einer Veranstaltung am Mittwoch, den 29. Februar, ins Museum, um die grenzüberschreitenden Schulprojekte des Kulturreferats vorzustellen. Zudem bot der Abend Raum für einen Vortrag von Tatjana Gräfin Dönhof. Weit über 100 Personen, Schüler, Lehrer, junge und ältere Interessierte haben den Weg zu uns gefunden. Doch bereits früh am Abend geriet das „gefühlte“ Weltbild bei einigen ins Wanken.

Ist es tatsächlich weit bis in den Osten? Oder ist es nicht nur in unseren Köpfen so? Holger Wendebourg, Lateinlehrer vom Hamburger Hansa-Kolleg warf diese Fragen auf und hatte auch eine Antwort parat. Von Lüneburg nach Kaliningrad sind es gerade mal 150 km weiter als nach München und es ist nur halb so weit wie bis nach Rom. Ein Katzensprung also?

Holger Wendebourg stellt die Studienreise nach Kaliningrad vor, welche im Zeichen des 10-jährigen Todestages von Marion Gräfin Dönhoff steht

Man kann es wohl so oder so sehen. Und in den Reihen der Schüler der Lüneburger Wilhelm-Rabe Schule, die im vergangenen Herbst zusammen mit Agata Kern und Schülern der Ernst-Moritz-Arndt-Regionalschule Greifswald in den ehemals deutschen Gebieten von Pommern bis Ostpreußen in Polen unterwegs waren, raunte ein tiefes Stöhnen, als sie sich an die 12-Stunden Busfahrt erinnerten. Letztlich war diese Studienfahrt aber ein voller Erfolg und hat positive und bleibende Eindrücke bei den Schülern hinterlassen. Die Ergebnisse dieser Exkursion präsentierten sie selbst in einer Fotoausstellung, welche noch bis zum 11. März im Ostpreußischen Landesmuseum zu sehen ist und berichteten am Abend von ihren Erfahrungen.

„Suche nach der Ortsidentität“ - Schüler der Wilhelm Rabe Schule Lüneburg stellen ihre Studienreise aus dem letzten Herbst vor

Im Mai geht die Spuren- und Identitätssuche in die zweite Runde. Studierende des Hamburger Hansa-Kollegs erwartet eine Fahrt in den russischen Norden Ostpreußens. Diese Reise soll im Zeichen des 10-jährigen Todestages von Marion Gräfin Dönhoff stehen. Holger Wendebourg hat diese Region bereits vor ein paar Jahren für sich entdeckt, Rom hinter sich gelassen und einen Schritt in den Osten gewagt, in die Oblast Kaliningrad, bis in die „gesichtslose monströse Plattenbaustadt“ Kaliningrad. Doch auch er entdeckte, dass diese Stadt und Region begonnen haben sich zu verändern, ein modernes Gesicht zu entwickeln. Die Vergangenheit wird angenommen und deren (un)sichtbare Reste wiederentdeckt. Für die Schüler wird es eine interessante und spannende Reise werden, auf die auch Tatjana Gräfin Dönhoff Lust machte. Lust auf Entdecken von Spuren, auf einen „Abenteuerurlaub“, auf genaues Hinschauen.

Das Bild wurde im Rahmen der Studienreise aufgenommen und zeigt das Schloss in Steinort / Sztynort

Till Jacob: Verlorener Glanz. Das Bild wurde im Rahmen der Studienreise aufgenommen und zeigt das ehemalige Schloss der Familie von Lehndorff in Steinort / Sztynort

Als Gastrednerin und angekündigter Höhepunkt der Veranstaltung hatte die Großnichte von Marion Gräfin Dönhoff genau das auf zahlreichen Reisen in die Heimat ihrer Vorfahren bereits getan und ihre Eindrücke und Bilder unter anderem in dem Buch „Weit ist der Weg nach Westen“ veröffentlicht. Am Mittwoch konnten alle Besucher lebhaft diesen Eindrücken lauschen und sich wieder in die Vergangenheit einladen lassen, aber auch Blicke in die Gegenwart und Zukunft werfen. Tatjana Gräfin Dönhoff hat genau hingeschaut, zeigte eindrucksvolle vorher/nachher Bilder, berichtete von Bekanntschaften und Freundschaften von neuen Bewohnern der Region, zeigte aber auch einen humorvollen Blick zurück in die Jahrhunderte dauernde Geschichte der Dönhoffs im Osten – „einen Vorteil hat Adeligkeit: der Familienstammbaum ist gut dokumentiert“.

Tatjana Gräfin Döhnhoff und Museumsdirektor Dr. Mähnert im Gespräch

Dem Besucher blieb es selbst überlassen, mit welchem Auge er die Ruinenromantik Ostpreußens zu sehen hatte – an diesem Abend gab es weinende aber auch fröhliche. Vieles ist mittlerweile passiert im so fernen Osten, vieles restauriert. Nicht nur wir schauen in diese Richtung, sondern vor Ort schaut man hin. Und eines bleibt – die wundervolle Natur dieses Landstriches. Nicht den verloren gegangenen oder erhaltenen Steinen verdankt es Tatjana Gräfin Dönhoff, dass sie sich in Ostpreußen zu Hause fühlt, sondern der Landschaft.

Tatjana Gräfin Dönhoff bei der Preisverleihung

Den Abschluss des Abends bildete die Preisverleihung der gelungenen Fotoausstellung. Das Ostpreußische Landesmuseum freut sich bereits auf die Ergebnisse der Studienfahrt im Mai.

Betrachter der Fotoausstellung

Studienfahrt nach Polen

Dienstag, 15. November 2011

Auf der Marienburg

Vom 29. September bis zum 8. Oktober fuhren 13 Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule (gemeinsam mit Frau Seemann und Herrn Hörig sowie Frau Kern, der  Kulturreferentin des Ostpreußischen Landesmuseums) für zehn Tage nach Polen, um dort „Auf der Suche nach der Ortsidentität“ die ehemaligen deutschen Ostgebiete zu besuchen. In Greifswald schloss sich uns eine Gruppe von Schülern der Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Schule an (ebenfalls mit Lehrerin und Kulturreferentin). Ein paar Eindrücke von dieser abwechslungsvollen, lehrreichen, unterhaltsamen Fahrt sollen folgen.

Mit den polnischen Schülern in Nikolaiken

In Steinort

Nach mehreren Vorbereitungstreffen fuhren wir am Donnerstagmorgen um sieben Uhr am Busparkplatz auf den Sülzwiesen ab. Unser Busfahrer Georg begleitete uns über die ganzen zehn Tage und war damit – neben der eigentlichen Reisegruppe natürlich – eine der wenigen Konstanten in dieser Zeit: Immerhin übernachteten wir innerhalb von anderthalb Wochen in acht verschiedenen Unterkünften, sodass wir zwischendurch selbst durcheinander kamen, welche Orte wir jetzt wann besucht hatten. Am Ende der Fahrt sollte einerseits das Gefühl bleiben, außergewöhnlich viel erlebt zu haben, wodurch einem einzelne Erinnerungen teils lange zurückliegend erschienen, andererseits kam uns die Fahrt dennoch kurz vor – wir hätten problemlos noch eine Woche „da drüben“ bleiben können. Das ist auch kein Wunder, wenn man sich die vielen sehenswerten Orte im Norden Polens anschaut, zumal es eine Region ist, in die man sonst eher selten kommt: Begonnen in Stettin (Luftschutzbunker, Alltag im Zweiten Weltkrieg) und Danzig (eine wunderschöne wiederaufgebaute Innenstadt, Ausstellung zum Thema Solidarnośc), über Marienburg (Deutscher Orden im Mittelalter) und Galkowen (ein 150-Seelen-Dorf in Masuren mit einer Ausstellung zu Marion Gräfin Dönhoff), bis zur Wolfsschanze („Führerhauptquartier” im Zweiten Weltkrieg) und nach Thorn (Nikolaus Kopernikus) – überall konnte man Neues entdecken und sein geschichtliches Wissen vertiefen.

Westerplatte

Das eigentliche „Studieren” war aber nur ein Aspekt der Studienreise: Daneben sollten wir auch die polnische Kultur kennenlernen, wozu unter anderem ein Treffen mit Schülern eines Lyzeums in Nikolaiken gehörte. Außerdem aßen wir zu Mittag immer eine typisch polnische Mahlzeit, was bedeutete, dass es grundsätzlich eine Suppe als Vorspeise gab – ein Höhepunkt war in dieser Hinischt das Restaurant in Stettin, wo die Suppe statt in einem Teller in einem ausgehöhlten Brotlaib serviert wurde, den wir auch aufessen konnten. Als Hauptspeise konnten wir zwischen einem vegetarischen und einem fleischhaltigen Gericht wählen, zum Durstlöschen standen meist Orangensaft oder Wasser in Glaskrügen auf dem Tisch. Wir frühstückten immer in der Unterkunft, wo es oft ein reichhaltiges Buffet gab. Überhaupt fühlten wir uns in den Quartieren insgesamt wohl. Ansonsten war es interessant zu sehen, dass die Polen zwar viel englischsprachige Musik hören (mehrmals wurden in den Restaurants im Hintergrund Songs von Phil Collins gespielt), es aber nirgendwo ausländische Zeitungen oder Magazine zu kaufen gab. Die Speisekarte hingegen war in den größeren Städten fast immer zwei-, manchmal sogar dreisprachig gehalten.

Schifffahrt auf dem Spirdingsee

Was bleibt von der Studienfahrt? Erstens war es sehr interessant – das Wort ist dafür viel zu schwach –, mehr über unser östliches Nachbarland zu erfahren, über seine Geschichte und über seine Kultur (auch wenn wir – Schande über uns – nur zwei, drei polnische Vokabeln regelmäßig benutzt haben: Dzién dobry! – Guten Tag, dziękuje – danke und proszę – bitte). Zweitens gab es wirklich herrliche Orte: zum Fotografieren, zum Nachdenken oder zum Ausruhen. Und drittens, was ich auch als sehr wichtig empfand, damit die Studienfahrt zu einer herausragenden Veranstaltung wurde, war die Reisegruppe einfach großartig. Obwohl wir Raabe-Schüler aus vier verschiedenen zehnten Klassen kamen und uns vorher teilweise nur vom Sehen kannten, hatten wir keine Probleme miteinander und konnten uns richtig anfreunden. Insgesamt also eine wirklich wunderbare, vielfältige, grandiose Fahrt.

Freundschaftsspiel in Nikolaiken

Anmerkung: Im Text sind immer die deutschen Ortsnamen benutzt, da wir die polnischen Bezeichnungen so gut wie nie verwendet haben.

Vor dem Gasthaus in Galkowo

Christoph Reese, Klasse 10a