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Bericht zur Lesung aus „Wolfsland“ von Arno Surminski

Montag, 26. März 2018

Svenja Szalla, Praktikantin

Arno Surminski war am Mittwochabend mit seinem erst 14 Tage jungen Erzählband „Wolfsland“ bei uns im Ostpreußischen Landesmuseum zu Gast. Für viele Lüneburger sind seine Lesungen inzwischen eine liebgewonnene, sich jährlich wiederholende Tradition. Bereits eine Stunde vor Beginn trafen die ersten Zuhörer ein, um sich Plätze in den vorderen Reihen zu sichern. Kulturreferentin Agata Kern führte durch den Abend, hob auch die ernste, traurige Kindheitsgeschichte des inzwischen 84-jährigen Autors hervor, dessen Eltern 1945 aus Ostpreußen verschleppt wurden und in einem russischen Lager starben, was Surminski erst Ende der 90er Jahre erfuhr. Die oft auch tragischen und ernsten Anteile der Geschichte Ostpreußens waren in den Erzählungen, die der Autor aus seinem neuen Buch las, ebenso vertreten wie die Zuversicht und der, auch in schweren Zeiten nicht versiegende, Humor des Volkes, das die Region zwischen Weichsel und Memel bewohnte.

Diesen Optimismus sinnbildlich wiederspiegelnd, hatte Surminski beschlossen, die Geschichten der Reihenfolge nach von ernst zu heiter werdend zu lesen. So schwangen persönliche Erinnerungen an das eigene Vertriebenwerden in der titelgebenden Erzählung „Wolfsland“ mit und auch die zweite Geschichte, „Dichtertreffen“, traf mitunter ironisch-tiefgehende Töne bei der Frage nach dem Erhalt des Gedankengutes des facettenreichen Volkes. Für allgemeine Heiterkeit sorgte die leicht spöttische, verblüffte Frage des Autors, der nach diesen zwei eher eindringlichen Erzählungen zu fröhlicheren Texten übergehen wollte: „Aber wo ist denn nun bloß das Heitere?“ Nach kurzem Suchen wurde er fündig – weiter ging es mit der „Masurischen Frömmigkeit“ und den Listen eines Pastors. Für seine deutschen wie auch masurischen Schäfchen verantwortlich, musste dieser nicht nur zweisprachig Gottes Wort verkünden, sondern auch Tricks und Kniffe anwenden, die Gemeinde in ihrer völkerübergreifenden Vorliebe für hochprozentige Getränke zu zügeln.

Arno Surminski während der Veranstaltung

Arno Surminski während der Veranstaltung

Viele seiner Geschichten sieht der Autor als Einladung, dem alten Ostpreußen, den masurischen Gepflogenheiten, der Wärme und selbstverständlichen Gastfreundschaft, die damals wie heute ungebrochen zu diesem Land der dunklen Wälder und stillen Seen gehört, einen Besuch abzustatten. Das Thema der deutsch-polnischen Aussöhnung beschäftigt Surminski seit jeher. Die Besinnung auf das gemeinsame geistige Kulturerbe ist ihm eine Herzensangelegenheit. Es gab diesen Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Religionen, die nicht nur friedlich beieinander lebten, sondern in ihrer Mannigfaltigkeit einen besonderen Geist, eine sich gegenseitig befruchtende Diversität, welche sich in Literatur, Bräuchen und Gedankengut niederschlug, ins Leben rief. Als ermunterndes Beispiel für das mögliche Gelingen einer sich vermischenden Gemeinschaft, sei Ostpreußen durchaus auch für heutige Tage ein bedenkenswertes Beispiel, befand der Autor mit einem feinen Lächeln.

Arno Surminski-Ausstellung in Königsberg / Kaliningrad

Montag, 24. August 2015
Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Am 6. August 2015 wurde im Museum „Friedländer Tor“ in Kaliningrad/Königsberg die Ausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums über das Leben und Werk des bekannten ostpreußischen Schriftstellers Arno Surminski eröffnet. Zur Ausstellungseröffnung waren Arno Surminski und seine Frau persönlich anwesend.

Es war die erste Kooperation unseres Hauses mit den Kollegen aus dem einstigen Königsberg, die in ihrem Museum die Geschichte der ehrwürdigen Stadt an der Pregel präsentieren.

Die Direktorin des Museums, Frau Marina Yadova, begrüßte zahlreiche Gäste und Besucher. Besonders freundliche Worte richtete sie an Arno Surminski, der sich, wie sie sagte, mit seinem ganzen Werk gegen den Krieg ausspreche. Er stelle die Geschichte Ostpreußens literarisch dar, das Museum erfülle die gleiche Aufgabe, bloß mit museumsspezifischen Darstellungsformen. Es gebe viel Verbindendes.

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Anknüpfend an die Worte von Frau Yadova brachte Arno Surminski in seiner Rede zum Ausdruck, wie froh er ist, dass die Ausstellung nach zahlreichen Stationen in Deutschland und Polen auch in Kaliningrad in Russland gezeigt werde. Sie könne helfen, das Verbindende zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen zu zeigen: Polen, Russen und Deutschen, jetzigen und alten Bewohnern Ostpreußens. Er wünschte der Ausstellung viel Erfolg. Nach der Eröffnung fand eine Lesung statt, in der Arno Surminski aus seinem Buch „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ die Passagen über die Zerstörung Königsbergs vorgetragen hat.

Lesung

Arno Surminski wurde 1934 in Jäglack (heute Jeglawki) im Kreis Rastenburg (heute Ketrzyn/Polen) in Ostpreußen geboren. Dort lebte er gemeinsam mit seiner Familie, bis seine Eltern 1945 deportiert wurden. Surminski blieb allein zurück und wurde 1947 nach mehreren Lageraufenthalten von einer Familie in Schleswig-Holstein aufgenommen. Seit 1972 arbeitet er freiberuflich als Wirtschaftsjournalist und Schriftsteller. Zu seinen Bestsellern gehören die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Polninken oder Eine deutsche Liebe“. Einige große Romane spielen im nördlichen Teil Ostpreußens, der heute zu Russland gehört, wie  „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ und „Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“. Die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Vaterland ohne Väter“ sowie zahlreiche Erzählungen wurden ins Russische übersetzt.

Arno Surminski vor der Ausstellung

Arno Surminski vor der Ausstellung

Wir bedanken uns herzlich für die tolle Zusammenarbeit und freuen uns auf weitere gemeinsame Projekte!

Eröffnungsrede

Eröffnungsrede

Eine 102-jährige begeistert

Montag, 19. November 2012

Was hat Elfriede Brüning nicht alles erlebt. 1910 in Berlin geboren, verspürte sie schon früh den Wunsch Schriftstellerin zu werden. 1932 schloss sich Frau Brüning dem „Bund proletarisch – revolutionärer Schriftsteller“ an, den Johannes R. Becher leitete und zu dem auch Anna Seghers gehörte. Elfriede Brüning kennt viele große Namen persönlich und hat selbst fantastisches geschrieben und viel Bewegendes zu erzählen.

Elfriede Brüning liest aus "Auf schmalem Land", der 1934 auf der Kurischen Nehrung entstand

Dies tat sie am Sonntagnachmittag, den 18. November im Ostpreußischen Landesmuseum. Und mehr als fünf Dutzend Besucher kamen um dieser eindrucksvollen Dame zu lauschen. So erzählte sie wie sie als junge Frau nach Ostpreußen kam – eine Region, die ihr so fremd war wie heute den meisten von uns vielleicht Lateinamerika. Als junge Journalistin erhielt Elfriede Brüning 1934 den Auftrag, über die Segelfliegerausbildung auf der Kurischen Nehrung zu berichten, erkannte aber schnell, dass es sich um die Vorbereitung von künftigen Piloten der Luftwaffe handelte. Sie gab den Auftrag zurück, blieb aber für einige Monate auf der Nehrung und lernte das Leben und die Sorgen der Menschen kennen. So entstand der Roman „Auf schmalem Land“, der wie durch ein Wunder noch 1938 erscheinen konnte. Elfriede Brüning hatte sich bereits vor 1933 der linken Bewegung angeschlossen und war 1935 verhaftet worden. Mit der erneuten Veröffentlichung ihres Romans „Auf schmalem Land“ 2009 wurden ihre Erlebnisse in Ostpreußen nach Jahrzehnten des Nicht-daran-Denkens wieder aktuell.

Dipl- Päd. Hans Wolfgang Lesch ist Experte für DDR-Literatur und moderierte die Veranstaltung im OL

Dipl. Päd. Hans Wolfgang Lesch, Germanist und Experte für DDR-Literatur, moderierte die Veranstaltung und las gemeinsam mit Elfriede Brüning aus „Auf Schmalem Land“. Daneben stellte auch er Leben und Werk der Schriftstellerin vor und kam dabei regelrecht ins Schwärmen. Auch eine sympathische Anekdote aus der gemeinsamen, schon viele Jahre dauernden Bekanntschaft der beiden, wurde dem Publikum gegönnt. Frau Brüning ist noch wunderbar fit für ihr Alter und so ist es auch kein Wunder, dass sie immer noch selbstständig wohnt und gar bis zu ihrem 100. Geburtstag noch Auto fuhr. Den Führerschein gab sie erst vor zwei Jahren freiwillig (aber wehmütig) ab. Als Herr Lesch sie das erste Mal nach Lüneburg einlud -95jährig- fragte sie „Lüneburg? Kann ich da mit dem Auto kommen?“

Elfriede Brüning nach ihrer "Zugabe" aus "Zeit Besichtigung"

Der Besucher spürte an dem Nachmittag die Energie der alten Dame. Unerwartet gab sie im Anschluss während der Fragerunde noch eine Zugabe und las spontan mit rauer, aber noch fester Stimme aus einem weiteren Werk aus der Nachkriegszeit vor. In „Zeit Besichtigung“ schildert Elfriede Brüning wie es den Flüchtlingen bei ihrer Ankunft in der neuen Heimat erging. Nach Kriegsende blieb Elfriede Brüning in Berlin, wo sie bis heute lebt. Als Redakteurin der Zeitschrift „Neue Heimat“, die von der „Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler“ herausgegeben wurde, berichtete sie über die Probleme bei der Ansiedlung und Integration ostdeutscher, auch ostpreußischer Heimatvertriebener in der Sowjetischen Besatzungszone. Als freie Schriftstellerin schrieb Elfriede Brüning später vor allem über gesellschaftliche Fragen, insbesondere über Frauen und ihre Schicksale.

Am Ende standen sie Schlange - Elfriede Brüning hatte viel Geduld und signierte viele Bücher

Das Publikum belohnte Elfriede Brüning mit viel Anerkennung und Applaus. Viele standen im Anschluss Schlange, um eine persönliche Signatur zu bekommen. Einziger Wehmutstropfen: Der Verlag, bei dem der Roman „Auf schmalem Land“ veröffentlicht wurde, ist mittlerweile insolvent – weitere Exemplare sind derzeit nur über den Onlineversandhandel zu beziehen – so lange der Vorrat reicht.

Mehr als 30 Bücher hat Elfriede Brüning mittlerweile herausgegeben. Und sie schreibt immer noch und tippt auch alles selbst! Wer mehr über diese Dame erfahren will, der kann ihre Homepage besuchen. Auf ihr findet sich sogar ein Video ihrer letzten Autofahrt.

Das Ostpreußische Landesmuseum sagt Danke und sendet herzliche Grüße nach Berlin.