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Ostpreußen für Anfänger: Eine Schulreise nach Polen im September 2015

Sonntag, 15. November 2015

Ein Reisebericht von Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Ostpreußen. Was ist das? Und gibt es das überhaupt noch? 15 Schülerinnen und Schüler des Hamburger Hansa-Kollegs, alle im Alter von 20 bis 30 Jahren, haben sich eine Woche lang, vom 21. bis zum 27. September 2015, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Kern, auf den Weg durch Polens Nordosten gemacht, um dieser Frage nachzugehen. Mehrere von ihnen kannten die Geschichten ihrer Großeltern, die ihnen von ihrer alten Heimat erzählt hatten. Aber keiner von ihnen hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde.

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Unsere Gruppe in Sensburg / Mragowo

Wir haben viel gesehen in dieser Woche: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Danzig brachte uns unser Bus nach Sensburg / Mragowo, wo wir zwei Tage Quartier bezogen haben. Der folgende Tag führte uns auf einer Rundfahrt durch das Herz des alten Ostpreußen: Masuren – mit seinen Seen und der barocken Klosteranlage von Heiligelinde, nach Rastenburg und die nahe gelegen Wolfsschanze; sowie am Ende des Tages zum Lehndorff-Schloss in Steinort. In den folgenden Tagen ging es weiter nach Allenstein / Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren; nach Frombork / Frauenburg am Frischen Haff; und schließlich über Marienburg / Malbork wieder nach Danzig / Gdansk, wo wir die letzten beiden Tage verbracht haben.

Doch war das wirklich Ostpreußen, was wir dort gesehen haben? Wir haben unterwegs viel über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte in diesem Landstrich gelernt, über die pruzzischen Ureinwohner, die Kolonisierung der Landschaft durch den Deutschen Orden, über die Entstehung des Königreichs Preußen und sein ambivalentes Verhältnis zu Polen; über die Teilungen Polens und seine Wiedergeburt nach dem 1. Weltkrieg; über Krieg, Judenvernichtung und Vertreibung der deutsche Bevölkerung im und nach dem 2. Weltkrieg; und schließlich, in Danzig, über das moderne Polen und die mutige Revolte der Solidarnosc-Bewegung, die Polen schließlich in die Demokratie geführt hat, die es heute ist.

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Stadtführung in Allenstein / Olsztyn

Bruchstückhaft hatte wohl jeder von uns von dem einen oder anderen Aspekt dieser wechselvollen Geschichte schon einmal gehört. Aber erst im Laufe dieser Reise setzten sich die einzelnen Bruchstücke langsam zu einem Mosaik zusammen. Was wir unterwegs auf den ersten Blick sahen, war ein modernes Land, das offenbar längst wieder in Europa angekommen ist. Polen eben. Erst der Blick hinter die Kulissen, die zahlreichen Vorträge durch die polnischen Reiseführer, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat näher brachten, zeigte uns: So einfach ist das alles nicht. Viele der heutigen Bewohner Masurens und des Ermlandes haben ihre Wurzeln in der heutigen Ukraine oder in Litauen; viele der ehemaligen Bewohner haben heute Enkel, die in Deutschland leben und von der Heimat ihrer Großeltern kaum noch etwas wissen.

In Allenstein waren wir zu Gast bei der Stiftung Borussia, die in dem von ihr liebevoll restaurierten „Haus der Reinigung“ am ehemaligen jüdischen Friedhof residiert und sich die Bewahrung der Kulturschätze der Region zur Aufgabe gemacht hat. Man entdeckt die historischen Spuren in Polens Nordosten neu. Und dass es dabei nicht mehr um Nationalität geht, zeigten uns eindrucksvoll die deutschen und ukrainischen Mitarbeiter der Stiftung, die im polnischen Olsztyn in einem vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude arbeiten. Der Enthusiasmus gerade der jungen Mitarbeiter war so ansteckend, dass einzelne Schüler unserer Reisegruppe bereits darüber nachdenken, ob auch sie nach dem Abitur für ein Jahr als Praktikanten nach Olsztyn gehen wollen. Was die Frage nach „Ostpreußen“ angeht, hat die Stiftung eine geradezu salomonische Lösung gefunden, indem sie sich den von allen Nationalismen freien lateinischen Namen „Borussia“ gegeben hat.

Natürlich war bei etwas geschulterem Hinsehen die deutsche Geschichte der Landschaft dann doch nicht mehr übersehbar: Im guten Sinne in den zahllosen Backsteinkirchen und –burgen, prachtvollen Landsitzen (etwa in Cadinen bei Frauenburg) und Klöstern. Aber gleich nebenan steht eben auch die heute nur noch gespenstisch anmutende Bunkeranlage der Nazis in der Wolfsschanze bei Rastenburg; und unterhalb der phantastischen Kirchenburg von Frauenburg findet man dann, fast unscheinbar im Park, einen Gedenkstein, der an die massenhafte Flucht über das Frische Haff am Ende des 2. Weltkriegs erinnert. Die friedliche Ostsee – vor 70 Jahren das Grab für zahllose Flüchtlinge. Man kann nicht anders, als an diejenigen zu denken, die heute auf der Flucht vor dem Krieg verzweifelt den Weg über das Mittelmeer wählen.

Das idyllische Frauenburg mit seiner mächtigen Kirche war zugleich die Wirkungsstätte des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet ist. Der Astronom, der die Erde aus dem Zentrum des Weltalls nahm und der Menschheit gezeigt hat, wo tatsächlich ihr Platz im Universum ist. Ein Frage, die nun wahrhaftig weit jenseits aller Fragen der Nationalität steht. Und so ist die Frage, ob er denn nun Deutscher oder Pole gewesen sei, eine, die Kopernikus, der sich selbst mit lateinischem Namen benannte, vermutlich gar nicht verstanden hätte. Er war Allensteiner, oder Frauenburger – oder einfach: Europäer.

Danzig am Ende: Was für eine phantastische Metropole! Das Wetter meinte es wie immer gut mit uns. In der Abendsonne unseres Ankunftstages empfing uns die liebevoll und akribisch wieder aufgebaute Altstadt  in ihrer ganzen Lebendigkeit und all ihrem Glanz! Es war ein großes Glück, dass vor 70 Jahren offenbar niemand daran gezweifelt hat, dass man diese Altstadt, in der am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, wiederaufbauen müsse, wie sie eben war: deutsch, polnisch, hanseatisch.

Und Solidarnosc am Ende: Nach all den Exkursen in eine mehr oder weniger fern liegende Vergangenheit gab es dann den Besuch im nagelneuen und wirklich eindrucksvoll gelungenen Europäischen Solidarnosc-Zentrum. Wem von uns deutschen Besuchern, gerade unter den jüngeren, ist eigentlich noch wirklich bewusst, wo das alles begann, was vor genau 25 Jahren den Deutschen ihre Einheit bescherte? Der Aufbruch Ostmitteleuropas in die Freiheit und der schwere Weg dorthin sind in diesem neuen Museum mit Händen zu greifen. Und hier wird einem plötzlich bewusst, dass es nicht zuletzt der Mut der Danziger Werftarbeiter war, der es uns Norddeutschen heute ermöglicht, über eine offene Grenze zu unseren Nachbarn nach Polen zu reisen.

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Steinort / Sztynort

Ostpreußen, Borussia, Ermland-Masuren, Polen. Eine bis zur Unübersichtlichkeit wechselvolle, aber spannende Geschichte, eine wunderschöne Landschaft, großartige Städte. Wo die Großeltern nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs fliehen mussten, dürfen wir heute ungehindert unser östliches Nachbarland bereisen, das viele von uns immer noch viel zu wenig kennen. Aber daran haben wir jetzt ja wenigstens ein bisschen was geändert …

Wir danken dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseums, das uns diese Reise ermöglichst hat; und wir danken wieder einmal ganz besonders Agata Kern, die uns nun schon zum dritten Mal auf einer große Reise begleitet und auch diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen?

Mittwoch, 15. Juli 2015

Eine Lesereise mit Arno Surminski nach Jokehnen und Polninken vom 1.06. bis 10.06.2015

Ein Bericht von Patrice de Laminne aus Frankreich

Arno Surminski in Danzig

Arno Surminski

One rarely has the chance to visit the various places where the action of a autobiographical novel takes place. It’s even more exceptional to do it in company with the author himself. But we were able to do so, thanks to the OL museum which organized a journey through Ostpreussen. There we saw the places where Arno Surminski spent his first eleven years until he escaped to the West a few months after the end of the war. Herr Surminski was our guide through the world described in his book ‘Jokehnen oder wie lange fährt man von Ostpreussen nach Deutschland’.

The journey started in a hotel in Ogonken (Ogonki today) on the shore of Lake Święcajny. From this base we discovered his village Jäglack (The actual name of ‘Jokehnen’) and the exact place where his house once stood. We also saw and visited part of the nearby little castle mentioned in the book which is being entirely restored.

The once magnificent manor of the Lehndorff family, for a short while ‘haut lieu’ of German anti-Nazi resistance, was on our program too. Located ideally on Lake Mauersee (Mamry), we could visit a small part of the castle which had been left derelict for many years. Since 2009 the foundation Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz from Görlitz with a handful of courageous archeology strudents is currently restoring this beautiful place.

From Steinort, Mrs Kern had arranged our return to Ogonken through a two hour cruise on the lake. This region is really beautiful and would deserve to be known and visited by more Western Europeans. To add to the beauty of the lake, a typical Polish soup, the excellent Żurek, was served by a pretty young lady. What a treat!

We can easily imagine the emotion that Arno Surminski must have felt when revisiting all those places from his youth. In a number of them, he read a few chapters of his book in front of an audience composed of our twenty-member group and many Polish people who had read his book. Thus we learnt that his fame was not only limited to German readers, but crossed the borders and that Poles too, wanted to know what his writings were about.

In situations which could have been embarrassing, Herr Surminski always insisted on the feeling of friendship which he felt towards the Polish population which now lives in this region. Mutual understanding, reappraisal of history, acceptance of responsibility and eventually forgiveness were the key words to be found in his interviews. To a certain extent his work can be assimilated to that of an ambassador. Herr Surminski would always give a very positive answer often inflected with smiling humour.

In Angerburg (Today Wegorzewo), our visit was the occasion of the inauguration of an exhibition about the author, his life and his books. The Polish TVP television network and some important persons from the town attended the ceremony in front of a large audience that included many students that Herr Surminski invited to join instead of waiting outside. By this small gesture he expressed his concernedness with youth. Nobody should be left behind. History must be explained to our youngsters as well if we want the world to improve.

After visiting Marion Dönhoff’s Salons in Galkowen, followed by a small promenade on a little boat on the Kruttina accompanied by Pani Kristina’s patriotic and wistful singing, we finally reached Allenstein. It was the occasion to pay a visit to the Borussia foundation which is dedicated to maintain the memory of the very important Jewish cultural presence in the region.

We then travelled to Frauenburg, Elbing, the Stutthof KL and finally Danzig.

In Frauenburg/Frombork am Gedenkstein der Flucht über das zugefrorene Haff Januar 1945

Der Gedenkstein in Frauenburg/Frombork

In Danzig, we had the excellent guide Pan Florian who took us through the old part of the town with very crisp, precise and often funny descriptions.

Lesung in Danzig

Another very interesting visit was the European Solidarity Center on the site of the old Gdansk Shipyards. It is a huge museum opened in August 2014 which describes the struggle that Solidarnosc had to fight to obtain recognition from the then communist régime of general Jaruzelski. The many peaceful demonstrations which were systematically dispersed through violent action from the militia resulted in a number of deaths. When martial law was proclaimed on December 1981, the leaders of the movement were sent directly to jail, while a curfew and censorship of the mail and press were put in place.

The group we were part of was of an extremely high quality. We met many people with a very interesting background and with whom conversations were a delight.

We owe Mrs Agata Kern our deep gratitude for the excellence of her organization and for the opportunity to exchange views with an admirable author in the very much the places that his autobiographical novel describes.