Artikel-Schlagworte: „Agata Kern“

Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht

Dienstag, 27. Dezember 2016

Ein Bericht von Christine von Brühl

Karminfarbener Verputz, bunt schimmernde Mosaiksteine, goldglänzende Sterne – das Innere des Mendelssohn-Hauses in Olsztyn wirkt wie aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Jahre haben die Mitstreiter der Stiftung Borussia darauf verwendet, dieses Kleinod wieder herzustellen. Aus der einstigen Bauruine der Leichenhalle des ehemaligen jüdischen Friedhofs ist ein stimmungsvoller Ort der Begegnung geworden.

Am 1. Dezember hatte ich die Freude, auf Einladung von Agata Kern vom Ostpreußischen Landesmuseum in diesem märchenhaften Ambiente mein Buch „Out of Adel“ vorzustellen. Es ist im Juni 2016 auf Polnisch unter dem Titel „Jak przestalam byc arystokratka“ im Verlag Dobra Literatura erschienen. Der Allensteiner Rundfunkjournalist Robert Lesinski unterstütze mich vor gut gefülltem Haus bei der Präsentation, Stiftungsvorsitzende Kornelia Kurowska begrüßte uns und stellte die Mitwirkenden vor.

Dr. Christine von Brühl, Robert Lesinski und Kornelia Kurowska (v.l.)

Nicht nur das Buch, auch die Geschichte meiner Familie stieß beim Publikum auf großes Interesse. Mein Großvater war bis 1934 Landrat in Allenstein, widersetzte sich als gläubiger Katholik den Nazis und wurde zur Strafe in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Meine Großmutter, geboren und aufgewachsen in Ostpreußen, wurde denunziert und kam ins Gefängnis. Beide Großeltern sowie drei ihrer vier Kinder – ein Sohn ist im Februar 1945 gefallen – konnten gegen Kriegsende fliehen und lebten in Westfalen. Sie sind nie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Dr. Christine von Brühl

Trotz dieser traurigen Ereignisse war das Wiedersehen mit Olsztyn ein freudiges Ereignis. Die Besucher der Lesung waren samt und sonders gut informiert und bewiesen Anteilnahme, Offenheit und Neugier. Zweifelsohne ist das auf das unermüdliche Engagement der Stiftung zurückzuführen. Tag für Tag beweist sie durch ihre Arbeit, welche kulturellen und ideellen Werte man aus der Vergangenheit schöpfen kann, sei sie auch noch so traurig. Einzelne Mitglieder der Stiftung stammen selbst aus Familien, die ihre Heimat nach dem Krieg verlassen mussten, wie beispielswiese aus der Gegend um Vilnius. Statt in Larmoyanz zu versinken, nutzen sie die historische Verbundenheit mit Ländern wie Litauen, Ukraine oder Deutschland, um einen regen internationalen Kulturaustausch zu pflegen. Sie schauen nach vorn und betrachten die geschichtlichen Ereignisse ihrer Region als Chance und Anlass zur Vielfalt. Das hat mich tief beeindruckt.

Kunst erfassen mit den Sinnen – Besuch der Hamburger Kunsthalle am 8. November 2016

Dienstag, 20. Dezember 2016

Ein Bericht von Jutta Pruchner
Im Rahmen des Kunstunterrichts besuchten die Klasse 2 und die IVK (Internationale Vorbereitungsklasse) der Schule Cranz
in Kooperation mit dem Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg, vertreten durch Frau Kern, die Kunsthalle Hamburg.
Die IVK  gibt es seit dem April 2016 an unserer Schule. Siebzehn Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren, die sowohl aus Flüchtlingsgebieten (Syrien, Iran, Afghanistan) kommen als auch Kinder, die ohne Deutschkenntnisse neu in Deutschland sind (Rumänien, Polen Ukraine), lernen ein Jahr die deutsche Sprache, erhalten Unterricht im Fach Mathematik,  Sachunterricht und Sport und gehen danach in die jeweilige Regelklasse über.

Dies war bereits der zweite gemeinsame Ausflug mit der zweiten Klasse. Erste Freundschaften bahnen sich an. Gespannt erwarteten alle die unbekannte Reise durch die Hamburger Kunsthalle. Der Vermittler der Kunsthalle Heiko Lietz nahm uns in Empfang und leitete uns durch das Programm „Spürnasen“.

Mit der Gruppe vor dem Bild "Flora" von Lovis Corinth

Vor dem Kunstwerk „Flora“ von Lovis Corinth sprachen die Kinder über ihre Eindrücke und Ideen in Bezug auf Farbgebung, Ausdruck und Körperhaltung der dargestellten Flora. Als Vorbereitung für eine Zeichenübung durften die Kinder dann aus vielen verschiedenen Geruchsproben den Geruch auswählen, der für sie am besten zu der Flora passte. Mit ihren kleinen Geruchsdöschen gingen sie nun an die praktische Arbeit. In Partnerarbeit setzten sie ihren ausgewählten Duft mit Ölkreiden gestalterisch um.

In der Werkstatt der Kunsthalle

Die Kinder waren von ihrer Aufgabe und den Eindrücken während ihres Museumsaufenthaltes begeistert. Der Geruchssinn hatte bei ihnen viele Erinnerungen wachgerufen und das gemeinsame Gestalten weckte Staunen, Schaffensfreude und Sinnhaftigkeit.
Bewegte und farbenfrohe Bilder entstanden, ließen sich anschließend bestaunen und regten zu zahlreichen Sprechanlässen an.

Die gemalten Bilder

Seminarreise über die ostpreußische Literatur vom 20.-25.8. 2016

Montag, 14. November 2016

Ein Reisebericht von
Martin Maurach (Schlesische Universität in Opava / DAAD)

„Wir müssen herausfinden, ob es so etwas auch bei uns gibt“ oder: „Wir müssen so bald wie möglich wieder so eine Reise machen“: Wenn solche Äußerungen schon während eines Projektes fallen, spricht viel für sein Gelingen – und das war wohl auch der überwiegende Eindruck, mit dem die bunt gemischte Gruppe aus deutschen, österreichischen, polnischen und tschechischen Studierenden und Dozenten, von Anfang Zwanzig bis ins Seniorenalter, nach einer knappen Woche wieder auseinanderging – mit dem Wunsch: „Fortsetzung folgt!“ Das und der sehr gute, harmonische Verlauf sind vor allem der umsichtigen und hoch professionellen Reiseleitung von Seiten der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Agata Kern, zu verdanken.

Erster Höhepunkt der Reise war die Marienburg des Deutschen Ordens bei Malbork, ein lebendes Denkmal, da die gewaltige Anlage mit den über Jahrhunderte verteilten Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau gewissermaßen immer noch im Bau ist. Auf der Galerie der äußerlich viel bescheideneren Burg von Olsztyn / Allenstein zeigte sich später, dass weltbewegende Entdeckungen nicht immer einen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger brauchen: Kopernikus genügten die über Wände und Decke wandernden Lichtreflexe eines Wassergefäßes, um die scheinbare Bewegung der Sonne zu beschreiben.

Mit Nikolaus Kopernikus in Olsztyn/Allenstein

In Mragowo / Sensburg gab es eine Stadtführung mit einem Besuch des Ernst-Wiechert-Museums; die Struktur der im Kern mittelalterlichen Stadt war noch zu erkennen, ebenso die Spuren ihrer einst so einfachen wie wirkungsvollen Befestigung durch Verbindungsgräben zwischen mehreren Seen.

Vor dem Geburtshaus von Erich Mendelsohn in Olsztyn/Allenstein

Geschichte und Gegenwart der so oft als reaktionär verschrieenen ostpreußischen Adelsfamilien reichen bei den Dönhoffs und Lehndorffs allein im zwanzigsten Jahrhundert vom Widerstand gegen Hitler bis zur Begründung eines demokratisch-liberalen Journalismus und einer völkerverbindenden Publizistik in der Bundesrepublik. Das wurde beim Besuch des Marion Dönhoff Salons (Galkowo) im Gespräch mit Renate Marsch-Potocki deutlich. Quasi nebenan zeigte sich am Beispiel von Schloss Sztynort/Steinort aber auch, wie dramatisch die Lage mancher gerade noch als Ruinen erhaltener ehemaliger Adelssitze heute ist – ganz im Gegensatz zum grotesken Gruseltourismus, der in der Nachbarschaft aus rein kommerziellen Motiven in der ehemaligen ‚Wolfsschanze‘ betrieben wird.

Gespräch mit Renate Marsch-Potocki

In Ełk / Lyck erlebte die Gruppe mit Herrn Dr. Rafał Żytyniec ein sehr lebendiges Seminar zur Stadtgeschichte, zur Jugend von Siegfried Lenz in Lyck und zu einigen seiner Werke. Schauplatz war das im Entstehen begriffene Stadtmuseum mit einer künftigen Siegfried-Lenz-Abteilung. Themen waren unter anderem die Geschichtensammlung „So zärtlich war Suleyken“ und der Roman „Heimatmuseum“. Bei beiden ging es um den Bezug zur masurischen Region, ihre Stellung innerhalb der Heimat- und Erinnerungsliteratur, ihren Beitrag zur Aussöhnung mit der Geschichte und ihre Rezeption in verschiedenen Medien in Deutschland und Polen, u.a. im Film. Außerdem kamen interessante Details über Lenzens spätere Besuche in Ełk/Lyck und seine geistig-emotionale Wiederannäherung an seine Heimatstadt zur Sprache.
Von den beiden eingangs zitierten Aussprüchen galt der zweite der Planung einer neuen Reise auf den Spuren des Deutschen Ordens. Der erste bezog sich auf die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung Borussia, die wir in Olsztyn kennenlernten: internationale Begegnungen und Erziehung zur Toleranz vor allem für ehrenamtlich engagierte jüngere Menschen, Denkmal- und Grabpflege, Publikationen u.v.m.

Literaturseminar in Lyck Elk mit Dr.Rafal Zytyniec

Den Abschluss der Reise bildete noch ein herrlicher Tag in Gdańsk / Danzig, zur Hälfte den Spuren von Günter Grass, zur anderen der Altstadt gewidmet. Hätte die ganze Gruppe zugleich auf jener Bank zwischen den Skulpturen von Oskar Matzerath und seinem Schöpfer Platz gefunden, sie hätte die Gelegenheit auf jeden Fallgenutzt; so entstanden dafür viele einzelne Erinnerungsfotos.

Mit Günter Grass und Oskar Matzerath in Gdansk/Danzig

Nicht vergessen sei schließlich die wunderbare masurische Sommerlandschaft mit ihren Seen und Blumengärten, die für mich als Nachgeborenen sozusagen eine neu zu erbende Erinnerung darstellte und als literarische Inspirationsquelle glaubhaft wird.

Auf den Spuren von Martin Luther

Montag, 11. Juli 2016

Studienreise vom 19.4. bis 24.4. 2016
Wissenschaftliche Begleitung. Dr. Martin Treu

Unsere Reisegesellschaft von 22 Teilnehmern aus ganz Deutschland startete am 19. April von Hamburg/Lüneburg in aller Frühe zu einer wunderbaren Reise nach Mitteldeutschland.
Auf der Fahrt machten wir zunächst Station in Magdeburg, wo wir an einer angemeldeten Domführung teilnehmen konnten. Nach diesem gelungenen Auftakt fuhren wir weiter in die Lutherstadt Wittenberg, wo uns Herr Dr. Martin Treu in Empfang nahm und schon einen ersten Stadtspaziergang mit uns machte. Dr. Treu ist Theologe und Historiker und erwies sich als ein herausragender Kenner Luthers und seiner Zeit. Der folgende Tag führte uns in das Luthermuseum, für Dr. Treu ein Heimspiel, da er seinerzeit verantwortlich war für die Einrichtung dieser überwältigenden Luther-Ausstellung. Auch im Melanchthon-Haus, das sich mit einem modernen Neubau und einer entsprechenden Ausstellung präsentierte, erwies sich Dr. Treu als souveräner Führer. Es folgten die Stadtkirche St. Marien und die Cranach-Höfe.

Dr. Martin Treu mit einigen Teilnehmern der Reise

Der nächste Tag führte uns nach Torgau zur Katharina-Luther-Stube, einer liebevoll eingerichteten kleinen Gedenkstätte für Luthers Frau, die in Torgau starb, und zum Schloss Hartenfels, einem prächtigen Renaissance-Bau. Hier entstand der erste protestantische Kirchenbau in Gestalt der Schlosskapelle, in der Luther oft als Prediger wirkte. Anschließend dann die Stadtkirche St. Marien, eine wunderbare, lichte Hallenkirche mit der Grabstätte Katharina Luthers.
Weiter ging es nach Mansfeld zu Luthers Elternhaus und dem angeschlossenen avantgardistisch anmutenden Museum, das archäologische Funde aus Luthers Zeit präsentierte.

Mansfeld - Luthers Elternhaus

Von Mansfeld fuhren wir nach Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort Luthers mit entsprechenden Gedenkstätten und wieder überraschend interessanten Kirchen. Luthers Taufkirche St. Petri und Pauli erwies sich in ihrer gelungenen modernen Restaurierung als besonders anregend, da die Pfarrerin über die jetzige Situation der Kirche im allgemeinen und über die Taufe im speziellen mit uns eine Diskussion führte, die viele Fragen aufwarf. Wir bekamen doch einen sehr guten Eindruck über die nicht einfache Lage hinsichtlich der Vermittlung des christlichen Glaubens – und das im Kernland der Reformation. Aber wir alle waren sehr berührt von der Persönlichkeit dieser engagierten Pfarrerin.
An den beiden letzten Tagen besichtigten wir Erfurt mit dem ehemaligen Augustiner-Eremiten Kloster, sowie das beeindruckende Ensemble von Dom und Severikirche. Es folgte Eisenach mit einer lebendigen Stadtführung.
Den Schlusspunkt bildete die Wartburg, wo wir über den Sängerkrieg, die Hl. Elisabeth und natürlich über Luther als Junker Jörg informiert wurden.

Wartburg

Wartburg

Zum Abschluss fand im noblen Restaurant der Wartburg ein festliches Mittagessen mit Dankesreden statt. Wir waren alle in gehobener Stimmung.
Ein großer Dank gebührt Herrn Dr. Treu, der uns auf höchstem Niveau die Persönlichkeit Martin Luthers näher brachte, sowie die Bedeutung der Reformation ausführlich erläuterte. Wir sind gut gewappnet für das Jubiläum 2017. Man kann die Leistung von Dr. Treu zusammenfassen in dem Satz:
Mehr Luther geht nicht!

Ein besonderer Dank geht auch an Frau Kern, die mit einer fabelhaften Organisation diese Reise ermöglicht hat. Es war wirklich eine Super-Idee, diese Reise vor dem großen Jubiläumsjahr durchgeführt zu haben.
Ich denke, alle Teilnehmer sind bereichert und beglückt zurückgekehrt und werden sicher noch oft in Gedanken auf Martins Luthers Spuren wandeln.
Dr. Renate Fechner

As a Frenchman educated in the Catholic tradition, Lutheranism is an unknown world. Of course we all know what Protestantism is about, but getting intimate with Martin Luther’s life, his work, his beliefs, his wife, his friends, his protectors, his powerful enemies and the places where he was born, where he went to school, where he became a monk and finally where he wrote his famous 95 thesis was an occasion that my curiosity could not miss.
Mrs. Agata Kern (Kulturreferentin of the Ostpreussisches Landesmuseum) had the excellent idea of organizing a study trip through the various places where Martin Luther and his wife Katharina lived and died.
We could not visit all those places without being accompanied by a person of great knowledge who could give us all the details which are not usually known to the layman. Doctor Martin Treu has just published a book called ‘Am Anfang war das Wort’ – (In the beginning was the Word) which covers Luther’s life and the Reformation movement in Europe.
His encyclopedic knowledge of everything which concerns Martin Luther was impressive and no part of Luther’s life details was left uncovered.
We started our journey in Wittenberg or more precisely Lutherstadt-Wittenberg where we visited his house, his best friend Philip Melanchton’s house and Lucas Cranach’s workshop. We went then to Torgau, visiting the Hartenfels Castle and the house where Katharina Luther died in 1552. In Mansfeld has been built a little museum opposite his parents’ house that we visited as well. Next step was Lutherstadt-Eisleben where he was born in 1483 and died in the same town in 1546: the two houses are a few hundred meters apart.
In the church St Petri/Pauli where he was baptized, we had a very interesting session of questions and answers with Mrs. Simone Carstens-Kant, the local minister. We had so many questions, and Mrs. Carstens-Kant was so willing to answer and explain the situation of Christianism and religion in this part of Germany which despite so many souvenirs of Martin Luther, is in majority atheist. She was very enthusiastic about her mission, not discouraged by the difficult conditions of her ministry.
In Erfurt, we visited the Augustinerkloster where Martin Luther was a monk starting in 1505 and was ordained there in 1507. Our final stopping place was Eisenach from where we visited the Wartburg castle where Martin Luther was kept hidden for almost a year.
In the many churches we visited, with the exception of St Petri/Pauli which has been entirely restored in a modern fashion, what was striking is the fact that it was impossible to distinguish between the Catholic churches they once had been and the Lutheran churches they are today. What was just missing for a Catholic was the holy water basin at the entrance and the red light near the altar which signals the presence of the Holy Sacrament in the tabernacle. Nothing has really been changed: the same altar, the same statues, all the signs which identify a church of the period before the Reformation.
There are discussions about what triggered Martin Luther’s decision to criticize the way the Roman Church was run at that period. Some suggest that this may stem from his trip to Rome in 1510/1511 where he could see the munificence way that bishops, cardinals and priests really live a life far from charity and prayer.  His main criticism concerned the sale of indulgences. Indulgences were an easy way to erase committed sins without needing any repentance or confession: you paid and you were forgiven. In addition indulgences could reduce the time the sinner would spend in purgatory.  That was the substance of the 95 thesis he posted on the door of the Wittenberg church in 1517. Later on he also criticized the celibacy imposed on priests although this was never required in the New Testament. He opposed the fact that very young people were sent to convents for their entire life without even been asked if they liked it or not. This produced the effect that a group of young nuns escaped from their convent and joined Luther’s disciples. He finally married one of them, Katharina von Bora, in 1525; she was sixteen years younger than he. They had six children and only four survived.
All those criticisms generated the ire of the Pope and the Roman Church. Luther was asked to retract every criticism he had expressed publicly. Supported by more and more people and princes, he refused to change one word of his teaching. He was finally excommunicated in 1521. Skirmishes between Luther and the Vatican lasted a number of years. Eventually Protestantism spread; the very first country adopting the Lutheran faith as state religion was Brandenburg-Preussen.
Whilst being protected from the action of the Church in the Wartburg, he translated the New Testament from Greek into the German language. This was a necessary step to apply his vision of the Christian religion: each Christian should be able to read the Holy Scriptures and understand them as he sees fit. Christians should no more be told by a priest what to believe and what not. He also declared that a pope was not necessary.
Translating the New Testament within an extraordinary short time was not only an outstanding performance, but as well an important contribution to German literature. Indeed, Luther’s achievement is still accounted today as the first major piece of literature written in the German language.  As Luther put it: “Reading from the lips of common people….”  He followed his intuition and thus put the Bible’s message in common language to be understood by everyone.
The dark side of this great man’s intellectual and religious contribution to mankind and History was the fact that towards the end of his life he became more and more aggressive against the Jews who refused to convert. Martin Luther considered their refusal as a personal failure.
Georg did a wonderful job in driving us safely through Martin Luther’s home country and doing this always smiling and having a nice word. I also want to thank the group for offering the Barbarians (Gudrun and I) – in the Roman sense of course – a warm welcome. Indeed we enjoyed every minute of this excellent trip.  Last but not least I want to praise the way Mrs Agata Kern organised everything, having a nice word for everyone and showing an equal mood even when things could be a little difficult.

Patrice de Laminne (Autor des englischen Blog-Artikels)

Ostpreußen für Anfänger: Eine Schulreise nach Polen im September 2015

Sonntag, 15. November 2015

Ein Reisebericht von Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Ostpreußen. Was ist das? Und gibt es das überhaupt noch? 15 Schülerinnen und Schüler des Hamburger Hansa-Kollegs, alle im Alter von 20 bis 30 Jahren, haben sich eine Woche lang, vom 21. bis zum 27. September 2015, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Kern, auf den Weg durch Polens Nordosten gemacht, um dieser Frage nachzugehen. Mehrere von ihnen kannten die Geschichten ihrer Großeltern, die ihnen von ihrer alten Heimat erzählt hatten. Aber keiner von ihnen hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde.

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Unsere Gruppe in Sensburg / Mragowo

Wir haben viel gesehen in dieser Woche: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Danzig brachte uns unser Bus nach Sensburg / Mragowo, wo wir zwei Tage Quartier bezogen haben. Der folgende Tag führte uns auf einer Rundfahrt durch das Herz des alten Ostpreußen: Masuren – mit seinen Seen und der barocken Klosteranlage von Heiligelinde, nach Rastenburg und die nahe gelegen Wolfsschanze; sowie am Ende des Tages zum Lehndorff-Schloss in Steinort. In den folgenden Tagen ging es weiter nach Allenstein / Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren; nach Frombork / Frauenburg am Frischen Haff; und schließlich über Marienburg / Malbork wieder nach Danzig / Gdansk, wo wir die letzten beiden Tage verbracht haben.

Doch war das wirklich Ostpreußen, was wir dort gesehen haben? Wir haben unterwegs viel über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte in diesem Landstrich gelernt, über die pruzzischen Ureinwohner, die Kolonisierung der Landschaft durch den Deutschen Orden, über die Entstehung des Königreichs Preußen und sein ambivalentes Verhältnis zu Polen; über die Teilungen Polens und seine Wiedergeburt nach dem 1. Weltkrieg; über Krieg, Judenvernichtung und Vertreibung der deutsche Bevölkerung im und nach dem 2. Weltkrieg; und schließlich, in Danzig, über das moderne Polen und die mutige Revolte der Solidarnosc-Bewegung, die Polen schließlich in die Demokratie geführt hat, die es heute ist.

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Stadtführung in Allenstein / Olsztyn

Bruchstückhaft hatte wohl jeder von uns von dem einen oder anderen Aspekt dieser wechselvollen Geschichte schon einmal gehört. Aber erst im Laufe dieser Reise setzten sich die einzelnen Bruchstücke langsam zu einem Mosaik zusammen. Was wir unterwegs auf den ersten Blick sahen, war ein modernes Land, das offenbar längst wieder in Europa angekommen ist. Polen eben. Erst der Blick hinter die Kulissen, die zahlreichen Vorträge durch die polnischen Reiseführer, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat näher brachten, zeigte uns: So einfach ist das alles nicht. Viele der heutigen Bewohner Masurens und des Ermlandes haben ihre Wurzeln in der heutigen Ukraine oder in Litauen; viele der ehemaligen Bewohner haben heute Enkel, die in Deutschland leben und von der Heimat ihrer Großeltern kaum noch etwas wissen.

In Allenstein waren wir zu Gast bei der Stiftung Borussia, die in dem von ihr liebevoll restaurierten „Haus der Reinigung“ am ehemaligen jüdischen Friedhof residiert und sich die Bewahrung der Kulturschätze der Region zur Aufgabe gemacht hat. Man entdeckt die historischen Spuren in Polens Nordosten neu. Und dass es dabei nicht mehr um Nationalität geht, zeigten uns eindrucksvoll die deutschen und ukrainischen Mitarbeiter der Stiftung, die im polnischen Olsztyn in einem vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude arbeiten. Der Enthusiasmus gerade der jungen Mitarbeiter war so ansteckend, dass einzelne Schüler unserer Reisegruppe bereits darüber nachdenken, ob auch sie nach dem Abitur für ein Jahr als Praktikanten nach Olsztyn gehen wollen. Was die Frage nach „Ostpreußen“ angeht, hat die Stiftung eine geradezu salomonische Lösung gefunden, indem sie sich den von allen Nationalismen freien lateinischen Namen „Borussia“ gegeben hat.

Natürlich war bei etwas geschulterem Hinsehen die deutsche Geschichte der Landschaft dann doch nicht mehr übersehbar: Im guten Sinne in den zahllosen Backsteinkirchen und –burgen, prachtvollen Landsitzen (etwa in Cadinen bei Frauenburg) und Klöstern. Aber gleich nebenan steht eben auch die heute nur noch gespenstisch anmutende Bunkeranlage der Nazis in der Wolfsschanze bei Rastenburg; und unterhalb der phantastischen Kirchenburg von Frauenburg findet man dann, fast unscheinbar im Park, einen Gedenkstein, der an die massenhafte Flucht über das Frische Haff am Ende des 2. Weltkriegs erinnert. Die friedliche Ostsee – vor 70 Jahren das Grab für zahllose Flüchtlinge. Man kann nicht anders, als an diejenigen zu denken, die heute auf der Flucht vor dem Krieg verzweifelt den Weg über das Mittelmeer wählen.

Das idyllische Frauenburg mit seiner mächtigen Kirche war zugleich die Wirkungsstätte des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet ist. Der Astronom, der die Erde aus dem Zentrum des Weltalls nahm und der Menschheit gezeigt hat, wo tatsächlich ihr Platz im Universum ist. Ein Frage, die nun wahrhaftig weit jenseits aller Fragen der Nationalität steht. Und so ist die Frage, ob er denn nun Deutscher oder Pole gewesen sei, eine, die Kopernikus, der sich selbst mit lateinischem Namen benannte, vermutlich gar nicht verstanden hätte. Er war Allensteiner, oder Frauenburger – oder einfach: Europäer.

Danzig am Ende: Was für eine phantastische Metropole! Das Wetter meinte es wie immer gut mit uns. In der Abendsonne unseres Ankunftstages empfing uns die liebevoll und akribisch wieder aufgebaute Altstadt  in ihrer ganzen Lebendigkeit und all ihrem Glanz! Es war ein großes Glück, dass vor 70 Jahren offenbar niemand daran gezweifelt hat, dass man diese Altstadt, in der am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, wiederaufbauen müsse, wie sie eben war: deutsch, polnisch, hanseatisch.

Und Solidarnosc am Ende: Nach all den Exkursen in eine mehr oder weniger fern liegende Vergangenheit gab es dann den Besuch im nagelneuen und wirklich eindrucksvoll gelungenen Europäischen Solidarnosc-Zentrum. Wem von uns deutschen Besuchern, gerade unter den jüngeren, ist eigentlich noch wirklich bewusst, wo das alles begann, was vor genau 25 Jahren den Deutschen ihre Einheit bescherte? Der Aufbruch Ostmitteleuropas in die Freiheit und der schwere Weg dorthin sind in diesem neuen Museum mit Händen zu greifen. Und hier wird einem plötzlich bewusst, dass es nicht zuletzt der Mut der Danziger Werftarbeiter war, der es uns Norddeutschen heute ermöglicht, über eine offene Grenze zu unseren Nachbarn nach Polen zu reisen.

Steinort_Sztynort

Steinort / Sztynort

Ostpreußen, Borussia, Ermland-Masuren, Polen. Eine bis zur Unübersichtlichkeit wechselvolle, aber spannende Geschichte, eine wunderschöne Landschaft, großartige Städte. Wo die Großeltern nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs fliehen mussten, dürfen wir heute ungehindert unser östliches Nachbarland bereisen, das viele von uns immer noch viel zu wenig kennen. Aber daran haben wir jetzt ja wenigstens ein bisschen was geändert …

Wir danken dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseums, das uns diese Reise ermöglichst hat; und wir danken wieder einmal ganz besonders Agata Kern, die uns nun schon zum dritten Mal auf einer große Reise begleitet und auch diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Arno Surminski-Ausstellung in Königsberg / Kaliningrad

Montag, 24. August 2015
Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Am 6. August 2015 wurde im Museum „Friedländer Tor“ in Kaliningrad/Königsberg die Ausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums über das Leben und Werk des bekannten ostpreußischen Schriftstellers Arno Surminski eröffnet. Zur Ausstellungseröffnung waren Arno Surminski und seine Frau persönlich anwesend.

Es war die erste Kooperation unseres Hauses mit den Kollegen aus dem einstigen Königsberg, die in ihrem Museum die Geschichte der ehrwürdigen Stadt an der Pregel präsentieren.

Die Direktorin des Museums, Frau Marina Yadova, begrüßte zahlreiche Gäste und Besucher. Besonders freundliche Worte richtete sie an Arno Surminski, der sich, wie sie sagte, mit seinem ganzen Werk gegen den Krieg ausspreche. Er stelle die Geschichte Ostpreußens literarisch dar, das Museum erfülle die gleiche Aufgabe, bloß mit museumsspezifischen Darstellungsformen. Es gebe viel Verbindendes.

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Anknüpfend an die Worte von Frau Yadova brachte Arno Surminski in seiner Rede zum Ausdruck, wie froh er ist, dass die Ausstellung nach zahlreichen Stationen in Deutschland und Polen auch in Kaliningrad in Russland gezeigt werde. Sie könne helfen, das Verbindende zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen zu zeigen: Polen, Russen und Deutschen, jetzigen und alten Bewohnern Ostpreußens. Er wünschte der Ausstellung viel Erfolg. Nach der Eröffnung fand eine Lesung statt, in der Arno Surminski aus seinem Buch „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ die Passagen über die Zerstörung Königsbergs vorgetragen hat.

Lesung

Arno Surminski wurde 1934 in Jäglack (heute Jeglawki) im Kreis Rastenburg (heute Ketrzyn/Polen) in Ostpreußen geboren. Dort lebte er gemeinsam mit seiner Familie, bis seine Eltern 1945 deportiert wurden. Surminski blieb allein zurück und wurde 1947 nach mehreren Lageraufenthalten von einer Familie in Schleswig-Holstein aufgenommen. Seit 1972 arbeitet er freiberuflich als Wirtschaftsjournalist und Schriftsteller. Zu seinen Bestsellern gehören die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Polninken oder Eine deutsche Liebe“. Einige große Romane spielen im nördlichen Teil Ostpreußens, der heute zu Russland gehört, wie  „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ und „Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“. Die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Vaterland ohne Väter“ sowie zahlreiche Erzählungen wurden ins Russische übersetzt.

Arno Surminski vor der Ausstellung

Arno Surminski vor der Ausstellung

Wir bedanken uns herzlich für die tolle Zusammenarbeit und freuen uns auf weitere gemeinsame Projekte!

Eröffnungsrede

Eröffnungsrede

Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen?

Mittwoch, 15. Juli 2015

Eine Lesereise mit Arno Surminski nach Jokehnen und Polninken vom 1.06. bis 10.06.2015

Ein Bericht von Patrice de Laminne aus Frankreich

Arno Surminski in Danzig

Arno Surminski

One rarely has the chance to visit the various places where the action of a autobiographical novel takes place. It’s even more exceptional to do it in company with the author himself. But we were able to do so, thanks to the OL museum which organized a journey through Ostpreussen. There we saw the places where Arno Surminski spent his first eleven years until he escaped to the West a few months after the end of the war. Herr Surminski was our guide through the world described in his book ‘Jokehnen oder wie lange fährt man von Ostpreussen nach Deutschland’.

The journey started in a hotel in Ogonken (Ogonki today) on the shore of Lake Święcajny. From this base we discovered his village Jäglack (The actual name of ‘Jokehnen’) and the exact place where his house once stood. We also saw and visited part of the nearby little castle mentioned in the book which is being entirely restored.

The once magnificent manor of the Lehndorff family, for a short while ‘haut lieu’ of German anti-Nazi resistance, was on our program too. Located ideally on Lake Mauersee (Mamry), we could visit a small part of the castle which had been left derelict for many years. Since 2009 the foundation Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz from Görlitz with a handful of courageous archeology strudents is currently restoring this beautiful place.

From Steinort, Mrs Kern had arranged our return to Ogonken through a two hour cruise on the lake. This region is really beautiful and would deserve to be known and visited by more Western Europeans. To add to the beauty of the lake, a typical Polish soup, the excellent Żurek, was served by a pretty young lady. What a treat!

We can easily imagine the emotion that Arno Surminski must have felt when revisiting all those places from his youth. In a number of them, he read a few chapters of his book in front of an audience composed of our twenty-member group and many Polish people who had read his book. Thus we learnt that his fame was not only limited to German readers, but crossed the borders and that Poles too, wanted to know what his writings were about.

In situations which could have been embarrassing, Herr Surminski always insisted on the feeling of friendship which he felt towards the Polish population which now lives in this region. Mutual understanding, reappraisal of history, acceptance of responsibility and eventually forgiveness were the key words to be found in his interviews. To a certain extent his work can be assimilated to that of an ambassador. Herr Surminski would always give a very positive answer often inflected with smiling humour.

In Angerburg (Today Wegorzewo), our visit was the occasion of the inauguration of an exhibition about the author, his life and his books. The Polish TVP television network and some important persons from the town attended the ceremony in front of a large audience that included many students that Herr Surminski invited to join instead of waiting outside. By this small gesture he expressed his concernedness with youth. Nobody should be left behind. History must be explained to our youngsters as well if we want the world to improve.

After visiting Marion Dönhoff’s Salons in Galkowen, followed by a small promenade on a little boat on the Kruttina accompanied by Pani Kristina’s patriotic and wistful singing, we finally reached Allenstein. It was the occasion to pay a visit to the Borussia foundation which is dedicated to maintain the memory of the very important Jewish cultural presence in the region.

We then travelled to Frauenburg, Elbing, the Stutthof KL and finally Danzig.

In Frauenburg/Frombork am Gedenkstein der Flucht über das zugefrorene Haff Januar 1945

Der Gedenkstein in Frauenburg/Frombork

In Danzig, we had the excellent guide Pan Florian who took us through the old part of the town with very crisp, precise and often funny descriptions.

Lesung in Danzig

Another very interesting visit was the European Solidarity Center on the site of the old Gdansk Shipyards. It is a huge museum opened in August 2014 which describes the struggle that Solidarnosc had to fight to obtain recognition from the then communist régime of general Jaruzelski. The many peaceful demonstrations which were systematically dispersed through violent action from the militia resulted in a number of deaths. When martial law was proclaimed on December 1981, the leaders of the movement were sent directly to jail, while a curfew and censorship of the mail and press were put in place.

The group we were part of was of an extremely high quality. We met many people with a very interesting background and with whom conversations were a delight.

We owe Mrs Agata Kern our deep gratitude for the excellence of her organization and for the opportunity to exchange views with an admirable author in the very much the places that his autobiographical novel describes.

Dialogprogramm und Autorenlesung – die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte im deutsch-russischen Begegnungszentrum am Newski Prospekt 22-24 in St.Petersburg

Montag, 8. Dezember 2014

Das Buch „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“ von Ulla Lachauer

Ulla Lachauer

Ulla Lachauer

Am 17. November 2014 lud die Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum Sankt Petersburg“ zum Dialogprogramm und zur Autorenlesung mit der deutschen Autorin und Historikerin Ulla Lachauer ein. Unter dem Motto „Die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte“ las und erzählte die Autorin in deutscher Sprache aus ihrem Buch „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“.

Neben der Veranstaltung für die Besucher der deutsch-russischen Begegnungszentrums fand am 18. November auch eine weitere deutschsprachige Lesung mit Dialog im Studentenklub der staatlichen pädagogischen Herzen-Universität Sankt Petersburg statt.

An beiden Veranstaltungen wurde das Thema der EU-Russland-Beziehungen, der deutschen historischen Kulturlandschaften in Osteuropa, sowie die übergreifenden Themenbereiche über die Sowjetdeutschen  wie – Deportation, Vernichtung der deutschen Wolga-Republik, Repressionen, Trud-Armee, Aussiedlung und das 250järige Manifest von 1763 der russischen Kaiserin Katharina II. angeschnitten.

Ulla Lachauer wurde 1951 im ländlichen Westfalen geboren. Historikerin, Autorin und Dokumentarfilmerin. Ihre Liebe gilt den bäuerlichen Welten Europas, ganz besonders im Osten. Sie hat seit den 80er Jahren immer wieder Russland bereist und dort gearbeitet. Sie lebt in Stuttgart.

Als Überraschungsgast der Lesungen war Rita Pauls, die in den 1990er Jahren mit ihrer einzigartigen Biografie den Anstoß für das Buch lieferte und gleichzeitig seine Protagonistin ist, mit nach Sankt Petersburg gereist.
Aufgewachsen in einer russlanddeutschen Mennonitenfamilie, kam Rita Pauls 1989 als junge Frau aus Kasachstan nach Deutschland. Ihre Geschichte und die ihrer Familie werden von Ulla Lachauer in ihrem Buch aufmerksam und behutsam porträtiert. Rita Pauls, so heißt es im Klappentext des Buches, ist damals eine junge, lebenslustige Frau: selbstbewusst, von barocker Statur und mit einer schönen Gesangsstimme. Sie lebt in Mannheim und hat eine weit verstreute Familie – Ritas Leute. Die Pauls‘ gehören zu den mittlerweile zweiundhalb Millionen Russland-Aussiedlern. Im Mikrokosmos dieser Familie, deren Mitglieder in Deutschland, Russland und Kanada leben, spiegelt sich eine ganze Epoche bzw. ganze Jahrhunderte deutsch-russischer Historie – ein Stück Weltgeschichte.

Um Ritas Familie kennenzulernen nimmt uns Ulla Lachauer mit  auf eine große Reise mit. Es zunächst zu den Wolgadeutschen mennonitischen Siedlungen, zu Ritas Großmutter in die sibirische Weite, in die kasachische Steppe, über den Atlantik nach Kanada, wo es im Zuge der Spurensuche zu einer glücklichen Familienzusammenführung kommt. Schließlich führt es sie  ins bäuerliche Westpreußen – die Heimat von Ritas Vorfahren.

Im Anschluss an die Lesung ergab sich unter der Moderation von Irena Bijagowa, Leiterin der Kultur-und Bildungsprojekte am Begegnungszentrum,  ein lebhafter Dialog zwischen der Autorin Lachauer, Rita Pauls und dem Publikum. Besonders hervorgehoben wurden während dieses Dialoges die Parallelen und Überschneidungen zwischen der Geschichte Rita Pauls’ und der Biografie der Autorin. So war das kasachische Karaganda nicht nur die unheilvolle „Stadt der Verbannten“, in die Ritas deutsche Großeltern unter Stalin deportiert wurden. Für Rita war es der Ort einer glücklichen und behüteten Kindheit, an dem sie ohne Kenntnis der vergangenen Schrecken aufwuchs. Gleichzeitig war Karaganda für Ulla Lachauer mit der eigenen Familiengeschichte verknüpft: Ihr Schwiegervater war eben dort in Kriegsgefangenschaft gewesen. So entstehen Verbindungen, Kontakte, vielleicht sogar Freundschaften, wie die, die heute Ulla und Rita im schwäbischen Stuttgart verbindet.

Rita Pauls erzählte vom schwierigen und vielschichtigen Entscheidungsprozess, ausreisen oder bleiben, der die Familie schließlich nach Deutschland führte.
Heute arbeitet Rita als Übersetzerin in Deutschland und ist trägt damit entscheidend zum Verständnis zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat bei.

Zu Wort kamen Besucher des Begegnungszentrums, die von ihrer eigenen Familiengeschichte mit russisch-deutschem Hintergrund erzählten. In all diesen Beiträgen zeigten sich die vielfältigen deutsch-russischen Verbindungen, deren Ausbau und Stabilisierung seit 1993 das erklärte Ziel der Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum“.

Das Projekt „Dialogprogramm und Autorenlesung. Die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte“ wurde von der  Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum“ in Zusammenarbeit  mit der Konrad-Adenauer-Stiftung/ EIZ (Europäische und Internationale  Zusammenarbeit) und dem Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg realisiert. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich für die gute Zusammenarbeit und die große Unterstützung bedanken und darauf hinweisen, dass  es ohne die dieses Projekt in seiner heutigen Form nicht möglich gewesen wäre.

Ein besonderer Dank gilt den Partnern vom Germanistik Lehrstuhl an der staatlichen pädagogischen Herzen-Universität Sankt Petersburg.

Das Deutsch-Russische Begegnungszentrum St. Petersburg (drb) kümmert sich seit 21 Jahren um Kultur- und Bildungsprojekte und eine wachsende Zahl von Stammbesuchern erfreut sich daran.

Irena Bijagowa

Zwischen Herbstferienprogramm und Schülerreise – Mein Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum

Donnerstag, 13. November 2014
Marie_Schrötke

Marie_Schrötke

Hallo,

ich bin Marie Schrötke und habe gerade zwei Monate Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum gemacht. Das Praktikum gehört zum Abschluss meines Studiums “Museum und Ausstellung” an der Universität Oldenburg.

Während der Praktikumszeit war ich in der Abteilung Bildung und Vermittlung und im Kulturreferat tätig. Für die Museumspädagogik habe ich an dem Konzept für Mitmach-Stationen in der neuen Dauerausstellung mitgearbeitet und einige Formate entwickelt. Das war eine sehr spannende Arbeit, weil ich meine eigenen Ideen einbringen konnte und in ganz neue Themen eingetaucht bin. So hatte ich mich beispielsweise mit der Jagd vorher noch nie beschäftigt. Zum Abschluss meiner Zeit im Museum gab es ein besonderes Highlight. Ich durfte zusammen mit einer Kollegin das Herbstferienprogramm „Farben und Formen“ für Kinder planen und auch leiten. Die Arbeit mit den kleinen Museumsbesuchern von 6 bis 12 Jahren hat mir viel Spaß gemacht.

Auch im Kulturreferat hatte ich vielseitige Aufgaben. Ich habe Pressemitteilungen geschrieben, recherchiert und Anfragen für Veranstaltungen verschickt. Außerdem habe ich interessante Orte für eine Schülerreise nach Ostpreußen gesucht und daraus ein Reiseprogramm erstellt. Schön war auch, dass ich eine Schulklasse bei ihrem Besuch in die Hamburger Kunsthalle begleiten durfte. Dort haben sich die Schülerinnen und Schüler mit dem berühmten ostpreußischen Maler Lovis Corinth beschäftigt.

Für mich war das Praktikum eine gute Erfahrung. Ich konnte mich ausprobieren und viel Neues lernen. Es waren zwei tolle Monate, in denen ich mich unter den freundlichen und hilfsbereiten Museumsmitarbeitern sehr wohl gefühlt habe. Jetzt bin ich gespannt auf die neue Dauerausstellung und ob ich von meinen eigenen Ideen vielleicht einige wiederentdecken kann.

Mit allen Sinnen – Malreise nach Nidden

Donnerstag, 24. Juli 2014
Malkurs

Malkurs

Vor dem Ausflug mit dem Kurenkahn

Vor dem Ausflug mit dem Kurenkahn

Vom Ostpreußischen Landesmuseum angeboten, von Agata Kern, der Kulturreferentin, organisiert, von der in Lüneburg lebenden Künstlerin Gudrun Jakubeit, einer klassischen Aquarellistin englischer Schule begleitet, hatte eine Gruppe von 20 Teilnehmern das Erlebnis, die erste Juliwoche auf der Kurischen Nehrung, in Nidden (Nida), zu verbringen.

Dr. Jörn Barfod, der wissenschaftliche Begleiter dieser Reise, sorgte an fast jedem Reisetag dafür, daß Maler wie auch die kleinere Gruppe der Nichtmaler Informationen erhielten, die die Augen öffneten für all das, was heute aus vergangenen Tagen nicht mehr vorhanden ist. Er beschrieb die früher erste Adresse des Ortes, das Gasthaus Hermann Blode, er zeigte historische Aufnahmen des Fischerdorfes aus den 30er Jahren, und er führte durch den Ort zu Häusern und Plätzen von (kultur-)geschichtlicher Bedeutung. Dadurch gelang der Brückenschlag zum Schwerpunktthema „Künstlerkolonie Nidden“. Die Reiseteilnehmer, so angeleitet, konnten selbst auf Spurensuche gehen, welche der bevorzugten Motive der vielen Künstler, die hier oft Sommer für Sommer tätig waren, in der Spanne von der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1944/45, heute noch zu entdecken sind.

Unsere Gruppe vor dem Hotel Nidos Smilte

Unsere Gruppe vor dem Hotel Nidos Smilte

Unter Anleitung von Frau Jakubeit übten die Maler, die Wolkenspiegelung auf der Wasserfläche des Kurischen Haffs wiederzugeben. Sie saßen im Regenschauer und in brennendem Sonnenlicht auf der Parniddener Düne und versuchten, ihre Farben und Formen auf das Blatt zu bannen. Mit nicht ermüdendem Eifer wurden die sich auf dem historischen Friedhof von Nidden ergebenden An- und Ausblicke gestaltet. Von einigen der teils semiprofessionellen Künstler wurde die evangelische Kirche, der Torbogen, das nahebei stehende Kruzifix mit in die Motivauswahl einbezogen. Den „Italienblick“, seit Jahrzehnten von bildenden Künstlern immer wieder abgebildet, nahmen alle als Herausforderung an. Das Zeichnen und Malen auf dem Schwiegermutterberg, in unmittelbarer Nähe des Thomas-Mann-Hauses, wurde ergänzt durch einen Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses.

Eine Bereicherung des thematischen Reiseschwerpunkts war auch, den vor Vollendung stehenden Film „Nidden – Künstlerkolonie auf der Kurischen Nehrung“ zu sehen und die überarbeitete Fassung von „Thomas Mann – Mein Sommerhaus“ – beides in Anwesenheit des Regisseurs Arvydas Barysas, der obendrein mit einer angenehmen Gesangsstimme, mit litauischen Liedern überraschte.

Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses

Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses

Während die Malgruppe mit Fleiß alle in der Aufenthaltsspanne verfügbare Zeit zum Arbeiten nutzte, profitierten die Nichtmaler gleich mehrfach von Dr. Barfods Kontakten und seinem weitgespreizten Fachwissen. Ein Tagesausflug führte von der Nehrung in eine Kontrastlandschaft – in das Memelgebiet nach Heydekrug (Šilutė) und nach Ruß (Rusnė), überwiegend auf den Spuren des Wirkens des unvergessenen Hugo Scheu. Ihm, dem Ökonomierat und Menschenfreund, ist vor zwei Jahren in Heydekrug vor dem inzwischen aufwendig renovierten Wohnhaus ein beachtliches Denkmal gesetzt worden. Die Heydekrüger Kirche mit ihrem unverwechselbaren Altarbild beeindruckte, und eine Textpassage aus Hermann Sudermanns Erzählung „Jons und Erdme“ schärfte den Blick für die Moor- und Wiesenlandschaft. Noch immer gibt es im Frühjahr den „Schaktarp“!

Das Altarbild in der Heydekrüger Kirche

Das Altarbild in der Heydekrüger Kirche

Ein anderer Tagesausflug führte Dr. Barfod mit den Nichtmalern per Schiff über das Kurische Haff in das Mündungsdelta der Memel. Im Dörfchen Minge gesellte sich der Kunstsammler Alexander Popow mit seinem Enkelsohn und einer Mitarbeiterin zum Grüppchen. Gemeinsam ging es per Kleinbus zum Windenburger Eck (Vente), wo – mit Mitteln aus Töpfen der EU – z. Z. umfangreiche Bauarbeiten stattfinden, an erster Stelle Wegbefestigungen, Treppenanlagen und eine Rekonstruktion und Erweiterung des Gebäudes der Ornithologischen Station. Alexander Popow machte hier deutlich, was ihm – bis 1990 Kapitän der Handelsschiffahrt – diese Landschaft bedeutet. Seit gut zehn Jahren sammelt er Werke von Künstlern, die Motive der Kurischen Nehrung, der Hafenstadt Memel und immer wieder Blicke auf das Kurische Haff (bis 1945) festgehalten haben. Alexander Popow ist Vorsitzender der „Gesellschaft der Freunde Ostpreußischer Kunst Nidden“ (Society of East Prussian Art Lovers’ Nidden), die 2009 in Klaipeda (Memel) gegründet wurde.

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Ein Tagesausflug für alle Teilnehmer zum Besuch der Kunstgalerie Klaipeda (Franz-Domscheit-Galerie) verschaffte einen ersten Eindruck von der Sammlertätigkeit des Alexander Popow. Von den nahe 1.000 zusammengetragenen Werken, die Beispiele für das Schaffen von 300 Künstlern geben, sind hier in mehreren Sälen über 200 Werke ausgestellt, die von gut 100 Künstlern stammen. Dank der Führung von Dr. Barfod gelang es, die „Rosinen“ herauszupicken, zeitgeschichtliche Zuordnungen vorzunehmen, Beziehungen der Maler untereinander aufzudecken und die Besonderheit manch eines Werks herauszustellen. Bei dem Mangel an Zeit für die Betrachtung von so viel Schönheit, Können und Bedeutsamkeit blieb der Trost: Diese Sonderausstellung wird hier noch bis zum 8. Mai 2016 zu sehen sein!

Besuch der Kunstgalerie in Klaipeda

Besuch der Kunstgalerie in Klaipeda

Für einige Mitreisende gab es eine uneingeplante Entdeckung am Rande: Die ausgestellten Teile des umfangreichen Nachlasses von Franz Domscheit (Pranas Domšaitis), die hier in der nun nach ihm benannten Kunstgalerie sehr schön präsentiert werden und Beachtung verdienen. – Eine Führung durch die Altstadt von Memel (Klaipeda) vollendete den Tag.

Bei den auf der Nehrungsstraße zurückgelegten Busfahrten beglückte zweimal der Anblick eines Elchs – wie auch ein in der Ostsee badender Reisegefährte das Glück hatte, einen jungen auf der Düne stehenden Elch zu sehen – und davon ein Beweisfoto zu schießen!

Nidden ist auch heute noch „das Paradies der Maler“ zu nennen – davon ist die Reisegruppe überzeugt. Jeder hätte gern länger darin verweilt. Unter den Arbeitsergebnissen der Malgruppe, die am letzten Aufenthaltstag abends im Hotel „Nidos smilte“ präsentiert wurden, war viel Gelungenes, Überraschendes zu sehen und manches, das im Ansatz hoffen ließ, daß im Nachklang zu dieser Reise noch mehr daraus wird. Geplant ist ein Ausstellungsprojekt „Die Kurische Nehrung mit Maleraugen“ für 2015 in Neumünster.

Die Reisegruppe nutzte die im Zusammenhang mit der Rückreise sich ergebenden wenigen Stunden Aufenthalt in der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, um noch Sehenswürdigkeiten Rigas zu besuchen. Eine gelungene Reise, die nach Wiederholung ruft!

Riga

Riga

Ute Eichler

HH, den 10.07.2014