Artikel-Schlagworte: „Agata Kern“

Bericht zur Lesung aus „Wolfsland“ von Arno Surminski

Montag, 26. März 2018

Svenja Szalla, Praktikantin

Arno Surminski war am Mittwochabend mit seinem erst 14 Tage jungen Erzählband „Wolfsland“ bei uns im Ostpreußischen Landesmuseum zu Gast. Für viele Lüneburger sind seine Lesungen inzwischen eine liebgewonnene, sich jährlich wiederholende Tradition. Bereits eine Stunde vor Beginn trafen die ersten Zuhörer ein, um sich Plätze in den vorderen Reihen zu sichern. Kulturreferentin Agata Kern führte durch den Abend, hob auch die ernste, traurige Kindheitsgeschichte des inzwischen 84-jährigen Autors hervor, dessen Eltern 1945 aus Ostpreußen verschleppt wurden und in einem russischen Lager starben, was Surminski erst Ende der 90er Jahre erfuhr. Die oft auch tragischen und ernsten Anteile der Geschichte Ostpreußens waren in den Erzählungen, die der Autor aus seinem neuen Buch las, ebenso vertreten wie die Zuversicht und der, auch in schweren Zeiten nicht versiegende, Humor des Volkes, das die Region zwischen Weichsel und Memel bewohnte.

Diesen Optimismus sinnbildlich wiederspiegelnd, hatte Surminski beschlossen, die Geschichten der Reihenfolge nach von ernst zu heiter werdend zu lesen. So schwangen persönliche Erinnerungen an das eigene Vertriebenwerden in der titelgebenden Erzählung „Wolfsland“ mit und auch die zweite Geschichte, „Dichtertreffen“, traf mitunter ironisch-tiefgehende Töne bei der Frage nach dem Erhalt des Gedankengutes des facettenreichen Volkes. Für allgemeine Heiterkeit sorgte die leicht spöttische, verblüffte Frage des Autors, der nach diesen zwei eher eindringlichen Erzählungen zu fröhlicheren Texten übergehen wollte: „Aber wo ist denn nun bloß das Heitere?“ Nach kurzem Suchen wurde er fündig – weiter ging es mit der „Masurischen Frömmigkeit“ und den Listen eines Pastors. Für seine deutschen wie auch masurischen Schäfchen verantwortlich, musste dieser nicht nur zweisprachig Gottes Wort verkünden, sondern auch Tricks und Kniffe anwenden, die Gemeinde in ihrer völkerübergreifenden Vorliebe für hochprozentige Getränke zu zügeln.

Arno Surminski während der Veranstaltung

Arno Surminski während der Veranstaltung

Viele seiner Geschichten sieht der Autor als Einladung, dem alten Ostpreußen, den masurischen Gepflogenheiten, der Wärme und selbstverständlichen Gastfreundschaft, die damals wie heute ungebrochen zu diesem Land der dunklen Wälder und stillen Seen gehört, einen Besuch abzustatten. Das Thema der deutsch-polnischen Aussöhnung beschäftigt Surminski seit jeher. Die Besinnung auf das gemeinsame geistige Kulturerbe ist ihm eine Herzensangelegenheit. Es gab diesen Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Religionen, die nicht nur friedlich beieinander lebten, sondern in ihrer Mannigfaltigkeit einen besonderen Geist, eine sich gegenseitig befruchtende Diversität, welche sich in Literatur, Bräuchen und Gedankengut niederschlug, ins Leben rief. Als ermunterndes Beispiel für das mögliche Gelingen einer sich vermischenden Gemeinschaft, sei Ostpreußen durchaus auch für heutige Tage ein bedenkenswertes Beispiel, befand der Autor mit einem feinen Lächeln.

„Käthe-Kollwitz und ihre Zeit“ – Projektreise nach Berlin vom 23. bis 25.10.2017

Freitag, 26. Januar 2018

Bericht von Vanessa Kersten aus der Klasse 9c des Gymnasiums Wilhelm-Raabe-Schule Lüneburg.

Vom 23.10. bis 25.10. sind wir, 17 Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs der Wilhelm-Raabe-Schule Lüneburg, zwei unserer Lehrer sowie die Kulturreferentin des Ostpreußischen Landesmuseums Lüneburg, nach Berlin gefahren, um uns mit dem Leben der Käthe Kollwitz und ihrer Zeit näher zu beschäftigen.

Unsere Gruppe in Berlin

Unsere Gruppe in Berlin

Nachdem wir am Montagmorgen mit der Bahn nach Berlin gefahren sind, haben wir die Zeit vor dem eigentlichen Projektbeginn genutzt, um den geschichtsträchtigen Bereich zwischen Berliner Hauptbahnhof und Potsdamer Platz zu erkunden. Am Nachmittag nahmen wir an einer Käthe-Kollwitz-Stadtteilführung in Prenzlauer Berg teil, bei der wir eine Menge über ihre Lebensumstände und die der einfachen Menschen ihrer Zeit erfahren haben. Am Abend hielten wir unsere Eindrücke in Skizzenheften fest.
Am Dienstagmorgen sind wir zum Deutschen Historischen Museum gefahren, um dort an einem Workshop zum Thema Kaiserreich teilzunehmen. Am Nachmittag fand dann der zweite Teil der Stadtführung in Mitte statt, wo wir von der Neuen Wache bis zum Max-Liebermann-Haus am Pariser Platz geführt wurden und u.a. sogar in die Akademie der Künste kamen. Abends widmeten wir uns wieder unseren Skizzenheften.

Im Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin

Im Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin

Am Mittwoch haben wir unseren Vormittag im Käthe-Kollwitz-Museum verbracht. Dort nahmen wir nach einer eindrucksvollen Führung erneut an einem Workshop teil und entwarfen unsere eigenen Plakate mit Appell-Charakter zu aktuellen Problemen. Am Nachmittag hatten wir dann noch ein wenig Freizeit in der Hauptstadt. Am Abend fuhren wir dann wieder mit der Bahn zurück nach Lüneburg. Während dieser drei intensiven Tage haben wir alle sehr viel gelernt und gemeinsam eine schöne Zeit in Berlin verbracht.

Vielfältige Spurensuche

Dienstag, 19. Dezember 2017

Vom 25. September bis zum 1. Oktober 2017 unternahm eine 38-köpfige Gruppe eine spannende Reise durch das Kaliningrader Gebiet und ins westliche Litauen. Von Hamburg ging es mit dem Flugzeug nach Danzig; von dort mit dem Bus weiter mit Übernachtungen in Kaliningrad/Königsberg, Sovjetsk/Tilsit, Silute/Heydekrug und schließlich von Klaipeda/Memel mit dem Schiff zurück bis Kiel. Es wurde eine außergewöhnliche Entdeckungsreise mit vielen menschlichen Begegnungen und oft überraschenden Eindrücken von Land und Leuten.

Reisegruppe vor dem Kantdenkmal in Kaliningrad

Reisegruppe vor dem Kantdenkmal in Kaliningrad

Begleitet wurde die Fahrt von Ulla Lachauer, die seit Jahrzehnten in der Region reist und recherchiert und darüber zahlreiche Filme und Bücher veröffentlicht hat. Sie hat seither maßgeblich dazu beigetragen, dass heute ein differenziertes, nicht nur nostalgisches Bild von Ostpreußen in den Köpfen der Menschen in Deutschland existiert. Ihre Lesungen auf dieser Reise im Kaliningrader Bücherclub „Katarakt“, im Tilsiter Heimatmuseum und in der Kirche von Vilkiskai/Willkischken spiegelten eindrucksvoll, wie die Menschen in der Region seit der Wende Anfang der 90er Jahre versuchen, ein neues, eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich in einer veränderten Welt zurechtzufinden.
Ein Höhepunkt der Reise war zweifellos der Besuch des Grigoleitschen Hofes im ehemaligen Bittehnen, heute Bitenai. Über das wechselvolle Schicksal der Bäuerin Lena Grigoleit im 20. Jahrhundert hat Ulla Lachauer 1996 das Buch „Paradiesstraße“ veröffentlicht; jetzt wurde die gesamte Reisegruppe von Lena Grigoleits Töchtern Irena und Birute sowie ihrem Enkel Mindaugas und dessen Frau Enida empfangen: in herzlicher Gastfreundschaft und mit einem überbordenden Büfett voller einheimischer Köstlichkeiten. Mindaugas erläuterte zudem sachkundig die aktuellen Probleme der Landwirtschaft im heutigen Litauen.
Die Liste der Museen, Kirchen, Denk- und Sehenswürdigkeiten, die wir besuchten, ist lang und würde den Rahmen dieses kleinen Berichts sprengen. Besonders anrührend war es, dass einige Mitreisende vor Ort konkrete Spuren ihrer eigenen Vorfahren entdecken und besichtigen konnten – Erlebnisse, die allen unter die Haut gingen.
Am Ende stand die aufrichtige Dankbarkeit der Reisenden gegenüber dem Ostpreußischen Landesmuseum und dem Büro Russland-Reisen Romanova, die zusammen diese Fahrt umsichtig organisiert haben. Auch der örtliche Reiseführer und Übersetzer Ewgeni Snegowski wurde mit großem Applaus verabschiedet – seine sachkundigen Erläuterungen und oft humorvollen Kommentare haben zum Erfolg des gesamten Unternehmens nicht unwesentlich beigetragen.
Uwe Naumann

Studienreise: Auf den Spuren des Deutschen Ordens von Würzburg nach Wien

Donnerstag, 21. September 2017

Ein Bericht von Dr. Martin Maurach

Die Studienreise „Auf den Spuren des Deutschen Ordens“ vom 8. – 13.8.2017 wurde organisiert von der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Agata Kern (Ostpreußisches Landesmuseum in Lüneburg), und Dr. Martin Maurach vom DAAD-Lektorat an der Schlesischen Universität in Opava. An der Studienreise haben tschechische, polnische, deutsche und österreichische Studierende, Deutschlehrer/innen und Hochschullehrer/innen teilgenommen. Dass sich eine solche, bunt gemischte Gruppe heutzutage für den Deutschen Orden interessiert, erscheint nicht selbstverständlich. Gehört es nicht unter ‚aufgeklärten‘ Zeitgenossen derzeit beinahe zum guten Ton, religiöse Einrichtungen für die Quellen allen Übels zu halten? Nicht, dass unsere Gruppe sich nicht auch über fragwürdige Aspekte der Rezeption des Deutschen Ordens hätte orientieren lassen; nicht, dass nicht auch Widersprüche offen diskutiert worden wären. Dazu gab es fachkundige Beiträge aus dem Teilnehmerkreis. Vor allem aber gab es eine große Aufgeschlossenheit für die achthundert Jahre zurück führende Spurensuche – und das Gefühl, sich auf jeder Station reich belohnt zu finden.

Zunächst präsentierte sich der Auf- oder Abstieg in die Geschichte als imposantes steinernes Schnecken-Treppenhaus, in das man hinauffotografieren kann. So zum Auftakt der Reise im Deutschordensmuseum Bad Mergentheim, wo ein guter Überblick über die Geschichte des Ordens vermittelt wurde, insbesondere auch über seine bis heute andauernde karitative Tätigkeit, dazwischen über die Geschichte des Ordensstaats in Preußen, die zeitweise auch für Protestanten mögliche Zugehörigkeit und vieles mehr.

Das Siebenbürgische Museum auf Schloss Horneck weitete dank seiner Lage den Blick nicht nur ins Neckartal – sondern auch in die Geschichte Siebenbürgens. Die Führung verdeutlichte vor allem das schwierige Zusammenleben religiöser und ethnischer Gruppen auf dem Gebiet der sogenannten Siebenbürger Sachsen, die vor allem aus Rhein- und Moselfranken kamen. Schloss Horneck selbst war seit Mitte des dreizehnten Jahrhunderts Besitz des Deutschen Ordens und zeitweise Sitz des Deutschmeisters sowie später einer Komturei.

Besichtigung der Burg Horneck in Gundelsheim

Besichtigung der Burg Horneck in Gundelsheim

Aus der reichen Geschichte der markgräflich-hohenzollernschen Residenz Ansbach lernten wir dank einer sehr sachkundigen, unterhaltsamen Führung sowohl tragisch-düstere Seiten kennen – Kindersärge in der Fürstengruft, Totenfahnen von St. Gumbertus, Kaspar Hausers Schicksal -, als auch zum Beispiel die Erinnerungsräume für die Partnerstadt Krnov (früher Jägerndorf) in der Nachbarschaft von Opava, die bedeutende wissenschaftliche Bibliothek aus hohenzollernscher Zeit und das Denkmal für den Dichter August Graf von Platen. Im Deutschordensschloss von Ellingen bot uns das Ostpreußische Kulturzentrum Sonderausstellungen zur Reformationsgeschichte sowie über Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der ja eine entscheidende Rolle bei der Umwandlung des preußischen Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum spielte. Außerdem erhielten wir eine Einführung in die Arbeit der Ostpreußischen Kulturstiftung, insbesondere ihre vielfältigen Ausstellungsaktivitäten.

Im Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen

Im Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen

Das Kloster St. Nikola in Passau ist das Mutterhaus der deutschen Provinz der Deutschordensschwestern; dort wurde uns in persönlich beeindruckender Weise von der Bedeutung des Schwesterninstituts des Deutschen Ordens und seinen karitativen Aufgaben berichtet, insbesondere auch von der Aufhebung und Enteignung des Ordens sowohl durch den deutschen Faschismus als auch unter den Kommunisten, der Flucht nach Westen, aber auch von der mühevollen Wiedergründung des Schwesterninstituts in Opava nach 1990.

Besuch im Kloster St. Nikola in Passau

Besuch im Kloster St. Nikola in Passau

Höhepunkt der Reise war die Besichtigung von Kirche, Schatzkammer und Archiv des Deutschen Ordens in Wien; die Schatzkammer mit bedeutenden Kunstwerken, Gewändern, Bildmaterial und Urkunden, das Archiv als eine zweite Schatzkammer für unterschiedlichste historische, heraldische und genealogische Forschungsinteressen. Die für Wien-Anfänger und ‑Kenner gleichermaßen interessante Stadtführung wurde dann auch spürbar von oben ausgezeichnet durch den einzigen heftigen Regenschauer der Reise direkt gegenüber dem Südturm von St. Stephan. Das weitläufige Wiener Heeresgeschichtliche Museum verbindet die wichtigsten Karten, Portraits und Artefakte durch regelrechte Auf- und Abmärsche, auf denen dann die Ordensgeschichte in den Hintergrund trat. Nach deren intensivem Studium während der vergangenen Tage waren diese Operationen aber der verdiente Übergang zu weiteren Feldforschungen etwa einer Sonderausstellung zu König Jan III. Sobieski, dem Befreier von Wien 1683, oder dem Wiener Literaturmuseum, mit seinen Schätzen aus der Österreichischen Nationalbibliothek und einer interessant inszenierten Sonderausstellung zum „Rausch des Schreibens“.

Im Zentralarchiv des Deutschen Ordens in Wien

Im Zentralarchiv des Deutschen Ordens in Wien

Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht

Dienstag, 27. Dezember 2016

Ein Bericht von Christine von Brühl

Karminfarbener Verputz, bunt schimmernde Mosaiksteine, goldglänzende Sterne – das Innere des Mendelssohn-Hauses in Olsztyn wirkt wie aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Jahre haben die Mitstreiter der Stiftung Borussia darauf verwendet, dieses Kleinod wieder herzustellen. Aus der einstigen Bauruine der Leichenhalle des ehemaligen jüdischen Friedhofs ist ein stimmungsvoller Ort der Begegnung geworden.

Am 1. Dezember hatte ich die Freude, auf Einladung von Agata Kern vom Ostpreußischen Landesmuseum in diesem märchenhaften Ambiente mein Buch „Out of Adel“ vorzustellen. Es ist im Juni 2016 auf Polnisch unter dem Titel „Jak przestalam byc arystokratka“ im Verlag Dobra Literatura erschienen. Der Allensteiner Rundfunkjournalist Robert Lesinski unterstütze mich vor gut gefülltem Haus bei der Präsentation, Stiftungsvorsitzende Kornelia Kurowska begrüßte uns und stellte die Mitwirkenden vor.

Dr. Christine von Brühl, Robert Lesinski und Kornelia Kurowska (v.l.)

Nicht nur das Buch, auch die Geschichte meiner Familie stieß beim Publikum auf großes Interesse. Mein Großvater war bis 1934 Landrat in Allenstein, widersetzte sich als gläubiger Katholik den Nazis und wurde zur Strafe in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Meine Großmutter, geboren und aufgewachsen in Ostpreußen, wurde denunziert und kam ins Gefängnis. Beide Großeltern sowie drei ihrer vier Kinder – ein Sohn ist im Februar 1945 gefallen – konnten gegen Kriegsende fliehen und lebten in Westfalen. Sie sind nie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Dr. Christine von Brühl

Trotz dieser traurigen Ereignisse war das Wiedersehen mit Olsztyn ein freudiges Ereignis. Die Besucher der Lesung waren samt und sonders gut informiert und bewiesen Anteilnahme, Offenheit und Neugier. Zweifelsohne ist das auf das unermüdliche Engagement der Stiftung zurückzuführen. Tag für Tag beweist sie durch ihre Arbeit, welche kulturellen und ideellen Werte man aus der Vergangenheit schöpfen kann, sei sie auch noch so traurig. Einzelne Mitglieder der Stiftung stammen selbst aus Familien, die ihre Heimat nach dem Krieg verlassen mussten, wie beispielswiese aus der Gegend um Vilnius. Statt in Larmoyanz zu versinken, nutzen sie die historische Verbundenheit mit Ländern wie Litauen, Ukraine oder Deutschland, um einen regen internationalen Kulturaustausch zu pflegen. Sie schauen nach vorn und betrachten die geschichtlichen Ereignisse ihrer Region als Chance und Anlass zur Vielfalt. Das hat mich tief beeindruckt.

Kunst erfassen mit den Sinnen – Besuch der Hamburger Kunsthalle am 8. November 2016

Dienstag, 20. Dezember 2016

Ein Bericht von Jutta Pruchner
Im Rahmen des Kunstunterrichts besuchten die Klasse 2 und die IVK (Internationale Vorbereitungsklasse) der Schule Cranz
in Kooperation mit dem Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg, vertreten durch Frau Kern, die Kunsthalle Hamburg.
Die IVK  gibt es seit dem April 2016 an unserer Schule. Siebzehn Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren, die sowohl aus Flüchtlingsgebieten (Syrien, Iran, Afghanistan) kommen als auch Kinder, die ohne Deutschkenntnisse neu in Deutschland sind (Rumänien, Polen Ukraine), lernen ein Jahr die deutsche Sprache, erhalten Unterricht im Fach Mathematik,  Sachunterricht und Sport und gehen danach in die jeweilige Regelklasse über.

Dies war bereits der zweite gemeinsame Ausflug mit der zweiten Klasse. Erste Freundschaften bahnen sich an. Gespannt erwarteten alle die unbekannte Reise durch die Hamburger Kunsthalle. Der Vermittler der Kunsthalle Heiko Lietz nahm uns in Empfang und leitete uns durch das Programm „Spürnasen“.

Mit der Gruppe vor dem Bild "Flora" von Lovis Corinth

Vor dem Kunstwerk „Flora“ von Lovis Corinth sprachen die Kinder über ihre Eindrücke und Ideen in Bezug auf Farbgebung, Ausdruck und Körperhaltung der dargestellten Flora. Als Vorbereitung für eine Zeichenübung durften die Kinder dann aus vielen verschiedenen Geruchsproben den Geruch auswählen, der für sie am besten zu der Flora passte. Mit ihren kleinen Geruchsdöschen gingen sie nun an die praktische Arbeit. In Partnerarbeit setzten sie ihren ausgewählten Duft mit Ölkreiden gestalterisch um.

In der Werkstatt der Kunsthalle

Die Kinder waren von ihrer Aufgabe und den Eindrücken während ihres Museumsaufenthaltes begeistert. Der Geruchssinn hatte bei ihnen viele Erinnerungen wachgerufen und das gemeinsame Gestalten weckte Staunen, Schaffensfreude und Sinnhaftigkeit.
Bewegte und farbenfrohe Bilder entstanden, ließen sich anschließend bestaunen und regten zu zahlreichen Sprechanlässen an.

Die gemalten Bilder

Seminarreise über die ostpreußische Literatur vom 20.-25.8. 2016

Montag, 14. November 2016

Ein Reisebericht von
Martin Maurach (Schlesische Universität in Opava / DAAD)

„Wir müssen herausfinden, ob es so etwas auch bei uns gibt“ oder: „Wir müssen so bald wie möglich wieder so eine Reise machen“: Wenn solche Äußerungen schon während eines Projektes fallen, spricht viel für sein Gelingen – und das war wohl auch der überwiegende Eindruck, mit dem die bunt gemischte Gruppe aus deutschen, österreichischen, polnischen und tschechischen Studierenden und Dozenten, von Anfang Zwanzig bis ins Seniorenalter, nach einer knappen Woche wieder auseinanderging – mit dem Wunsch: „Fortsetzung folgt!“ Das und der sehr gute, harmonische Verlauf sind vor allem der umsichtigen und hoch professionellen Reiseleitung von Seiten der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Agata Kern, zu verdanken.

Erster Höhepunkt der Reise war die Marienburg des Deutschen Ordens bei Malbork, ein lebendes Denkmal, da die gewaltige Anlage mit den über Jahrhunderte verteilten Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau gewissermaßen immer noch im Bau ist. Auf der Galerie der äußerlich viel bescheideneren Burg von Olsztyn / Allenstein zeigte sich später, dass weltbewegende Entdeckungen nicht immer einen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger brauchen: Kopernikus genügten die über Wände und Decke wandernden Lichtreflexe eines Wassergefäßes, um die scheinbare Bewegung der Sonne zu beschreiben.

Mit Nikolaus Kopernikus in Olsztyn/Allenstein

In Mragowo / Sensburg gab es eine Stadtführung mit einem Besuch des Ernst-Wiechert-Museums; die Struktur der im Kern mittelalterlichen Stadt war noch zu erkennen, ebenso die Spuren ihrer einst so einfachen wie wirkungsvollen Befestigung durch Verbindungsgräben zwischen mehreren Seen.

Vor dem Geburtshaus von Erich Mendelsohn in Olsztyn/Allenstein

Geschichte und Gegenwart der so oft als reaktionär verschrieenen ostpreußischen Adelsfamilien reichen bei den Dönhoffs und Lehndorffs allein im zwanzigsten Jahrhundert vom Widerstand gegen Hitler bis zur Begründung eines demokratisch-liberalen Journalismus und einer völkerverbindenden Publizistik in der Bundesrepublik. Das wurde beim Besuch des Marion Dönhoff Salons (Galkowo) im Gespräch mit Renate Marsch-Potocki deutlich. Quasi nebenan zeigte sich am Beispiel von Schloss Sztynort/Steinort aber auch, wie dramatisch die Lage mancher gerade noch als Ruinen erhaltener ehemaliger Adelssitze heute ist – ganz im Gegensatz zum grotesken Gruseltourismus, der in der Nachbarschaft aus rein kommerziellen Motiven in der ehemaligen ‚Wolfsschanze‘ betrieben wird.

Gespräch mit Renate Marsch-Potocki

In Ełk / Lyck erlebte die Gruppe mit Herrn Dr. Rafał Żytyniec ein sehr lebendiges Seminar zur Stadtgeschichte, zur Jugend von Siegfried Lenz in Lyck und zu einigen seiner Werke. Schauplatz war das im Entstehen begriffene Stadtmuseum mit einer künftigen Siegfried-Lenz-Abteilung. Themen waren unter anderem die Geschichtensammlung „So zärtlich war Suleyken“ und der Roman „Heimatmuseum“. Bei beiden ging es um den Bezug zur masurischen Region, ihre Stellung innerhalb der Heimat- und Erinnerungsliteratur, ihren Beitrag zur Aussöhnung mit der Geschichte und ihre Rezeption in verschiedenen Medien in Deutschland und Polen, u.a. im Film. Außerdem kamen interessante Details über Lenzens spätere Besuche in Ełk/Lyck und seine geistig-emotionale Wiederannäherung an seine Heimatstadt zur Sprache.
Von den beiden eingangs zitierten Aussprüchen galt der zweite der Planung einer neuen Reise auf den Spuren des Deutschen Ordens. Der erste bezog sich auf die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung Borussia, die wir in Olsztyn kennenlernten: internationale Begegnungen und Erziehung zur Toleranz vor allem für ehrenamtlich engagierte jüngere Menschen, Denkmal- und Grabpflege, Publikationen u.v.m.

Literaturseminar in Lyck Elk mit Dr.Rafal Zytyniec

Den Abschluss der Reise bildete noch ein herrlicher Tag in Gdańsk / Danzig, zur Hälfte den Spuren von Günter Grass, zur anderen der Altstadt gewidmet. Hätte die ganze Gruppe zugleich auf jener Bank zwischen den Skulpturen von Oskar Matzerath und seinem Schöpfer Platz gefunden, sie hätte die Gelegenheit auf jeden Fallgenutzt; so entstanden dafür viele einzelne Erinnerungsfotos.

Mit Günter Grass und Oskar Matzerath in Gdansk/Danzig

Nicht vergessen sei schließlich die wunderbare masurische Sommerlandschaft mit ihren Seen und Blumengärten, die für mich als Nachgeborenen sozusagen eine neu zu erbende Erinnerung darstellte und als literarische Inspirationsquelle glaubhaft wird.

Auf den Spuren von Martin Luther

Montag, 11. Juli 2016

Studienreise vom 19.4. bis 24.4. 2016
Wissenschaftliche Begleitung. Dr. Martin Treu

Unsere Reisegesellschaft von 22 Teilnehmern aus ganz Deutschland startete am 19. April von Hamburg/Lüneburg in aller Frühe zu einer wunderbaren Reise nach Mitteldeutschland.
Auf der Fahrt machten wir zunächst Station in Magdeburg, wo wir an einer angemeldeten Domführung teilnehmen konnten. Nach diesem gelungenen Auftakt fuhren wir weiter in die Lutherstadt Wittenberg, wo uns Herr Dr. Martin Treu in Empfang nahm und schon einen ersten Stadtspaziergang mit uns machte. Dr. Treu ist Theologe und Historiker und erwies sich als ein herausragender Kenner Luthers und seiner Zeit. Der folgende Tag führte uns in das Luthermuseum, für Dr. Treu ein Heimspiel, da er seinerzeit verantwortlich war für die Einrichtung dieser überwältigenden Luther-Ausstellung. Auch im Melanchthon-Haus, das sich mit einem modernen Neubau und einer entsprechenden Ausstellung präsentierte, erwies sich Dr. Treu als souveräner Führer. Es folgten die Stadtkirche St. Marien und die Cranach-Höfe.

Dr. Martin Treu mit einigen Teilnehmern der Reise

Der nächste Tag führte uns nach Torgau zur Katharina-Luther-Stube, einer liebevoll eingerichteten kleinen Gedenkstätte für Luthers Frau, die in Torgau starb, und zum Schloss Hartenfels, einem prächtigen Renaissance-Bau. Hier entstand der erste protestantische Kirchenbau in Gestalt der Schlosskapelle, in der Luther oft als Prediger wirkte. Anschließend dann die Stadtkirche St. Marien, eine wunderbare, lichte Hallenkirche mit der Grabstätte Katharina Luthers.
Weiter ging es nach Mansfeld zu Luthers Elternhaus und dem angeschlossenen avantgardistisch anmutenden Museum, das archäologische Funde aus Luthers Zeit präsentierte.

Mansfeld - Luthers Elternhaus

Von Mansfeld fuhren wir nach Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort Luthers mit entsprechenden Gedenkstätten und wieder überraschend interessanten Kirchen. Luthers Taufkirche St. Petri und Pauli erwies sich in ihrer gelungenen modernen Restaurierung als besonders anregend, da die Pfarrerin über die jetzige Situation der Kirche im allgemeinen und über die Taufe im speziellen mit uns eine Diskussion führte, die viele Fragen aufwarf. Wir bekamen doch einen sehr guten Eindruck über die nicht einfache Lage hinsichtlich der Vermittlung des christlichen Glaubens – und das im Kernland der Reformation. Aber wir alle waren sehr berührt von der Persönlichkeit dieser engagierten Pfarrerin.
An den beiden letzten Tagen besichtigten wir Erfurt mit dem ehemaligen Augustiner-Eremiten Kloster, sowie das beeindruckende Ensemble von Dom und Severikirche. Es folgte Eisenach mit einer lebendigen Stadtführung.
Den Schlusspunkt bildete die Wartburg, wo wir über den Sängerkrieg, die Hl. Elisabeth und natürlich über Luther als Junker Jörg informiert wurden.

Wartburg

Wartburg

Zum Abschluss fand im noblen Restaurant der Wartburg ein festliches Mittagessen mit Dankesreden statt. Wir waren alle in gehobener Stimmung.
Ein großer Dank gebührt Herrn Dr. Treu, der uns auf höchstem Niveau die Persönlichkeit Martin Luthers näher brachte, sowie die Bedeutung der Reformation ausführlich erläuterte. Wir sind gut gewappnet für das Jubiläum 2017. Man kann die Leistung von Dr. Treu zusammenfassen in dem Satz:
Mehr Luther geht nicht!

Ein besonderer Dank geht auch an Frau Kern, die mit einer fabelhaften Organisation diese Reise ermöglicht hat. Es war wirklich eine Super-Idee, diese Reise vor dem großen Jubiläumsjahr durchgeführt zu haben.
Ich denke, alle Teilnehmer sind bereichert und beglückt zurückgekehrt und werden sicher noch oft in Gedanken auf Martins Luthers Spuren wandeln.
Dr. Renate Fechner

As a Frenchman educated in the Catholic tradition, Lutheranism is an unknown world. Of course we all know what Protestantism is about, but getting intimate with Martin Luther’s life, his work, his beliefs, his wife, his friends, his protectors, his powerful enemies and the places where he was born, where he went to school, where he became a monk and finally where he wrote his famous 95 thesis was an occasion that my curiosity could not miss.
Mrs. Agata Kern (Kulturreferentin of the Ostpreussisches Landesmuseum) had the excellent idea of organizing a study trip through the various places where Martin Luther and his wife Katharina lived and died.
We could not visit all those places without being accompanied by a person of great knowledge who could give us all the details which are not usually known to the layman. Doctor Martin Treu has just published a book called ‘Am Anfang war das Wort’ – (In the beginning was the Word) which covers Luther’s life and the Reformation movement in Europe.
His encyclopedic knowledge of everything which concerns Martin Luther was impressive and no part of Luther’s life details was left uncovered.
We started our journey in Wittenberg or more precisely Lutherstadt-Wittenberg where we visited his house, his best friend Philip Melanchton’s house and Lucas Cranach’s workshop. We went then to Torgau, visiting the Hartenfels Castle and the house where Katharina Luther died in 1552. In Mansfeld has been built a little museum opposite his parents’ house that we visited as well. Next step was Lutherstadt-Eisleben where he was born in 1483 and died in the same town in 1546: the two houses are a few hundred meters apart.
In the church St Petri/Pauli where he was baptized, we had a very interesting session of questions and answers with Mrs. Simone Carstens-Kant, the local minister. We had so many questions, and Mrs. Carstens-Kant was so willing to answer and explain the situation of Christianism and religion in this part of Germany which despite so many souvenirs of Martin Luther, is in majority atheist. She was very enthusiastic about her mission, not discouraged by the difficult conditions of her ministry.
In Erfurt, we visited the Augustinerkloster where Martin Luther was a monk starting in 1505 and was ordained there in 1507. Our final stopping place was Eisenach from where we visited the Wartburg castle where Martin Luther was kept hidden for almost a year.
In the many churches we visited, with the exception of St Petri/Pauli which has been entirely restored in a modern fashion, what was striking is the fact that it was impossible to distinguish between the Catholic churches they once had been and the Lutheran churches they are today. What was just missing for a Catholic was the holy water basin at the entrance and the red light near the altar which signals the presence of the Holy Sacrament in the tabernacle. Nothing has really been changed: the same altar, the same statues, all the signs which identify a church of the period before the Reformation.
There are discussions about what triggered Martin Luther’s decision to criticize the way the Roman Church was run at that period. Some suggest that this may stem from his trip to Rome in 1510/1511 where he could see the munificence way that bishops, cardinals and priests really live a life far from charity and prayer.  His main criticism concerned the sale of indulgences. Indulgences were an easy way to erase committed sins without needing any repentance or confession: you paid and you were forgiven. In addition indulgences could reduce the time the sinner would spend in purgatory.  That was the substance of the 95 thesis he posted on the door of the Wittenberg church in 1517. Later on he also criticized the celibacy imposed on priests although this was never required in the New Testament. He opposed the fact that very young people were sent to convents for their entire life without even been asked if they liked it or not. This produced the effect that a group of young nuns escaped from their convent and joined Luther’s disciples. He finally married one of them, Katharina von Bora, in 1525; she was sixteen years younger than he. They had six children and only four survived.
All those criticisms generated the ire of the Pope and the Roman Church. Luther was asked to retract every criticism he had expressed publicly. Supported by more and more people and princes, he refused to change one word of his teaching. He was finally excommunicated in 1521. Skirmishes between Luther and the Vatican lasted a number of years. Eventually Protestantism spread; the very first country adopting the Lutheran faith as state religion was Brandenburg-Preussen.
Whilst being protected from the action of the Church in the Wartburg, he translated the New Testament from Greek into the German language. This was a necessary step to apply his vision of the Christian religion: each Christian should be able to read the Holy Scriptures and understand them as he sees fit. Christians should no more be told by a priest what to believe and what not. He also declared that a pope was not necessary.
Translating the New Testament within an extraordinary short time was not only an outstanding performance, but as well an important contribution to German literature. Indeed, Luther’s achievement is still accounted today as the first major piece of literature written in the German language.  As Luther put it: “Reading from the lips of common people….”  He followed his intuition and thus put the Bible’s message in common language to be understood by everyone.
The dark side of this great man’s intellectual and religious contribution to mankind and History was the fact that towards the end of his life he became more and more aggressive against the Jews who refused to convert. Martin Luther considered their refusal as a personal failure.
Georg did a wonderful job in driving us safely through Martin Luther’s home country and doing this always smiling and having a nice word. I also want to thank the group for offering the Barbarians (Gudrun and I) – in the Roman sense of course – a warm welcome. Indeed we enjoyed every minute of this excellent trip.  Last but not least I want to praise the way Mrs Agata Kern organised everything, having a nice word for everyone and showing an equal mood even when things could be a little difficult.

Patrice de Laminne (Autor des englischen Blog-Artikels)

Ostpreußen für Anfänger: Eine Schulreise nach Polen im September 2015

Sonntag, 15. November 2015

Ein Reisebericht von Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Ostpreußen. Was ist das? Und gibt es das überhaupt noch? 15 Schülerinnen und Schüler des Hamburger Hansa-Kollegs, alle im Alter von 20 bis 30 Jahren, haben sich eine Woche lang, vom 21. bis zum 27. September 2015, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Kern, auf den Weg durch Polens Nordosten gemacht, um dieser Frage nachzugehen. Mehrere von ihnen kannten die Geschichten ihrer Großeltern, die ihnen von ihrer alten Heimat erzählt hatten. Aber keiner von ihnen hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde.

Unsere_Gruppe_in_Sensburg_Mragowo

Unsere Gruppe in Sensburg / Mragowo

Wir haben viel gesehen in dieser Woche: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Danzig brachte uns unser Bus nach Sensburg / Mragowo, wo wir zwei Tage Quartier bezogen haben. Der folgende Tag führte uns auf einer Rundfahrt durch das Herz des alten Ostpreußen: Masuren – mit seinen Seen und der barocken Klosteranlage von Heiligelinde, nach Rastenburg und die nahe gelegen Wolfsschanze; sowie am Ende des Tages zum Lehndorff-Schloss in Steinort. In den folgenden Tagen ging es weiter nach Allenstein / Olsztyn, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren; nach Frombork / Frauenburg am Frischen Haff; und schließlich über Marienburg / Malbork wieder nach Danzig / Gdansk, wo wir die letzten beiden Tage verbracht haben.

Doch war das wirklich Ostpreußen, was wir dort gesehen haben? Wir haben unterwegs viel über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte in diesem Landstrich gelernt, über die pruzzischen Ureinwohner, die Kolonisierung der Landschaft durch den Deutschen Orden, über die Entstehung des Königreichs Preußen und sein ambivalentes Verhältnis zu Polen; über die Teilungen Polens und seine Wiedergeburt nach dem 1. Weltkrieg; über Krieg, Judenvernichtung und Vertreibung der deutsche Bevölkerung im und nach dem 2. Weltkrieg; und schließlich, in Danzig, über das moderne Polen und die mutige Revolte der Solidarnosc-Bewegung, die Polen schließlich in die Demokratie geführt hat, die es heute ist.

Stadtführung_in_Allenstein_Olsztyn

Stadtführung in Allenstein / Olsztyn

Bruchstückhaft hatte wohl jeder von uns von dem einen oder anderen Aspekt dieser wechselvollen Geschichte schon einmal gehört. Aber erst im Laufe dieser Reise setzten sich die einzelnen Bruchstücke langsam zu einem Mosaik zusammen. Was wir unterwegs auf den ersten Blick sahen, war ein modernes Land, das offenbar längst wieder in Europa angekommen ist. Polen eben. Erst der Blick hinter die Kulissen, die zahlreichen Vorträge durch die polnischen Reiseführer, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat näher brachten, zeigte uns: So einfach ist das alles nicht. Viele der heutigen Bewohner Masurens und des Ermlandes haben ihre Wurzeln in der heutigen Ukraine oder in Litauen; viele der ehemaligen Bewohner haben heute Enkel, die in Deutschland leben und von der Heimat ihrer Großeltern kaum noch etwas wissen.

In Allenstein waren wir zu Gast bei der Stiftung Borussia, die in dem von ihr liebevoll restaurierten „Haus der Reinigung“ am ehemaligen jüdischen Friedhof residiert und sich die Bewahrung der Kulturschätze der Region zur Aufgabe gemacht hat. Man entdeckt die historischen Spuren in Polens Nordosten neu. Und dass es dabei nicht mehr um Nationalität geht, zeigten uns eindrucksvoll die deutschen und ukrainischen Mitarbeiter der Stiftung, die im polnischen Olsztyn in einem vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude arbeiten. Der Enthusiasmus gerade der jungen Mitarbeiter war so ansteckend, dass einzelne Schüler unserer Reisegruppe bereits darüber nachdenken, ob auch sie nach dem Abitur für ein Jahr als Praktikanten nach Olsztyn gehen wollen. Was die Frage nach „Ostpreußen“ angeht, hat die Stiftung eine geradezu salomonische Lösung gefunden, indem sie sich den von allen Nationalismen freien lateinischen Namen „Borussia“ gegeben hat.

Natürlich war bei etwas geschulterem Hinsehen die deutsche Geschichte der Landschaft dann doch nicht mehr übersehbar: Im guten Sinne in den zahllosen Backsteinkirchen und –burgen, prachtvollen Landsitzen (etwa in Cadinen bei Frauenburg) und Klöstern. Aber gleich nebenan steht eben auch die heute nur noch gespenstisch anmutende Bunkeranlage der Nazis in der Wolfsschanze bei Rastenburg; und unterhalb der phantastischen Kirchenburg von Frauenburg findet man dann, fast unscheinbar im Park, einen Gedenkstein, der an die massenhafte Flucht über das Frische Haff am Ende des 2. Weltkriegs erinnert. Die friedliche Ostsee – vor 70 Jahren das Grab für zahllose Flüchtlinge. Man kann nicht anders, als an diejenigen zu denken, die heute auf der Flucht vor dem Krieg verzweifelt den Weg über das Mittelmeer wählen.

Das idyllische Frauenburg mit seiner mächtigen Kirche war zugleich die Wirkungsstätte des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet ist. Der Astronom, der die Erde aus dem Zentrum des Weltalls nahm und der Menschheit gezeigt hat, wo tatsächlich ihr Platz im Universum ist. Ein Frage, die nun wahrhaftig weit jenseits aller Fragen der Nationalität steht. Und so ist die Frage, ob er denn nun Deutscher oder Pole gewesen sei, eine, die Kopernikus, der sich selbst mit lateinischem Namen benannte, vermutlich gar nicht verstanden hätte. Er war Allensteiner, oder Frauenburger – oder einfach: Europäer.

Danzig am Ende: Was für eine phantastische Metropole! Das Wetter meinte es wie immer gut mit uns. In der Abendsonne unseres Ankunftstages empfing uns die liebevoll und akribisch wieder aufgebaute Altstadt  in ihrer ganzen Lebendigkeit und all ihrem Glanz! Es war ein großes Glück, dass vor 70 Jahren offenbar niemand daran gezweifelt hat, dass man diese Altstadt, in der am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, wiederaufbauen müsse, wie sie eben war: deutsch, polnisch, hanseatisch.

Und Solidarnosc am Ende: Nach all den Exkursen in eine mehr oder weniger fern liegende Vergangenheit gab es dann den Besuch im nagelneuen und wirklich eindrucksvoll gelungenen Europäischen Solidarnosc-Zentrum. Wem von uns deutschen Besuchern, gerade unter den jüngeren, ist eigentlich noch wirklich bewusst, wo das alles begann, was vor genau 25 Jahren den Deutschen ihre Einheit bescherte? Der Aufbruch Ostmitteleuropas in die Freiheit und der schwere Weg dorthin sind in diesem neuen Museum mit Händen zu greifen. Und hier wird einem plötzlich bewusst, dass es nicht zuletzt der Mut der Danziger Werftarbeiter war, der es uns Norddeutschen heute ermöglicht, über eine offene Grenze zu unseren Nachbarn nach Polen zu reisen.

Steinort_Sztynort

Steinort / Sztynort

Ostpreußen, Borussia, Ermland-Masuren, Polen. Eine bis zur Unübersichtlichkeit wechselvolle, aber spannende Geschichte, eine wunderschöne Landschaft, großartige Städte. Wo die Großeltern nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs fliehen mussten, dürfen wir heute ungehindert unser östliches Nachbarland bereisen, das viele von uns immer noch viel zu wenig kennen. Aber daran haben wir jetzt ja wenigstens ein bisschen was geändert …

Wir danken dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseums, das uns diese Reise ermöglichst hat; und wir danken wieder einmal ganz besonders Agata Kern, die uns nun schon zum dritten Mal auf einer große Reise begleitet und auch diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Arno Surminski-Ausstellung in Königsberg / Kaliningrad

Montag, 24. August 2015
Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Russisches Plakat der Ausstellung "Erinnertes Leben - Gelebte Erinnerung"

Am 6. August 2015 wurde im Museum „Friedländer Tor“ in Kaliningrad/Königsberg die Ausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums über das Leben und Werk des bekannten ostpreußischen Schriftstellers Arno Surminski eröffnet. Zur Ausstellungseröffnung waren Arno Surminski und seine Frau persönlich anwesend.

Es war die erste Kooperation unseres Hauses mit den Kollegen aus dem einstigen Königsberg, die in ihrem Museum die Geschichte der ehrwürdigen Stadt an der Pregel präsentieren.

Die Direktorin des Museums, Frau Marina Yadova, begrüßte zahlreiche Gäste und Besucher. Besonders freundliche Worte richtete sie an Arno Surminski, der sich, wie sie sagte, mit seinem ganzen Werk gegen den Krieg ausspreche. Er stelle die Geschichte Ostpreußens literarisch dar, das Museum erfülle die gleiche Aufgabe, bloß mit museumsspezifischen Darstellungsformen. Es gebe viel Verbindendes.

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Marina Yadova, Direktorin des Museums Friedländer Tor

Anknüpfend an die Worte von Frau Yadova brachte Arno Surminski in seiner Rede zum Ausdruck, wie froh er ist, dass die Ausstellung nach zahlreichen Stationen in Deutschland und Polen auch in Kaliningrad in Russland gezeigt werde. Sie könne helfen, das Verbindende zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen zu zeigen: Polen, Russen und Deutschen, jetzigen und alten Bewohnern Ostpreußens. Er wünschte der Ausstellung viel Erfolg. Nach der Eröffnung fand eine Lesung statt, in der Arno Surminski aus seinem Buch „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ die Passagen über die Zerstörung Königsbergs vorgetragen hat.

Lesung

Arno Surminski wurde 1934 in Jäglack (heute Jeglawki) im Kreis Rastenburg (heute Ketrzyn/Polen) in Ostpreußen geboren. Dort lebte er gemeinsam mit seiner Familie, bis seine Eltern 1945 deportiert wurden. Surminski blieb allein zurück und wurde 1947 nach mehreren Lageraufenthalten von einer Familie in Schleswig-Holstein aufgenommen. Seit 1972 arbeitet er freiberuflich als Wirtschaftsjournalist und Schriftsteller. Zu seinen Bestsellern gehören die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Polninken oder Eine deutsche Liebe“. Einige große Romane spielen im nördlichen Teil Ostpreußens, der heute zu Russland gehört, wie  „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen“ und „Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“. Die Romane „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ und „Vaterland ohne Väter“ sowie zahlreiche Erzählungen wurden ins Russische übersetzt.

Arno Surminski vor der Ausstellung

Arno Surminski vor der Ausstellung

Wir bedanken uns herzlich für die tolle Zusammenarbeit und freuen uns auf weitere gemeinsame Projekte!

Eröffnungsrede

Eröffnungsrede