Ostpreußische Geschichte hautnah – der Wintermantel von Hindenburgs und die Flucht der Familie Grunwald

Die Temperaturen sinken, der Winter ist da – nun ja, in diesem Januar ist es noch nicht richtig Winter geworden hier in Niedersachsen. Aber dennoch – es ist Zeit, sich wieder mit Schal, Mütze und dickem Wintermantel auszurüsten. Dazu passt ein besonders interessanter Sammlungszuwachs: Ein „Fahrmantel“ bzw. ein typischer „Fluchtmantel“, wie er vielfach mit Ostpreußens Drama im Winter 1945 vor 75 Jahren verbunden ist und von denen sich bereits einige im Museum befinden.

Dieser Mantel aber hat nicht nur eine lange und erschütternde Reise hinter sich, sondern stammt aus dem Haushalt einer Berühmtheit : dem einerseits umstrittenen, von anderen jedoch verehrten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Mit der „Schlacht von Tannenberg“ 1914 und weiteren zwei weiteren Siegen rühmte man ihn als Befreier des in erheblichem Umfang von der russischen Armee besetzten Ostpreußens – Ausgangspunkt einer steilen militärischen und politischen Karriere, die 1925 mit der Wahl zum Reichspräsidenten gekrönt wurde.

Der Mantel in Großaufnahme

Der grüne Herren-Mantel aus den 1920er bis 1930er Jahren war insbesondere für Kutschfahrten gedacht, weshalb man ihn auch als „Fahrmantel“ bezeichnet. Der Pelz an Kragen und Ärmeln und das Innenfutter aus Schafsfell sollten vor dem eisigem Wind schützen, dem man in Ostpreußens strengen Wintern bei Fahrten mit dem Schlitten ausgesetzt war – im Winter befahrbare Straßen und geschlossene PKWs waren damals noch selten.

Der Fellbesatz am Ärmel

Im Januar 1945 leistete der Mantel der Familie Grunwald aus Schönfließ, Kreis Rastenburg, auf der Flucht über das Frische Haff und die Frische Nehrung gute Dienste. Der Pfarrer Martin Grunwald hatte den Mantel von seinem Vater geschenkt bekommen, der ihn bei einer Versteigerung des Nachlasses von Paul von Hindenburg in Königsberg bei einer Auktion ersteigert hatte. In einem von zwei Pferden gezogenen Spazierschlitten spendete er den darin eingehüllten Kindern der Familie Grunwald ab Albrechtsdorf, Kreis Preußisch Eylau, Wärme auf der dort beginnenden Flucht. Diese führte per Schlitten über Frauenburg, das Frische Haff, die Frische Nehrung und Danzig nach Zoppot. Auch auf dem Schiff von Gdingen bis Rostock wärmte der Mantel vor der Meeresluft. Die Flucht führte die Familie Grunwald von Güstrow mit einem Pferdewagen nach Mölln und endete, den Mantel stets im Gepäck, in Hamburg-Farmsen. Dort blieb der Mantel im Besitz der Familie. Das Kleidungsstück, das die wechselvolle Geschichte Ostpreußens vom Reichspräsidenten bis zur Flucht einer bürgerlichen Familie aus ihrer Heimat hautnah miterlebt hat, wurde von der Tochter Martin Grunwalds, die selbst als Kind in diesem Mantel eingewickelt war und so die Kälte überstand, dem Ostpreußischen Landesmuseum geschenkt. Wir sagen herzlichen Dank für dieses besondere Stück!