Archiv für Februar 2013

Von grünen Jägern, schwarzen Sauen & goldenem Mais

Mittwoch, 27. Februar 2013

Schwarzwild-Informationsabend im OL am 22. Februar 2013

Mit seiner jagdkundlichen Geschichte ist unser Museum neben der lokalen Jägerschaft die zentrale Einrichtung für allgemeine, Jäger und Öffentlichkeit gleichermaßen berührende Themen aus dem jagdlichen Bereich. Deshalb lag es, nach ähnlich erfolgreichen Veranstaltungen über die Rückkehr des Wolfs (im November 2010) und Hege und Bejagung des Rotwilds (Februar 2012), in der Konsequenz der Sache, dass die Reihe fortgesetzt wurde.

Unter dem Titel „Von grünen Jägern, schwarzen Sauen und goldenem Mais“ trugen drei versierte Praktiker die verschiedenen Aspekte vor, die das immer stärker zum Problem werdende Schwarzwild in der Kulturlandschaft mit sich bringt. Hans-Christoph Cohrs, Landwirt, Jäger und Kreisjägermeister des Landkreises Lüneburg, Andreas David, Wildbiologe und Jäger, und Peter Burkhardt, Revierinhaber und Buchautor, stellten ihre jeweilige Sicht zum Problem und Ansätze zu einer Lösung vor.

Sau mit Maiskolben

Es ist unbestritten, dass sich der Wildschweinbestand in Deutschland vervielfacht hat, dass es kaum noch eine Region gibt, in der kein Schwarzwild vorkommt und dass sich die Wald bewohnende Art längst zum Problem der Kulturlandschaft entwickelt hat. Die Ursachen sind vielfältig und nicht immer klar: milde Winter, frühere Reproduktion, eine Fülle von Nahrung, die der Mensch meist unbeabsichtigt zur Verfügung stellt, und der in den letzten Jahrzehnten extrem gesteigerte Maisanbau, der den Tieren vor allem eine hervorragende Deckung verschafft. Noch vielfältiger stellen sich mögliche Lösungen des Problems dar, die von den Referenten in der Diskussion mit den Gästen angesprochen wurden.

von links: Christoph Hinkelmann, Andreas David, Peter Burkhardt und Hans-Christoph Cohrs ,

von links: Christoph Hinkelmann, Andreas David, Peter Burkhardt und Hans-Christoph Cohrs

Mit über 100 Personen war der Abend sehr gut besucht. Für das Organisationsteam (OL und Referenten) stand schnell fest, dass dem gelungenen Abend ein weiterer zu einem jagdkundlichen, in der Öffentlichkeit vielfach diskutierten Thema folgen soll.

Dr. Christoph Hinkelmann

Zweifach vertrieben – Spuren vergessener NS-Opfer und Gedenken im russischen Königsberger Gebiet

Donnerstag, 21. Februar 2013

Am 30. Januar 2013, zum 80. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten, stellte Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, im Ostpreußischen Landesmuseum ein Kapital ostpreußischer Geschichte vor, welches in der Forschung bisher nur unzureichend Beachtung findet. Der Vortrag widmete sich sieben – meist unbekannten – Orten im russischen Königsberger Gebiet (Kaliningrader Oblast), die für verschiedene Opfergruppen des Nationalsozialismus stehen, und Formen des dortigen Gedenkens an sie.

Uwe Neumaerker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Die Zeit des Dritten Reiches wird in der Erinnerungskultur zuweilen ausgeblendet, häufiger beschränkt sie sich auf die – tatsächlich – unvergleichliche Schönheit der Natur, das “Land der dunklen Wälder und kristall´nen Seen”, und auf die tragischen Ereignisse von Flucht und Vertreibung der Deutschen sowie die grausame Rache der Soldaten Stalins 1944/45. Beschwiegen werden dann aber jene, die bereits vor Kriegsende Opfer im Deutschen Osten geworden waren – durch die eigenen Landsleute. Sie wurden ihrer Heimat beraubt und aus der Erinnerung an Ostpreußen ´vertrieben`. Hierzu gehören die ostpreußischen Juden und die als ´Zigeuner` verfolgten Sinti, die Angehörigen der polnischen Minderheit und die Patienten aus Heil- und Pflegeheimen, ebenso wie der ´Todesmarsch` und die anschließende Massenerschießung am Ostseestrand von Palmnicken Anfang 1945 mit bis zu 7.500 ermordeten jüdischen Häftlingen.

Das Holocaustdenkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände des Künstlers und Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Das Denkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände vom Künstler und Holocaust-Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Was wenige wissen: In Ostpreußen lebte bis zum 2. Weltkrieg die größte Sintiminderheit Deutschlands. Reinhard Florian ist ein Sinto, der überlebte – die Konzentrationslager Mauthausen, Auschwitz, Gusen und einen Todesmarsch – und der bereits seit seiner Kindheit soziale Ausgrenzung, Gewalt und Entrechtung ertragen musste. Zweifach vertrieben, dies machte Neumärker bereits mit seinen ersten Sätzen deutlich. „Vier Wochen nach seiner Befreiung am 6. Mai 1945 hat der 22-jährige Sinto Reinhard Florian aus Matheningken bei Insterburg nichts anderes im Sinn als heimzukehren: ´Ich wollte unter allen Umständen schnell zurück nach Hause. Nach Ostpreußen! In meine Heimat. Von da komm’ ich. Da gehöre ich hin! (…) Ich war doch Deutscher, ein Deutscher aus Ostpreußen. Der Krieg hatte daran nichts geändert. Wie sollte ich mich auch anders fühlen? Ich bin groß geworden in Deutschland und kenne kein anderes Land. Ich spreche auch nur Deutsch. Selbst als ich aus dem Lager kam, gab es für mich nur Deutschland`“ Der gesamte Vortrag ist bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas nachzulesen.

Im Gespräch mit dem Puplikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Im Gespräch mit dem Publikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Neumärker veranschaulichte, dass mit diesem Kapitel ostpreußischer Geschichte auch ein Kapitel gesamtdeutscher Geschichte beleuchtet wird. Sein Vortrag gab gewissermaßen auch einen Ausblick auf die sich im Entstehungsprozess befindende neue Dauerausstellung des Museums, die auch dieses Thema selbstverständlich nicht ausschließen wird.

Seit 2005 leitet Uwe Neumärker das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas”, die im Zentrum Berlins gelegene zentrale Holocaustgedenkstätte Deutschlands. Das Denkmal besteht aus dem überirdischen Stelenfeld und einem unterirdischen Ausstellungsraum, dem „Ort der Information“. Seit seiner Einweihung vor knapp 8 Jahren haben mehr als 10 Millionen Menschen das Stelenfeld besichtigt.

Zu dem Vortrag eingeladen hatte das Ostpreußische Landesmuseum gemeinsam mit dem Nordost Institut / IKGN Lüneburg.