Auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer: Eine Schulreise mit dem Hansa-Kolleg Hamburg nach Sankt Petersburg

5. Dezember 2018

Es ist, als schlösse sich ein Kreis: Vor sechs Jahren, im Frühjahr 2012, fuhren Schüler des Hamburger Hansa Kollegs erstmals in Kooperation mit dem Ostpreußischen Landesmuseum nach Russland – damals nach Kaliningrad, in das alte Königsberg, die ehemalige Haupt- und Residenzstadt in Preußen, das Zentrum des im Zweiten Weltkrieg untergegangenen Ostpreußen. Man kann es als eine frühe Geste der deutsch-russischen Freundschaft sehen, dass der Preußenkönig Friedrich I. dem Gründer der seinerzeit neuen russischen Hauptstadt Sankt Petersburg, Peter dem Großen, ein vollständig mit Ostsee-Bernstein ausgekleidetes Zimmer schenkte, das vielleicht prächtigste Zimmer im ohnehin prachtvollen Palast der Zarin. Dieses Zimmer wurde bekanntermaßen im Zweiten Weltkrieg von den Leningrad belagernden deutschen Truppen demontiert und nach Königsberg geschafft und ging in den blutigen Wirren des Kriegsendes so gründlich verloren wie das Königsberger Schloss selbst. Trotzdem stehen wir heute wieder in diesem Zimmer, wir, also: 18 Schüler und zwei Lehrer des Hansa-Kollegs Hamburg zusammen mit Agata Kern, Kulturreferentin für Ostpreußen und das Baltikum am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg und Anastasia Marger, unserer charmanten, ortskundigen russischen Reiseführerin. Sie hat uns vier Tage lang auf den Spuren Peters des Großen durch Sankt Petersburg geführt, bis wir schließlich am letzten Tag im Katharinenpalast dort sind, wo von 1941 bis 1944 die deutsche Wehrmacht die Stadt Leningrad verhungern ließ – und wo der Geschichte zum Trotz seit 2003 eine originalgetreue Rekonstruktion dieses einmaligen Zimmers zu sehen ist, nicht zuletzt dank Spendengeldern aus Deutschland.

1.	Unsere Gruppe vor dem Katharinenpalast, wo sich das rekonstruierte Bernsteinzimmer befindet.

Unsere Gruppe vor dem Katharinenpalast, wo sich das rekonstruierte Bernsteinzimmer befindet.

Vier Tage sind wir deutsch-russischen Spuren gefolgt in Sankt Petersburg. Immer wieder war es Peter der Große selbst, dem man auf der Entdeckungstour durch die Sechs-Millionen-Einwohner-Metropole nicht entgehen kann und der die neue Hauptstadt gegründet hatte als ein Fenster Russlands zum Westen, inspiriert von holländischen und deutschen Stadtanlagen. Und so dauerte es nicht lange, bis sich in Sankt Petersburg eine umfangreiche deutsche Gemeinde ansiedelte, die sich heute wieder ihrer Geschichte bewusst wird. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion und der Diktatur Stalins war von der deutschen Kultur in Leningrad nicht viel übriggeblieben. Zu den eindrucksvollsten Momenten unserer Reise gehörte denn auch der Besuch in den Räumen des Deutsch-Russischen Begegnungszentrums und der Petri-Kirche, dem Gotteshaus der Deutschen evangelisch-lutherischen Gemeinde am Newski-Prospekt, im Herzen der Stadt. In sowjetischen Zeiten umfunktioniert zu einem Schwimmbad, ist die Kirche nun wiedererstanden. Im Kirchenraum hörten wir Orgelmusik von Bach; in den Katakomben des Schwimmbades sahen wir junge Künstler bei der Arbeit; in den Räumen des Begegnungszentrums erklärte uns eine Ausstellung die Rolle der Deutschen in Sankt Petersburg; und beim Gespräch mit Mitarbeitern des Zentrums ließ sich erahnen, wie sehr die aktuelle Politik zu einem Problem wird, selbst wenn man sich bemüht, sich aus der Politik herauszuhalten. Politik – die Menschen in Sankt Petersburg begegneten uns offen, aber dieses Tabu bleibt.

Im Deutsch-Russischen-Begegnungszentrum an der Petrikirche in St. Petersburg.

Im Deutsch-Russischen-Begegnungszentrum an der Petrikirche in St. Petersburg.

Und dann waren da noch: das Alxander-Newski-Kloster, auf dessen Friedhof sie alle liegen: Dostojewski, Mussorgski, Tschaikowski – die große Namen der russischen Kultur; die Peter-und-Paul-Festung auf der kleinsten der zahllosen Newa-Inseln, der Hasen-Insel; die Gemäldesammlung der Eremitage im grandiosen Winterpalast; Selfies mit Peter dem Großen; Bus- und Schiffsrundfahrten quer durch die Stadt; russischer Borschtsch und georgische Küche; und nicht zuletzt die Spätherbstsonne über der Newa, die die nördlichste Millionenstadt der Welt wegen ihres niedrigen Sonnenstandes zu jeder Tageszeit wie im Morgen- oder Abendlicht glänzen lässt.
Sankt Petersburg ist Hamburgs Partnerstadt. In einer Zeit, in der Russland und Deutschland einander wieder fremd zu werden drohen, haben das Ostpreußische Landesmuseum und die Kulturreferentin für Ostpreußen, Agata Kern, 18 Hamburger Schülerinnen und Schülern die einmalige Chance gegeben, Russlands Metropole aus der Nähe zu sehen, wie es Touristen sonst nie möglich wäre. Spasibo!
Holger Wendebourg (Lehrer am Hansa-Kolleg)

Alte Tradition und neue Wege – das OL feiert seine Wiedereröffnung

9. Oktober 2018

Die Aufregung der letzten Wochen hat sich gelohnt: Mit Freude erwartet und mit Spannung herbeigesehnt, konnten wir am 25. und 26. August unsere Dauerausstellung nach fast vier Jahren der Umbauphase endlich wiedereröffnen. Am 25. August wurde die Eröffnung mit einem feierlichen Festakt in der St. Johannis Kirche mit knapp 900 Gästen aus Wissenschaft, Kultur, Vertriebenenorganisationen und Politik gefeiert. Hochrangige Gäste wie die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, und der Niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler, feierten mit uns und zeigten sich beeindruckt von der Ausstellung.

Festakt in der St. Johannis Kirche

Bis auf die letzte Minute wurde im Museum gearbeitet und Nachtschichten eingelegt, doch die feierlichen Reden und die Vorfreude in den Gesichtern der geladenen Gäste ließen die mitunter auch anstrengenden letzten Arbeitswochen schnell vergessen. Feierlich, aber auch herzlich, wurde der Festakt in der Johanniskirche begangen. Dabei war es schön zu sehen, mit welcher Vorfreude und Spannung die Gäste die Kirche betraten, von den Kuratoren begrüßt wurden und sich freudig miteinander unterhielten – ein wenig, wie auf einer großen Familienfeier.

Es war aufregend, die Eröffnung unseres Museums gemeinsam mit Ostpreußen, Deutschbalten, Lüneburgern und all jenen zu feiern, die einen Bezug zu Ostpreußen oder den Deutschbalten haben. Die Freude darüber, dass es nun wieder einen Ort in Lüneburg gibt, an dem gemeinsam erinnert, gestaunt, gelernt und Geschichte gelebt werden kann, war spürbar. Gebührend untermalt wurde der Festakt durch KMD Prof. Dr. h.c. Gottlieb Blarr, der auch musikalisch Erinnerungen an Ostpreußen wachrief und den Festakt mit geistlichen Liedern ostpreußischer Komponisten aus verschiedenen Epochen auf der Orgel begleitete.

Voller Lob war Staatsministerin Prof. Grütters, die gemeinsam mit Björn Thümler, vorab einen ersten Eindruck von dem von ihnen geförderten Projekt gewinnen konnte. Prof. Grütters betonte in ihrer Rede, wie schön die Erinnerung an Ostpreußen und das Erbe der Deutschbalten sein kann, wie wichtig es aber auch ist, gemeinsam offen und tolerant für ein friedliches Miteinander einzustehen: „Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kulturerbe in Mittel- und Osteuropa und die Besinnung auf unsere gemeinsame Geschichte können dabei helfen, Krisen und Konflikte besser zu verstehen, in deren Angesicht sich Europa immer wieder neu bewähren muss. Es geht um Themen, die Deutschland und Europa heute mehr denn je beschäftigen: um Fragen des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen und Religionen, um Fragen der wechselseitigen Wahrnehmung und Anerkennung. Das verleiht der Dauerausstellung, die die ostpreußische und deutschbaltische Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart erzählt, zeitloste Aktualität.“

Prof. Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in der St. Johannis Kirche

Prof. Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in der St. Johannis Kirche

Ein tolles Kompliment machte Staatsministerin Grüters dem Ostpreußischen Landesmuseum, indem sie die Ausstellung mit Ausstellungen in großen Museen verglich. Dies macht uns nicht nur stolz auf die geleistete Arbeit, sondern bestärkt uns auch weiterhin in dem Anspruch, gute Kulturarbeit zu leisten und den Austausch mit unseren Partnerländern und -museen weiter zu intensivieren.

Wie gut die Kontakte und die Dankbarkeit für den interkulturellen Austausch sind, zeigte der Besuch der eigens angereisten BotschafterInnen, ihre Exzellenz Frau Inga Skujina aus Lettland, seine Exzellenz Herr Darius Jonas Semaska aus Litauen und seine Exzellenz Herr Mart Laanemäe aus Estland und der bei ihrer Nennung immer wieder aufbrandende Applaus. Ihr Besuch stand symbolisch für die europäische Idee unseres Hauses. Doch auch die Verbundenheit zu den hier heimisch gewordenen, sehr engagierten MitbürgerInnen, die maßgeblich zur Erinnerung und Bewahrung der Kultur und Objekte beitrugen und beitragen, wurde immer wieder mit starkem Applaus gewürdigt.

Nach dem Festakt wurde das rote Band im Museum feierlich durchschnitten und unsere Ausstellung damit offiziell wiedereröffnet. Bei dem ersten Rundgang begeisterten sich viele BesucherInnen vor allem für die neugeschaffene Deutschbaltische Abteilung und erklärten diese zu ihrer ersten Anlaufstelle in der Ausstellung. Dies zeigt, dass das Interesse am Erbe der Deutschbalten besonders groß ist und wie viele Deutschbalten ihrer (alten) Heimat gedenken und sich darüber freuen, dass diese nun ausführlich in unserer Ausstellung thematisiert wird.

Durchschneiden des Roten Bandes

Durchschneiden des Roten Bandes

Auch der Sonntag stand ganz im Zeichen der Feierlichkeiten. Endlich öffnete die Dauerausstellung auch für die Öffentlichkeit ihre Türen. Bei Musik von Hans Malte Witte und Giorgio Crobu konnten die Besucher mit Sekt und Wasser auf das wiedereröffnete Museum anstoßen und einen Blick auf die Ausstellung werfen. Es bot sich die Möglichkeit, Objekte zu bestaunen, von den Kuratoren spannende Geschichten über die Exponate zu erfahren oder wie viele kleine Gäste die Ausstellung mit einer Rallye auf eigene Faust zu erkunden. Schön waren die direkten Rückmeldungen der ersten BesucherInnen, die gespannt Medienstationen ausprobierten, Zeitzeugen lauschten und am Stand von Heinrich Lohmann kulinarische Spezialitäten aus Ostpreußen probieren konnten.

Hans Malte Witte und Giorgio Crobu

Hans Malte Witte und Giorgio Crobu

Diese positiven Reaktionen motivieren, das Erbe Ostpreußens und der Deutschbalten lebendig zu halten und weiter als Kulturbotschafter tätig zu sein. Wir freuen uns deshalb umso mehr, dass unser Museum nun wieder einen Raum dafür darstellt und besucht werden kann. Stillstand bedeutet das für uns jedoch nicht, denn neben unserer täglichen Kulturarbeit steht ein weiteres tolles Projekt an: Die Erweiterung unseres Hauses um den Kant-Bau im Jahr 2024. Dieser wird sich ganz dem großen Denker der Aufklärung Immanuel Kant widmen und lädt einmal mehr dazu ein, im Ostpreußischen Landesmuseum mit Deutschbaltischer Abteilung zu entdecken, zu erinnern und sich begeistern zu lassen.

BesucherInnen in der Ausstellung

BesucherInnen in der Ausstellung

Janina Stengel, Praktikantin

Objekt der Woche #33 – Friedrich Wilhelm III., der „Große Kurfürst“ (1620 – 1688)

22. August 2018

Am Sonntag eröffnet unsere neue Dauerausstellung. Werfen Sie noch einen letzten Blick auf unserer heutiges und letztes Objekt der Woche, bevor Sie es am Wochenende in der neuen Ausstellung betrachten können:
Geprägt von den Schrecken des 30jährigen Krieges (1618–1648) suchte der ab 1640 herrschende Kurfürst sein auseinandergerissenes Gebiet, das vom Herzogtum Preußen über die Mark Brandenburg bis an den Niederrhein reichte, durch ein stehendes Heer zu sichern. 1655 kam es zum Nordischen Krieg zwischen Schweden und Polen-Litauen, in den auch Preußen hineingezogen wurde. Als relevante militärische Kraft und nach mehreren Seitenwechseln konnte der Kurfürst in den Verträgen von Wehlau 1657 und Oliva 1660 die Lehnsunabhängigkeit des Herzogtums Preußen von Polen aushandeln.
Der Krieg reduzierte jedoch gerade in Masuren durch Gewalt und Plünderungen (sogenannter Tatareneinfall), Seuchen und Hunger die Bevölkerung um die Hälfte.

Mit harter Hand setzte sich der Kurfürst gegen die widerstrebenden preußischen Stände durch („Königsberger Aufstand“), konnte so die Grundlage für eine zentralistische, brandenburgisch-preußische Verwaltung legen und sich als absolutistischer Herrscher etablieren.
Das monumentale Repräsentationsgemälde stammt von Pieter Nason, einem holländischen Hofmaler des Barock, der kurze Zeit auch am Berliner Hof war und den Kurfürsten mehrfach portraitierte. Hier zeigt er ihn in dem glänzenden Gepränge eines absolutistischen und siegreichen Herrschers: Gekleidet in Plattenharnisch und hermelingefüttertem roten Samtmantel sieht man links Zepter und Kurhut, rechts hinten eine Schlachtszene.

Objekt der Woche #32 – „Schrägklappensekretär“ aus dem Louis-seize

15. August 2018

Einen Sekretär findet man heute nur noch selten in einem Büro oder Privathaushalt. Büromöbel folgen heute vor allem den Maßgaben von Funktionalität und Ergonomie: Sie sollen ihren Zweck erfüllen und die Arbeitsbedingungen optimal gestalten. In Zeiten höfischer Repräsentation und absolutistischer Verwaltungsapparate waren Büromöbel hingegen auch deutliche Anzeiger von Ordnung, Status und Geschmack. Schon der Besitz eines Sekretärs verkündete, dass man Korrespondenz pflegte und Besitz hatte, den es zu verwalten galt.
Das Ostpreußische Landesmuseum zeigt in seiner neuen Deutschbaltischen Abteilung einen sogenannten Schrägklappensekretär aus dem Louis-seize, einem Stil der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Benannt ist er nach Ludwig XVI., dem letzten König des „Ancien Régime“,  der 1793 im Zuge der Französischen Revolution hingerichtet wurde. Es war eine Umbruchphase in herrschaftlicher Prachtentfaltung, was sich in weniger Üppigkeit und mehr „antiker“ Klarheit ausdrückte. Der Messingdekor ist zurückhaltend, vor allem fällt die Regelmäßigkeit im Muster der Holzarbeit auf. Es handelt sich um eine Marketerie: Stücke oft unterschiedlicher Holzarten werden passgenau geschnitten und neu zusammengesetzt. In diesem Fall sind sie in Würfeln angeordnet, was optische Illusionen auf der Oberfläche erzeugt. Das französische Königshaus war ein wichtiges Vorbild für den Adel in ganz Europa, auch im Baltikum.

Objekt der Woche #32 – „Schrägklappensekretär“ aus dem Louis-seize

Objekt der Woche #32 – „Schrägklappensekretär“ aus dem Louis-seize

Zwei große Schubladen bieten Platz für allerhand Unterlagen. Hinter der schrägen Klappe verbergen sich vier weitere kleine Schubfächer und ein abschließbares Mittelteil. In die Tür des Mittelteils ist eine Garbe intarsiert, vielleicht als Symbol der Gutswirtschaft, die hier verwaltet werden konnte. Die geöffnete Klappe dient als Schreibunterlage. Der Sekretär verfügt über Geheimfächer – etwas durchaus Übliches in dieser Zeit. Durch einen versteckten Federmechanismus kann der Mittelteil herausgezogen werden. Auf seiner Rückseite werden so acht weitere Schubfächer sichtbar. Vor besonders neugierigen Blicken verborgen, konnten hier sensible Unterlagen aufbewahrt werden.
Unser heutiges, und vorletztes, Objekt der Woche steht noch nicht an seinem finalen Platz in der Dauerausstellung, deshalb bekommen Sie hier ein aktuelles Baustellenfoto zu sehen.

Objekt der Woche #31 – Blick in den Wandelgang der Königsberger Kunstakademie

8. August 2018

Als eines der ganz wenigen Gemälde, die aus dem Schaffen des Malers und Grafikers Norbert Dolezich (1906-1996) von der Zeit vor 1945 erhalten blieben, ist dieser Blick in den Wandelgang der Königsberger Kunstakademie etwa 1940 ein stimmungsvolles Zeugnis.
Da der Akademiebetrieb in Königsberg nach 1900 stark anwuchs, wurde ein neues Gebäude geplant. Der berühmte Königsberger Architekt Friedrich Lahrs (1880-1964) erbaute es schließlich 1911 bis 1916. Zudem war er Lehrer an der Kunstakademie für Architektur, Raumlehre und Flächenkunst.

Objekt der Woche #31 – Blick in den Wandelgang der Königsberger Kunstakademie

Objekt der Woche #31 – Blick in den Wandelgang der Königsberger Kunstakademie

Das Gemälde zeigt die stimmungsvolle Raumwirkung des klassizistischen Baustils von Lahrs. Der Stützpfeiler neben dem Treppenaufgang zeigt ein leichtes florales Rankenrelief, die Wand zu den Anräumen rechts ist durch flache Pilaster gefällig gegliedert. Man erkennt hierin den Stil des Architekten wieder, der auch die Pfeilerhalle um das Kant-Erinnerungsmal am Königsberger Dom 1924 erbaute. Dies ist erhalten, wie auch das Akademiegebäude in weiten Zügen, dazu glücklicherweise einige weitere Bauten im heutigen Kaliningrad.
Das Gemälde von Norbert Dolezich, der als Schüler und später als Lehrer an der Königsberger Kunstakademie wirkte, befindet sich in der neuen Dauerausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg.

Objekt der Woche #30 – Eine Prunkkanne aus der größten Stadt im schwedischen Gesamtreich: Riga

1. August 2018

Eine spannungsreiche Zeit in der Auseinandersetzung zweier Großmächte im Ostseeraum – Schweden und Russland – war das erste Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts. Am Ende dieser Zeit, 1710, eroberte Zar Peter der Große Riga und Livland, es brach eine Pest infolge des Krieges aus. Kurz vorher schuf einer der bedeutendsten Goldschmiede Rigas seine großartigen Werke: Johann Georg Eben (1674-1710). Eben stammte aus Biberach an der Riß, war zuletzt noch Geselle beim Rigaer Meister Georg Dechant, bis er 1702 selbst Goldschmiedemeister wurde. Hier fand er reiche Auftraggeber, etwa den Rat der Stadt und die noble Schwarzhäuptergilde und viele andere. Heute stehen Ebens Arbeiten in berühmten Museen in New York, Moskau, London und St. Petersburg.

Objekt der Woche #30 – Eine Prunkkanne aus der größten Stadt im schwedischen Gesamtreich: Riga

Objekt der Woche #30 – Eine Prunkkanne aus der größten Stadt im schwedischen Gesamtreich: Riga

In der Deutschbaltischen Abteilung des Ostpreußischen Landesmuseums ist eine reiche, schwersilberne und ganzvergoldete Prunkkanne ausgestellt, die Eben um 1705 für einen unbekannten Auftraggeber schuf. Sie zeigt für ihre Zeit sehr moderne spätbarocke Formen. Vor allem die aus der Architektur entlehnten sogenannten Pfeifen, am unteren Gefäßkörper, am Fuß und auf der Manschette um den kurzen Schaft, sind es, die das Akanthusornament mit Blüten- und Fruchtgehängen oben am Deckel zeitlich ablösen. Mit der Höhe von 36 cm und einem Gewicht von 2765 g ist diese Deckelkanne ein wirkliches Prunkgefäß, das auf jeder vornehmen Tafel Eindruck macht.

Objekt der Woche #29 – Hermann Brachert, Erinnerung an Ostpreußen, Bronze, 1970/71

25. Juli 2018

Hermann Brachert (1890 Stuttgart – 1972 Schlaitdorf/Nürtingen) war nach Goldschmiede- und Bildhauerlehre in Stuttgart ab 1919 Lehrer an der Königsberger Kunst- und Gewerkschule für Goldschmiedekunst und Bildhauerei, ab 1926 freischaffend in Königsberg. Seit 1931 arbeitete er als künstlerischer Berater der Staatlichen Bernsteinmanufaktur in Königsberg. 1933/34 politisch verfolgt, war er aber seit 1935 bis 1944 wieder tätig für die der Staatliche Bernsteinmanufaktur und freischaffend. Schon 1946 wurde er Professor für Bildhauerei an der Stuttgarter Kunstakademie, zeitweise auch deren Rektor.

Objekt der Woche #29 – Hermann Brachert, Erinnerung an Ostpreußen, Bronze, 1970/71

Objekt der Woche #29 – Hermann Brachert, Erinnerung an Ostpreußen, Bronze, 1970/71

Die Bildidee einer schwebenden Frauengestalt entwickelte Brachert 1930, zunächst für eine Bronzeplastik als Corinth-Denkmal in Königsberg. Diese wurde 1933 von den Nationalsozialisten entfernt. An der Komposition arbeitete der Künstler weiter, u. a. 1939 mit einer Bernsteinplastik und nach 1945 in weiteren Varianten. Die letzte und größte Gestaltung nannte er schließlich „Erinnerung an Ostpreußen“, zunächst ganz persönlich motiviert, als Erinnerung an seine 25 Schaffensjahre dort. Die ersten Jahre ab 1972 stand die Bronzeplastik im Stuttgarter Schlosspark. Schließlich wurde sie, auf besondere Initiative des Architekten und Freundes Bracherts Dietrich Zlomke, Ravensburg, zur Eröffnung des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg 1987 vor diesem aufgestellt. Sie galt nun als allgemeines Erinnerungsdenkmal an Ostpreußen.

Objekt der Woche #28 – Das zerstörte Ostpreußen 1914

18. Juli 2018

Der Beginn des Ersten Weltkriegs ließ gleich Anfang August 1914 große Bereiche Ostpreußens, als einzigem Teil Deutschlands überhaupt, zum Kriegsgebiet werden. Von Süden und Osten zogen zwei russische Armeen heran und zwangen die schwachen deutschen Militäreinheiten zunächst zum Rückzug. Die Hauptmacht des deutschen Heeres war im Westen zum Angriff auf Frankreich und Belgien versammelt. Erst Ende August wandelten sich die Verhältnisse nach der sog. Schlacht bei Tannenberg, die mit einer Niederlage der russischen Armee endete. Es sollte aber noch bis März 1915 dauern, bis alle Kämpfe in Ostpreußen endeten.

Objekt der Woche #28 – Das zerstörte Ostpreußen 1914

Objekt der Woche #28 – Das zerstörte Ostpreußen 1914

Zerstörungen und Flucht, Besetzung und Drangsalierung der verbliebenen Einwohner gaben Anlass zu vielen düsteren Schilderungen. Die Propaganda fand neben dem Leid ein reiches Betätigungsfeld. Mit den Bildern der Verwüstung konnte aber auch im übrigen Deutschland für die Unterstützung des Wiederaufbaus Ostpreußens geworben werden, der schon 1915 – mitten im Krieg – begann. So wurde vielen Menschen Ostpreußen erst durch den Krieg richtig bekannt und in unzähligen Berichten, Büchern und Ansichtskarten vor Augen gestellt – als zerstörtes Gebiet. Einige ausgewählte Ansichtskarten zerstörter Orte im Süden Ostpreußens findet der Besucher auch in der neuen Dauerausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums, eine davon sehen Sie hier.

Objekt der Woche #27 – Rauchtisch

11. Juli 2018

Begeisterte Jäger drücken ihre Leidenschaft vielfach auch durch eine ganz eigene, manchmal ungewöhnliche Prägung ihrer Wohnumgebung aus. Hier stellen wir ein Objekt unserer Dauerausstellung vor, das einmalig ist und unter dem Thema „Jagdtraditionen“ gezeigt wird. Es ist ein kleiner Tisch, der dem aus Ostpreußen stammenden, um 1905 nach Berlin versetzten Soldaten Otto Buttgereit aus dem Kreis Pillkallen zum Abschied geschenkt wurde. Er besteht bis auf eine Holzplatte ausschließlich aus Geweihstücken von Rothirsch und Elch.

Objekt der Woche #27 – Rauchtisch

Objekt der Woche #27 – Rauchtisch

Zu diesem Tisch gehören ein Aschenbecher, ein Zigarrenspender, ein Kerzenhalter, ein Zigarrenanspitzer und ein Streichholzschachtelhalter. Auch sie sind fast durchweg aus Geweihteilen von Rothirsch, Elch und Reh gefertigt worden. Nach Feierabend mag Otto Buttgereit gemütlich bei einer Zigarre an seine ostpreußische Heimat gedacht haben. Wir verdanken dieses Geschenk seinem Enkel Hans-Joachim Schütt.

Objekt der Woche #26 – Stillleben mit Pompon-Dahlien, Wilhelm Heise

4. Juli 2018

Ein Blick in ein dunkel wirkendes Zimmer mit geheimnisvoller Atmosphäre – dieses Motiv gibt eine Arbeit des Grafikers Wilhelm Heise (1892-1965), der von 1937 bis 1943 Professor für Grafik an der Königsberger Kunstakademie war. Er hatte sich in den 1920er Jahren die Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit angeschlossen. Als Alternative zu Expressionismus und Abstraktion setzten Künstler auf ein Zurück zu den Grundformen in sachlicher Betrachtung. Aber auch darin steckt eine Interpretation. Dieses Stillleben zeigt das durch seine fast ein wenig unheimliche Stimmung. Zugleich erinnert es an barocke Blumenstillleben des 17. Und 18. Jahrhunderts. So ein Rückgriff in die Kunstgeschichte ist ebenfalls gelegentlich typisch für die Stilströmung der Neuen Sachlichkeit.

Objekt der Woche #26 – Stillleben mit Pompon-Dahlien, Wilhelm Heise

Objekt der Woche #26 – Stillleben mit Pompon-Dahlien, Wilhelm Heise

Diese Grafikarbeit zeigt einige Gründe, die sicher für die Berufung Heises nach Königsberg sprachen: seine neusachliche Bildsprache und sein großes technisches Können im Feld der künstlerischen Grafik. Bei diesem Druck handelt es sich um einen Steinstich, eine ungewöhnliche Technik, die schwierig zu handhaben ist und selten angewandt wurde. Es handelt sich um eine Verbindung von Merkmalen des Kupferstichs und der Lithografie.
Diese Arbeit wird Teil der Präsentation der Königsberger Grafiklehrer an der Kunstakademie sein, im Zuge der neuen Dauerausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums. Da aus konservatorischen Gründen Papierobjekte nicht sehr lange ausgestellt sein sollten, wird in dem graphischen Kabinett mehrfach im Jahr eine neue Ausstellung von Beispielen aus der umfangreichen Grafiksammlung des Museums zu sehen sein.