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Seminarreise über die ostpreußische Literatur vom 20.-25.8. 2016

Montag, 14. November 2016

Ein Reisebericht von
Martin Maurach (Schlesische Universität in Opava / DAAD)

„Wir müssen herausfinden, ob es so etwas auch bei uns gibt“ oder: „Wir müssen so bald wie möglich wieder so eine Reise machen“: Wenn solche Äußerungen schon während eines Projektes fallen, spricht viel für sein Gelingen – und das war wohl auch der überwiegende Eindruck, mit dem die bunt gemischte Gruppe aus deutschen, österreichischen, polnischen und tschechischen Studierenden und Dozenten, von Anfang Zwanzig bis ins Seniorenalter, nach einer knappen Woche wieder auseinanderging – mit dem Wunsch: „Fortsetzung folgt!“ Das und der sehr gute, harmonische Verlauf sind vor allem der umsichtigen und hoch professionellen Reiseleitung von Seiten der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Agata Kern, zu verdanken.

Erster Höhepunkt der Reise war die Marienburg des Deutschen Ordens bei Malbork, ein lebendes Denkmal, da die gewaltige Anlage mit den über Jahrhunderte verteilten Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau gewissermaßen immer noch im Bau ist. Auf der Galerie der äußerlich viel bescheideneren Burg von Olsztyn / Allenstein zeigte sich später, dass weltbewegende Entdeckungen nicht immer einen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger brauchen: Kopernikus genügten die über Wände und Decke wandernden Lichtreflexe eines Wassergefäßes, um die scheinbare Bewegung der Sonne zu beschreiben.

Mit Nikolaus Kopernikus in Olsztyn/Allenstein

In Mragowo / Sensburg gab es eine Stadtführung mit einem Besuch des Ernst-Wiechert-Museums; die Struktur der im Kern mittelalterlichen Stadt war noch zu erkennen, ebenso die Spuren ihrer einst so einfachen wie wirkungsvollen Befestigung durch Verbindungsgräben zwischen mehreren Seen.

Vor dem Geburtshaus von Erich Mendelsohn in Olsztyn/Allenstein

Geschichte und Gegenwart der so oft als reaktionär verschrieenen ostpreußischen Adelsfamilien reichen bei den Dönhoffs und Lehndorffs allein im zwanzigsten Jahrhundert vom Widerstand gegen Hitler bis zur Begründung eines demokratisch-liberalen Journalismus und einer völkerverbindenden Publizistik in der Bundesrepublik. Das wurde beim Besuch des Marion Dönhoff Salons (Galkowo) im Gespräch mit Renate Marsch-Potocki deutlich. Quasi nebenan zeigte sich am Beispiel von Schloss Sztynort/Steinort aber auch, wie dramatisch die Lage mancher gerade noch als Ruinen erhaltener ehemaliger Adelssitze heute ist – ganz im Gegensatz zum grotesken Gruseltourismus, der in der Nachbarschaft aus rein kommerziellen Motiven in der ehemaligen ‚Wolfsschanze‘ betrieben wird.

Gespräch mit Renate Marsch-Potocki

In Ełk / Lyck erlebte die Gruppe mit Herrn Dr. Rafał Żytyniec ein sehr lebendiges Seminar zur Stadtgeschichte, zur Jugend von Siegfried Lenz in Lyck und zu einigen seiner Werke. Schauplatz war das im Entstehen begriffene Stadtmuseum mit einer künftigen Siegfried-Lenz-Abteilung. Themen waren unter anderem die Geschichtensammlung „So zärtlich war Suleyken“ und der Roman „Heimatmuseum“. Bei beiden ging es um den Bezug zur masurischen Region, ihre Stellung innerhalb der Heimat- und Erinnerungsliteratur, ihren Beitrag zur Aussöhnung mit der Geschichte und ihre Rezeption in verschiedenen Medien in Deutschland und Polen, u.a. im Film. Außerdem kamen interessante Details über Lenzens spätere Besuche in Ełk/Lyck und seine geistig-emotionale Wiederannäherung an seine Heimatstadt zur Sprache.
Von den beiden eingangs zitierten Aussprüchen galt der zweite der Planung einer neuen Reise auf den Spuren des Deutschen Ordens. Der erste bezog sich auf die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung Borussia, die wir in Olsztyn kennenlernten: internationale Begegnungen und Erziehung zur Toleranz vor allem für ehrenamtlich engagierte jüngere Menschen, Denkmal- und Grabpflege, Publikationen u.v.m.

Literaturseminar in Lyck Elk mit Dr.Rafal Zytyniec

Den Abschluss der Reise bildete noch ein herrlicher Tag in Gdańsk / Danzig, zur Hälfte den Spuren von Günter Grass, zur anderen der Altstadt gewidmet. Hätte die ganze Gruppe zugleich auf jener Bank zwischen den Skulpturen von Oskar Matzerath und seinem Schöpfer Platz gefunden, sie hätte die Gelegenheit auf jeden Fallgenutzt; so entstanden dafür viele einzelne Erinnerungsfotos.

Mit Günter Grass und Oskar Matzerath in Gdansk/Danzig

Nicht vergessen sei schließlich die wunderbare masurische Sommerlandschaft mit ihren Seen und Blumengärten, die für mich als Nachgeborenen sozusagen eine neu zu erbende Erinnerung darstellte und als literarische Inspirationsquelle glaubhaft wird.

Mal- und Kulturreise nach Masuren/Steinort vom 11.9. – 18.9.2012 – ein Reisebericht

Donnerstag, 15. November 2012

Reiseleitung: Frau Agata Kern, Kulturreferentin für Ostpreußen und das Baltikum am OL in Lüneburg

Künstlerische Leitung: Gudrun Jakubeit, aus dem Atelier Gudrun Jakubeit in Lüneburg

Auf geht´s! Mit Malausrüstung im Reisegepäck trafen sich am 11.September 2012 neun Malkursteilnehmer, drei Mitreisende und die Reise- und Kursleitung in den Morgenstunden am Hamburger  Flughafen. Warschau war das Flugziel und dann ging es mit einem Kleinbus durch die polnische Landschaft bis zum Ziel, der masurischen Seenplatte.

Das Schloss in Steinort samt Malkursteilnehmer

Die letzte Stunde der Anreise entschädigte das hungrige Malerauge für den langen Reisetag: Ankommen in Ostpreußen in der goldenen tiefstehenden Abendsonne. Die kleine Straße schlängelte sich durch sanfte Hügel mit schwerem frisch gepflügtem Ackerboden, Seenlandschaften, deren Wasserfarbe von Türkis über Indigoblau bis Tiefschwarz reichte und das Glitzern des Lichtes, das gleich weißen Perlen über die Oberfläche huschte. Dazu gab es Birkenwälder, wie hingeworfene vertikale weiße Linien, deren Spiegelungen  kaum malerischer auf den dunklen Wasserflächen von einem Künstler hätte komponiert werden können.

Am nächsten Morgen gab es die ersten Unterrichtsstunden Pleinair am Mauersee:  Kennenlernen des Aquarellkastens, im 10 –Minutentakt mussten die ersten fünf praktischen Übungen bewältigt werden. Noch waren die bestaunten Landschaften frisch in der Erinnerung und konnten so, ohne theoretische Fachlehre, aus der Tiefe der eigenen Empfindung ungestört aufs Papier gebracht werden. Der Zauber des Anfangs ist immer wieder eine köstliche Erfahrung bei jeder Malreise. Sehr konzentriertes Arbeiten. Die Kursteilnehmer sind glücklich erschöpft, die Kursleiterin ist zufrieden.

Am Nachmittag wurde das Wetter etwas zu feucht, um die Malschule im Freien fortführen zu können. Frau Kern konnte sehr spontan eine Führung in Steinort im und um das Schloss der Familie Heinrich Graf von Lehndorff organisieren. Piotr Wagner von der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz erklärte uns die Geschichte des Schlosses und dessen aktuellen Zustand. Tief bewegt und durch das Buch „Doppelleben – Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Wiederstand gegen Hitler und von Ribbentrop“ von Antje Vollmer sehr gut vorbereitet, konnten alle Schlossbesucher den Atem der Geschichte noch aus jeder Pore des Bauwerkes spüren.

Schloss Steinort: Das historische Treppenhaus

Am folgenden Tag ging es zu einem Ausflug nach Allenstein. Eine kompetente Führerin leitete die Burg- und Stadtbesichtigung. Kulinarische Genüsse in einem typischen polnischen Restaurant ließen den Regen fast vergessen. Der Malblock musste an diesem Tag in der Tasche bleiben. Abends wurde sich am Kamin in den Ferienhäusern gewärmt.

Am nächsten Morgen ging über dem Feriendorf Mamry wieder die Masurische Sonne auf. Zur größten Bewunderung der Kursleiterin gingen fast jeden Morgen einige der Mitreisenden vor dem Frühstück im Mauersee schwimmen. Wer so mutig vor der Unterrichtsstunde schon ohne zu zögern in das Motiv abtaucht, der kann nur gestärkt sich später diesem Motiv mit Pinsel und Stift nähern.

Auf der Terrasse mussten die Hausaufgaben gemacht werden. Das kleine Einmaleins der Farbenlehre, kalte und warme Farben, reine und getrübte Mischungen und perspektivische Wirkung, unterstützt durch die Farbenlehre, wurden erarbeitet. Dazu wärmte die Masurische Sonne den Rücken. In der Verschnaufpause erhielt das hauseigene Gästebuch die Ehre einer gemalten Eintragung.

Nach der Theorie folgte die Praxis. Von dem Ausflug nach Allenstein wurden Postkarten mitgebracht und unterstützten das Gedächtnis beim Zeichnen der Stadtansichten. Doch womit sollte man anfangen? Erst den Himmel farblich anlegen oder erst eine Vorzeichnung fertigen? Und wenn ja, mit dem Pinsel und Farbe oder doch lieber mit einem Bleistift? Ein Reiseskizzenbuch unterstützte die Erinnerung. Architekturdarstellung, Backsteingotik in Ostpreußen, alte Stadttore, Giebel und Türme oder doch lieber grüne Botanik? Jetzt hatte alle das Malfieber gepackt. Es wurde bis zum Sonnenuntergang gearbeitet. Persönliche Korrekturgespräche brachten jeden Einzelnen über seine eigenen Grenzen hinaus.

Gudrun Jakubeit übernahm die künsterlische Leitung

Der folgende Tag knüpfte an die Malfreude an, und der Ausflug nach Rastenburg begann mit einer schnellen Aquarellskizze vor Ort. 45 Minuten durfte die Maleinheit dauern, bevor es zur Kirchen- und Burgführung weiterging. Für die warmgelaufenen Maler mittlerweile kein Problem. Am Ende schloss die Bildbesprechung mit dem „Strecke legen“ traditionell die Übungseinheit ab. Der folgende Besuch der Kirche Heilige Linde mit einem kleinen Orgelkonzert lieferte ein nettes Unterhaltungsprogramm als Abwechslung zu dem intensiven Malunterricht.

Welch ein Luxus: ein ganzes Ausflugsschiff stand für uns als Malgruppe den ganzen Tag zur Verfügung! Der Kapitän holte uns mit dem Malgepäck am Privatbootssteg des Feriendorfes ab und los ging die Fahrt über die Masurische Seenplatte. Zuerst hieß es unter Deck, wettergeschützt die Baustelle einrichten. Gute Panoramafenster gaben den Blick auf die Wolken, die Uferkanten und die Weite der Seenplatte bis zum Horizont frei. Angeleitete Übungen zum Motiv ließen gar nicht erst Fragen aufkommen.

Am 7. Tag der Mal- und Kulturreise ging es noch einmal nach Steinort, zum Schloss der Familie von Lehndorff. Bei dem ersten Besuch hatte uns Piotr Wagner das Konzept zur Rettung  und Nutzung durch die Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz vorgestellt. Nun hatten alle genügend Zeit und Sonnenlicht, um mit dem Malerauge den Genius loci dieses besonderen Ortes zu erfassen. Es wurde ein sehr kreativer Vormittag, der wunderbar passend die ersten düsteren Begegnungen mit Steinort in ein hoffnungsfrohes abschließendes Licht tauchte. Endlich waren die Maler zufrieden.

Die große Werkschau krönte als Abschlussausstellung den letzten Tag der Malreise. Es war ein ergreifender Moment, als alle in dieser Woche entstandenen Bilder von allen Teilnehmern präsentiert und besprochen wurden. Weit über 50 Werke zeugten von einem sehr intensiven und kreativen Schaffensprozess. Die Künstlerin bedankte sich bei ihren Schülern für das ihr entgegengebrachte Vertrauen. Sie gab konstruktive Kritik und Tipps und konnte zusammen mit Frau Kern mit der gesamten Gruppe auf eine gelungene Reise und die Freude am Malen mit einem Glas Sekt anstoßen.

Eine weitere Mal- und Kulturreise des Kulturreferats am Ostpreußischen Landesmuseum im Mai 2013 nach Krakau in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Gudrun Jakubeit ist in Planung.

Bitte wenden Sie sich an Frau Kern, Tel: 04131 – 7599515

oder an das Atelier Gudrun Jakubeit, Tel: 04131 – 603555

Studienfahrt nach Polen

Dienstag, 15. November 2011

Auf der Marienburg

Vom 29. September bis zum 8. Oktober fuhren 13 Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule (gemeinsam mit Frau Seemann und Herrn Hörig sowie Frau Kern, der  Kulturreferentin des Ostpreußischen Landesmuseums) für zehn Tage nach Polen, um dort „Auf der Suche nach der Ortsidentität“ die ehemaligen deutschen Ostgebiete zu besuchen. In Greifswald schloss sich uns eine Gruppe von Schülern der Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Schule an (ebenfalls mit Lehrerin und Kulturreferentin). Ein paar Eindrücke von dieser abwechslungsvollen, lehrreichen, unterhaltsamen Fahrt sollen folgen.

Mit den polnischen Schülern in Nikolaiken

In Steinort

Nach mehreren Vorbereitungstreffen fuhren wir am Donnerstagmorgen um sieben Uhr am Busparkplatz auf den Sülzwiesen ab. Unser Busfahrer Georg begleitete uns über die ganzen zehn Tage und war damit – neben der eigentlichen Reisegruppe natürlich – eine der wenigen Konstanten in dieser Zeit: Immerhin übernachteten wir innerhalb von anderthalb Wochen in acht verschiedenen Unterkünften, sodass wir zwischendurch selbst durcheinander kamen, welche Orte wir jetzt wann besucht hatten. Am Ende der Fahrt sollte einerseits das Gefühl bleiben, außergewöhnlich viel erlebt zu haben, wodurch einem einzelne Erinnerungen teils lange zurückliegend erschienen, andererseits kam uns die Fahrt dennoch kurz vor – wir hätten problemlos noch eine Woche „da drüben“ bleiben können. Das ist auch kein Wunder, wenn man sich die vielen sehenswerten Orte im Norden Polens anschaut, zumal es eine Region ist, in die man sonst eher selten kommt: Begonnen in Stettin (Luftschutzbunker, Alltag im Zweiten Weltkrieg) und Danzig (eine wunderschöne wiederaufgebaute Innenstadt, Ausstellung zum Thema Solidarnośc), über Marienburg (Deutscher Orden im Mittelalter) und Galkowen (ein 150-Seelen-Dorf in Masuren mit einer Ausstellung zu Marion Gräfin Dönhoff), bis zur Wolfsschanze („Führerhauptquartier” im Zweiten Weltkrieg) und nach Thorn (Nikolaus Kopernikus) – überall konnte man Neues entdecken und sein geschichtliches Wissen vertiefen.

Westerplatte

Das eigentliche „Studieren” war aber nur ein Aspekt der Studienreise: Daneben sollten wir auch die polnische Kultur kennenlernen, wozu unter anderem ein Treffen mit Schülern eines Lyzeums in Nikolaiken gehörte. Außerdem aßen wir zu Mittag immer eine typisch polnische Mahlzeit, was bedeutete, dass es grundsätzlich eine Suppe als Vorspeise gab – ein Höhepunkt war in dieser Hinischt das Restaurant in Stettin, wo die Suppe statt in einem Teller in einem ausgehöhlten Brotlaib serviert wurde, den wir auch aufessen konnten. Als Hauptspeise konnten wir zwischen einem vegetarischen und einem fleischhaltigen Gericht wählen, zum Durstlöschen standen meist Orangensaft oder Wasser in Glaskrügen auf dem Tisch. Wir frühstückten immer in der Unterkunft, wo es oft ein reichhaltiges Buffet gab. Überhaupt fühlten wir uns in den Quartieren insgesamt wohl. Ansonsten war es interessant zu sehen, dass die Polen zwar viel englischsprachige Musik hören (mehrmals wurden in den Restaurants im Hintergrund Songs von Phil Collins gespielt), es aber nirgendwo ausländische Zeitungen oder Magazine zu kaufen gab. Die Speisekarte hingegen war in den größeren Städten fast immer zwei-, manchmal sogar dreisprachig gehalten.

Schifffahrt auf dem Spirdingsee

Was bleibt von der Studienfahrt? Erstens war es sehr interessant – das Wort ist dafür viel zu schwach –, mehr über unser östliches Nachbarland zu erfahren, über seine Geschichte und über seine Kultur (auch wenn wir – Schande über uns – nur zwei, drei polnische Vokabeln regelmäßig benutzt haben: Dzién dobry! – Guten Tag, dziękuje – danke und proszę – bitte). Zweitens gab es wirklich herrliche Orte: zum Fotografieren, zum Nachdenken oder zum Ausruhen. Und drittens, was ich auch als sehr wichtig empfand, damit die Studienfahrt zu einer herausragenden Veranstaltung wurde, war die Reisegruppe einfach großartig. Obwohl wir Raabe-Schüler aus vier verschiedenen zehnten Klassen kamen und uns vorher teilweise nur vom Sehen kannten, hatten wir keine Probleme miteinander und konnten uns richtig anfreunden. Insgesamt also eine wirklich wunderbare, vielfältige, grandiose Fahrt.

Freundschaftsspiel in Nikolaiken

Anmerkung: Im Text sind immer die deutschen Ortsnamen benutzt, da wir die polnischen Bezeichnungen so gut wie nie verwendet haben.

Vor dem Gasthaus in Galkowo

Christoph Reese, Klasse 10a

Lesung mit Antje Vollmer: “Doppelleben”

Freitag, 29. Juli 2011

Antje Vollmer im Glockenhaus zu Lüneburg

Am 15.06.2011 hat Antje Vollmer im Glockenhaus in Lüneburg aus ihrem Buch “Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop” vorgelesen. Das Kulturreferat für Ostpreußen hat die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Literarischen Gesellschaft Lüneburg und dem Literaturbüro Lüneburg geplant und umgesetzt.

Der Abend war hervorragend besucht. Nicht nur das spannende Thema, das Attentat vom 20. Juli 1944 und die daraus resultierenden persönlich-privaten Implikationen des Ehepaars Lehndorff, garantierte das Besucherinteresse, sondern auch die Frage, wie Antje Vollmer wohl zu dem Thema ihres Buches gelangt war.

Frau Dr. Vollmer, die unter anderem viele Jahre als Bundestagsabgeordnete für “Bündnis 90/Die Grünen” und als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages tätig war, hat in ihrem Buch neues und unveröffentlichtes Material über die Familie von Lehndorff – ein altes ostpreußisches Adelsgeschlecht – zusammengetragen. Sie legte bei ihrer Lesung ein besonderes Augenmerk auf die NS-Zeit und die Opposition gegen Hitler und deren Auswirkungen auf die Familie von Lehndorff. Heinrich Graf von Lehndorff gehörte zum engsten Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler wurde er bekanntlich verhaftet und hingerichtet. Frau Vollmer las nicht nur von den dramatischen Momenten der Tage und Stunden rund um den 20. Juli bzw. den schrecklichen Konsequenzen, welche die Familie und besonders Heinrich Graf von Lehndorff traf; sie berührte ihr Publikum auch mit ihrer einfühlsamen Beschreibung der diffizilen Aufgabe, in aller Heimlichkeit direkt unter den Augen des NS-Apparats das Attentat vorzubereiten- in vollem Bewusstsein des Risikos, das diese Pläne für die junge Familie mit sich brachten.

Antje Vollmer

Nur wenige Kilometer entfernt vom Ort des Anschlags auf Hitler, der “Wolfsschanze”, lebten die Lehndorffs in ihren Stammsitz auf Steinort, ein einst herausragendes Schloss in Ostpreußen, das zwar den Krieg überstand, sich heute allerdings in traurigem Zustand befindet. In Steinort verkehrten und planten die Widerständler unter einem Dach mit zahlreichen NS-Größen, da Außenminister von Ribbentrop sich und seinen Stab in einem Flügel des Schlosses einquartiert hatte – die Belastungen, Ängste und Sorgen der Verschwörer müssen nahezu erdrückend gewesen sein.

Hans Eckhardt Wenzel begleitete die Lesung musikalisch mit Gesang, Gitarre, Klavier und Akkordeon – eine äußerst gelunge Bereicherung, da seine Lieder, seine Interpretation hervorragend mit dem Drama von 1944, dem Hoffen, den Ängsten und der Trauer, korrespondierten.  Die Premiere seines Gedichtes “Die letzten Briefe – für Heinrich und Gottliebe von Lehndorff”, das der Künstler vertont hatte, war ein besonderer Höhepunkt.

Im Anschluss gab es die Gelegenheit, sich das Buch signieren zu lassen und im Gespräch mit Frau Vollmer und Herrn Wenzel noch mehr über die Familie Lehndorff zu erfahren. Es folgte eine lebhafte Fragerunde mit der gut gelaunten Autorin.  Das Interesse von Frau Vollmer an den Lehndorffs erwachte über ihre Freundschaft mit der bekannten Künstlerin “Veruschka”, einer Tochter von Heinrich und Gottliebe. Frau Vollmer, die selbst über keine ostpreußischen Wurzeln verfügte, hat seither das Land mehrfach bereist und zeigte sich von Land und Leuten beeindruckt. Zugleich zollte sie den Attentätern des 20. Juli ausdrücklich Respekt.

Andrang nach der Lesung

Kurz: Ein rundum gelungener Abend, der eine facettenreiche und künstlerich hervorragend umgesetzte Annäherung an ein menschlich bewegendes und historisch bedeutsames Drama erlaubte. Das Ostpreußische Landesmuseum bedankt sich bei Frau Dr. Antje Vollmer, bei ihrem musikalischen Kompagnon Wenzel, der literarischen Gesellschaft und dem Literaturbüro Lüneburg sowie bei der Hansestadt selbst für die Nutzung des atmosphärisch so dichten Glockenhauses.

Antje Vollmer und Museumsdirektor Joachim Mähnert

Antje Vollmer und Museumsdirektor Joachim Mähnert

Wenzel mit der Kulturreferentin Agata Kern

Wenzel mit der Kulturreferentin Agata Kern