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Seminarreise über die ostpreußische Literatur vom 20.-25.8. 2016

Montag, 14. November 2016

Ein Reisebericht von
Martin Maurach (Schlesische Universität in Opava / DAAD)

„Wir müssen herausfinden, ob es so etwas auch bei uns gibt“ oder: „Wir müssen so bald wie möglich wieder so eine Reise machen“: Wenn solche Äußerungen schon während eines Projektes fallen, spricht viel für sein Gelingen – und das war wohl auch der überwiegende Eindruck, mit dem die bunt gemischte Gruppe aus deutschen, österreichischen, polnischen und tschechischen Studierenden und Dozenten, von Anfang Zwanzig bis ins Seniorenalter, nach einer knappen Woche wieder auseinanderging – mit dem Wunsch: „Fortsetzung folgt!“ Das und der sehr gute, harmonische Verlauf sind vor allem der umsichtigen und hoch professionellen Reiseleitung von Seiten der Kulturreferentin für Ostpreußen, Frau Agata Kern, zu verdanken.

Erster Höhepunkt der Reise war die Marienburg des Deutschen Ordens bei Malbork, ein lebendes Denkmal, da die gewaltige Anlage mit den über Jahrhunderte verteilten Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau gewissermaßen immer noch im Bau ist. Auf der Galerie der äußerlich viel bescheideneren Burg von Olsztyn / Allenstein zeigte sich später, dass weltbewegende Entdeckungen nicht immer einen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger brauchen: Kopernikus genügten die über Wände und Decke wandernden Lichtreflexe eines Wassergefäßes, um die scheinbare Bewegung der Sonne zu beschreiben.

Mit Nikolaus Kopernikus in Olsztyn/Allenstein

In Mragowo / Sensburg gab es eine Stadtführung mit einem Besuch des Ernst-Wiechert-Museums; die Struktur der im Kern mittelalterlichen Stadt war noch zu erkennen, ebenso die Spuren ihrer einst so einfachen wie wirkungsvollen Befestigung durch Verbindungsgräben zwischen mehreren Seen.

Vor dem Geburtshaus von Erich Mendelsohn in Olsztyn/Allenstein

Geschichte und Gegenwart der so oft als reaktionär verschrieenen ostpreußischen Adelsfamilien reichen bei den Dönhoffs und Lehndorffs allein im zwanzigsten Jahrhundert vom Widerstand gegen Hitler bis zur Begründung eines demokratisch-liberalen Journalismus und einer völkerverbindenden Publizistik in der Bundesrepublik. Das wurde beim Besuch des Marion Dönhoff Salons (Galkowo) im Gespräch mit Renate Marsch-Potocki deutlich. Quasi nebenan zeigte sich am Beispiel von Schloss Sztynort/Steinort aber auch, wie dramatisch die Lage mancher gerade noch als Ruinen erhaltener ehemaliger Adelssitze heute ist – ganz im Gegensatz zum grotesken Gruseltourismus, der in der Nachbarschaft aus rein kommerziellen Motiven in der ehemaligen ‚Wolfsschanze‘ betrieben wird.

Gespräch mit Renate Marsch-Potocki

In Ełk / Lyck erlebte die Gruppe mit Herrn Dr. Rafał Żytyniec ein sehr lebendiges Seminar zur Stadtgeschichte, zur Jugend von Siegfried Lenz in Lyck und zu einigen seiner Werke. Schauplatz war das im Entstehen begriffene Stadtmuseum mit einer künftigen Siegfried-Lenz-Abteilung. Themen waren unter anderem die Geschichtensammlung „So zärtlich war Suleyken“ und der Roman „Heimatmuseum“. Bei beiden ging es um den Bezug zur masurischen Region, ihre Stellung innerhalb der Heimat- und Erinnerungsliteratur, ihren Beitrag zur Aussöhnung mit der Geschichte und ihre Rezeption in verschiedenen Medien in Deutschland und Polen, u.a. im Film. Außerdem kamen interessante Details über Lenzens spätere Besuche in Ełk/Lyck und seine geistig-emotionale Wiederannäherung an seine Heimatstadt zur Sprache.
Von den beiden eingangs zitierten Aussprüchen galt der zweite der Planung einer neuen Reise auf den Spuren des Deutschen Ordens. Der erste bezog sich auf die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung Borussia, die wir in Olsztyn kennenlernten: internationale Begegnungen und Erziehung zur Toleranz vor allem für ehrenamtlich engagierte jüngere Menschen, Denkmal- und Grabpflege, Publikationen u.v.m.

Literaturseminar in Lyck Elk mit Dr.Rafal Zytyniec

Den Abschluss der Reise bildete noch ein herrlicher Tag in Gdańsk / Danzig, zur Hälfte den Spuren von Günter Grass, zur anderen der Altstadt gewidmet. Hätte die ganze Gruppe zugleich auf jener Bank zwischen den Skulpturen von Oskar Matzerath und seinem Schöpfer Platz gefunden, sie hätte die Gelegenheit auf jeden Fallgenutzt; so entstanden dafür viele einzelne Erinnerungsfotos.

Mit Günter Grass und Oskar Matzerath in Gdansk/Danzig

Nicht vergessen sei schließlich die wunderbare masurische Sommerlandschaft mit ihren Seen und Blumengärten, die für mich als Nachgeborenen sozusagen eine neu zu erbende Erinnerung darstellte und als literarische Inspirationsquelle glaubhaft wird.

Worte wurden Brücken. Klaus Bednarz in Lüneburg

Donnerstag, 29. November 2012

Am Mittwoch, dem 28. November, empfing das Ostpreußische Landesmuseum einen der bekanntesten deutschen Journalisten – Klaus Bednarz – in der Handwerkskammer Lüneburg.

Bednarz war lange Zeit ARD-Korrespondent in Warschau und Moskau, Leiter des Politmagazins “Monitor” und Chefreporter des WDR. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Fernsehdokumentationen über Russland, Polen und Ostpreußen.

Dr. Mähnert, Direktor des OL, eröffnete die Veranstaltung. Im Hintergrund Heinrich Böll und Lew Kopelew.

Dr. Joachim Mähnert, Direktor des OL, eröffnete die Veranstaltung. Im Hintergrund: Heinrich Böll und Lew Kopelew.

Thema des Abends in Lüneburg war jedoch nicht er selbst, sondern Lew Kopelew, der berühmte russische Germanist, Philosoph und Schriftsteller, der 2012 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Als Klaus Bednarz 1977 ARD-Korrespondent in Moskau wurde, machte ihn Fritz  Pleitgen, sein Vorgänger auf diesem Posten, mit Lew Kopelew bekannt. Daraus erwuchs eine enge Freundschaft, die auch nach Kopelews  Ausbürgerung aus der Sowjetunion 1981 weiter gepflegt wurde. Klaus Bednarz erzählte von seinen Begegnungen mit Lew Kopelew und gab einen intensiven, lebendigen Einblick in das Leben dieses berühmten Mannes und großen Menschenfreundes.

Klaus Bednarz während seines Vortrags. Im Hintergrund: Lew Kopelew.

Klaus Bednarz während seines Vortrags. Im Hintergrund: Lew Kopelew.

Dabei wurde den Zuhörern anhand von zahlreichen großen und kleinen Begebenheiten das Bild eines Menschen gezeichnet, für den Mitmenschlichkeit immer an erster Stelle stand. Kopelew hatte einen großen, weit vernetzten Freundeskreis, der in Deutschland bis zu Heinrich Böll oder Marion Gräfin Dönhoff reichte. So war es auch keine Seltenheit, dass er seine Kontakte nutzte, um Menschen zu helfen, indem er beispielsweise über ARD- Korrespondenten Medikamente aus Deutschland nach Moskau holte, um diese dann über weitere Mittler zu Gefangenen in Gulags in Sibirien zu bringen.

Klaus Bednarz und Agata Kern, die Kulturreferentin des OL

Klaus Bednarz und Agata Kern, die Kulturreferentin des OL

“Worte werden Brücken”, Kopelew lebte diese Worte, seine Worte. Kopelew liebte die deutsche Sprache, Literatur und Kultur, er kämpfte für die Abschaffung von Streubomben, setzte sich für die Völkerverständigung und für die Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen ein, verpasste nie die Tagesschau und meinte, dass Bednarz einen Fernseher reparieren könne, weil er beim Fernsehen arbeite. All das und wohl vieles mehr war Lew Kopelew. Am Ende der Veranstaltung hatten die Zuhörer nicht nur zahlreiche neue Einzelheiten aus dem Leben Kopelews erfahren, sie konnten auch den Menschen ein wenig kennenlernen.

Wer mehr über Lew Kopolew erfahren möchte, dem empfiehlt Klaus Bednarz Kopolews autobiographisches Buch “Aufbewahren für alle Zeit”, in dem er seine Erlebnisse aufgeschrieben hat. Leider ist Kopelew in Russland weitaus weniger bekannt als in Deutschland. Aber auch hierzulande lässt der Bekanntheitsgrad nach.

Vielen Dank für den Eintrag ins Gästebuch

Das OL als "Brückenpfeiler für Kulturaustausch und Völkerverständigung"

Klaus Bednarz war bereits vor 10 Jahren Gast des Ostpreußischen Landesmuseums und wieder hat es ihm gut gefallen. In seiner augenzwinkernden Art bemerkte er, dass kein Besucher den Saal verlassen hätte, “ein gutes Zeichen”. Eine wirklich gelungene Veranstaltung. Und nicht zuletzt lobte Bednarz auch die  Arbeit des OL insgesamt als Brückenpfeiler für Kulturaustausch und Völkerverständigung.

Da sagt das OL doch: Vielen Dank!

Von Kaliningrad nach Königsberg. Eine Schulreise auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff

Freitag, 15. Juni 2012

Kaliningrad? Auf meine Frage, gestellt an mehr als 100 junge Erwachsene, wer wisse, wo sich Kaliningrad befinde, heben sich weniger als zehn Hände. Kaliningrad ist fernstes Ausland – aus dem Blick verloren und nicht einmal dem Namen nach bekannt. Diese Exklave von der Größe Schleswig-Holsteins, eingezwängt zwischen Polen im Süden und Litauen im Norden – das soll Russland sein? Eine kleine Lektion in Geographie für Schüler, die ganz genau wissen, was südlich und westlich von Deutschland liegt, vom östlichen Europa aber offenbar nur sehr ungenaue Vorstellungen haben.

Königsberg? Erwartungsgemäß ist dieser Name nun bekannt, kann von dem einen oder anderen auch zugeordnet werden: Dass Ostpreußen bis 1945 Teil Deutschlands war, wissen viele. Aber Ostpreußen existiert ja nicht mehr, ist Geschichte, mehr gibt es da kaum zu wissen. Und Königsberg? Vom Erdboden verschwunden.

Gruppenfoto vor dem Kant-Mausoleum in Königsberg

Im Winter 1945 waren es sieben Wochen zu Pferde, die die aus Friedrichstein bei Königsberg stammende spätere „ZEIT“-Herausgeberin Marion Dönhoff brauchte, um auf der Flucht aus Ostpreußen nach Vinsebeck in Westfalen zu gelangen. Und die 1200 Kilometer, die hinter ihr lagen, waren eine Distanz, die in den folgenden Jahrzehnten so unüberbrückbar war, dass sie ihre Heimat jahrzehntelang nicht wieder sehen konnte.

Im Frühjahr 2012 sind es 18 Stunden mit dem Linienbus, die Hamburg von Kaliningrad trennen. 690 Kilometer Luftlinie, damals wie heute. Aber da es Königsberg nicht mehr gibt und wir von Kaliningrad nichts wissen, ist es eine Reise in weite Ferne – in die unbekannte Geschichte Deutschlands und ebenso in die unbekannte Gegenwart Russlands.

Leninskij Prospekt - Blick von einer Hochbrücke

Eine Schulreise einmal anders: Nicht Rom, Paris oder London, weiter entfernt, aber für Schüler irgendwie vertraut, selbst wenn sie zuvor nie dort waren; sondern Kaliningrad, kaum weiter als München, aber aufregende terra incognita. Das Angebot, eine solche Reise gemeinsam zu unternehmen, aus Anlass des 10-jährigen Todestages von Marion Dönhoff, kam von der Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, Agata Kern. Die Schüler und Lehrer des Hansa-Kollegs in Hamburg, einem Gymnasium des Zweiten Bildungsweges, haben nicht gezögert, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

Der Königsberger Dom

Die Reise dauerte sechs Tage, vom 7. bis 13. Mai; sie war strapaziös, aufregend, einzigartig. Eine Reise in ein unbekanntes Land – und eine Reise in die eigene Vergangenheit. Diese Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die so unterschiedlich, aber gleichermaßen fern sind, war es wohl, die alle Teilnehmer mit Aufregung der Fahrt entgegensehen ließ und unterwegs eine Faszination hervorbrachte, der sich keiner entziehen konnte. Start war am Montagnachmittag am Hamburger Busbahnhof. Russland begann aber schon im Bus: 19 deutsche Schüler und zwei deutsche Lehrer in Begleitung von Agata Kern und ansonsten nur russische Fahrgäste und russische Busfahrer. Gegen Mitternacht waren wir in Polen, und Kaliningrad immer noch endlos weit entfernt. Angesichts der Enge im Bus war an Schlaf kaum zu denken. Ostpreußen empfing uns am nächsten Morgen mit Sonnenschein; wenig später hatten wir auch die russische Grenze passiert und pünktlich um zehn Uhr, aber völlig erschöpft, konnten wir unsere Zimmer im Hotel „Kaliningrad“, mitten im Zentrum der Stadt, beziehen. Vier Stunden hatten wir zur Erholung, bevor unser russischer Reiseführer Sergej zu uns stieß und das Besichtigungsprogramm begann. Aber für viele Schüler war schnell alle Müdigkeit vergessen und schon in diesen vier Stunden stürzten sie sich in das Getümmel zwischen Kaliningrader Siegesplatz und Königsberger Dom.

Sergej erwies sich als der perfekte Reiseführer: Er kennt die Geschichte jeder Straße und jedes Gebäudes; er stellt Kontakte her, die anderen Touristen völlig unmöglich wären; er ist der perfekte Organisator und von unerschütterlicher Geduld mit den 22 Gästen aus Deutschland. Wir sehen den Dom, den Hafen und den Siegesplatz. Plattenbauten, orthodoxe Kathedralen und überraschend sorgfältig restaurierte Backsteingebäude aus deutscher Zeit.

Christ-Erlöser-Kathedrale auf dem Siegesplatz

Und immer hat Sergej irgendeine Überraschung für uns bereit: Das Boot, das der von der Anreise und dem ersten Stadtrundgang erschöpften Gruppe Gelegenheit gibt, bei einer Hafenrundfahrt im Sonnenschein die Beine baumeln zu lassen; oder das Orgelkonzert, das der Organist des Königsberger Doms eigens für unsere Gruppe gibt.

Zwei Tage fährt uns Oleg, unser Busfahrer, aus der Stadt heraus quer durch das Gebiet: In Pillau feiert die Marine am 9. Mai das Ende des Großen Vaterländischen Krieges. Am Stadtrand befindet sich das Gräberfeld für ungezählte Soldaten aller Nationen, die in eben diesem Krieg ihr Leben verloren haben. Der Strand davor lädt zum Bernsteinsammeln ein und eine Besichtigung des Bernsteintagebaus in Palmnicken darf im Programm nicht fehlen. Wieder wenige Kilometer weiter am weißen Ostseestrand von Palmnicken dann das Mahnmal für die 7000 Ende Januar 1945 in eisiger Nacht am Strand von Nazis erschossenen jüdischen Frauen – bevor es abschließend in den Touristentrubel des Seebades Rauschen geht – Kontraste, so heftig, dass sie manchmal schwer auszuhalten sind.

Eingangstor zum Gestüt Trakehnen

Der folgende Tag führt uns nach Insterburg, Gumbinnen, Trakehnen, Eydtkuhnen. Dörfer und Provinzstädte, deren Namen wir vielleicht gerade noch kennen, die aber, wie Marion Dönhoff formuliert hat, „keiner mehr nennt“. Namen, mit denen ein 25-jähriger heute kaum noch etwas verbindet.

Besuch einer Schule in Gumbinnen, heute Gusev

Fällt in Kaliningrad der Kontrast zwischen deutscher, sowjetischer und moderner russischer Architektur ins Auge, so ist es in der Provinz der oft nur mit Mühe, oft gar nicht aufgehaltene Verfall der Gebäude, gleich ob aus Vor- oder Nachkriegszeit, der uns manchmal ratlos macht. Und selbst Landschaft lässt sich, so lernen wir, zerstören: Von der großen Kulturlandschaft der ehemaligen Kornkammer Ostpreußen ist selten mehr übrig geblieben als verwilderte Wiesen. Bauerndörfer sind zu Hunderten verschwunden – entstanden ist dafür weite, einsame, sich selbst überlassene Natur, und mindestens die Störche lieben diese Landschaft …

Königsberg und Kaliningrad. Die Stadt mit zwei Gesichtern

Die stärksten Erlebnisse sind aber die persönlichen Begegnungen mit Menschen, die dieses Land endlich selbst in die Hand nehmen – die die Geschichte des Landes zu ihrer eigenen machen, die Zukunft gestalten wollen und die Begegnung mit den Besuchern aus dem fernen Deutschland suchen: Da ist die Frau aus der protestantischen Gemeinde der Salzburger Kirche in Gumbinnen – sie erzählt uns von der Unterdrückung alles Religiösen in sowjetischer Zeit und vom Aufbau des Diakoniezentrums in den letzten Jahrzehnten. Die Kollegin aus der Berufsschule im Gebäude des ehemaligen Friedrichgymnasiums von Gumbinnen – eine engagierte Deutschlehrerin, die auf der Suche nach Kooperationspartnern in Deutschland ist. Oder die Chefredakteurin und der Übersetzer des „Königsberger Express“, die das Kunststück fertig gebracht haben, als Russen in Kaliningrad eine Zeitung in deutscher Sprache zu etablieren. Ein Praktikum für Hamburger Studenten in der Redaktion dieser Zeitung? Am Ende der Reise kam unter den Schülern diese Frage auf – und sie zeigt: Wir kommen wieder …

Redaktionsräume des Königsberger Express mit Chefredakteurin und Übersetzer

Eine Schulreise nach Kaliningrad: Das hieß, sich auf etwas völlig Neues einzulassen; die üblichen Reisepfade zu verlassen, auf denen sich der deutsche Durchschnittstourist und oft genug auch Schulen immer wieder bewegen. Belohnt wird dieses Wagnis mit der Begeisterung der Schüler. Diese Begeisterung zeigt: Ein Reiseziel muss weder schön sein noch im Trend liegen, um uns zu berühren. In einer scheinbar ganz fremden Kultur die Spuren der eigenen zu suchen; und in Russland Menschen zu begegnen, die in ihrer Heimat die Spuren deutscher Geschichte pflegen, weil sie sie als gemeinsame Geschichte begreifen, im Schrecklichen wie im Guten – das lässt niemanden kalt.

Und für 21 Hamburger Schüler und Lehrer ist am Ende dieser Reise Königsberg nicht mehr tot und Kaliningrad nicht mehr fremd.

Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg

Weit ist der Weg nach Osten

Freitag, 2. März 2012

Weit ist der Weg nach Osten. Unter diesem Titel lud das Ostpreußische Landesmuseum zu  einer Veranstaltung am Mittwoch, den 29. Februar, ins Museum, um die grenzüberschreitenden Schulprojekte des Kulturreferats vorzustellen. Zudem bot der Abend Raum für einen Vortrag von Tatjana Gräfin Dönhof. Weit über 100 Personen, Schüler, Lehrer, junge und ältere Interessierte haben den Weg zu uns gefunden. Doch bereits früh am Abend geriet das „gefühlte“ Weltbild bei einigen ins Wanken.

Ist es tatsächlich weit bis in den Osten? Oder ist es nicht nur in unseren Köpfen so? Holger Wendebourg, Lateinlehrer vom Hamburger Hansa-Kolleg warf diese Fragen auf und hatte auch eine Antwort parat. Von Lüneburg nach Kaliningrad sind es gerade mal 150 km weiter als nach München und es ist nur halb so weit wie bis nach Rom. Ein Katzensprung also?

Holger Wendebourg stellt die Studienreise nach Kaliningrad vor, welche im Zeichen des 10-jährigen Todestages von Marion Gräfin Dönhoff steht

Man kann es wohl so oder so sehen. Und in den Reihen der Schüler der Lüneburger Wilhelm-Rabe Schule, die im vergangenen Herbst zusammen mit Agata Kern und Schülern der Ernst-Moritz-Arndt-Regionalschule Greifswald in den ehemals deutschen Gebieten von Pommern bis Ostpreußen in Polen unterwegs waren, raunte ein tiefes Stöhnen, als sie sich an die 12-Stunden Busfahrt erinnerten. Letztlich war diese Studienfahrt aber ein voller Erfolg und hat positive und bleibende Eindrücke bei den Schülern hinterlassen. Die Ergebnisse dieser Exkursion präsentierten sie selbst in einer Fotoausstellung, welche noch bis zum 11. März im Ostpreußischen Landesmuseum zu sehen ist und berichteten am Abend von ihren Erfahrungen.

„Suche nach der Ortsidentität“ - Schüler der Wilhelm Rabe Schule Lüneburg stellen ihre Studienreise aus dem letzten Herbst vor

Im Mai geht die Spuren- und Identitätssuche in die zweite Runde. Studierende des Hamburger Hansa-Kollegs erwartet eine Fahrt in den russischen Norden Ostpreußens. Diese Reise soll im Zeichen des 10-jährigen Todestages von Marion Gräfin Dönhoff stehen. Holger Wendebourg hat diese Region bereits vor ein paar Jahren für sich entdeckt, Rom hinter sich gelassen und einen Schritt in den Osten gewagt, in die Oblast Kaliningrad, bis in die „gesichtslose monströse Plattenbaustadt“ Kaliningrad. Doch auch er entdeckte, dass diese Stadt und Region begonnen haben sich zu verändern, ein modernes Gesicht zu entwickeln. Die Vergangenheit wird angenommen und deren (un)sichtbare Reste wiederentdeckt. Für die Schüler wird es eine interessante und spannende Reise werden, auf die auch Tatjana Gräfin Dönhoff Lust machte. Lust auf Entdecken von Spuren, auf einen „Abenteuerurlaub“, auf genaues Hinschauen.

Das Bild wurde im Rahmen der Studienreise aufgenommen und zeigt das Schloss in Steinort / Sztynort

Till Jacob: Verlorener Glanz. Das Bild wurde im Rahmen der Studienreise aufgenommen und zeigt das ehemalige Schloss der Familie von Lehndorff in Steinort / Sztynort

Als Gastrednerin und angekündigter Höhepunkt der Veranstaltung hatte die Großnichte von Marion Gräfin Dönhoff genau das auf zahlreichen Reisen in die Heimat ihrer Vorfahren bereits getan und ihre Eindrücke und Bilder unter anderem in dem Buch „Weit ist der Weg nach Westen“ veröffentlicht. Am Mittwoch konnten alle Besucher lebhaft diesen Eindrücken lauschen und sich wieder in die Vergangenheit einladen lassen, aber auch Blicke in die Gegenwart und Zukunft werfen. Tatjana Gräfin Dönhoff hat genau hingeschaut, zeigte eindrucksvolle vorher/nachher Bilder, berichtete von Bekanntschaften und Freundschaften von neuen Bewohnern der Region, zeigte aber auch einen humorvollen Blick zurück in die Jahrhunderte dauernde Geschichte der Dönhoffs im Osten – „einen Vorteil hat Adeligkeit: der Familienstammbaum ist gut dokumentiert“.

Tatjana Gräfin Döhnhoff und Museumsdirektor Dr. Mähnert im Gespräch

Dem Besucher blieb es selbst überlassen, mit welchem Auge er die Ruinenromantik Ostpreußens zu sehen hatte – an diesem Abend gab es weinende aber auch fröhliche. Vieles ist mittlerweile passiert im so fernen Osten, vieles restauriert. Nicht nur wir schauen in diese Richtung, sondern vor Ort schaut man hin. Und eines bleibt – die wundervolle Natur dieses Landstriches. Nicht den verloren gegangenen oder erhaltenen Steinen verdankt es Tatjana Gräfin Dönhoff, dass sie sich in Ostpreußen zu Hause fühlt, sondern der Landschaft.

Tatjana Gräfin Dönhoff bei der Preisverleihung

Den Abschluss des Abends bildete die Preisverleihung der gelungenen Fotoausstellung. Das Ostpreußische Landesmuseum freut sich bereits auf die Ergebnisse der Studienfahrt im Mai.

Betrachter der Fotoausstellung

Reisebericht zur Studienreise “Burgen im Deutschordensstaat Preußen”

Dienstag, 26. Oktober 2010

Eine andere Reise in das ehemalige West- und Ostpreußen

Reisebericht von Frauke Opitz – 15. Oktober 2010

Die Marienburg. Foto: Opitz

Die Marienburg. Foto: Opitz

Viele Reiseveranstalter bieten Reisen in das ehemalige Ost- und Westpreußen an, aber selten noch leben Menschen, die dort geboren wurden. Die meisten Teilnehmer suchen wehmütig die alte Heimat, die alten Orte, Straßen, Erinnerungspunkte ihrer Kindheit, ihres Lebens. Ich wurde 1941 geboren, meine Tochter 1967, und wir kennen das „alte“  Preußen nur von den Erzählungen unserer Vorfahren, die aus der Nähe von Marienburg bzw. aus Kaukehmen kamen.

Das Ostpreußische Landesmuseum bot nun eine Reise an, die auf die Spuren der Burgen im Deutschordensstaat Preußen führen sollte. Die Leitung oblag der Kulturreferentin für Ostpreußen Agata Kern.  Es war eine Reise in eine Vergangenheit, die viele hundert Jahre zurückliegt, deren steinerne Zeugen uns aber beredter Beweis sind für die Macht des Deutschen Ordens in Preußen. Die gotischen Türme der Burgen und Kirchen, ausschließlich in Backstein erbaut, bestimmen vielfach das Panorama in Pomesanien, dem Oberland, Ermland und Masuren. Die schönen Bauten beeindrucken besonders durch ihre Einfachheit, ihre klare Architektur.

Dies alles wurde uns hervorragend nahegebracht von einer weiteren Fachfrau: Malgorzata Jackiewicz-Garniec, Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin. Sie ist Verfasserin und Herausgeberin eines Buches über die „Burgen im Deutschordensstaat Preußen“ und zusammen mit einer Dolmetscherin unsere Begleiterin.

Unsere Reise beginnt in Marienburg (Malbork) mit der Besichtung der Burg der Hochmeister des Deutschen Ordens, der im 12. Jahrhundert gegründet wurde. 1309 wurde dessen Sitz von Venedig nach Marienburg verlegt.  Der Hochmeister stand in der Hierarchie an der Spitze des Ordens und bekleidete sein Amt lebenslang. Bekannte Namen sind noch heute Legende: Hermann von Salza, Heinrich Reuß von Plauen, und Vertreter der Geschlechter von Hohenlohe, von Sangershausen, von Feuchtwangen, von Jungingen und weitere bis zu Eugen von Österreich als dem letzten weltlichen Hochmeister des Deutschen Ordens von 1893 bis 1923. Danach übernahmen – bis heute – kirchliche Würdenträger dieses Amt.

Die Marienburg ist die größte Burg des Deutschen Ordens und gilt auch als die größte gotische Backsteinburg Europas, aber an baulicher Schönheit stehen ihr andere nicht nach, denn zum Beispiel die Burg eines Komturs, also eines Niederlassungsleiters, ist als Wehrburg beeindruckend, aber bescheidener in ihren Ausmaßen.

Zerstörungen im II. Weltkrieg sowie Zerfall und Verwahrlosung haben vielen Burgen arg zugesetzt.

Monumental erhebt sich in Marienwerder (Kwidzyn) die Burganlage des pomesanischen Domkapitels über die Stadt. Uns fällt ein der Burg vorgelagerter Abschlussturm auf, zu erreichen über einen weit aufragenden Viadukt. Es ist der Dansker, der Toilettenturm direkt über dem Graben, der einmal Wasser führte. Ein Plumpsklo in ca. 20 m Höhe.

Mit uns ist auch Christian Papendick, Architekt und Landschaftsarchitekt aus Hamburg, der unermüdlich fotografiert. 84jährig ist der in Königsberg geborene überall dabei, gute Perspektiven für seine Fotos zu finden, und er scheut auch hier eine Kletterei auf den Burgwall nicht, was einige von uns denn doch besorgt beobachten.

Er verriet mir, dass er ein Buch plant über den polnischen Teil Ostpreußens.

Seine  hervorragende Bilddokumentation „Der Norden Ostpreussens – Land zwischen Zerfall und Hoffnung“ , erschienen im Husum Verlag, beschreibt den Teil des Landes, der jetzt zu Russland gehört, also das Königsberger Gebiet, Tilsit und Memel, die Elchniederung, die Memelniederung.

Nach dem Besuch der Burgen in Osterode (Ostroda) und Neidenburg (Nidzica) führt unser Weg nach Allenstein (Olsztyn) zur Burg des ermländischen Domkapitels.

Am anderen Morgen besichtigen wir die Ruinen von Schloss Schönberg (Szymbark), das Ende des  17. Jahrhunderts vom späteren Reichsgrafen Finck von Finckenstein erworben wurde.  Im Januar 1945 erreichte die Sowjetarmee das Schloss. Damit war sein Ende besiegelt. Die Einwohner flohen mit anderen Dorfbewohnern gen Westen und das alte Schloss wurde ein Raub der Flammen.

Die Burg der Bischöfe in Heilsberg (Lidzbark-Warminski), in der die umfangreichen Restaurierungsarbeiten zum Teil abgeschlossen sind,  und die Burg der ermländischen Bischöfe in Rössel (Reszel) sowie die Pflegerburg (Wohnsitz des Pflegers als Verwaltungsbeamter, sowie Wehrburg) in Rastenburg (Ketrzyn) nötigen uns Respekt vor der enormen Leistung der Ordensleute, der Handwerker und Arbeiter ab. In Rössel (Reszel)– einem der wenigen Orte, die im letzten Krieg nicht beinahe vollständig zerstört wurden – übernachten wir in der Burg. Der Besitzer hat phantasievoll 21 Räume zu Hotelzimmern umgestaltet und mit teilweise selbst gefertigten schlichten Holzmöbeln ausgestattet. Hier gibt es zum Abendessen frisch gefangene Schleie mit einer vorzüglichen Sahnesoße. Das fluffige Rührei am morgendlichen Frühstücksbufett ist begehrt und ungemein lecker.

Tief bewegt bin ich von einem Besuch  im Salon Marion Dönhoff in Galkowen (Galkowo). Dieser Salon ist ein großer weiter Raum in einem wieder aufgebauten Forsthaus, das verwahrlost und schwer beschädigt von seinem Platz in Steinort, also dem Wohnsitz derer von Lehndorff, von Alexander Potocki dort ab- und in Galkowo wieder aufgebaut, restauriert und ergänzt wurde. Das alles erzählt uns Renate Marsch-Potocka, ehemals Korrespondentin der Deutschen Presseagentur in Warschau, und sie lässt uns die Stimme Marion Dönhoffs hören, die aus ihrem Buch „Eine Kindheit in Ostpreußen“ den Abschnitt „Im Rhythmus der Jahreszeiten“ liest. Nach einer farbigen Erzählung des Jahreskreislaufes endet das Kapitel mit dem berührenden Satz: … „und es gibt nur noch ein Gefühl: tiefe Dankbarkeit dafür, dass dies meine Heimat ist.“  Es ist die Heimat, die sie 1945 im tiefsten Winter auf ihrem Pferd Alarich fliehend verlassen muss.

An den Besitz in Friedrichstein erinnert ein einziger noch vorhandener Backstein im Salon in Galkowo, der Rest ist verschwunden, getilgt.

Im Obergeschoss also wird mit Fotos, mit Bildern der Familie und mit Tondokumenten der großen Journalistin Marion Gräfin Dönhoff gedacht, der Herausgeberin der Wochenzeitung DIE ZEIT. Auch an die letzten Besitzer von Steinort, die Grafen Lehndorff, wird hier erinnert, besonders an Heinrich Graf Lehndorff, der 1944 nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler seinen Schergen mehrfach entkommen konnte, sich aber mit Rücksicht auf seine Familie letztlich einem Forstmann zu erkennen gab, der ihn verriet.

Einige Burgen können wir wegen laufender Restaurationsarbeiten nur von außen besichtigen. In der Komturburg in Rhein (Ryn) fällt es sehr schwer, die ursprüngliche Verwendung nachzuvollziehen. In dieser Burg residiert ein Hotel, das die große Halle im Erdgeschoss  zu einer modern anmutenden Rezeption umgestaltet und nicht nur meiner Meinung nach sehr daneben gegriffen hat. Die unglücklich gewählten Deckenlampen sollen wohl ein wenig Mittelaltergefühl aufkommen lassen, die schönen Backsteinwände sind nicht nur in dieser Halle behängt mit Teppichläufern: durchaus handgeknüpft und älteren Datums, was sichtbar ist an den Verschmutzungsspuren in der Mitte, aber auf diesen farbiggemusterten Orientläufern hat man dann auch noch Säbel, Degen, Beile etc. befestigt.

Ein kurzfristig arrangierter Besuch des Schlosses Eichmedien nahe Rastenburg, dessen Bewohner, die Familie von Redecker, im Jahre 1945 vor den Russen flohen, war sehr bemerkenswert. Vor ca. 12 Jahren wurde das völlig heruntergekommene Anwesen von einem polnischen EDV-Spezialisten  und seiner Ehefrau gekauft. Allein zwei Jahre lang haben die fleißigen Menschen tonnenweise den Schutt aus den Kellern, den Stockwerken und dem weitläufigen Park geräumt, bevor mit einer Restaurierung begonnen werden konnte. Überall wird gearbeitet. Um die kostbaren Kachelöfen wieder restaurieren bzw. völlig neu aufbauen zu können, gibt es eine Werkstatt, in der Kacheln geformt, kunstvoll mit den alten Mustern bemalt und gebrannt werden. So haben etliche Bewohner der Umgebung Ausbildungs- und Arbeitsplätze erhalten. Kachelöfen auch für andere Kunden bringen einen Teil des Geldes ein, das erforderlich ist für die Erneuerung von Schloss und Schlosspark.

Der jüngste Sohn der ehemaligen Besitzer von Redecker ist oft in Nakomiady, wie Eichmedien polnisch heißt, und sehr schnell ein guter Freund des jetzigen Eigentümers geworden. Stehen die zwei, den Besuchern den Baufortschritt erklärend, nebeneinander, hielte man sie für Brüder. Deutschland und Polen geeint.

Nach der Außenbesichtigung der Pflegerburg in Angerburg (Wegorzewo) bringt uns ein Schiff über den Großen Mauersee nach Lötzen (Gizycko) zur Übernachtung. Die Reise führt uns weiter zum westlichsten Standort einer Burg in Bütow (Bytow). Hier ist nur ein Überblick über die teilweise gut restaurierte Burg von außen möglich. Wir kommen spät an, übernachten im Burghotel und fahren am folgenden Tag voll mit Erlebnissen  und nach vielen guten Tagen zurück nach Lüneburg.

Voller Staunen erinnern wir uns rückblickend an Polen, an das Land, in dem unsere Eltern oder Großeltern geboren wurden und das uns als Ost- bzw. Westpreußen überliefert ist. Wir, als die in West-Deutschland geborene Generation, haben Ostpreußen und Westpreußen nicht gefunden, aber ein Land, das sich seit der „Wende“ sehr gewandelt hat. Nur in ganz entlegenen Landschaften, wie der schon immer wirtschaftlich benachteiligten Kaschubei, findet der Reisende gelegentlich noch halbverfallene Höfe, verrottete Fensterläden und graue Häuser vor. Ansonsten sind die Straßen gut, größtenteils sehr gut ausgebaut, die Häuser farblich gestaltet, die Balkone der ehemals grauen und nun phantasievoll farbig gestrichenen Wohnblocks mit Blumen geschmückt.

Vergangenheit und Zukunft, Fleiß und Ideen, herrliche Landschaften. Ein bewundernswertes Land.