Artikel-Schlagworte: „Agata Kern“

Zwischen Herbstferienprogramm und Schülerreise – Mein Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum

Donnerstag, 13. November 2014
Marie_Schrötke

Marie_Schrötke

Hallo,

ich bin Marie Schrötke und habe gerade zwei Monate Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum gemacht. Das Praktikum gehört zum Abschluss meines Studiums “Museum und Ausstellung” an der Universität Oldenburg.

Während der Praktikumszeit war ich in der Abteilung Bildung und Vermittlung und im Kulturreferat tätig. Für die Museumspädagogik habe ich an dem Konzept für Mitmach-Stationen in der neuen Dauerausstellung mitgearbeitet und einige Formate entwickelt. Das war eine sehr spannende Arbeit, weil ich meine eigenen Ideen einbringen konnte und in ganz neue Themen eingetaucht bin. So hatte ich mich beispielsweise mit der Jagd vorher noch nie beschäftigt. Zum Abschluss meiner Zeit im Museum gab es ein besonderes Highlight. Ich durfte zusammen mit einer Kollegin das Herbstferienprogramm „Farben und Formen“ für Kinder planen und auch leiten. Die Arbeit mit den kleinen Museumsbesuchern von 6 bis 12 Jahren hat mir viel Spaß gemacht.

Auch im Kulturreferat hatte ich vielseitige Aufgaben. Ich habe Pressemitteilungen geschrieben, recherchiert und Anfragen für Veranstaltungen verschickt. Außerdem habe ich interessante Orte für eine Schülerreise nach Ostpreußen gesucht und daraus ein Reiseprogramm erstellt. Schön war auch, dass ich eine Schulklasse bei ihrem Besuch in die Hamburger Kunsthalle begleiten durfte. Dort haben sich die Schülerinnen und Schüler mit dem berühmten ostpreußischen Maler Lovis Corinth beschäftigt.

Für mich war das Praktikum eine gute Erfahrung. Ich konnte mich ausprobieren und viel Neues lernen. Es waren zwei tolle Monate, in denen ich mich unter den freundlichen und hilfsbereiten Museumsmitarbeitern sehr wohl gefühlt habe. Jetzt bin ich gespannt auf die neue Dauerausstellung und ob ich von meinen eigenen Ideen vielleicht einige wiederentdecken kann.

Mit allen Sinnen – Malreise nach Nidden

Donnerstag, 24. Juli 2014
Malkurs

Malkurs

Vor dem Ausflug mit dem Kurenkahn

Vor dem Ausflug mit dem Kurenkahn

Vom Ostpreußischen Landesmuseum angeboten, von Agata Kern, der Kulturreferentin, organisiert, von der in Lüneburg lebenden Künstlerin Gudrun Jakubeit, einer klassischen Aquarellistin englischer Schule begleitet, hatte eine Gruppe von 20 Teilnehmern das Erlebnis, die erste Juliwoche auf der Kurischen Nehrung, in Nidden (Nida), zu verbringen.

Dr. Jörn Barfod, der wissenschaftliche Begleiter dieser Reise, sorgte an fast jedem Reisetag dafür, daß Maler wie auch die kleinere Gruppe der Nichtmaler Informationen erhielten, die die Augen öffneten für all das, was heute aus vergangenen Tagen nicht mehr vorhanden ist. Er beschrieb die früher erste Adresse des Ortes, das Gasthaus Hermann Blode, er zeigte historische Aufnahmen des Fischerdorfes aus den 30er Jahren, und er führte durch den Ort zu Häusern und Plätzen von (kultur-)geschichtlicher Bedeutung. Dadurch gelang der Brückenschlag zum Schwerpunktthema „Künstlerkolonie Nidden“. Die Reiseteilnehmer, so angeleitet, konnten selbst auf Spurensuche gehen, welche der bevorzugten Motive der vielen Künstler, die hier oft Sommer für Sommer tätig waren, in der Spanne von der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1944/45, heute noch zu entdecken sind.

Unsere Gruppe vor dem Hotel Nidos Smilte

Unsere Gruppe vor dem Hotel Nidos Smilte

Unter Anleitung von Frau Jakubeit übten die Maler, die Wolkenspiegelung auf der Wasserfläche des Kurischen Haffs wiederzugeben. Sie saßen im Regenschauer und in brennendem Sonnenlicht auf der Parniddener Düne und versuchten, ihre Farben und Formen auf das Blatt zu bannen. Mit nicht ermüdendem Eifer wurden die sich auf dem historischen Friedhof von Nidden ergebenden An- und Ausblicke gestaltet. Von einigen der teils semiprofessionellen Künstler wurde die evangelische Kirche, der Torbogen, das nahebei stehende Kruzifix mit in die Motivauswahl einbezogen. Den „Italienblick“, seit Jahrzehnten von bildenden Künstlern immer wieder abgebildet, nahmen alle als Herausforderung an. Das Zeichnen und Malen auf dem Schwiegermutterberg, in unmittelbarer Nähe des Thomas-Mann-Hauses, wurde ergänzt durch einen Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses.

Eine Bereicherung des thematischen Reiseschwerpunkts war auch, den vor Vollendung stehenden Film „Nidden – Künstlerkolonie auf der Kurischen Nehrung“ zu sehen und die überarbeitete Fassung von „Thomas Mann – Mein Sommerhaus“ – beides in Anwesenheit des Regisseurs Arvydas Barysas, der obendrein mit einer angenehmen Gesangsstimme, mit litauischen Liedern überraschte.

Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses

Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses

Während die Malgruppe mit Fleiß alle in der Aufenthaltsspanne verfügbare Zeit zum Arbeiten nutzte, profitierten die Nichtmaler gleich mehrfach von Dr. Barfods Kontakten und seinem weitgespreizten Fachwissen. Ein Tagesausflug führte von der Nehrung in eine Kontrastlandschaft – in das Memelgebiet nach Heydekrug (Šilutė) und nach Ruß (Rusnė), überwiegend auf den Spuren des Wirkens des unvergessenen Hugo Scheu. Ihm, dem Ökonomierat und Menschenfreund, ist vor zwei Jahren in Heydekrug vor dem inzwischen aufwendig renovierten Wohnhaus ein beachtliches Denkmal gesetzt worden. Die Heydekrüger Kirche mit ihrem unverwechselbaren Altarbild beeindruckte, und eine Textpassage aus Hermann Sudermanns Erzählung „Jons und Erdme“ schärfte den Blick für die Moor- und Wiesenlandschaft. Noch immer gibt es im Frühjahr den „Schaktarp“!

Das Altarbild in der Heydekrüger Kirche

Das Altarbild in der Heydekrüger Kirche

Ein anderer Tagesausflug führte Dr. Barfod mit den Nichtmalern per Schiff über das Kurische Haff in das Mündungsdelta der Memel. Im Dörfchen Minge gesellte sich der Kunstsammler Alexander Popow mit seinem Enkelsohn und einer Mitarbeiterin zum Grüppchen. Gemeinsam ging es per Kleinbus zum Windenburger Eck (Vente), wo – mit Mitteln aus Töpfen der EU – z. Z. umfangreiche Bauarbeiten stattfinden, an erster Stelle Wegbefestigungen, Treppenanlagen und eine Rekonstruktion und Erweiterung des Gebäudes der Ornithologischen Station. Alexander Popow machte hier deutlich, was ihm – bis 1990 Kapitän der Handelsschiffahrt – diese Landschaft bedeutet. Seit gut zehn Jahren sammelt er Werke von Künstlern, die Motive der Kurischen Nehrung, der Hafenstadt Memel und immer wieder Blicke auf das Kurische Haff (bis 1945) festgehalten haben. Alexander Popow ist Vorsitzender der „Gesellschaft der Freunde Ostpreußischer Kunst Nidden“ (Society of East Prussian Art Lovers’ Nidden), die 2009 in Klaipeda (Memel) gegründet wurde.

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Ein Tagesausflug für alle Teilnehmer zum Besuch der Kunstgalerie Klaipeda (Franz-Domscheit-Galerie) verschaffte einen ersten Eindruck von der Sammlertätigkeit des Alexander Popow. Von den nahe 1.000 zusammengetragenen Werken, die Beispiele für das Schaffen von 300 Künstlern geben, sind hier in mehreren Sälen über 200 Werke ausgestellt, die von gut 100 Künstlern stammen. Dank der Führung von Dr. Barfod gelang es, die „Rosinen“ herauszupicken, zeitgeschichtliche Zuordnungen vorzunehmen, Beziehungen der Maler untereinander aufzudecken und die Besonderheit manch eines Werks herauszustellen. Bei dem Mangel an Zeit für die Betrachtung von so viel Schönheit, Können und Bedeutsamkeit blieb der Trost: Diese Sonderausstellung wird hier noch bis zum 8. Mai 2016 zu sehen sein!

Besuch der Kunstgalerie in Klaipeda

Besuch der Kunstgalerie in Klaipeda

Für einige Mitreisende gab es eine uneingeplante Entdeckung am Rande: Die ausgestellten Teile des umfangreichen Nachlasses von Franz Domscheit (Pranas Domšaitis), die hier in der nun nach ihm benannten Kunstgalerie sehr schön präsentiert werden und Beachtung verdienen. – Eine Führung durch die Altstadt von Memel (Klaipeda) vollendete den Tag.

Bei den auf der Nehrungsstraße zurückgelegten Busfahrten beglückte zweimal der Anblick eines Elchs – wie auch ein in der Ostsee badender Reisegefährte das Glück hatte, einen jungen auf der Düne stehenden Elch zu sehen – und davon ein Beweisfoto zu schießen!

Nidden ist auch heute noch „das Paradies der Maler“ zu nennen – davon ist die Reisegruppe überzeugt. Jeder hätte gern länger darin verweilt. Unter den Arbeitsergebnissen der Malgruppe, die am letzten Aufenthaltstag abends im Hotel „Nidos smilte“ präsentiert wurden, war viel Gelungenes, Überraschendes zu sehen und manches, das im Ansatz hoffen ließ, daß im Nachklang zu dieser Reise noch mehr daraus wird. Geplant ist ein Ausstellungsprojekt „Die Kurische Nehrung mit Maleraugen“ für 2015 in Neumünster.

Die Reisegruppe nutzte die im Zusammenhang mit der Rückreise sich ergebenden wenigen Stunden Aufenthalt in der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, um noch Sehenswürdigkeiten Rigas zu besuchen. Eine gelungene Reise, die nach Wiederholung ruft!

Riga

Riga

Ute Eichler

HH, den 10.07.2014

Gesichter einer Stadt: Eine Schulreise nach Riga

Donnerstag, 10. April 2014

Unsere Gruppe in Rundale

Unsere Gruppe in Rundale

Riga: Die lettische Metropole ist Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2014. Seit Beginn dieses Jahres zahlt man auch in Lettland mit dem Euro. Zwei gute Anlässe, einmal genauer hinzuschauen, was sich in der größten Stadt des Baltikums gerade tut. Der richtige Moment, diese Stadt zu besuchen.

Seit zwei Jahren verbindet das Hansa-Kolleg in Hamburg – ein Gymnasium des Zweiten Bildungsweges, auf dem junge Erwachsene in drei Jahren das Abitur erwerben – und das Ostpreußische Landesmuseum eine Kooperation. Nachdem vor zwei Jahren die Wahl eines gemeinsamen Reiseziels auf Kaliningrad / Königsberg gefallen war, stand nun vom 23.-30. März dieses Jahres bereits die zweite gemeinsame Reise an. 17 Schülerinnen und Schüler zusammen mit Agata Kern und zwei Lehrern des Kollegs fuhren zusammen nach Riga.

„Gesichter der Stadt“ haben wir das Projekt genannt. Wir hätten es auch, in Anlehnung an Rosa von Praunheim, einen der zahllosen bekannten Prominenten, die aus dieser Stadt stammen, „Spurensuche in Riga“ nennen können. Gedacht hatten wir dabei zunächst an die Gesichter der großen Söhne (und Töchter) der Stadt wie Heinz Erhardt, Sergej Eisenstein oder Meinhard von Gerkan; oder an die lange Liste derjenigen, die in Riga gewirkt und hier ihre Spuren hinterlassen haben – wie Johann Gottfried Herder oder Richard Wagner.

Blick von St Petri

Blick von St Petri

Schnell wurde aber klar, dass auch die Stadt selbst mehr als nur ein Gesicht hat. Das eine ist uns scheinbar vertraut. Wir erinnern uns an Lüneburg oder Bremen, das mit der Gründung Rigas vor 800 Jahren eng verbunden ist. Es ist das Gesicht der Hanse und der deutschen Städtebauer des Mittelalters, die hier am östlichen Rand der Ostsee einen letzten Außenposten vor den Grenzen des Russischen Reiches errichteten. Ist dieses ehemals deutsche heute das lettische Gesicht der Stadt? Backsteingotik und Jugendstil in seiner prachtvollsten Form. Und einige markante Blickfänge der Moderne und Gegenwart um sie herum: Wie der fast 400 Meter hohe Fernsehturm oder die gerade neu errichtete Nationalbibliothek, der Altstadt gegenüber auf der anderen Seite der Düna – oder eben auf Lettisch: Daugava.

Jugendstil in Riga

Jugendstil in Riga

Das andere Gesicht zeigte uns unsere lettische Reiseführerin Ilse Sila in der Moskauer Vorstadt. Diese beginnt unmittelbar am östlichen Rand der Altstadt, gleich hinter dem Zentralmarkt, und in ihr wird nun nicht mehr Lettisch, sondern Russisch gesprochen. Die Stadt zerfällt sprachlich in etwa zwei gleich große Hälften, und russisch ist das zweite Gesicht der Stadt. Nun könnte man eine solche doppelte Identität als Chance sehen. Aber es wird eben auch sofort sichtbar, dass sich mit der ethnischen eine soziale Grenze durch die Stadt zieht. Lettland mag, gemessen an mitteleuropäischem Wohlstand, ein eher armes Land sein. Nur: In der Altstadt bemerken wir dies nicht. In der Moskauer Vorstadt kann man es dagegen mit Händen greifen.

Während wir uns noch fragen, wie man in den heruntergekommenen Mietskasernen der Maskavas iela, der Moskauer Straße, überhaupt leben kann, erleben wir aber bereits einen ganz anderen, womöglich noch tiefer gehenden Kontrast: Wir sind zu Besuch bei orthodoxen Altgläubigen. Seit den Zeiten Peters des Großen hat diese Gemeinschaft alle Verfolgungen überstanden und an ihren überlieferten Riten festgehalten. Ein Leben, das fast mönchisch nur aus Gebet und Arbeit zu bestehen und wie aus dem Mittelalter bruchlos in die Gegenwart gelangt zu sein scheint, könnte uns kaum fremder sein. Aber der alte, bärtige Herr, der uns die Riten seiner Glaubensgemeinschaft nahe bringt, hat eine Ausstrahlung, der sich auch der eine oder die andere junge Deutsche anscheinend nicht entziehen kann. – Der gerade mal vielleicht 200 Meter weite Weg von der orthodoxen Messe am Rande der Moskauer Vorstadt zum auf Lettisch gehaltenen lutherischen Gottesdienst in der benachbarten Jesuskirche wirkt auf mich jedenfalls am folgenden Sonntag wie der Weg zwischen zwei Welten, einen ganzen Kontinent voneinander entfernt.

Sieben Tage sind wir unterwegs. Von den beiden Reisetagen abgesehen ist je ein Tag den verschiedenen Gesichtern des multikulturellen Riga gewidmet. Und es stellt sich heraus, dass Riga weit mehr als nur zwei Gesichter hat: Es hat ein lettisches, ein russisches, ein deutsches und ein jüdisches.

Die jüdische Gemeinschaft, die noch 1930 weit mehr als 10% der Stadtbevölkerung ausmachte, hat in der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung das Schicksal aller anderen jüdischen Gemeinschaften Osteuropas teilen müssen und ist heute kaum noch existent. Umso beeindruckender ist die Leistung des fast 90-jährigen Historikers Margers Vestermannis, der, in den 40-er Jahren selbst KZ-Häftling und Partisanenkämpfer, später das Jüdische Museum in Riga aufgebaut hat. Von ihm durch das Museum geführt zu werden, war wohl die größte Ehre, die uns auf unserer Reise zuteil wurde.

Mit dieser Vergangenheit konfrontiert, staunt man als deutscher Besucher mitunter über das wohlwollende Interesse, das in Riga den Deutschen und der deutschbaltischen Geschichte entgegengebracht wird. Besonders eindrucksvoll wurde uns dies deutlich, als wir von lettischen Mitarbeiterinnen des Hauses die Arbeit von Domus Rigensis vorgestellt bekamen: Ein „Deutschbaltisch-Lettisches Zentrums“ hat sich, weitgehend getragen von lettischem Engagement, der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte der Stadt verschrieben; einer großen Geschichte, die 1939 nach fast 750 Jahren ihr Ende fand.

Schwarzhäupterhaus

Schwarzhäupterhaus

Hört sich das alles nach einer Überdosis Geschichtsunterricht an? Wir hatten unseren Spaß in den Restaurants und Kneipen der Altstadt. Wir ließen uns faszinieren von der Atmosphäre der riesigen Markthallen. Und die Sonne schien – nicht nur bei unserem Busausflug nach Rundale und Jurmala. Ein echter Urlaubstag: Im Herrenhaus Rundale an der Grenze zu Litauen – einem Schloss, in dem man den Glanz der Zarenzeit zu spüren vermeint; und im Ferienort Jurmala, wo die Sonne am Ostseestrand einige von uns sogar zu einem Bad im eiskalten Wasser verleitete.

Jurmala

Jurmala

Rundale

Rundale

Bei aller Multikulturalität: Riga ist die Hauptstadt des EU-Mitgliedsstaates Lettland. Eines kleinen Staates mit etwas mehr Einwohnern als Hamburg und einer Fläche von der Größe Bayerns. Einer Nation, die 1918 ihre Souveränität von Russland gewonnen hat, um sie nur zwei Jahrzehnte später wieder zu verlieren. Und die 1991 die Gunst der historischen Stunde genutzt hat, um sich erneut ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Die Geschichte der deutschen und sowjetischen Okkupation wird uns im Okkupationsmuseum erklärt. Ganz unvermeidlich steht die tagespolitische Aktualität im Raum. Lettland gedenkt an diesem Tag der sowjetischen Deportationen des Jahres 1941. Schon beim Festakt vor dem Freiheitsdenkmal sind uns neben den baltischen die ukrainischen Flaggen aufgefallen. Ganz offensichtlich gelten der neuen ukrainischen Regierung die Sympathien der Letten. Und ganz offensichtlich erkennt man hier in Riga im Schicksal der Ukraine das eigene wieder. Lettland ist ein modernes europäisches Land. Es feiert seine Modernität mit dem Titel der Europäischen Kulturhauptstadt. Und es demonstriert seine Zugehörigkeit zu Europa mit der Einführung des Euro. Aber auf unsere Frage, ob das, was in der Ukraine geschehe, in Riga Angst auslöse, antwortet unsere junge lettischen Museumsführerin mit einem einfachen: „Ja.“

Ja – es war der richtige Moment, diese Stadt zu besuchen.

Wir danken dem Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum, das uns diese Reise ermöglichst hat; wir danken Ilse Sila, die uns eine Woche lang immer freundlich und kompetent ihre Heimatstadt nahe gebracht hat; und wir danken ganz besonders Agata Kern, die uns begleitet und diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Holger Wendebourg

(Lehrer am Hansa-Kolleg, Hamburg)

St. Petersburg und die Deutschen

Montag, 2. Dezember 2013

Das Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, das Reisebüro Russland Reisen Romanova und die Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „DEUTSCH RUSISSCHES BEGEGNUNGZENTRUM – drb“ haben eine Studienreise par ex­cel­lence nach St. Petersburg angeboten.

Reisebericht von Regina Gronau

Unter der bewährten Regie von Natalia Romanova (Russland Reisen Romanova, Hamburg) und Agata Kern (Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg) war dieser Reise bereits in der Planung der Erfolg sicher. Insgesamt 20 Teilnehmer erlebten wundervolle geschichtsträchtige Tage in Piter, dem im russischen Sprachgebrauch häufig genannten Kurznamen der Stadt St. Petersburg.

St. Petersburg abseits üblicher touristischer Pfade war ein unwahrscheinliches Erlebnis. Nach dem Einchecken im „Golden Triangel Boutique Hotel“ am Nachmittag des 22. August 2013 begannen erlebnisreiche Tage, die mit einem herzlichen Empfang von der Stiftungsleiterin Arina Nemkowa und Irena Bijagowa, Leiterin der Bildungs- und Kulturprojekte im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum, eröffnet wurden. An einer reichlich gedeckten Tafel genossen wir nach einer Einführung musikalische Darbietungen in Deutsch und Russisch – gesungen vom deutschen Liederkreis „Lorelei“ unter der Leitung von Natalia Kraubner.

Am 23. August 2013 trafen wir uns wieder im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum.

Im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum

Treffen im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum

Unter anderem sahen wir einen sehr aufschlussreichen Film („Vorbild und Sündenbock“), über die wechselhafte Geschichte der Russlanddeutschen vom Beginn der Besiedlungspolitik durch Zarin Katharina II. bis in das 20. Jahrhundert. Ein Film, den man in Deutschland vor allem in den Schulen zeigen sollte, um vielen Missverständnissen zu diesem Thema zu begegnen. Anschließend folgte ein Rundgang in der evangelisch-lutherischen Petri-Kirche inklusive der Katakomben. Fast so alt wie St. Petersburg diente sie bis auf die Sowjetzeit als Gotteshaus. 1962 wurde sie zu einem Schwimmbad umgebaut. Seit Juni 1993 feiern die St. Petri- und St. Annen-Gemeinde hier wieder ihre Gottesdienste. Im Kellercafé der evangelisch-lutherischen Marienkirche der finnischen Gemeinde wurden wir dann zum Mittagessen erwartet, um anschließend von dort zu einer Stadtrundfahrt “mit deutschem Bezug” aufzubrechen.

Mittagessen im Kellercafe der Marienkirche

Mittagessen im Kellercafé der Marienkirche

Sachkundig begleitete uns die Stadtbildleiterin Wiktoria Safonowa, die uns nicht nur die architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt erklärte, sondern vor allem in der Peter-Paul-Kathedrale die Begräbnisstätte der Zaren mit vielen erklärenden Geschichten nahebrachte. Dann bekamen wir etwas feuchte Augen, als das Glockenspiel der Kathedrale uns mit dem Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“ von Gerhard Tersteegen empfing. Mit dem Abendessen im Hotel beendeten wir einen ereignisreichen Tag.

Der 24. August 2013 war der Geschichte der deutschen Kolonien am Beispiel von Strelna-Neudorf gewidmet. Mit der Gründung der Siedlung Neudorf in der Nähe der ehemaligen Siedlung begann ein neues Zeitalter der deutschen Kolonisten. Ein Ort mit vielen gepflegten Häusern und Gärten, einer durchgehenden Straße von einer Beschaffenheit, die man bei uns in Deutschland schon suchen muss. Heute ist Neudorf eine Sonderwirtschaftszone, wo unter anderem deutsche Kühlschränke der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH gebaut werden. Die Werke befinden sich am Platz der ehemaligen deutschen Kolonie Strelna, die 1810 gegründet wurde und während des zweiten Weltkrieges völlig verschwand.

Besuch in Strelna

Besuch in Strelna

Den luth. Friedhof in der ehemaligen „Oberen Kolonie“ im Dorf Gorbunki besuchten wir anschließend. Das Mittagessen genossen wir im Restaurant Letnij dvoretz in der Sankt Petersburgskoje Chaussee. Ein palastartiges Gebäude mit einem großen Speisesaal empfing uns, und wir ließen uns verwöhnen – bis es weiter ging nach Peterhof, dem „russischen Versailles“. Von der Palastterrasse kann man über den rund 400 Meter langen Wasserkanal bis zum Finnischen Meerbusen blicken.

Parkanlage des Peterhofs, der ehemaligen Zarenresidenz

Parkanlage des Peterhofs, der ehemaligen Zarenresidenz

Der Besuch der Schloß- und Parkanlage und des Schlösschens Montplaisir war ein großartiges Erlebnis.

Für den 25. August 2013 – ein Sonntag – stand die Fahrt nach Puschkin auf dem Programm. Nach dem eindrucksvollen Rundgang im Katharinenpalast mit Wiktoria Sofanowa war natürlich das sagenumwobene Bernsteinzimmer für uns alle der Höhepunkt. Ich durfte 1942/43 das Bernsteinzimmer im Königsberger Schloss sehen und war etwas enttäuscht, dass es jetzt so klein war. Aber ich vergaß, dass ich damals 12 Jahre alt war und sich die Dimensionen mit dem Erwachsenwerden etwas verändern. Und doch war es für mich etwas ganz Besonderes – eine Erinnerung, die greifbar geworden war. Um 18:00 Uhr trafen wir uns zu einer Fluss- und Kanalfahrt, wo man lt. Programm das „Venedig des Nordens“ aus einer ganz besonderen Perspektive kennen lernen konnte. Das Abendessen im Hotel beendete einen wunderschönen Tag.

Für Montag, den 26. August 2013 war ein runder Tisch zum Thema „250 Jahre Einladungsmanifest der Zarin Katharina der Großen zur Niederlassung der ausländischen Kolonisten in Russland“ geplant. Die Moderation übernahm Dr. Irina Tscherkasjanowa.

Referent/-innen waren: Dr.Tatiana Schrader, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Peter der Große-Museums für Anthropologie und Ethnographie (Kunstkammer) Akademie der Wissenschaften Russlands: „Die Entstehung der Kompaktsiedlungen der Deutschen Kolonisten bei Petersburg und ihre Entwicklung bis zum Anfang des 20. Jh.“

Dr. Irina Tscherkasjanowa, Mitglied des Vorstandes der Internationalen Assoziation der Forscher der russlanddeutschen Geschichte und Kultur beim Internationalen Verband der Deutschen Kultur (IVDK), Moskau: „Die Leningrader Deutschen während des zweiten Weltkrieges.“

Dr. Biologie, Professor Microbiologie Irina Arkhiptschenko-Eidemiller, das wissenschaftliche Forschungsinstitut an der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften der RF: „Die Geschichte des deutschen evangelisch-lutherischen Friedhofs in Strelna aus dem Blickwinkel des Nachfahrens.“

Andrej Reimann, Vorsitzender des St. Petersburger Ausschusses für Landschaftsarchitektur des Architektenverbandes der RF: „Deutsche Kultur in der Gartenkunst in St. Petersburg.“

Ein umfangreiches Programm, das nur mit dem Simultan-Dolmetscher Dr. Vladimir Kornev zu bewältigen war.

Wenn man alles Revue passieren lässt, dann wundert man sich, dass Russland und Deutschland nicht enger zusammenrücken können. Viele Deutsche sehen St. Petersburg als ihre Heimat an und pflegen seit Jahrhunderten hier ihre Traditionen – wie auch die Russen, die aus ihrem riesigen Reich hier gelandet sind. Zarinnen kamen aus Deutschland und auch am Hofe waren die Deutschen selbst gern gesehen – vor allem die Architekten.

Besonders beeindruckend war die Dauerausstellung „Deutsches Leben in St. Petersburg“ in der Petrikirche über die Geschichte der Deutschen in St. Petersburg.

In der Petri-Kirche, die 1962 zu einem Schwimmbad umgebaut wurde

In der Petri-Kirche, die 1962 zu einem Schwimmbad umgebaut wurde

Ein Überraschungsgast fand sich an diesem Nachmittag auch noch ein, der MARCO POLO Autor Lothar Deeg. Er arbeitet als freier Russland-Korrespondent für Printmedien und als Redakteur der Web-Zeitung „Russland-Aktuell“. Seit 1994 lebt er in St. Petersburg und empfindet sich als „Petersbürger“ mit deutschem Pass. Nach dem Abendessen im Hotel erwartete uns ein Ballettabend im Alexandrinski Theater.

Unsere Gruppe vor dem Alexandrinski-Theater

Unsere Gruppe vor dem Alexandrinski-Theater

DasTatschkin-Ballett entführte uns mit dem Tschaikowsky-Klassiker “Schwanensee” in eine Märchenwelt.

Der nächste Tag, der 27. August 2013, stand uns für eigene Pläne zur Verfügung. Einige Teilnehmer wollten zur Eremitage, andere schlossen sich den Damen Romanova und Kern an, die mit uns ein echtes russisches Restaurant auf dem Newski Prospekt besuchten. Die Pelmenis schmeckten vorzüglich! Leider wartete an diesem Abend schon das Abschlusstreffen auf uns. Noch einmal gab es eine russische Tafel und eine Filmvorführung über die verlorenen Schätze der Romanovs. Wunderschöne Tage in St. Petersburg gingen zu Ende – die Erinnerung wird uns noch lange begleiten.

Mit einem herzlichen „Dankeschön“ an alle, die uns durch ihre Hilfe und Begleitung dies alles möglich gemacht haben, danke an Arina Nemkowa, Irena Bijagowa und Wiktoria Safonova für sachkundige Informationen und russische Herzlichkeit sowie Natalia Romanova und Agata Kern für eine hervorragend konzipierte Studienreise und ihre persönliche Sorgsamkeit für alle Teilnehmer – auch im Namen meiner Freundin Helga Albrecht

Regina Gronau

100 Jahre in 7 Tagen. Leben und Wirken von Willy Brandt

Freitag, 28. Juni 2013

Organisiert wurde die Veranstaltung vom Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg (unter Leitung von Agata Kern) in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat für Pommern am Pommerschen Landesmuseum (unter Leitung von Magdalena Gebala) in Greifswald.

Auf Tour und Spurensuche in Berlin und Warschau gingen neben einer Gruppe von  Gymnasiasten der Wilhelm-Raabe-Schule in Lüneburg auch Schüler des Alexander-von-Humboldt Gymnasiums in Greifswald.

Der Titel der Studienreise hielt was er versprach. Nachzulesen ist das gesamte Programm in diesem Reisetagebuch. Respekt!

Lars Brandt, zweiter von drei Söhnen des berühmten Politikers, hielt Mitte Mai im OL eine Lesung. Diese Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule waren zu Gast, um sich auf die Studienreise vorzubereiten.

Lars Brandt, zweiter von drei Söhnen des berühmten Politikers, hielt Mitte Mai im OL eine Lesung. Diese Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule waren zu Gast, um sich auf die Studienreise vorzubereiten.

Arno Surminski am Hansa-Kolleg in Hamburg

Donnerstag, 3. Januar 2013

Am 22. November fand das erste große Projekt in einer neuen Kooperation des Kulturreferates am Ostpreußischen Landesmuseum mit dem Hansa-Kolleg Hamburg einen letzten Höhepunkt. Im Mai dieses Jahres waren 19 Schülerinnen und Schüler, die im Zweiten Bildungsweg das Abitur anstreben, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin Agata Kern für sechs Tage nach Kaliningrad gereist. Über diese eindrucksvolle Reise haben wir bereits am 15. Juni 2012 im Blog berichtet.

Eingerahmt wurde dieses Reiseprojekt, das unter dem Motto „Von Kaliningrad nach Königsberg – Auf den Spuren von Marion Dönhoff“ stand, von zwei Veranstaltungen mit prominenten Ehrengästen. Nachdem am 29. Februar bereits Tatjana Gräfin Dönhoff bei der Vorstellung des Projekts vor Schülern des Hansa-Kollegs und der Lüneburger Wilhelm-Rabe-Schule gesprochen hatte, war nun bei der feierlichen Abschlussveranstaltung in der Aula des Hamburger Hansa-Kollegs Arno Surminski zu Gast.

Vorstellung der Studienreise

Vorstellung der Studienreise

Eines der eindrücklichsten Erlebnisse auf unseren Fahrten durch das Kaliningrader Gebiet war ganz sicher der Besuch der Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Palmnicken. Vielen der Schüler waren die grausamen Geschehnisse des Januars 1945 aus der Lektüre von Arno Surminskis Roman „Winter Fünfunvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“ bereits vor der Reise bekannt. Es war ein strahlender Frühlingstag, als wir auf unserer Reise das Mahnmal besuchten, das am weißen Ostseestrand an die Ermordung von 3000 jüdischen Frauen aus dem KZ Stutthoff durch Angehörige der SS erinnert – weitere 4000 Frauen hatten zuvor bereits den Todesmarsch nicht überlebt. Der friedliche Frühling an der Ostsee im Jahre 2012 – und der grausame Winter an genau der gleichen Stelle im Jahre 1945: Das war vermutlich der heftigste Kontrast auf dieser an Kontrasten überreichen Reise.

Lesung von Arno Surminski

Lesung von Arno Surminski

So war es für das Hansa-Kolleg ein ganz besonderes Glück, dass Arno Surminski sich bereit erklärte, in die Schule zu kommen und vor den Reiseteilnehmern und den Kollegiaten des Eingangsjahres aus seinem Buch zu lesen. Was an der Gedenkstätte, zumal bei Sonnenschein über der Ostsee, kaum fassbar erscheint, wird bei der Lesung plötzlich anschaulich. Die ermordeten Frauen bekommen Namen und Schicksale, und für einen Moment glauben wir, ihnen nahe zu kommen. Auf seine Weise ist Arno Surminskis Roman ein zweites Mahnmal für die ermordeten Frauen – eines nicht aus Stein, sondern aus Worten – und gerade dadurch viel fassbarer als das sichtbare Mahnmal am Strand im Norden Ostpreußens.

Die Schüler nutzten die Gelegenheit, den Autor nach seinen eigenen Erinnerungen an Ostpreußen zu fragen und zu erfahren, wie ein literarisches Werk wie dieser Roman entsteht. Am Ende der Veranstaltung stand die Preisverleihung an die Gewinner des Fotowettbewerbs, dem sich die reisenden Kollegiaten gestellt haben. Auch hier war das Motto: „Von Kaliningrad nach Königsberg“. Die Gewinner des ersten Preises haben das Thema auf ganz unterschiedliche Weise gelöst:

Während sich in der Fotographie von Thorben Beller im Fenster eines heruntergekommenen Kaliningrader Plattenbaus die Ruine eine Backsteinhauses aus deutscher Zeit spiegelt, lässt Richard Schuster vor dem im Dunkeln angestrahlten, aus Ruinen wiedererstandenen Königsberger Dom mit dem Lichtschein einer Taschenlampe den Schriftzug „Kaliningrad“ leuchten. Vergangenheit und Gegenwart; aber eben auch: Verfall und Zuversicht, vielleicht sogar ein wenig neuer Glanz – sie spiegeln sich auch in den Wettbewerbsbeiträgen der Kollegiaten. Es war eine Ehre für die Schule, dass die fünf Preisträger ihre Preise aus den Händen von Arno Surminski entgegennehmen konnten.

Wir schauen zurück und gleichzeitig nach vorn: Das erste große Projekt in der Kooperation zwischen Kolleg und Kulturreferat ist zuende. Aber weitere, kleine wie große, Projekte werden folgen. Und die Schüler des Eingangsjahres, die an diesem Vormittag zu Gast waren, konnten einen ersten Eindruck bekommen von dem, was sie in eineinhalb Jahren erwartet: Denn dann werden wir uns erneut auf den Weg machen, um Spuren des Vergangenen, vor allem aber die lebendige Gegenwart bei unseren östlichen Nachbarn zu erleben.

Holger Wendebourg (Lehrer am Hansa-Kolleg)

Worte wurden Brücken. Klaus Bednarz in Lüneburg

Donnerstag, 29. November 2012

Am Mittwoch, dem 28. November, empfing das Ostpreußische Landesmuseum einen der bekanntesten deutschen Journalisten – Klaus Bednarz – in der Handwerkskammer Lüneburg.

Bednarz war lange Zeit ARD-Korrespondent in Warschau und Moskau, Leiter des Politmagazins “Monitor” und Chefreporter des WDR. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Fernsehdokumentationen über Russland, Polen und Ostpreußen.

Dr. Mähnert, Direktor des OL, eröffnete die Veranstaltung. Im Hintergrund Heinrich Böll und Lew Kopelew.

Dr. Joachim Mähnert, Direktor des OL, eröffnete die Veranstaltung. Im Hintergrund: Heinrich Böll und Lew Kopelew.

Thema des Abends in Lüneburg war jedoch nicht er selbst, sondern Lew Kopelew, der berühmte russische Germanist, Philosoph und Schriftsteller, der 2012 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Als Klaus Bednarz 1977 ARD-Korrespondent in Moskau wurde, machte ihn Fritz  Pleitgen, sein Vorgänger auf diesem Posten, mit Lew Kopelew bekannt. Daraus erwuchs eine enge Freundschaft, die auch nach Kopelews  Ausbürgerung aus der Sowjetunion 1981 weiter gepflegt wurde. Klaus Bednarz erzählte von seinen Begegnungen mit Lew Kopelew und gab einen intensiven, lebendigen Einblick in das Leben dieses berühmten Mannes und großen Menschenfreundes.

Klaus Bednarz während seines Vortrags. Im Hintergrund: Lew Kopelew.

Klaus Bednarz während seines Vortrags. Im Hintergrund: Lew Kopelew.

Dabei wurde den Zuhörern anhand von zahlreichen großen und kleinen Begebenheiten das Bild eines Menschen gezeichnet, für den Mitmenschlichkeit immer an erster Stelle stand. Kopelew hatte einen großen, weit vernetzten Freundeskreis, der in Deutschland bis zu Heinrich Böll oder Marion Gräfin Dönhoff reichte. So war es auch keine Seltenheit, dass er seine Kontakte nutzte, um Menschen zu helfen, indem er beispielsweise über ARD- Korrespondenten Medikamente aus Deutschland nach Moskau holte, um diese dann über weitere Mittler zu Gefangenen in Gulags in Sibirien zu bringen.

Klaus Bednarz und Agata Kern, die Kulturreferentin des OL

Klaus Bednarz und Agata Kern, die Kulturreferentin des OL

“Worte werden Brücken”, Kopelew lebte diese Worte, seine Worte. Kopelew liebte die deutsche Sprache, Literatur und Kultur, er kämpfte für die Abschaffung von Streubomben, setzte sich für die Völkerverständigung und für die Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen ein, verpasste nie die Tagesschau und meinte, dass Bednarz einen Fernseher reparieren könne, weil er beim Fernsehen arbeite. All das und wohl vieles mehr war Lew Kopelew. Am Ende der Veranstaltung hatten die Zuhörer nicht nur zahlreiche neue Einzelheiten aus dem Leben Kopelews erfahren, sie konnten auch den Menschen ein wenig kennenlernen.

Wer mehr über Lew Kopolew erfahren möchte, dem empfiehlt Klaus Bednarz Kopolews autobiographisches Buch “Aufbewahren für alle Zeit”, in dem er seine Erlebnisse aufgeschrieben hat. Leider ist Kopelew in Russland weitaus weniger bekannt als in Deutschland. Aber auch hierzulande lässt der Bekanntheitsgrad nach.

Vielen Dank für den Eintrag ins Gästebuch

Das OL als "Brückenpfeiler für Kulturaustausch und Völkerverständigung"

Klaus Bednarz war bereits vor 10 Jahren Gast des Ostpreußischen Landesmuseums und wieder hat es ihm gut gefallen. In seiner augenzwinkernden Art bemerkte er, dass kein Besucher den Saal verlassen hätte, “ein gutes Zeichen”. Eine wirklich gelungene Veranstaltung. Und nicht zuletzt lobte Bednarz auch die  Arbeit des OL insgesamt als Brückenpfeiler für Kulturaustausch und Völkerverständigung.

Da sagt das OL doch: Vielen Dank!

Mal- und Kulturreise nach Masuren/Steinort vom 11.9. – 18.9.2012 – ein Reisebericht

Donnerstag, 15. November 2012

Reiseleitung: Frau Agata Kern, Kulturreferentin für Ostpreußen und das Baltikum am OL in Lüneburg

Künstlerische Leitung: Gudrun Jakubeit, aus dem Atelier Gudrun Jakubeit in Lüneburg

Auf geht´s! Mit Malausrüstung im Reisegepäck trafen sich am 11.September 2012 neun Malkursteilnehmer, drei Mitreisende und die Reise- und Kursleitung in den Morgenstunden am Hamburger  Flughafen. Warschau war das Flugziel und dann ging es mit einem Kleinbus durch die polnische Landschaft bis zum Ziel, der masurischen Seenplatte.

Das Schloss in Steinort samt Malkursteilnehmer

Die letzte Stunde der Anreise entschädigte das hungrige Malerauge für den langen Reisetag: Ankommen in Ostpreußen in der goldenen tiefstehenden Abendsonne. Die kleine Straße schlängelte sich durch sanfte Hügel mit schwerem frisch gepflügtem Ackerboden, Seenlandschaften, deren Wasserfarbe von Türkis über Indigoblau bis Tiefschwarz reichte und das Glitzern des Lichtes, das gleich weißen Perlen über die Oberfläche huschte. Dazu gab es Birkenwälder, wie hingeworfene vertikale weiße Linien, deren Spiegelungen  kaum malerischer auf den dunklen Wasserflächen von einem Künstler hätte komponiert werden können.

Am nächsten Morgen gab es die ersten Unterrichtsstunden Pleinair am Mauersee:  Kennenlernen des Aquarellkastens, im 10 –Minutentakt mussten die ersten fünf praktischen Übungen bewältigt werden. Noch waren die bestaunten Landschaften frisch in der Erinnerung und konnten so, ohne theoretische Fachlehre, aus der Tiefe der eigenen Empfindung ungestört aufs Papier gebracht werden. Der Zauber des Anfangs ist immer wieder eine köstliche Erfahrung bei jeder Malreise. Sehr konzentriertes Arbeiten. Die Kursteilnehmer sind glücklich erschöpft, die Kursleiterin ist zufrieden.

Am Nachmittag wurde das Wetter etwas zu feucht, um die Malschule im Freien fortführen zu können. Frau Kern konnte sehr spontan eine Führung in Steinort im und um das Schloss der Familie Heinrich Graf von Lehndorff organisieren. Piotr Wagner von der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz erklärte uns die Geschichte des Schlosses und dessen aktuellen Zustand. Tief bewegt und durch das Buch „Doppelleben – Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Wiederstand gegen Hitler und von Ribbentrop“ von Antje Vollmer sehr gut vorbereitet, konnten alle Schlossbesucher den Atem der Geschichte noch aus jeder Pore des Bauwerkes spüren.

Schloss Steinort: Das historische Treppenhaus

Am folgenden Tag ging es zu einem Ausflug nach Allenstein. Eine kompetente Führerin leitete die Burg- und Stadtbesichtigung. Kulinarische Genüsse in einem typischen polnischen Restaurant ließen den Regen fast vergessen. Der Malblock musste an diesem Tag in der Tasche bleiben. Abends wurde sich am Kamin in den Ferienhäusern gewärmt.

Am nächsten Morgen ging über dem Feriendorf Mamry wieder die Masurische Sonne auf. Zur größten Bewunderung der Kursleiterin gingen fast jeden Morgen einige der Mitreisenden vor dem Frühstück im Mauersee schwimmen. Wer so mutig vor der Unterrichtsstunde schon ohne zu zögern in das Motiv abtaucht, der kann nur gestärkt sich später diesem Motiv mit Pinsel und Stift nähern.

Auf der Terrasse mussten die Hausaufgaben gemacht werden. Das kleine Einmaleins der Farbenlehre, kalte und warme Farben, reine und getrübte Mischungen und perspektivische Wirkung, unterstützt durch die Farbenlehre, wurden erarbeitet. Dazu wärmte die Masurische Sonne den Rücken. In der Verschnaufpause erhielt das hauseigene Gästebuch die Ehre einer gemalten Eintragung.

Nach der Theorie folgte die Praxis. Von dem Ausflug nach Allenstein wurden Postkarten mitgebracht und unterstützten das Gedächtnis beim Zeichnen der Stadtansichten. Doch womit sollte man anfangen? Erst den Himmel farblich anlegen oder erst eine Vorzeichnung fertigen? Und wenn ja, mit dem Pinsel und Farbe oder doch lieber mit einem Bleistift? Ein Reiseskizzenbuch unterstützte die Erinnerung. Architekturdarstellung, Backsteingotik in Ostpreußen, alte Stadttore, Giebel und Türme oder doch lieber grüne Botanik? Jetzt hatte alle das Malfieber gepackt. Es wurde bis zum Sonnenuntergang gearbeitet. Persönliche Korrekturgespräche brachten jeden Einzelnen über seine eigenen Grenzen hinaus.

Gudrun Jakubeit übernahm die künsterlische Leitung

Der folgende Tag knüpfte an die Malfreude an, und der Ausflug nach Rastenburg begann mit einer schnellen Aquarellskizze vor Ort. 45 Minuten durfte die Maleinheit dauern, bevor es zur Kirchen- und Burgführung weiterging. Für die warmgelaufenen Maler mittlerweile kein Problem. Am Ende schloss die Bildbesprechung mit dem „Strecke legen“ traditionell die Übungseinheit ab. Der folgende Besuch der Kirche Heilige Linde mit einem kleinen Orgelkonzert lieferte ein nettes Unterhaltungsprogramm als Abwechslung zu dem intensiven Malunterricht.

Welch ein Luxus: ein ganzes Ausflugsschiff stand für uns als Malgruppe den ganzen Tag zur Verfügung! Der Kapitän holte uns mit dem Malgepäck am Privatbootssteg des Feriendorfes ab und los ging die Fahrt über die Masurische Seenplatte. Zuerst hieß es unter Deck, wettergeschützt die Baustelle einrichten. Gute Panoramafenster gaben den Blick auf die Wolken, die Uferkanten und die Weite der Seenplatte bis zum Horizont frei. Angeleitete Übungen zum Motiv ließen gar nicht erst Fragen aufkommen.

Am 7. Tag der Mal- und Kulturreise ging es noch einmal nach Steinort, zum Schloss der Familie von Lehndorff. Bei dem ersten Besuch hatte uns Piotr Wagner das Konzept zur Rettung  und Nutzung durch die Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz vorgestellt. Nun hatten alle genügend Zeit und Sonnenlicht, um mit dem Malerauge den Genius loci dieses besonderen Ortes zu erfassen. Es wurde ein sehr kreativer Vormittag, der wunderbar passend die ersten düsteren Begegnungen mit Steinort in ein hoffnungsfrohes abschließendes Licht tauchte. Endlich waren die Maler zufrieden.

Die große Werkschau krönte als Abschlussausstellung den letzten Tag der Malreise. Es war ein ergreifender Moment, als alle in dieser Woche entstandenen Bilder von allen Teilnehmern präsentiert und besprochen wurden. Weit über 50 Werke zeugten von einem sehr intensiven und kreativen Schaffensprozess. Die Künstlerin bedankte sich bei ihren Schülern für das ihr entgegengebrachte Vertrauen. Sie gab konstruktive Kritik und Tipps und konnte zusammen mit Frau Kern mit der gesamten Gruppe auf eine gelungene Reise und die Freude am Malen mit einem Glas Sekt anstoßen.

Eine weitere Mal- und Kulturreise des Kulturreferats am Ostpreußischen Landesmuseum im Mai 2013 nach Krakau in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Gudrun Jakubeit ist in Planung.

Bitte wenden Sie sich an Frau Kern, Tel: 04131 – 7599515

oder an das Atelier Gudrun Jakubeit, Tel: 04131 – 603555

Herzlicher Empfang in Kaliningrad für die Teilnehmer der ersten Lesereise des Ostpreußischen Landesmuseums und Russland Reisen Romanova

Freitag, 19. Oktober 2012

Mit Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann und Hans Graf zu Dohna

Ob im Deutsch-Russischen Haus, im Dohnaturm oder in Jantarny / Palmnicken, überall waren die deutschen Gäste willkommen und wurden die Lesungen von der russischen Bevölkerung und der Presse mit großem Interesse begleitet.

Die Reisegruppe am Kant Denkmal

Die Reisegruppe am Kant Denkmal

Freitags wird auch in Russland geheiratet. Jedes Kaliningrader Hochzeitspaar lässt sich am Dom und vor der Grabstätte Kants für die Familienalben ablichten. Denn gestern wie heute wird der Königsberger Philosoph von Russen und Deutschen gleichermaßen verehrt. Die Reisegruppe aus Deutschland fand Gefallen an einem der schönen Brautpaare und fotografierte es begeistert. Geschmeichelt von so viel Interesse, stellte es sich zu der Gruppe für weitere Fotos, denn das war ein ganz besonderes Motiv.

Solche und andere Begegnungen waren charakteristisch für die erste Lesereise nach Kaliningrad/Königsberg vom 27.09.-02.10.2012 organisiert vom Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg und Russland Reisen Romanova. Es war ein Besuch unter freundlichen, herzlichen und offenen Menschen.

Ein russisches Hochzeitpaar mit den Teilnehmern der Reise

Ein russisches Hochzeitpaar mit den Teilnehmern der Reise

Bereits am ersten Tag nach der Anreise empfing Direktor A. P. Portnjagin vom Deutsch-Russischen Haus seine Gäste. Daniel Lissner, Kulturreferent des Deutschen Konsulates, betonte seine Verbundenheit und nannte Arno Surminski („Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken“) den Grand Seigneur des Ostpreußenromans. Stephanie Kuhlmann („Hoffnung heißt Nadjeschda“) als Vertreterin der jüngeren Generation begrüßte ihre Gäste mit einer Ansprache auf Russisch: „Ich habe lange davon geträumt, in der Heimat meines Vaters vor russischem Publikum aus meinem Roman zu lesen, jetzt ist dieser Traum wahr geworden.“ Arno Surminski hatte im Deutsch-Russischen Haus, das für Verständigung steht, schon öfter gelesen. Zu den Besuchern der Lesung gehörten neben der deutschen Reisegruppe Russlanddeutsche, Studenten, Schriftsteller und Pressevertreter.

Einzigartige Natur und große Gesten im Dohnaturm

Die Kurische Nehrung zeigte sich auf der Reise bei schönstem Sonnenschein, sodass von der Epha-Düne aus eine gute Sicht bis nach Litauen möglich war. In der Außenstation der Vogelwarte Rybatschi / Rossitten konnten die Reiseteilnehmer die wissenschaftlichen Arbeiten hautnah miterleben. Der Ornitologe Prof. Leonid Sokolov demonstrierte die Beringung an Goldhähnchen, Tannenmeise und einer Eule. In Rossitten lud das Ufer am Kurischen Haff zu einer Erholungspause ein.

Ornitologe Prof. Leonid Sokolov

Ornitologe Prof. Leonid Sokolov

Ein weiteres Highlight der Reise war der herzliche Empfang im Dohnaturm. Dort bekam die Gruppe zunächst eine Führung durch die Bernsteinsammlung. Hans Graf zu Dohna hielt einen sehr persönlichen Vortrag über seine Familiengeschichte. Die stellvertretende Direktorin des Museums, Natalia Schewtschuk sagte in ihrer Begrüßungsrede: „Jeden Tag erwähnen wir Ihren Namen bei unseren Führungen, weil sich das Museum im Dohnaturm befindet.“ Das Interesse an dem adligen Autor war von Seiten des Museums und der örtlichen Presse sehr groß. Dohna hat ein beeindruckendes Buch über seine ostpreußischen Vorfahren geschrieben. Gedankt wurde ihm mit Gastgeschenken und einer besonders großen Geste: „Wenn Sie damit einverstanden sind, werden wir ein Dohnazimmer errichten, in dem wir Ihre Dokumentationen ausstellen.“

Hans Graf zu Dohna im Dohnaturm

Hans Graf zu Dohna im Dohnaturm

Sichtlich gerührt betonte Graf Dohna, er habe, nachdem er bei seinen ersten Reisen ein großes kulturelles Loch über dem Kaliningrader Gebiet vorgefunden hatte, nun das Gefühl, seine Heimat wiedergefunden zu haben. Avenir Ovsjanov, Heimatforscher und Autor zahlreicher Bücher, war ebenfalls gekommen und erklärte, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, die in einer Liste aufgeführte „Beutekunst“ aus dem Schloss Schlobitten aufzuspüren.

Dunkle Seiten der Geschichte und Begegnungen an der Kantuniversität

Der einzige Tag mit Regen und Sturm stand unter einem bewegenden Thema. In Palmnicken bewegte sich die Gruppe auf den Spuren des so genannten Todesmarsches, der im Januar 1945 mit der Massenerschießung von tausenden von jüdischen Frauen bei der an der Ostsee gelegenen Annagrube endete. Nach dem Besuch des örtlichen Bernsteinkombinats versammelte sich die Gruppe an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmnicken.

Mit Arno Surminski an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmicken

Mit Arno Surminski an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Palmicken

Im Kulturhaus fand im Anschluss eine Lesung mit Arno Surminski aus seinem Buch „Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken“ statt. Interessierte Zuhörer waren die Vertreterin der Stadtverwaltung, Irina Ivanova, die Journalistin Valentina Lutschnikowa sowie die Deutschlehrerin Natalia Sopovo mit ihren Schülern. Entspannte Stunden genossen die Teilnehmer im mondänen Ostseebad Swetlogorsk / Rauschen.

Nach der Lesung in Palmnicken mit den Schülern der dortigen Schule

Nach der Lesung in Palmnicken mit den Schülern der dortigen Schule

In der Kantuniversität hielt das ungewöhnliche Autorengespann am letzten Tag seine Abschlusslesung. Eingeladen waren neben den Germanistikstudenten auch andere Interessierte. Ein Teilnehmer der Reise, Professor Martin Teising, Rektor der International Psychoanalytic University Berlin (kurz: IPU Berlin), hielt eine Ansprache, in der er die russischen jungen Leute nach Deutschland zu einem Austausch einlud. Die Dozentin Elena Gordeeva freute sich über das Angebot und betonte die Wichtigkeit solcher Veranstaltungen und Programme für die deutsch-russische Verständigung. Bei Stephanie Kuhlmann bedankte sie sich für ihr Werk, da es das Kaliningrader Gebiet in ein positives Licht rücke.

Lesung an der Kantuniversität - Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann, Hans Graf zu Dohna (von links)

Lesung an der Kantuniversität - Arno Surminski, Stephanie Kuhlmann, Hans Graf zu Dohna (von links)

Natalia Romanova, Inhaberin des Reisebüros Russland Reisen Romanova, und Kulturreferentin Agata Kern vom Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg sind sich einig: „Wir wollen auf jeden Fall im nächsten Jahr um die gleiche Zeit eine weitere Lesereise nach Kaliningrad veranstalten.“ Der eine oder andere aus der Reisegruppe hat bereits sein Interesse dafür bekundet. Der ortskundige deutschsprachige Reiseleiter Evgenij Snegovskij, der die Gruppe an allen Tagen begleitete, forderte dazu auf: „Kommen Sie wieder!“

Von Stephanie Kuhlmann

Von Kaliningrad nach Königsberg. Eine Schulreise auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff

Freitag, 15. Juni 2012

Kaliningrad? Auf meine Frage, gestellt an mehr als 100 junge Erwachsene, wer wisse, wo sich Kaliningrad befinde, heben sich weniger als zehn Hände. Kaliningrad ist fernstes Ausland – aus dem Blick verloren und nicht einmal dem Namen nach bekannt. Diese Exklave von der Größe Schleswig-Holsteins, eingezwängt zwischen Polen im Süden und Litauen im Norden – das soll Russland sein? Eine kleine Lektion in Geographie für Schüler, die ganz genau wissen, was südlich und westlich von Deutschland liegt, vom östlichen Europa aber offenbar nur sehr ungenaue Vorstellungen haben.

Königsberg? Erwartungsgemäß ist dieser Name nun bekannt, kann von dem einen oder anderen auch zugeordnet werden: Dass Ostpreußen bis 1945 Teil Deutschlands war, wissen viele. Aber Ostpreußen existiert ja nicht mehr, ist Geschichte, mehr gibt es da kaum zu wissen. Und Königsberg? Vom Erdboden verschwunden.

Gruppenfoto vor dem Kant-Mausoleum in Königsberg

Im Winter 1945 waren es sieben Wochen zu Pferde, die die aus Friedrichstein bei Königsberg stammende spätere „ZEIT“-Herausgeberin Marion Dönhoff brauchte, um auf der Flucht aus Ostpreußen nach Vinsebeck in Westfalen zu gelangen. Und die 1200 Kilometer, die hinter ihr lagen, waren eine Distanz, die in den folgenden Jahrzehnten so unüberbrückbar war, dass sie ihre Heimat jahrzehntelang nicht wieder sehen konnte.

Im Frühjahr 2012 sind es 18 Stunden mit dem Linienbus, die Hamburg von Kaliningrad trennen. 690 Kilometer Luftlinie, damals wie heute. Aber da es Königsberg nicht mehr gibt und wir von Kaliningrad nichts wissen, ist es eine Reise in weite Ferne – in die unbekannte Geschichte Deutschlands und ebenso in die unbekannte Gegenwart Russlands.

Leninskij Prospekt - Blick von einer Hochbrücke

Eine Schulreise einmal anders: Nicht Rom, Paris oder London, weiter entfernt, aber für Schüler irgendwie vertraut, selbst wenn sie zuvor nie dort waren; sondern Kaliningrad, kaum weiter als München, aber aufregende terra incognita. Das Angebot, eine solche Reise gemeinsam zu unternehmen, aus Anlass des 10-jährigen Todestages von Marion Dönhoff, kam von der Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, Agata Kern. Die Schüler und Lehrer des Hansa-Kollegs in Hamburg, einem Gymnasium des Zweiten Bildungsweges, haben nicht gezögert, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

Der Königsberger Dom

Die Reise dauerte sechs Tage, vom 7. bis 13. Mai; sie war strapaziös, aufregend, einzigartig. Eine Reise in ein unbekanntes Land – und eine Reise in die eigene Vergangenheit. Diese Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die so unterschiedlich, aber gleichermaßen fern sind, war es wohl, die alle Teilnehmer mit Aufregung der Fahrt entgegensehen ließ und unterwegs eine Faszination hervorbrachte, der sich keiner entziehen konnte. Start war am Montagnachmittag am Hamburger Busbahnhof. Russland begann aber schon im Bus: 19 deutsche Schüler und zwei deutsche Lehrer in Begleitung von Agata Kern und ansonsten nur russische Fahrgäste und russische Busfahrer. Gegen Mitternacht waren wir in Polen, und Kaliningrad immer noch endlos weit entfernt. Angesichts der Enge im Bus war an Schlaf kaum zu denken. Ostpreußen empfing uns am nächsten Morgen mit Sonnenschein; wenig später hatten wir auch die russische Grenze passiert und pünktlich um zehn Uhr, aber völlig erschöpft, konnten wir unsere Zimmer im Hotel „Kaliningrad“, mitten im Zentrum der Stadt, beziehen. Vier Stunden hatten wir zur Erholung, bevor unser russischer Reiseführer Sergej zu uns stieß und das Besichtigungsprogramm begann. Aber für viele Schüler war schnell alle Müdigkeit vergessen und schon in diesen vier Stunden stürzten sie sich in das Getümmel zwischen Kaliningrader Siegesplatz und Königsberger Dom.

Sergej erwies sich als der perfekte Reiseführer: Er kennt die Geschichte jeder Straße und jedes Gebäudes; er stellt Kontakte her, die anderen Touristen völlig unmöglich wären; er ist der perfekte Organisator und von unerschütterlicher Geduld mit den 22 Gästen aus Deutschland. Wir sehen den Dom, den Hafen und den Siegesplatz. Plattenbauten, orthodoxe Kathedralen und überraschend sorgfältig restaurierte Backsteingebäude aus deutscher Zeit.

Christ-Erlöser-Kathedrale auf dem Siegesplatz

Und immer hat Sergej irgendeine Überraschung für uns bereit: Das Boot, das der von der Anreise und dem ersten Stadtrundgang erschöpften Gruppe Gelegenheit gibt, bei einer Hafenrundfahrt im Sonnenschein die Beine baumeln zu lassen; oder das Orgelkonzert, das der Organist des Königsberger Doms eigens für unsere Gruppe gibt.

Zwei Tage fährt uns Oleg, unser Busfahrer, aus der Stadt heraus quer durch das Gebiet: In Pillau feiert die Marine am 9. Mai das Ende des Großen Vaterländischen Krieges. Am Stadtrand befindet sich das Gräberfeld für ungezählte Soldaten aller Nationen, die in eben diesem Krieg ihr Leben verloren haben. Der Strand davor lädt zum Bernsteinsammeln ein und eine Besichtigung des Bernsteintagebaus in Palmnicken darf im Programm nicht fehlen. Wieder wenige Kilometer weiter am weißen Ostseestrand von Palmnicken dann das Mahnmal für die 7000 Ende Januar 1945 in eisiger Nacht am Strand von Nazis erschossenen jüdischen Frauen – bevor es abschließend in den Touristentrubel des Seebades Rauschen geht – Kontraste, so heftig, dass sie manchmal schwer auszuhalten sind.

Eingangstor zum Gestüt Trakehnen

Der folgende Tag führt uns nach Insterburg, Gumbinnen, Trakehnen, Eydtkuhnen. Dörfer und Provinzstädte, deren Namen wir vielleicht gerade noch kennen, die aber, wie Marion Dönhoff formuliert hat, „keiner mehr nennt“. Namen, mit denen ein 25-jähriger heute kaum noch etwas verbindet.

Besuch einer Schule in Gumbinnen, heute Gusev

Fällt in Kaliningrad der Kontrast zwischen deutscher, sowjetischer und moderner russischer Architektur ins Auge, so ist es in der Provinz der oft nur mit Mühe, oft gar nicht aufgehaltene Verfall der Gebäude, gleich ob aus Vor- oder Nachkriegszeit, der uns manchmal ratlos macht. Und selbst Landschaft lässt sich, so lernen wir, zerstören: Von der großen Kulturlandschaft der ehemaligen Kornkammer Ostpreußen ist selten mehr übrig geblieben als verwilderte Wiesen. Bauerndörfer sind zu Hunderten verschwunden – entstanden ist dafür weite, einsame, sich selbst überlassene Natur, und mindestens die Störche lieben diese Landschaft …

Königsberg und Kaliningrad. Die Stadt mit zwei Gesichtern

Die stärksten Erlebnisse sind aber die persönlichen Begegnungen mit Menschen, die dieses Land endlich selbst in die Hand nehmen – die die Geschichte des Landes zu ihrer eigenen machen, die Zukunft gestalten wollen und die Begegnung mit den Besuchern aus dem fernen Deutschland suchen: Da ist die Frau aus der protestantischen Gemeinde der Salzburger Kirche in Gumbinnen – sie erzählt uns von der Unterdrückung alles Religiösen in sowjetischer Zeit und vom Aufbau des Diakoniezentrums in den letzten Jahrzehnten. Die Kollegin aus der Berufsschule im Gebäude des ehemaligen Friedrichgymnasiums von Gumbinnen – eine engagierte Deutschlehrerin, die auf der Suche nach Kooperationspartnern in Deutschland ist. Oder die Chefredakteurin und der Übersetzer des „Königsberger Express“, die das Kunststück fertig gebracht haben, als Russen in Kaliningrad eine Zeitung in deutscher Sprache zu etablieren. Ein Praktikum für Hamburger Studenten in der Redaktion dieser Zeitung? Am Ende der Reise kam unter den Schülern diese Frage auf – und sie zeigt: Wir kommen wieder …

Redaktionsräume des Königsberger Express mit Chefredakteurin und Übersetzer

Eine Schulreise nach Kaliningrad: Das hieß, sich auf etwas völlig Neues einzulassen; die üblichen Reisepfade zu verlassen, auf denen sich der deutsche Durchschnittstourist und oft genug auch Schulen immer wieder bewegen. Belohnt wird dieses Wagnis mit der Begeisterung der Schüler. Diese Begeisterung zeigt: Ein Reiseziel muss weder schön sein noch im Trend liegen, um uns zu berühren. In einer scheinbar ganz fremden Kultur die Spuren der eigenen zu suchen; und in Russland Menschen zu begegnen, die in ihrer Heimat die Spuren deutscher Geschichte pflegen, weil sie sie als gemeinsame Geschichte begreifen, im Schrecklichen wie im Guten – das lässt niemanden kalt.

Und für 21 Hamburger Schüler und Lehrer ist am Ende dieser Reise Königsberg nicht mehr tot und Kaliningrad nicht mehr fremd.

Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg