Archiv für Mai 2018

Objekt der Woche #21 – Erinnerungsplakette an die Ostpreußenfahrt des ADAC 1929

Mittwoch, 30. Mai 2018

Der bekannte Automobilclub wurde bereits 1903 gegründet. In den Jahren vor 1933 fanden Überlandfahrten statt, die die Verbundenheit mit den Regionen stärken sollten. Die Ostpreußenfahrt 1929 wurde als Leistungsprüfung im Sportprogramm des Vereins durchgeführt. Die Plakette zeigt das Porträt Paul von Hindenburgs, des Siegers über die Russen im Ersten Weltkrieg und damaligen Reichspräsidenten, und das Tannenberg-Nationaldenkmal.

Erinnerungsplakette an die Ostpreußenfahrt des ADAC 1929

Erinnerungsplakette an die Ostpreußenfahrt des ADAC 1929

Wir erhielten dieses seltene Stück als Geschenk von Wolf Eichstädt, dessen Vater an der genannten Fahrt teilgenommen hatte. Er war vor 1934 Polizeioffizier in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg. Die Erinnerungsplakette wird in der Abteilung Wirtschaft in der Weimarer Zeit gezeigt.

Praktikum im Ostpreußischem Landesmuseum

Dienstag, 29. Mai 2018

Von Linda Niedergesäß

Ich bin siebzehn Jahre alt und gehe in die elfte Klasse der IGS Lüneburg und durfte für zwei Wochen im Ostpreußischem Landesmuseum ein Schülerpraktikum absolvieren.
Es hat mir sehr gefallen, denn in der Abteilung Bildung und Vermittlung, wo ich gearbeitet habe, konnte ich einen guten Einblick in den Beruf der Museumspädagogin gewinnen.
Da sich das Museum zurzeit im Umbau befindet und die Dauerausstellung in Planung ist, konnte ich mir ein paar Gedanken darüber machen, wie die Ausstellung auch einem jüngeren Publikum nahegebracht werden könnte. Dafür habe ich zwei Fragebögen zu den Themen „Mittelalter“ und „Hanse“ gestaltet. In einem Multiple-Choice-Quiz können Kinder versuchen, Antworten auf die Fragen in der Ausstellung zu finden.
Des Weiteren habe ich die Räumlichkeiten für einen künftigen Museumskindergeburtstag unter dem Motto „Edle Ritter und schöne Burgfräuleins“ kennengelernt. Inspiriert von einigen Mittelalter-Kinderbüchern konnte ich Aktionsideen und Bastelvorschläge für jüngere Kinder entwickelen, wie zum Beispiel das Herstellen eines kleinen Banners aus Filz mit einem Wappen.

Praktikantin Linda Niedergesäß

Praktikantin Linda Niedergesäß

Objekt der Woche #20 – Ein Blick auf Nidden Ernst Mollenhauer, Öl/Leinwand, 1949

Mittwoch, 23. Mai 2018

Die Kurische Nehrung wurde seit Ende des 19. Jahrhundert als wildromantischer Ort für Sommeraufenthalte bekannt. Es entstand dort auch, wie an manchen anderen ländlichen und abgelegenen Orten, etwa Worpswede oder Ahrenshoop, eine Künstlerkolonie.
Das Gemälde zeigt den Blick von einer Dünenanhöhe auf das Fischerdorf Nidden. Der Maler war Ernst Mollenhauer (1892-1963), ein ostpreußischer Expressionist, der zu dem kleinen Kreis der Künstler gehörte, die sich am Ort ein eigenes Haus errichtet hatten. Zu diesem Kreis zählten außerdem der Dichter Thomas Mann, der Maler Carl Knauf, der Schauspieler und Fotograf Paul Isenfels sowie der Maler Richard Birnstengel.

Objekt der Woche #20 – Ein Blick auf Nidden Ernst Mollenhauer, Öl/Leinwand, 1949

Ein Blick auf Nidden Ernst Mollenhauer, Öl/Leinwand, 1949

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Nidden, nun militärisches Sperrgebiet im Warschauer Pakt, nicht mehr erreichbar. Doch viele Maler, die sich einst in seine Landschaft verliebt hatten, malten es weiter, aus der Erinnerung. So entstand auch dieser Dorfblick 1949 als Bild der Sehnsucht nach dem „Paradies Nidden“, wie Ernst Mollenhauer damals schrieb.
In der neuen Dauerausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums wird dieses Gemälde in jener Abteilung hängen, die der Künstlerkolonie Nidden gewidmet ist.

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“

Mittwoch, 16. Mai 2018

Nach dem Nordischen Krieg, der für die ehemals von Schweden beherrschte Stadt Riga 1710 mit der Unterwerfung unter den siegreichen russischen Zaren Peter I. endete, reorganisierte die Bürgerschaft aus den stark dezimierten Reihen der Kaufleute und der unverheirateten Kaufgesellen eine reitende Bürger-Kompanie. Als diese 1720 auf ausdrücklichen Befehl des Zaren zum Empfang eines Gesandten vor die Stadttore beordert werden sollte, sah einer der unverheirateten Kaufgesellen, Hermann Ernst Barber, die Chance zur Begründung einer eigenen Kompanie.  Er entwarf nach schwedischem Vorbild eine Uniform aus blauen silbergestickten Röcken, strohfarbenen Westen mit Beinkleidern und schwarzen Hüten.  Die aus 60 Junggesellen aufgestellte neue Zweigkompanie machten im Unterschied zu der uneinheitlich gekleideten bürgerlichen Stammkompanie durch ihr prachtvolles Äußeres einen glänzenden Eindruck, so dass Rat und General-Gouverneur die Existenz der Rigaer einer nach ihrer Uniformfarbe benannten „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“ erlaubten.

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“, © Jan-Rasmus-Lippels

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“, © Jan-Rasmus-Lippels

Die „Blauen“ Junggesellen waren einem Offizier der Stammkompanie, die sich selbst 1728 Grün uniformierte und aus verheirateten Kaufleuten bestand, unterstellt. Ihre freiwilligen Mitglieder mussten Ausstattung und Pferd selbst stellen. Die Uniform wurde im Laufe der Jahre mehrmals ergänzt und umgestaltet, aber die hier zu sehende strohgelbe Weste aus Seidensamt, Leinen mit Stickereien versehen, erinnert an ihre ehemals glanzvollen Zeiten und ist als Original möglicherweise bereits im 18. Jahrhundert gefertigt.
Beide, die reitende Blaue und Grüne Bürger-Kompanie, übernahmen bis zu ihrem Zusammenschluss 1832/33 vor allem repräsentative Aufgaben. Sie geleiteten Zarinnen und Zaren, Botschafter und andere hochgestellte Persönlichkeiten nach Riga hinein – je höher der Rang des Gastes, umso weiter ritten sie vor die Stadttore hinaus. Sie stellten zudem Ehrenwachen und veranstalteten Festlichkeiten, beispielsweise zu den Krönungstagen der russischen Herrscher. Militärische Aufgaben übernahmen sie als reitende Stadtgarde erst Anfang des 19. Jahrhunderts, als Riga Teil kriegerischer Auseinandersetzungen wurde. Seit 1888 wurde niemand mehr in die Stadtgarde aufgenommen. Noch heute erinnert in der Rigaer Petrikirche die 1743 gekaufte Erb-Grabstätte an die „Blaue Garde“ und in der Kirche selbst soll ein schützender Geist jener „Blauen“ die Grabstätten bewachen.

Objekt der Woche #18 – Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Mittwoch, 9. Mai 2018

Eine ärmliche, sichtlich besorgte Bauernfamilie zahlt zwei wenig vertrauenserweckenden Matrosen Geld für eine Überfahrt; anhand der im Hintergrund erkennbaren Karte soll es offensichtlich nach Amerika gehen, zumal auf der Transportkiste „Neu York“ steht.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderten viele Ostpreußen aus: Gerade im 19. Jahrhundert ging die Reise vor allem nach Amerika in das „verheißene Land“ – ohne König, ohne Militärdienst und mit nahezu freier Religionswahl, die auch Mennoniten, Baptisten oder sonstige kleinere Religionsgemeinschaften Freiräume bot, die im alten Europa und auch im eher toleranten Preußen vielfach verweigert wurden.
Später zog das Ruhrgebiet Auswanderungswillige an, wo das Los der Industriearbeiter zwar hart und mühsam war, aber doch leichter Arbeit zu finden war, die zudem deutlich besser bezahlt war als auf den ostpreußischen Gütern. Gelsenkirchen etwa entwickelt sich zu einem Zentrum polnisch sprechender, evangelischer Masuren.

Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Diese Auswanderungswelle hatte mehrere Ursachen. Neben einem hohen Geburtenüberschuss war ein Auslöser die preußischen Agrarreformen, die 1807 mit dem berühmten, in Memel erlassenen Oktoberedikt begannen. Sie befreiten die Bauern und Gutsbewohner vom mittelalterlichen Feudalwesen mit seinen persönlichen Abhängigkeiten und Dienstpflichten aus der verhassten Leibeigenschaft. Man sprach daher auch von Bauernbefreiung, aber die Wirkungen waren zwiespältig. Endlich war freie Orts- und Berufswahl erlaubt, und auch das Heiraten nunmehr ohne Erlaubnis möglich, was vermehrt Ehen in den ländlichen Unterschichten nach sich zog, für deren oft reiche Kinderschar eine Kleinsthofstelle nicht auskömmlich war.
Zudem musste für die Ablösung der alten Pflichten wie Fron-, Gespann- und Gesindedienste der Gutsherr entschädigt werden, was bei den Kleinbauern mangels Barvermögen meist mit Land erfolgte. Viele Hofstellen schrumpften dabei so stark, dass sie verkauft werden mussten – aus Bauern wurden Tagelöhner. Auch entfielen nun die Schutzpflichten des Gutsherrn für seine Bauern, etwa bei Missernten, Seuchen, Blitzschlag oder Krankheit.
Mit den Reformen wurde der Bauer ein selbständiger Unternehmer auf eigenes Risiko, was vom liberalen ost- und westpreußischen Oberpräsidenten Theodor von Schön durchaus gewollt war. Fallende Getreidepreise führten dann aber rasch zum Zwangsverkauf des Hofes. Die Armut der Unterschichten wurde verschärft durch die Mechanisierung, denn sie verdrängte ländliches Nebengewerbe wie die Leinenweberei, die ihren Beitrag zum Gesamteinkommen kleinbäuerlicher Schichten beitrug und reduzierte den ganzjährigen Personalbedarf der Güter, was zur saisonalen Wanderarbeit führte.
Die Arbeitslosigkeit und Armut waren hoch – Auswanderung schien für viele die einzige Perspektive. Der Verlust der ländlichen Bevölkerung blieb über Jahrzehnte hoch, Ostpreußen ein im Vergleich zum übrigen Deutschland äußerst dünn besiedeltes Land.

Der in Königsberg geborene und dort noch ausgebildete Hübner war seinerzeit ein anerkannter Genremaler. 1838 ging Hübner an die Düsseldorfer Akademie und wurde dort Gründer des “Vereins Düsseldorfer Künstler”. Ein vielbeachtetes Gemälde stellte auch die Not der schlesischen Weber dar. Hübner war bekannt für seinen realistischen, wenig idealisierenden Stil.

Objekt der Woche #17 – Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Mittwoch, 2. Mai 2018

Der 1875 in Schlesien geborene Grafiker Heinrich Wolff hatte seine gründliche künstlerische Ausbildung 1891 an der Breslauer Kunstschule begonnen, an den Kunstakademien in Berlin und München fortgesetzt. 1900 gründete er eine private Schule für Grafik in München.
1902 berief der Direktor der Königsberger Kunstakademie, Ludwig Dettmann, Heinrich Wolff als Lehrer für freie Grafik. Unter ihm erlange die künstlerische Grafik in Königsberg hohes Ansehen. Sein 33 Jahre währende Akademietätigkeit prägte die ostpreußische Kunst der Zeit mit. Wolffs Arbeiten wirken durch ihre malerische Darstellungsweise der Landschaften, Stadtansichten als auch in den vielen Bildnissen.

Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Als Portraitist erlange Wolff so viel Anerkennung, dass ihm die medizinische Fakultät der Universität Königsberg dafür den Doktor h.c., ehrenhalber, verlieh. Nach seiner Pensionierung 1935 kehrte Wolff nach München zurück, wo er 1940 verstarb. Er gehört bis heute zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Lehrerschaft an der einstigen Königsberger Kunstakademie. Das Selbstbildnis wird in der neuen Dauerausstellung in der Grafikabteilung zu sehen sein.