Archiv für die Kategorie „Kulturreferat“

Dialogprogramm und Autorenlesung – die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte im deutsch-russischen Begegnungszentrum am Newski Prospekt 22-24 in St.Petersburg

Montag, 8. Dezember 2014

Das Buch „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“ von Ulla Lachauer

Ulla Lachauer

Ulla Lachauer

Am 17. November 2014 lud die Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum Sankt Petersburg“ zum Dialogprogramm und zur Autorenlesung mit der deutschen Autorin und Historikerin Ulla Lachauer ein. Unter dem Motto „Die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte“ las und erzählte die Autorin in deutscher Sprache aus ihrem Buch „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“.

Neben der Veranstaltung für die Besucher der deutsch-russischen Begegnungszentrums fand am 18. November auch eine weitere deutschsprachige Lesung mit Dialog im Studentenklub der staatlichen pädagogischen Herzen-Universität Sankt Petersburg statt.

An beiden Veranstaltungen wurde das Thema der EU-Russland-Beziehungen, der deutschen historischen Kulturlandschaften in Osteuropa, sowie die übergreifenden Themenbereiche über die Sowjetdeutschen  wie – Deportation, Vernichtung der deutschen Wolga-Republik, Repressionen, Trud-Armee, Aussiedlung und das 250järige Manifest von 1763 der russischen Kaiserin Katharina II. angeschnitten.

Ulla Lachauer wurde 1951 im ländlichen Westfalen geboren. Historikerin, Autorin und Dokumentarfilmerin. Ihre Liebe gilt den bäuerlichen Welten Europas, ganz besonders im Osten. Sie hat seit den 80er Jahren immer wieder Russland bereist und dort gearbeitet. Sie lebt in Stuttgart.

Als Überraschungsgast der Lesungen war Rita Pauls, die in den 1990er Jahren mit ihrer einzigartigen Biografie den Anstoß für das Buch lieferte und gleichzeitig seine Protagonistin ist, mit nach Sankt Petersburg gereist.
Aufgewachsen in einer russlanddeutschen Mennonitenfamilie, kam Rita Pauls 1989 als junge Frau aus Kasachstan nach Deutschland. Ihre Geschichte und die ihrer Familie werden von Ulla Lachauer in ihrem Buch aufmerksam und behutsam porträtiert. Rita Pauls, so heißt es im Klappentext des Buches, ist damals eine junge, lebenslustige Frau: selbstbewusst, von barocker Statur und mit einer schönen Gesangsstimme. Sie lebt in Mannheim und hat eine weit verstreute Familie – Ritas Leute. Die Pauls‘ gehören zu den mittlerweile zweiundhalb Millionen Russland-Aussiedlern. Im Mikrokosmos dieser Familie, deren Mitglieder in Deutschland, Russland und Kanada leben, spiegelt sich eine ganze Epoche bzw. ganze Jahrhunderte deutsch-russischer Historie – ein Stück Weltgeschichte.

Um Ritas Familie kennenzulernen nimmt uns Ulla Lachauer mit  auf eine große Reise mit. Es zunächst zu den Wolgadeutschen mennonitischen Siedlungen, zu Ritas Großmutter in die sibirische Weite, in die kasachische Steppe, über den Atlantik nach Kanada, wo es im Zuge der Spurensuche zu einer glücklichen Familienzusammenführung kommt. Schließlich führt es sie  ins bäuerliche Westpreußen – die Heimat von Ritas Vorfahren.

Im Anschluss an die Lesung ergab sich unter der Moderation von Irena Bijagowa, Leiterin der Kultur-und Bildungsprojekte am Begegnungszentrum,  ein lebhafter Dialog zwischen der Autorin Lachauer, Rita Pauls und dem Publikum. Besonders hervorgehoben wurden während dieses Dialoges die Parallelen und Überschneidungen zwischen der Geschichte Rita Pauls’ und der Biografie der Autorin. So war das kasachische Karaganda nicht nur die unheilvolle „Stadt der Verbannten“, in die Ritas deutsche Großeltern unter Stalin deportiert wurden. Für Rita war es der Ort einer glücklichen und behüteten Kindheit, an dem sie ohne Kenntnis der vergangenen Schrecken aufwuchs. Gleichzeitig war Karaganda für Ulla Lachauer mit der eigenen Familiengeschichte verknüpft: Ihr Schwiegervater war eben dort in Kriegsgefangenschaft gewesen. So entstehen Verbindungen, Kontakte, vielleicht sogar Freundschaften, wie die, die heute Ulla und Rita im schwäbischen Stuttgart verbindet.

Rita Pauls erzählte vom schwierigen und vielschichtigen Entscheidungsprozess, ausreisen oder bleiben, der die Familie schließlich nach Deutschland führte.
Heute arbeitet Rita als Übersetzerin in Deutschland und ist trägt damit entscheidend zum Verständnis zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat bei.

Zu Wort kamen Besucher des Begegnungszentrums, die von ihrer eigenen Familiengeschichte mit russisch-deutschem Hintergrund erzählten. In all diesen Beiträgen zeigten sich die vielfältigen deutsch-russischen Verbindungen, deren Ausbau und Stabilisierung seit 1993 das erklärte Ziel der Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum“.

Das Projekt „Dialogprogramm und Autorenlesung. Die europäische Dimension deutsch-russischer Familiengeschichte“ wurde von der  Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-russisches Begegnungszentrum“ in Zusammenarbeit  mit der Konrad-Adenauer-Stiftung/ EIZ (Europäische und Internationale  Zusammenarbeit) und dem Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg realisiert. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich für die gute Zusammenarbeit und die große Unterstützung bedanken und darauf hinweisen, dass  es ohne die dieses Projekt in seiner heutigen Form nicht möglich gewesen wäre.

Ein besonderer Dank gilt den Partnern vom Germanistik Lehrstuhl an der staatlichen pädagogischen Herzen-Universität Sankt Petersburg.

Das Deutsch-Russische Begegnungszentrum St. Petersburg (drb) kümmert sich seit 21 Jahren um Kultur- und Bildungsprojekte und eine wachsende Zahl von Stammbesuchern erfreut sich daran.

Irena Bijagowa

Zwischen Herbstferienprogramm und Schülerreise – Mein Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum

Donnerstag, 13. November 2014
Marie_Schrötke

Marie_Schrötke

Hallo,

ich bin Marie Schrötke und habe gerade zwei Monate Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum gemacht. Das Praktikum gehört zum Abschluss meines Studiums “Museum und Ausstellung” an der Universität Oldenburg.

Während der Praktikumszeit war ich in der Abteilung Bildung und Vermittlung und im Kulturreferat tätig. Für die Museumspädagogik habe ich an dem Konzept für Mitmach-Stationen in der neuen Dauerausstellung mitgearbeitet und einige Formate entwickelt. Das war eine sehr spannende Arbeit, weil ich meine eigenen Ideen einbringen konnte und in ganz neue Themen eingetaucht bin. So hatte ich mich beispielsweise mit der Jagd vorher noch nie beschäftigt. Zum Abschluss meiner Zeit im Museum gab es ein besonderes Highlight. Ich durfte zusammen mit einer Kollegin das Herbstferienprogramm „Farben und Formen“ für Kinder planen und auch leiten. Die Arbeit mit den kleinen Museumsbesuchern von 6 bis 12 Jahren hat mir viel Spaß gemacht.

Auch im Kulturreferat hatte ich vielseitige Aufgaben. Ich habe Pressemitteilungen geschrieben, recherchiert und Anfragen für Veranstaltungen verschickt. Außerdem habe ich interessante Orte für eine Schülerreise nach Ostpreußen gesucht und daraus ein Reiseprogramm erstellt. Schön war auch, dass ich eine Schulklasse bei ihrem Besuch in die Hamburger Kunsthalle begleiten durfte. Dort haben sich die Schülerinnen und Schüler mit dem berühmten ostpreußischen Maler Lovis Corinth beschäftigt.

Für mich war das Praktikum eine gute Erfahrung. Ich konnte mich ausprobieren und viel Neues lernen. Es waren zwei tolle Monate, in denen ich mich unter den freundlichen und hilfsbereiten Museumsmitarbeitern sehr wohl gefühlt habe. Jetzt bin ich gespannt auf die neue Dauerausstellung und ob ich von meinen eigenen Ideen vielleicht einige wiederentdecken kann.

Mit allen Sinnen – Malreise nach Nidden

Donnerstag, 24. Juli 2014
Malkurs

Malkurs

Vor dem Ausflug mit dem Kurenkahn

Vor dem Ausflug mit dem Kurenkahn

Vom Ostpreußischen Landesmuseum angeboten, von Agata Kern, der Kulturreferentin, organisiert, von der in Lüneburg lebenden Künstlerin Gudrun Jakubeit, einer klassischen Aquarellistin englischer Schule begleitet, hatte eine Gruppe von 20 Teilnehmern das Erlebnis, die erste Juliwoche auf der Kurischen Nehrung, in Nidden (Nida), zu verbringen.

Dr. Jörn Barfod, der wissenschaftliche Begleiter dieser Reise, sorgte an fast jedem Reisetag dafür, daß Maler wie auch die kleinere Gruppe der Nichtmaler Informationen erhielten, die die Augen öffneten für all das, was heute aus vergangenen Tagen nicht mehr vorhanden ist. Er beschrieb die früher erste Adresse des Ortes, das Gasthaus Hermann Blode, er zeigte historische Aufnahmen des Fischerdorfes aus den 30er Jahren, und er führte durch den Ort zu Häusern und Plätzen von (kultur-)geschichtlicher Bedeutung. Dadurch gelang der Brückenschlag zum Schwerpunktthema „Künstlerkolonie Nidden“. Die Reiseteilnehmer, so angeleitet, konnten selbst auf Spurensuche gehen, welche der bevorzugten Motive der vielen Künstler, die hier oft Sommer für Sommer tätig waren, in der Spanne von der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1944/45, heute noch zu entdecken sind.

Unsere Gruppe vor dem Hotel Nidos Smilte

Unsere Gruppe vor dem Hotel Nidos Smilte

Unter Anleitung von Frau Jakubeit übten die Maler, die Wolkenspiegelung auf der Wasserfläche des Kurischen Haffs wiederzugeben. Sie saßen im Regenschauer und in brennendem Sonnenlicht auf der Parniddener Düne und versuchten, ihre Farben und Formen auf das Blatt zu bannen. Mit nicht ermüdendem Eifer wurden die sich auf dem historischen Friedhof von Nidden ergebenden An- und Ausblicke gestaltet. Von einigen der teils semiprofessionellen Künstler wurde die evangelische Kirche, der Torbogen, das nahebei stehende Kruzifix mit in die Motivauswahl einbezogen. Den „Italienblick“, seit Jahrzehnten von bildenden Künstlern immer wieder abgebildet, nahmen alle als Herausforderung an. Das Zeichnen und Malen auf dem Schwiegermutterberg, in unmittelbarer Nähe des Thomas-Mann-Hauses, wurde ergänzt durch einen Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses.

Eine Bereicherung des thematischen Reiseschwerpunkts war auch, den vor Vollendung stehenden Film „Nidden – Künstlerkolonie auf der Kurischen Nehrung“ zu sehen und die überarbeitete Fassung von „Thomas Mann – Mein Sommerhaus“ – beides in Anwesenheit des Regisseurs Arvydas Barysas, der obendrein mit einer angenehmen Gesangsstimme, mit litauischen Liedern überraschte.

Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses

Vortrag von Uwe Meyer zur Geschichte des Thomas-Mann-Hauses

Während die Malgruppe mit Fleiß alle in der Aufenthaltsspanne verfügbare Zeit zum Arbeiten nutzte, profitierten die Nichtmaler gleich mehrfach von Dr. Barfods Kontakten und seinem weitgespreizten Fachwissen. Ein Tagesausflug führte von der Nehrung in eine Kontrastlandschaft – in das Memelgebiet nach Heydekrug (Šilutė) und nach Ruß (Rusnė), überwiegend auf den Spuren des Wirkens des unvergessenen Hugo Scheu. Ihm, dem Ökonomierat und Menschenfreund, ist vor zwei Jahren in Heydekrug vor dem inzwischen aufwendig renovierten Wohnhaus ein beachtliches Denkmal gesetzt worden. Die Heydekrüger Kirche mit ihrem unverwechselbaren Altarbild beeindruckte, und eine Textpassage aus Hermann Sudermanns Erzählung „Jons und Erdme“ schärfte den Blick für die Moor- und Wiesenlandschaft. Noch immer gibt es im Frühjahr den „Schaktarp“!

Das Altarbild in der Heydekrüger Kirche

Das Altarbild in der Heydekrüger Kirche

Ein anderer Tagesausflug führte Dr. Barfod mit den Nichtmalern per Schiff über das Kurische Haff in das Mündungsdelta der Memel. Im Dörfchen Minge gesellte sich der Kunstsammler Alexander Popow mit seinem Enkelsohn und einer Mitarbeiterin zum Grüppchen. Gemeinsam ging es per Kleinbus zum Windenburger Eck (Vente), wo – mit Mitteln aus Töpfen der EU – z. Z. umfangreiche Bauarbeiten stattfinden, an erster Stelle Wegbefestigungen, Treppenanlagen und eine Rekonstruktion und Erweiterung des Gebäudes der Ornithologischen Station. Alexander Popow machte hier deutlich, was ihm – bis 1990 Kapitän der Handelsschiffahrt – diese Landschaft bedeutet. Seit gut zehn Jahren sammelt er Werke von Künstlern, die Motive der Kurischen Nehrung, der Hafenstadt Memel und immer wieder Blicke auf das Kurische Haff (bis 1945) festgehalten haben. Alexander Popow ist Vorsitzender der „Gesellschaft der Freunde Ostpreußischer Kunst Nidden“ (Society of East Prussian Art Lovers’ Nidden), die 2009 in Klaipeda (Memel) gegründet wurde.

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Zu Gast bei Herrn Popov

Ein Tagesausflug für alle Teilnehmer zum Besuch der Kunstgalerie Klaipeda (Franz-Domscheit-Galerie) verschaffte einen ersten Eindruck von der Sammlertätigkeit des Alexander Popow. Von den nahe 1.000 zusammengetragenen Werken, die Beispiele für das Schaffen von 300 Künstlern geben, sind hier in mehreren Sälen über 200 Werke ausgestellt, die von gut 100 Künstlern stammen. Dank der Führung von Dr. Barfod gelang es, die „Rosinen“ herauszupicken, zeitgeschichtliche Zuordnungen vorzunehmen, Beziehungen der Maler untereinander aufzudecken und die Besonderheit manch eines Werks herauszustellen. Bei dem Mangel an Zeit für die Betrachtung von so viel Schönheit, Können und Bedeutsamkeit blieb der Trost: Diese Sonderausstellung wird hier noch bis zum 8. Mai 2016 zu sehen sein!

Besuch der Kunstgalerie in Klaipeda

Besuch der Kunstgalerie in Klaipeda

Für einige Mitreisende gab es eine uneingeplante Entdeckung am Rande: Die ausgestellten Teile des umfangreichen Nachlasses von Franz Domscheit (Pranas Domšaitis), die hier in der nun nach ihm benannten Kunstgalerie sehr schön präsentiert werden und Beachtung verdienen. – Eine Führung durch die Altstadt von Memel (Klaipeda) vollendete den Tag.

Bei den auf der Nehrungsstraße zurückgelegten Busfahrten beglückte zweimal der Anblick eines Elchs – wie auch ein in der Ostsee badender Reisegefährte das Glück hatte, einen jungen auf der Düne stehenden Elch zu sehen – und davon ein Beweisfoto zu schießen!

Nidden ist auch heute noch „das Paradies der Maler“ zu nennen – davon ist die Reisegruppe überzeugt. Jeder hätte gern länger darin verweilt. Unter den Arbeitsergebnissen der Malgruppe, die am letzten Aufenthaltstag abends im Hotel „Nidos smilte“ präsentiert wurden, war viel Gelungenes, Überraschendes zu sehen und manches, das im Ansatz hoffen ließ, daß im Nachklang zu dieser Reise noch mehr daraus wird. Geplant ist ein Ausstellungsprojekt „Die Kurische Nehrung mit Maleraugen“ für 2015 in Neumünster.

Die Reisegruppe nutzte die im Zusammenhang mit der Rückreise sich ergebenden wenigen Stunden Aufenthalt in der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, um noch Sehenswürdigkeiten Rigas zu besuchen. Eine gelungene Reise, die nach Wiederholung ruft!

Riga

Riga

Ute Eichler

HH, den 10.07.2014

Gesichter einer Stadt: Eine Schulreise nach Riga

Donnerstag, 10. April 2014

Unsere Gruppe in Rundale

Unsere Gruppe in Rundale

Riga: Die lettische Metropole ist Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2014. Seit Beginn dieses Jahres zahlt man auch in Lettland mit dem Euro. Zwei gute Anlässe, einmal genauer hinzuschauen, was sich in der größten Stadt des Baltikums gerade tut. Der richtige Moment, diese Stadt zu besuchen.

Seit zwei Jahren verbindet das Hansa-Kolleg in Hamburg – ein Gymnasium des Zweiten Bildungsweges, auf dem junge Erwachsene in drei Jahren das Abitur erwerben – und das Ostpreußische Landesmuseum eine Kooperation. Nachdem vor zwei Jahren die Wahl eines gemeinsamen Reiseziels auf Kaliningrad / Königsberg gefallen war, stand nun vom 23.-30. März dieses Jahres bereits die zweite gemeinsame Reise an. 17 Schülerinnen und Schüler zusammen mit Agata Kern und zwei Lehrern des Kollegs fuhren zusammen nach Riga.

„Gesichter der Stadt“ haben wir das Projekt genannt. Wir hätten es auch, in Anlehnung an Rosa von Praunheim, einen der zahllosen bekannten Prominenten, die aus dieser Stadt stammen, „Spurensuche in Riga“ nennen können. Gedacht hatten wir dabei zunächst an die Gesichter der großen Söhne (und Töchter) der Stadt wie Heinz Erhardt, Sergej Eisenstein oder Meinhard von Gerkan; oder an die lange Liste derjenigen, die in Riga gewirkt und hier ihre Spuren hinterlassen haben – wie Johann Gottfried Herder oder Richard Wagner.

Blick von St Petri

Blick von St Petri

Schnell wurde aber klar, dass auch die Stadt selbst mehr als nur ein Gesicht hat. Das eine ist uns scheinbar vertraut. Wir erinnern uns an Lüneburg oder Bremen, das mit der Gründung Rigas vor 800 Jahren eng verbunden ist. Es ist das Gesicht der Hanse und der deutschen Städtebauer des Mittelalters, die hier am östlichen Rand der Ostsee einen letzten Außenposten vor den Grenzen des Russischen Reiches errichteten. Ist dieses ehemals deutsche heute das lettische Gesicht der Stadt? Backsteingotik und Jugendstil in seiner prachtvollsten Form. Und einige markante Blickfänge der Moderne und Gegenwart um sie herum: Wie der fast 400 Meter hohe Fernsehturm oder die gerade neu errichtete Nationalbibliothek, der Altstadt gegenüber auf der anderen Seite der Düna – oder eben auf Lettisch: Daugava.

Jugendstil in Riga

Jugendstil in Riga

Das andere Gesicht zeigte uns unsere lettische Reiseführerin Ilse Sila in der Moskauer Vorstadt. Diese beginnt unmittelbar am östlichen Rand der Altstadt, gleich hinter dem Zentralmarkt, und in ihr wird nun nicht mehr Lettisch, sondern Russisch gesprochen. Die Stadt zerfällt sprachlich in etwa zwei gleich große Hälften, und russisch ist das zweite Gesicht der Stadt. Nun könnte man eine solche doppelte Identität als Chance sehen. Aber es wird eben auch sofort sichtbar, dass sich mit der ethnischen eine soziale Grenze durch die Stadt zieht. Lettland mag, gemessen an mitteleuropäischem Wohlstand, ein eher armes Land sein. Nur: In der Altstadt bemerken wir dies nicht. In der Moskauer Vorstadt kann man es dagegen mit Händen greifen.

Während wir uns noch fragen, wie man in den heruntergekommenen Mietskasernen der Maskavas iela, der Moskauer Straße, überhaupt leben kann, erleben wir aber bereits einen ganz anderen, womöglich noch tiefer gehenden Kontrast: Wir sind zu Besuch bei orthodoxen Altgläubigen. Seit den Zeiten Peters des Großen hat diese Gemeinschaft alle Verfolgungen überstanden und an ihren überlieferten Riten festgehalten. Ein Leben, das fast mönchisch nur aus Gebet und Arbeit zu bestehen und wie aus dem Mittelalter bruchlos in die Gegenwart gelangt zu sein scheint, könnte uns kaum fremder sein. Aber der alte, bärtige Herr, der uns die Riten seiner Glaubensgemeinschaft nahe bringt, hat eine Ausstrahlung, der sich auch der eine oder die andere junge Deutsche anscheinend nicht entziehen kann. – Der gerade mal vielleicht 200 Meter weite Weg von der orthodoxen Messe am Rande der Moskauer Vorstadt zum auf Lettisch gehaltenen lutherischen Gottesdienst in der benachbarten Jesuskirche wirkt auf mich jedenfalls am folgenden Sonntag wie der Weg zwischen zwei Welten, einen ganzen Kontinent voneinander entfernt.

Sieben Tage sind wir unterwegs. Von den beiden Reisetagen abgesehen ist je ein Tag den verschiedenen Gesichtern des multikulturellen Riga gewidmet. Und es stellt sich heraus, dass Riga weit mehr als nur zwei Gesichter hat: Es hat ein lettisches, ein russisches, ein deutsches und ein jüdisches.

Die jüdische Gemeinschaft, die noch 1930 weit mehr als 10% der Stadtbevölkerung ausmachte, hat in der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung das Schicksal aller anderen jüdischen Gemeinschaften Osteuropas teilen müssen und ist heute kaum noch existent. Umso beeindruckender ist die Leistung des fast 90-jährigen Historikers Margers Vestermannis, der, in den 40-er Jahren selbst KZ-Häftling und Partisanenkämpfer, später das Jüdische Museum in Riga aufgebaut hat. Von ihm durch das Museum geführt zu werden, war wohl die größte Ehre, die uns auf unserer Reise zuteil wurde.

Mit dieser Vergangenheit konfrontiert, staunt man als deutscher Besucher mitunter über das wohlwollende Interesse, das in Riga den Deutschen und der deutschbaltischen Geschichte entgegengebracht wird. Besonders eindrucksvoll wurde uns dies deutlich, als wir von lettischen Mitarbeiterinnen des Hauses die Arbeit von Domus Rigensis vorgestellt bekamen: Ein „Deutschbaltisch-Lettisches Zentrums“ hat sich, weitgehend getragen von lettischem Engagement, der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte der Stadt verschrieben; einer großen Geschichte, die 1939 nach fast 750 Jahren ihr Ende fand.

Schwarzhäupterhaus

Schwarzhäupterhaus

Hört sich das alles nach einer Überdosis Geschichtsunterricht an? Wir hatten unseren Spaß in den Restaurants und Kneipen der Altstadt. Wir ließen uns faszinieren von der Atmosphäre der riesigen Markthallen. Und die Sonne schien – nicht nur bei unserem Busausflug nach Rundale und Jurmala. Ein echter Urlaubstag: Im Herrenhaus Rundale an der Grenze zu Litauen – einem Schloss, in dem man den Glanz der Zarenzeit zu spüren vermeint; und im Ferienort Jurmala, wo die Sonne am Ostseestrand einige von uns sogar zu einem Bad im eiskalten Wasser verleitete.

Jurmala

Jurmala

Rundale

Rundale

Bei aller Multikulturalität: Riga ist die Hauptstadt des EU-Mitgliedsstaates Lettland. Eines kleinen Staates mit etwas mehr Einwohnern als Hamburg und einer Fläche von der Größe Bayerns. Einer Nation, die 1918 ihre Souveränität von Russland gewonnen hat, um sie nur zwei Jahrzehnte später wieder zu verlieren. Und die 1991 die Gunst der historischen Stunde genutzt hat, um sich erneut ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Die Geschichte der deutschen und sowjetischen Okkupation wird uns im Okkupationsmuseum erklärt. Ganz unvermeidlich steht die tagespolitische Aktualität im Raum. Lettland gedenkt an diesem Tag der sowjetischen Deportationen des Jahres 1941. Schon beim Festakt vor dem Freiheitsdenkmal sind uns neben den baltischen die ukrainischen Flaggen aufgefallen. Ganz offensichtlich gelten der neuen ukrainischen Regierung die Sympathien der Letten. Und ganz offensichtlich erkennt man hier in Riga im Schicksal der Ukraine das eigene wieder. Lettland ist ein modernes europäisches Land. Es feiert seine Modernität mit dem Titel der Europäischen Kulturhauptstadt. Und es demonstriert seine Zugehörigkeit zu Europa mit der Einführung des Euro. Aber auf unsere Frage, ob das, was in der Ukraine geschehe, in Riga Angst auslöse, antwortet unsere junge lettischen Museumsführerin mit einem einfachen: „Ja.“

Ja – es war der richtige Moment, diese Stadt zu besuchen.

Wir danken dem Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum, das uns diese Reise ermöglichst hat; wir danken Ilse Sila, die uns eine Woche lang immer freundlich und kompetent ihre Heimatstadt nahe gebracht hat; und wir danken ganz besonders Agata Kern, die uns begleitet und diese Reise wieder einmal perfekt für uns organisiert hat!

Holger Wendebourg

(Lehrer am Hansa-Kolleg, Hamburg)

Vom Kreisauer Kreis bis hin zur modernen Website ODER Mein Praktikum im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg

Freitag, 13. Dezember 2013

Ein Praktikumsbericht von Annika Ahrens

Mein erster Eindruck vom Museum und seinen Mitarbeitern fiel bereits zu Anfang sehr positiv aus und trug schnell dazu bei, dass ich mich hier gut „einlebte“.

Mein Aufgabenspektrum im Museum war bedingt durch die Aufspaltung in die Bereiche Presseabteilung sowie Kulturreferat sehr abwechslungsreich. Da ich bisher bereits Erfahrungen in der Verwaltung und in der Pressearbeit gesammelt hatte, bekam ich nun während meiner Zeit im OL die Möglichkeit, eine für mich so vollkommen neue Konstellation des Praktikums zu absolvieren.

Als Einstieg wurde mir der „Arbeitsauftrag“ zugeteilt, mich doch einmal genauer im Museum umzuschauen und meinen persönlichen Eindruck zu erläutern. Besonders eindrucksvoll stellte sich dabei für mich erneut die Zeit von Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen dar. Die nachgestellte „Fluchtszene“ mit originalen Kleidungsstücken und Gegenständen der damaligen Zeit wirkte beeindruckend und berührend zugleich. Da auch meiner Familie das Thema Flucht und Vertreibung nicht fremd ist, war es umso interessanter, sich anhand der Ausstellung in diese Zeit rein zu versetzen und gewissermaßen nachvollziehen zu können, wie es damals für die Betroffenen gewesen sein musste.

vor der Fluchtszene

vor der Fluchtszene

Geschichtlich ging es an meinem ersten Arbeitstag im Kulturreferat auch gleich weiter, indem ich mich im Rahmen der Ausgestaltung eines Schulprojektes mit dem „Kreisauer Kreis“ befasste. Der „Kreisauer Kreis“ war mir noch durch die Geschichtsstunden in der Schule durchaus bekannt. Für das Kulturreferat hatte ich aber in einem anderen Rahmen über diese Widerstandsgruppe und ihre Pläne recherchiert und bekam so einen neuen Blickwinkel auf die damaligen Geschehnisse.

Die Mitarbeit in der Presseabteilung machte mir besonders viel Spaß, da es nicht nur bedeutet, „reine Büroarbeit“ zu leisten: die Aufgaben in diesem Bereich sind besonders vielfältig und interessant gestaltet – und darüber hinaus bekommt man immer wieder die Möglichkeit, das Museum der Öffentlichkeit entsprechend zu präsentieren.

bei der Arbeit in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

bei der Arbeit in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Während meiner Praktikumszeit im OL lernte ich weitere wertvolle Dinge für meine berufliche Zukunft hinzu. Schön war es darüber hinaus auch zu wissen, dass man, sei es auch nur für eine kurze Zeit, intensiv dazu beiträgt, eine „Brücke bauen zu können“ – zwischen den Ländern und den Kulturen.

St. Petersburg und die Deutschen

Montag, 2. Dezember 2013

Das Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, das Reisebüro Russland Reisen Romanova und die Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „DEUTSCH RUSISSCHES BEGEGNUNGZENTRUM – drb“ haben eine Studienreise par ex­cel­lence nach St. Petersburg angeboten.

Reisebericht von Regina Gronau

Unter der bewährten Regie von Natalia Romanova (Russland Reisen Romanova, Hamburg) und Agata Kern (Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg) war dieser Reise bereits in der Planung der Erfolg sicher. Insgesamt 20 Teilnehmer erlebten wundervolle geschichtsträchtige Tage in Piter, dem im russischen Sprachgebrauch häufig genannten Kurznamen der Stadt St. Petersburg.

St. Petersburg abseits üblicher touristischer Pfade war ein unwahrscheinliches Erlebnis. Nach dem Einchecken im „Golden Triangel Boutique Hotel“ am Nachmittag des 22. August 2013 begannen erlebnisreiche Tage, die mit einem herzlichen Empfang von der Stiftungsleiterin Arina Nemkowa und Irena Bijagowa, Leiterin der Bildungs- und Kulturprojekte im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum, eröffnet wurden. An einer reichlich gedeckten Tafel genossen wir nach einer Einführung musikalische Darbietungen in Deutsch und Russisch – gesungen vom deutschen Liederkreis „Lorelei“ unter der Leitung von Natalia Kraubner.

Am 23. August 2013 trafen wir uns wieder im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum.

Im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum

Treffen im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum

Unter anderem sahen wir einen sehr aufschlussreichen Film („Vorbild und Sündenbock“), über die wechselhafte Geschichte der Russlanddeutschen vom Beginn der Besiedlungspolitik durch Zarin Katharina II. bis in das 20. Jahrhundert. Ein Film, den man in Deutschland vor allem in den Schulen zeigen sollte, um vielen Missverständnissen zu diesem Thema zu begegnen. Anschließend folgte ein Rundgang in der evangelisch-lutherischen Petri-Kirche inklusive der Katakomben. Fast so alt wie St. Petersburg diente sie bis auf die Sowjetzeit als Gotteshaus. 1962 wurde sie zu einem Schwimmbad umgebaut. Seit Juni 1993 feiern die St. Petri- und St. Annen-Gemeinde hier wieder ihre Gottesdienste. Im Kellercafé der evangelisch-lutherischen Marienkirche der finnischen Gemeinde wurden wir dann zum Mittagessen erwartet, um anschließend von dort zu einer Stadtrundfahrt “mit deutschem Bezug” aufzubrechen.

Mittagessen im Kellercafe der Marienkirche

Mittagessen im Kellercafé der Marienkirche

Sachkundig begleitete uns die Stadtbildleiterin Wiktoria Safonowa, die uns nicht nur die architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt erklärte, sondern vor allem in der Peter-Paul-Kathedrale die Begräbnisstätte der Zaren mit vielen erklärenden Geschichten nahebrachte. Dann bekamen wir etwas feuchte Augen, als das Glockenspiel der Kathedrale uns mit dem Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“ von Gerhard Tersteegen empfing. Mit dem Abendessen im Hotel beendeten wir einen ereignisreichen Tag.

Der 24. August 2013 war der Geschichte der deutschen Kolonien am Beispiel von Strelna-Neudorf gewidmet. Mit der Gründung der Siedlung Neudorf in der Nähe der ehemaligen Siedlung begann ein neues Zeitalter der deutschen Kolonisten. Ein Ort mit vielen gepflegten Häusern und Gärten, einer durchgehenden Straße von einer Beschaffenheit, die man bei uns in Deutschland schon suchen muss. Heute ist Neudorf eine Sonderwirtschaftszone, wo unter anderem deutsche Kühlschränke der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH gebaut werden. Die Werke befinden sich am Platz der ehemaligen deutschen Kolonie Strelna, die 1810 gegründet wurde und während des zweiten Weltkrieges völlig verschwand.

Besuch in Strelna

Besuch in Strelna

Den luth. Friedhof in der ehemaligen „Oberen Kolonie“ im Dorf Gorbunki besuchten wir anschließend. Das Mittagessen genossen wir im Restaurant Letnij dvoretz in der Sankt Petersburgskoje Chaussee. Ein palastartiges Gebäude mit einem großen Speisesaal empfing uns, und wir ließen uns verwöhnen – bis es weiter ging nach Peterhof, dem „russischen Versailles“. Von der Palastterrasse kann man über den rund 400 Meter langen Wasserkanal bis zum Finnischen Meerbusen blicken.

Parkanlage des Peterhofs, der ehemaligen Zarenresidenz

Parkanlage des Peterhofs, der ehemaligen Zarenresidenz

Der Besuch der Schloß- und Parkanlage und des Schlösschens Montplaisir war ein großartiges Erlebnis.

Für den 25. August 2013 – ein Sonntag – stand die Fahrt nach Puschkin auf dem Programm. Nach dem eindrucksvollen Rundgang im Katharinenpalast mit Wiktoria Sofanowa war natürlich das sagenumwobene Bernsteinzimmer für uns alle der Höhepunkt. Ich durfte 1942/43 das Bernsteinzimmer im Königsberger Schloss sehen und war etwas enttäuscht, dass es jetzt so klein war. Aber ich vergaß, dass ich damals 12 Jahre alt war und sich die Dimensionen mit dem Erwachsenwerden etwas verändern. Und doch war es für mich etwas ganz Besonderes – eine Erinnerung, die greifbar geworden war. Um 18:00 Uhr trafen wir uns zu einer Fluss- und Kanalfahrt, wo man lt. Programm das „Venedig des Nordens“ aus einer ganz besonderen Perspektive kennen lernen konnte. Das Abendessen im Hotel beendete einen wunderschönen Tag.

Für Montag, den 26. August 2013 war ein runder Tisch zum Thema „250 Jahre Einladungsmanifest der Zarin Katharina der Großen zur Niederlassung der ausländischen Kolonisten in Russland“ geplant. Die Moderation übernahm Dr. Irina Tscherkasjanowa.

Referent/-innen waren: Dr.Tatiana Schrader, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Peter der Große-Museums für Anthropologie und Ethnographie (Kunstkammer) Akademie der Wissenschaften Russlands: „Die Entstehung der Kompaktsiedlungen der Deutschen Kolonisten bei Petersburg und ihre Entwicklung bis zum Anfang des 20. Jh.“

Dr. Irina Tscherkasjanowa, Mitglied des Vorstandes der Internationalen Assoziation der Forscher der russlanddeutschen Geschichte und Kultur beim Internationalen Verband der Deutschen Kultur (IVDK), Moskau: „Die Leningrader Deutschen während des zweiten Weltkrieges.“

Dr. Biologie, Professor Microbiologie Irina Arkhiptschenko-Eidemiller, das wissenschaftliche Forschungsinstitut an der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften der RF: „Die Geschichte des deutschen evangelisch-lutherischen Friedhofs in Strelna aus dem Blickwinkel des Nachfahrens.“

Andrej Reimann, Vorsitzender des St. Petersburger Ausschusses für Landschaftsarchitektur des Architektenverbandes der RF: „Deutsche Kultur in der Gartenkunst in St. Petersburg.“

Ein umfangreiches Programm, das nur mit dem Simultan-Dolmetscher Dr. Vladimir Kornev zu bewältigen war.

Wenn man alles Revue passieren lässt, dann wundert man sich, dass Russland und Deutschland nicht enger zusammenrücken können. Viele Deutsche sehen St. Petersburg als ihre Heimat an und pflegen seit Jahrhunderten hier ihre Traditionen – wie auch die Russen, die aus ihrem riesigen Reich hier gelandet sind. Zarinnen kamen aus Deutschland und auch am Hofe waren die Deutschen selbst gern gesehen – vor allem die Architekten.

Besonders beeindruckend war die Dauerausstellung „Deutsches Leben in St. Petersburg“ in der Petrikirche über die Geschichte der Deutschen in St. Petersburg.

In der Petri-Kirche, die 1962 zu einem Schwimmbad umgebaut wurde

In der Petri-Kirche, die 1962 zu einem Schwimmbad umgebaut wurde

Ein Überraschungsgast fand sich an diesem Nachmittag auch noch ein, der MARCO POLO Autor Lothar Deeg. Er arbeitet als freier Russland-Korrespondent für Printmedien und als Redakteur der Web-Zeitung „Russland-Aktuell“. Seit 1994 lebt er in St. Petersburg und empfindet sich als „Petersbürger“ mit deutschem Pass. Nach dem Abendessen im Hotel erwartete uns ein Ballettabend im Alexandrinski Theater.

Unsere Gruppe vor dem Alexandrinski-Theater

Unsere Gruppe vor dem Alexandrinski-Theater

DasTatschkin-Ballett entführte uns mit dem Tschaikowsky-Klassiker “Schwanensee” in eine Märchenwelt.

Der nächste Tag, der 27. August 2013, stand uns für eigene Pläne zur Verfügung. Einige Teilnehmer wollten zur Eremitage, andere schlossen sich den Damen Romanova und Kern an, die mit uns ein echtes russisches Restaurant auf dem Newski Prospekt besuchten. Die Pelmenis schmeckten vorzüglich! Leider wartete an diesem Abend schon das Abschlusstreffen auf uns. Noch einmal gab es eine russische Tafel und eine Filmvorführung über die verlorenen Schätze der Romanovs. Wunderschöne Tage in St. Petersburg gingen zu Ende – die Erinnerung wird uns noch lange begleiten.

Mit einem herzlichen „Dankeschön“ an alle, die uns durch ihre Hilfe und Begleitung dies alles möglich gemacht haben, danke an Arina Nemkowa, Irena Bijagowa und Wiktoria Safonova für sachkundige Informationen und russische Herzlichkeit sowie Natalia Romanova und Agata Kern für eine hervorragend konzipierte Studienreise und ihre persönliche Sorgsamkeit für alle Teilnehmer – auch im Namen meiner Freundin Helga Albrecht

Regina Gronau

Mal-und Kulturreise nach Krakau vom 8. bis 15. Juli 2013. Ein Reisebericht

Freitag, 4. Oktober 2013

Reiseleitung: Frau Agata Kern, Kulturreferentin für Ostpreußen und Baltikum am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg
Künstlerische Leitung: Gudrun Jakubeit, aus dem Atelier Gudrun Jakubeit in Lüneburg

Auf geht´s! Mit Malausrüstung im Reisegepäck trafen sich am 8. Juli 2013 die Malkursteilnehmer und weitere Mitreisende, sowie die Reise- und Kursleitung in den Morgenstunden am Hamburger Flughafen. Warschau war das Zwischenziel, dann ging es weiter nach Krakau. Einige Teilnehmer hatten ihre Anreise selber organisiert. Das Hotel lag so zentral in der Altstadt, dass wir direkt zu Fuß starten konnten. Schon am ersten Abend hat uns die lebendige Kulturmetropole mit einer lauer Sommernacht voller Gaukler, Kleinkünstler, Musiker und junger Menschen auf den Straßen begrüßt.

Die nächsten Tage waren reichlich angefüllt mit einem hervorragend geleiteten Besichtigungsprogramm und anschließendem Malkurs direkt vor den Motiven.

Residenz als Motiv

Die Wawelburg

Auf der oben gelegenen Terrasse, direkt auf den berühmten Tuchhallen, konnten wir recht ungestört die ersten Versuche starten. Die Skizzenbücher, Aquarellblöcke, Pinsel und Stifte wurden gezückt, dem Turmbläser gelauscht. Die riesige Marienkirche mit dem farbenfrohen Treiben auf dem Marktplatz entpuppte sich zu einer echten Herausforderung.Nach der „Eroberung“ und Besichtigung der Wawelburg wurde am Nachmittag am Weichselufer, auf der gegenüberliegenden Seite in einem schattigen Plätzchen, die imposante Residenz gemalt.

Das schattige Plätzchen

Das schattige Plätzchen

Kazimierz: das jüdische Viertel wurde leider unter Regenschirmen besichtigt, doch sein malerischer Charme reizte uns Maler zu einem weiteren Besuch.
Der Platz vor unserem Hotel bot sich wunderbar an, um Übungen in Perspektive und Farbenlehre zu praktizieren und das Trainieren schneller Farbskizzen zu unterrichten.

Übungen in Perspektive und Farbenlehre

Übungen in Perspektive und Farbenlehre

Krakau zeigte sich in allen Facetten: stürmisch und regnerisch, heiß und farbenfroh. Die vielen Bars, Kneipen und Restaurants rundeten nach einem arbeitsreichen Tag am Motiv das sinnliche Erlebnis mit wahren Gaumengenüssen ab.

Krakauer Eindrücke

Krakauer Eindrücke

Am letzten Maltag wurden wir wieder von der Sonne begrüßt. Es ging ein letztes Mal zu dem berühmten Platz und wir versuchten gegen die davon flitzende Zeit an zu arbeiten. Alle Maler und Malerinnen hatten große Fortschritte gemacht, schade, gerade jetzt am Ende des Tages den Pinsel wieder einpacken zu müssen. Die große Werkschau krönte als Abschlußausstellung den letzten Tag der Malreise. Es ist ein ergreifender Moment, wenn alle in dieser Woche entstandenen Bilder von allen Teilnehmern präsentiert und besprochen werden. Weit über 60 Werke zeugten von einem sehr intensiven und kreativen Schaffensprozess.

Gudrun Jakubeit

Gudrun Jakubeit

Die Künstlerin bedankte sich bei ihren Schülern für das ihr entgegengebrachte Vertrauen, gab konstruktive Kritik, Tipps und konnte zusammen mit Frau Kern mit der gesamten Gruppe auf eine gelungene Reise und die Freude am Malen mit einem Glas Sekt anstoßen.

Teilnehmer

Teilnehmer der Malreise

Eine weitere Mal- und Kulturreise Anfang Juli 2014 nach Nidden, auf den Spuren der Künstlerkolonie auf die Kurische Nehrung, Litauen, in Zusammenarbeit mit Frau Agata Kern, Herrn Dr. Barfod und der Künstlerin Gudrun Jakubeit ist in Planung.

Bitte wenden Sie sich an Frau Kern: Tel: 04131 – 7599515
oder an das Atelier Gudrun Jakubeit: Tel: 04131 – 603555

Wer neugierig geworden ist, ist sehr herzlich zum Besuch unserer Ausstellung eingeladen: Impressionen aus Masuren und Krakau: 5.10. – 3.11.2013 im Ostpreußischen Landesmuseum

Gudrun Jakubeit Krakau Aquarell 2013

Gudrun Jakubeit Krakau Aquarell 2013


Große Namen und großer Andrang im Ostpreußischen Landesmuseum

Montag, 19. August 2013

Marie – Cécile Herzogin von Oldenburg, Urenkelin vom letzten deutschen Kaiser Wilhelm II., las mit Dr. Marianna Butenschön aus Briefen ihrer Vorfahrin, Alexandra, Kaiserin von Russland.

Alexandra Feodorovna, die "Preussin auf dem Zarenthron"

Alexandra Feodorovna, die "Preußin auf dem Zarenthron". Gemälde von A. Malyukov, 1836

Große Namen hallten am Abend des 14. Augustes durch den Dioramenbereich des Ostpreußischen Landesmuseums: Allen voran der Name Charlotte von Preußen (1798-1860), älteste Tochter des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. und der legendären Königin Luise. Charlotte galt als ebenso schön und bewundernswert wie ihre berühmte Mutter, mit der sie als Kind die Flucht vor Napoleon nach Ostpreußen miterleben musste. Als „Alexandra Fjodorowna“ und Gattin von Zar Nikolaus I. war sie ab 1825 Kaiserin von Russland.

Aufgeschrieben hat die Geschichte der „Preußin auf dem Zarenthron“ Dr. Marianna Butenschön. Die Osteuropa-Historikerin und Journalistin erzählte aus ihrem Buch, beschrieb die sehr engen Verknüpfungen Preußens und Russlands und gab mit historischen Fakten und Anekdoten einen spannenden und berührenden Einblick in das Leben und in die Zeit der in Deutschland viel zu wenig bekannten Adligen.

Doch nicht nur große Namen standen im Raum. Frau Dr. Butenschön hatte in ihr Programm einen prominenten Gast integriert: Immer dann, wenn aus Briefen und Reden ein Hohenzoller zitiert wurde, las Ihre Königliche Hoheit, Marie-Cécile Herzogin von Oldenburg, Urenkelin des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. und damit direkte Nachkommin von Königin Luise wie auch selbst Urururenkelin von Charlotte von Preußen.

Marie-Cecile und Marianna Butenschoen

Marie-Cécile Herzogin von Oldenburg und Dr. Marianna Butenschön

Mit derart interessanten Vorfahren mag es kaum überraschen, dass die Herzogin so lebendig aus dem Leben Charlottes las, dass das Publikum eine wahre Vorstellung von Leben und Zeit bekam und selbst so private Details wie die Kosenamen “Muffi” und “Niks“ für Zarin und Zar nie peinlich wirkten. Dies ist nicht zuletzt auch Marianna Butenschön zu verdanken, die fundiert und abwechslungsreich einen spannenden und oft unerwarteten Einblick in das Leben am preußischen und russischen Hof erlaubte.

Mit deutlich mehr als 100 Besuchern war der Abend bis auf den letzten Platz ausverkauft. Manche waren wohl auch gekommen, um eine echte Hohenzollerin zu sehen. Zuletzt hatte 2010 ihr Bruder, Christian Sigismund Prinz von Preußen, die erfolgreiche Ausstellung über Leben und Mythos der Königin Luise im Ostpreußischen Landesmuseum eröffnet. Viele der Gäste erwiesen sich als Spezialisten, die mit (Ost)Preußens Geschichte bestens vertraut sind. Frau Butenschön hatte sozusagen ein Heimspiel, als sie den von Charlottes Vater König Friedrich-Wilhelm III. komponierten Präsentiermarsch anspielen ließ und dieser sofort als solcher erkannt und benannt wurde.

Viel Beifall für ein hervorragendes Team

Langer und lauter Beifall belegte: Die von der Kulturreferentin Agata Kern organisierte Veranstaltung wurde ein gelungener, besonderer und viele berührender Abend. Am Ende nahmen sich beide Gäste ausführlich Zeit für Gespräche und Buchsignaturen.

Ein Dankeschön vom Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Ein Dankeschön vom Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert

Übrigens, bereits 1964 war Marie Cécile Herzogin von Oldenburg zur Eröffnung des neuen Jagmuseums in Lüneburg zu Gast. Immerhin ist sie noch im ostpreußischen Cadinen geboren, wo Kaiser Wilhelm eine Fabrik für Keramik und Majolika errichtet hatte und die Entwürfe höchstpersönlich freigab. Cadiner Majolika ist vielfältig im Museum zu sehen. Die Herzogin war überrascht, wie sehr sich das Museum seither entwickelt hat. Sie versprach, bald wiederzukommen.

Eroeffnung des ostpreußischen Jagdmuseums in der Salzstraße 1964

Die junge preußische Prinzessin 1964 bei der Eröffnung des Ostpreußischen Jagdmuseums in der Lüneburger Salzstraße

Zweifach vertrieben – Spuren vergessener NS-Opfer und Gedenken im russischen Königsberger Gebiet

Donnerstag, 21. Februar 2013

Am 30. Januar 2013, zum 80. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten, stellte Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, im Ostpreußischen Landesmuseum ein Kapital ostpreußischer Geschichte vor, welches in der Forschung bisher nur unzureichend Beachtung findet. Der Vortrag widmete sich sieben – meist unbekannten – Orten im russischen Königsberger Gebiet (Kaliningrader Oblast), die für verschiedene Opfergruppen des Nationalsozialismus stehen, und Formen des dortigen Gedenkens an sie.

Uwe Neumaerker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Die Zeit des Dritten Reiches wird in der Erinnerungskultur zuweilen ausgeblendet, häufiger beschränkt sie sich auf die – tatsächlich – unvergleichliche Schönheit der Natur, das “Land der dunklen Wälder und kristall´nen Seen”, und auf die tragischen Ereignisse von Flucht und Vertreibung der Deutschen sowie die grausame Rache der Soldaten Stalins 1944/45. Beschwiegen werden dann aber jene, die bereits vor Kriegsende Opfer im Deutschen Osten geworden waren – durch die eigenen Landsleute. Sie wurden ihrer Heimat beraubt und aus der Erinnerung an Ostpreußen ´vertrieben`. Hierzu gehören die ostpreußischen Juden und die als ´Zigeuner` verfolgten Sinti, die Angehörigen der polnischen Minderheit und die Patienten aus Heil- und Pflegeheimen, ebenso wie der ´Todesmarsch` und die anschließende Massenerschießung am Ostseestrand von Palmnicken Anfang 1945 mit bis zu 7.500 ermordeten jüdischen Häftlingen.

Das Holocaustdenkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände des Künstlers und Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Das Denkmal in Palmnicken: gen Himmel ausgestreckte Hände vom Künstler und Holocaust-Überlebenden Frank Meisler, eingeweiht am 31. Januar 2011

Was wenige wissen: In Ostpreußen lebte bis zum 2. Weltkrieg die größte Sintiminderheit Deutschlands. Reinhard Florian ist ein Sinto, der überlebte – die Konzentrationslager Mauthausen, Auschwitz, Gusen und einen Todesmarsch – und der bereits seit seiner Kindheit soziale Ausgrenzung, Gewalt und Entrechtung ertragen musste. Zweifach vertrieben, dies machte Neumärker bereits mit seinen ersten Sätzen deutlich. „Vier Wochen nach seiner Befreiung am 6. Mai 1945 hat der 22-jährige Sinto Reinhard Florian aus Matheningken bei Insterburg nichts anderes im Sinn als heimzukehren: ´Ich wollte unter allen Umständen schnell zurück nach Hause. Nach Ostpreußen! In meine Heimat. Von da komm’ ich. Da gehöre ich hin! (…) Ich war doch Deutscher, ein Deutscher aus Ostpreußen. Der Krieg hatte daran nichts geändert. Wie sollte ich mich auch anders fühlen? Ich bin groß geworden in Deutschland und kenne kein anderes Land. Ich spreche auch nur Deutsch. Selbst als ich aus dem Lager kam, gab es für mich nur Deutschland`“ Der gesamte Vortrag ist bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas nachzulesen.

Im Gespräch mit dem Puplikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Im Gespräch mit dem Publikum: Uwe Neumärker, Dr. Joachim Tauber (Direktor Nordost-Institut), Dr. Joachim Mähnert (Direktor Ostpreußisches Landesmuseum)

Neumärker veranschaulichte, dass mit diesem Kapitel ostpreußischer Geschichte auch ein Kapitel gesamtdeutscher Geschichte beleuchtet wird. Sein Vortrag gab gewissermaßen auch einen Ausblick auf die sich im Entstehungsprozess befindende neue Dauerausstellung des Museums, die auch dieses Thema selbstverständlich nicht ausschließen wird.

Seit 2005 leitet Uwe Neumärker das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas”, die im Zentrum Berlins gelegene zentrale Holocaustgedenkstätte Deutschlands. Das Denkmal besteht aus dem überirdischen Stelenfeld und einem unterirdischen Ausstellungsraum, dem „Ort der Information“. Seit seiner Einweihung vor knapp 8 Jahren haben mehr als 10 Millionen Menschen das Stelenfeld besichtigt.

Zu dem Vortrag eingeladen hatte das Ostpreußische Landesmuseum gemeinsam mit dem Nordost Institut / IKGN Lüneburg.

Arno Surminski am Hansa-Kolleg in Hamburg

Donnerstag, 3. Januar 2013

Am 22. November fand das erste große Projekt in einer neuen Kooperation des Kulturreferates am Ostpreußischen Landesmuseum mit dem Hansa-Kolleg Hamburg einen letzten Höhepunkt. Im Mai dieses Jahres waren 19 Schülerinnen und Schüler, die im Zweiten Bildungsweg das Abitur anstreben, in Begleitung zweier Lehrer und der Kulturreferentin Agata Kern für sechs Tage nach Kaliningrad gereist. Über diese eindrucksvolle Reise haben wir bereits am 15. Juni 2012 im Blog berichtet.

Eingerahmt wurde dieses Reiseprojekt, das unter dem Motto „Von Kaliningrad nach Königsberg – Auf den Spuren von Marion Dönhoff“ stand, von zwei Veranstaltungen mit prominenten Ehrengästen. Nachdem am 29. Februar bereits Tatjana Gräfin Dönhoff bei der Vorstellung des Projekts vor Schülern des Hansa-Kollegs und der Lüneburger Wilhelm-Rabe-Schule gesprochen hatte, war nun bei der feierlichen Abschlussveranstaltung in der Aula des Hamburger Hansa-Kollegs Arno Surminski zu Gast.

Vorstellung der Studienreise

Vorstellung der Studienreise

Eines der eindrücklichsten Erlebnisse auf unseren Fahrten durch das Kaliningrader Gebiet war ganz sicher der Besuch der Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Palmnicken. Vielen der Schüler waren die grausamen Geschehnisse des Januars 1945 aus der Lektüre von Arno Surminskis Roman „Winter Fünfunvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“ bereits vor der Reise bekannt. Es war ein strahlender Frühlingstag, als wir auf unserer Reise das Mahnmal besuchten, das am weißen Ostseestrand an die Ermordung von 3000 jüdischen Frauen aus dem KZ Stutthoff durch Angehörige der SS erinnert – weitere 4000 Frauen hatten zuvor bereits den Todesmarsch nicht überlebt. Der friedliche Frühling an der Ostsee im Jahre 2012 – und der grausame Winter an genau der gleichen Stelle im Jahre 1945: Das war vermutlich der heftigste Kontrast auf dieser an Kontrasten überreichen Reise.

Lesung von Arno Surminski

Lesung von Arno Surminski

So war es für das Hansa-Kolleg ein ganz besonderes Glück, dass Arno Surminski sich bereit erklärte, in die Schule zu kommen und vor den Reiseteilnehmern und den Kollegiaten des Eingangsjahres aus seinem Buch zu lesen. Was an der Gedenkstätte, zumal bei Sonnenschein über der Ostsee, kaum fassbar erscheint, wird bei der Lesung plötzlich anschaulich. Die ermordeten Frauen bekommen Namen und Schicksale, und für einen Moment glauben wir, ihnen nahe zu kommen. Auf seine Weise ist Arno Surminskis Roman ein zweites Mahnmal für die ermordeten Frauen – eines nicht aus Stein, sondern aus Worten – und gerade dadurch viel fassbarer als das sichtbare Mahnmal am Strand im Norden Ostpreußens.

Die Schüler nutzten die Gelegenheit, den Autor nach seinen eigenen Erinnerungen an Ostpreußen zu fragen und zu erfahren, wie ein literarisches Werk wie dieser Roman entsteht. Am Ende der Veranstaltung stand die Preisverleihung an die Gewinner des Fotowettbewerbs, dem sich die reisenden Kollegiaten gestellt haben. Auch hier war das Motto: „Von Kaliningrad nach Königsberg“. Die Gewinner des ersten Preises haben das Thema auf ganz unterschiedliche Weise gelöst:

Während sich in der Fotographie von Thorben Beller im Fenster eines heruntergekommenen Kaliningrader Plattenbaus die Ruine eine Backsteinhauses aus deutscher Zeit spiegelt, lässt Richard Schuster vor dem im Dunkeln angestrahlten, aus Ruinen wiedererstandenen Königsberger Dom mit dem Lichtschein einer Taschenlampe den Schriftzug „Kaliningrad“ leuchten. Vergangenheit und Gegenwart; aber eben auch: Verfall und Zuversicht, vielleicht sogar ein wenig neuer Glanz – sie spiegeln sich auch in den Wettbewerbsbeiträgen der Kollegiaten. Es war eine Ehre für die Schule, dass die fünf Preisträger ihre Preise aus den Händen von Arno Surminski entgegennehmen konnten.

Wir schauen zurück und gleichzeitig nach vorn: Das erste große Projekt in der Kooperation zwischen Kolleg und Kulturreferat ist zuende. Aber weitere, kleine wie große, Projekte werden folgen. Und die Schüler des Eingangsjahres, die an diesem Vormittag zu Gast waren, konnten einen ersten Eindruck bekommen von dem, was sie in eineinhalb Jahren erwartet: Denn dann werden wir uns erneut auf den Weg machen, um Spuren des Vergangenen, vor allem aber die lebendige Gegenwart bei unseren östlichen Nachbarn zu erleben.

Holger Wendebourg (Lehrer am Hansa-Kolleg)