Archiv für die Kategorie „Allgemein“

Objekt der Woche #22 – Ermländische Trachtenhaube

Mittwoch, 6. Juni 2018

Aus Ostpreußen sind nicht sehr viele ältere Bekleidungsformen erhalten geblieben. Gegen 1900 versuchten verschiedene Vereine auf dem Land, oft von Lehrern initiiert, aus vorhandenen Resten die letzte Trachtenform zu erhalten und zu festlichen Angelegenheiten zu präsentieren. Dabei wurden Tanzgruppen gebildet und entsprechend ausgestattet mit alten oder nach alten Vorbildern neu geschneiderten Trachtenteilen. Auf diesem Weg rette man in einigen Gegenden alte Textilien und das Erscheinungsbild der Tracht, wie sie bis Anfang oder Mitte des 19. Jahrhunderts noch in Gebrauch gewesen war.

Ermländische Trachtenhaube

Das Ermland als katholisch geprägte Region mitten im evangelischen Ostpreußen hatte aufgrund seiner eigenen kulturellen Prägung länger traditionelle Bekleidungsformen behalten. Zu der Sonntags- und Festtracht der Frauen vor allem auf dem Land gehörte im frühen 19. Jahrhundert eine besonders aufwendig gearbeitete Haube mit gold- oder silberfarbenen Faden und langen seidenen Bändern. Später galt sie als eines der bekanntesten Trachtenteile Ostpreußens überhaupt und wurde seit um 1900 wieder getragen und nachgearbeitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Tradition im Westen weiter gepflegt.

Objekt der Woche #21 – Erinnerungsplakette an die Ostpreußenfahrt des ADAC 1929

Mittwoch, 30. Mai 2018

Der bekannte Automobilclub wurde bereits 1903 gegründet. In den Jahren vor 1933 fanden Überlandfahrten statt, die die Verbundenheit mit den Regionen stärken sollten. Die Ostpreußenfahrt 1929 wurde als Leistungsprüfung im Sportprogramm des Vereins durchgeführt. Die Plakette zeigt das Porträt Paul von Hindenburgs, des Siegers über die Russen im Ersten Weltkrieg und damaligen Reichspräsidenten, und das Tannenberg-Nationaldenkmal.

Erinnerungsplakette an die Ostpreußenfahrt des ADAC 1929

Erinnerungsplakette an die Ostpreußenfahrt des ADAC 1929

Wir erhielten dieses seltene Stück als Geschenk von Wolf Eichstädt, dessen Vater an der genannten Fahrt teilgenommen hatte. Er war vor 1934 Polizeioffizier in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg. Die Erinnerungsplakette wird in der Abteilung Wirtschaft in der Weimarer Zeit gezeigt.

Praktikum im Ostpreußischem Landesmuseum

Dienstag, 29. Mai 2018

Von Linda Niedergesäß

Ich bin siebzehn Jahre alt und gehe in die elfte Klasse der IGS Lüneburg und durfte für zwei Wochen im Ostpreußischem Landesmuseum ein Schülerpraktikum absolvieren.
Es hat mir sehr gefallen, denn in der Abteilung Bildung und Vermittlung, wo ich gearbeitet habe, konnte ich einen guten Einblick in den Beruf der Museumspädagogin gewinnen.
Da sich das Museum zurzeit im Umbau befindet und die Dauerausstellung in Planung ist, konnte ich mir ein paar Gedanken darüber machen, wie die Ausstellung auch einem jüngeren Publikum nahegebracht werden könnte. Dafür habe ich zwei Fragebögen zu den Themen „Mittelalter“ und „Hanse“ gestaltet. In einem Multiple-Choice-Quiz können Kinder versuchen, Antworten auf die Fragen in der Ausstellung zu finden.
Des Weiteren habe ich die Räumlichkeiten für einen künftigen Museumskindergeburtstag unter dem Motto „Edle Ritter und schöne Burgfräuleins“ kennengelernt. Inspiriert von einigen Mittelalter-Kinderbüchern konnte ich Aktionsideen und Bastelvorschläge für jüngere Kinder entwickelen, wie zum Beispiel das Herstellen eines kleinen Banners aus Filz mit einem Wappen.

Praktikantin Linda Niedergesäß

Praktikantin Linda Niedergesäß

Objekt der Woche #20 – Ein Blick auf Nidden Ernst Mollenhauer, Öl/Leinwand, 1949

Mittwoch, 23. Mai 2018

Die Kurische Nehrung wurde seit Ende des 19. Jahrhundert als wildromantischer Ort für Sommeraufenthalte bekannt. Es entstand dort auch, wie an manchen anderen ländlichen und abgelegenen Orten, etwa Worpswede oder Ahrenshoop, eine Künstlerkolonie.
Das Gemälde zeigt den Blick von einer Dünenanhöhe auf das Fischerdorf Nidden. Der Maler war Ernst Mollenhauer (1892-1963), ein ostpreußischer Expressionist, der zu dem kleinen Kreis der Künstler gehörte, die sich am Ort ein eigenes Haus errichtet hatten. Zu diesem Kreis zählten außerdem der Dichter Thomas Mann, der Maler Carl Knauf, der Schauspieler und Fotograf Paul Isenfels sowie der Maler Richard Birnstengel.

Objekt der Woche #20 – Ein Blick auf Nidden Ernst Mollenhauer, Öl/Leinwand, 1949

Ein Blick auf Nidden Ernst Mollenhauer, Öl/Leinwand, 1949

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Nidden, nun militärisches Sperrgebiet im Warschauer Pakt, nicht mehr erreichbar. Doch viele Maler, die sich einst in seine Landschaft verliebt hatten, malten es weiter, aus der Erinnerung. So entstand auch dieser Dorfblick 1949 als Bild der Sehnsucht nach dem „Paradies Nidden“, wie Ernst Mollenhauer damals schrieb.
In der neuen Dauerausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums wird dieses Gemälde in jener Abteilung hängen, die der Künstlerkolonie Nidden gewidmet ist.

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“

Mittwoch, 16. Mai 2018

Nach dem Nordischen Krieg, der für die ehemals von Schweden beherrschte Stadt Riga 1710 mit der Unterwerfung unter den siegreichen russischen Zaren Peter I. endete, reorganisierte die Bürgerschaft aus den stark dezimierten Reihen der Kaufleute und der unverheirateten Kaufgesellen eine reitende Bürger-Kompanie. Als diese 1720 auf ausdrücklichen Befehl des Zaren zum Empfang eines Gesandten vor die Stadttore beordert werden sollte, sah einer der unverheirateten Kaufgesellen, Hermann Ernst Barber, die Chance zur Begründung einer eigenen Kompanie.  Er entwarf nach schwedischem Vorbild eine Uniform aus blauen silbergestickten Röcken, strohfarbenen Westen mit Beinkleidern und schwarzen Hüten.  Die aus 60 Junggesellen aufgestellte neue Zweigkompanie machten im Unterschied zu der uneinheitlich gekleideten bürgerlichen Stammkompanie durch ihr prachtvolles Äußeres einen glänzenden Eindruck, so dass Rat und General-Gouverneur die Existenz der Rigaer einer nach ihrer Uniformfarbe benannten „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“ erlaubten.

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“, © Jan-Rasmus-Lippels

Objekt der Woche #19 – Weste der Rigaer „löblich reitenden Blauen Bürger-Compagnie“, © Jan-Rasmus-Lippels

Die „Blauen“ Junggesellen waren einem Offizier der Stammkompanie, die sich selbst 1728 Grün uniformierte und aus verheirateten Kaufleuten bestand, unterstellt. Ihre freiwilligen Mitglieder mussten Ausstattung und Pferd selbst stellen. Die Uniform wurde im Laufe der Jahre mehrmals ergänzt und umgestaltet, aber die hier zu sehende strohgelbe Weste aus Seidensamt, Leinen mit Stickereien versehen, erinnert an ihre ehemals glanzvollen Zeiten und ist als Original möglicherweise bereits im 18. Jahrhundert gefertigt.
Beide, die reitende Blaue und Grüne Bürger-Kompanie, übernahmen bis zu ihrem Zusammenschluss 1832/33 vor allem repräsentative Aufgaben. Sie geleiteten Zarinnen und Zaren, Botschafter und andere hochgestellte Persönlichkeiten nach Riga hinein – je höher der Rang des Gastes, umso weiter ritten sie vor die Stadttore hinaus. Sie stellten zudem Ehrenwachen und veranstalteten Festlichkeiten, beispielsweise zu den Krönungstagen der russischen Herrscher. Militärische Aufgaben übernahmen sie als reitende Stadtgarde erst Anfang des 19. Jahrhunderts, als Riga Teil kriegerischer Auseinandersetzungen wurde. Seit 1888 wurde niemand mehr in die Stadtgarde aufgenommen. Noch heute erinnert in der Rigaer Petrikirche die 1743 gekaufte Erb-Grabstätte an die „Blaue Garde“ und in der Kirche selbst soll ein schützender Geist jener „Blauen“ die Grabstätten bewachen.

Objekt der Woche #18 – Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Mittwoch, 9. Mai 2018

Eine ärmliche, sichtlich besorgte Bauernfamilie zahlt zwei wenig vertrauenserweckenden Matrosen Geld für eine Überfahrt; anhand der im Hintergrund erkennbaren Karte soll es offensichtlich nach Amerika gehen, zumal auf der Transportkiste „Neu York“ steht.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderten viele Ostpreußen aus: Gerade im 19. Jahrhundert ging die Reise vor allem nach Amerika in das „verheißene Land“ – ohne König, ohne Militärdienst und mit nahezu freier Religionswahl, die auch Mennoniten, Baptisten oder sonstige kleinere Religionsgemeinschaften Freiräume bot, die im alten Europa und auch im eher toleranten Preußen vielfach verweigert wurden.
Später zog das Ruhrgebiet Auswanderungswillige an, wo das Los der Industriearbeiter zwar hart und mühsam war, aber doch leichter Arbeit zu finden war, die zudem deutlich besser bezahlt war als auf den ostpreußischen Gütern. Gelsenkirchen etwa entwickelt sich zu einem Zentrum polnisch sprechender, evangelischer Masuren.

Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Carl-Wilhelm Hübner (1814-1879), Die Auswanderer, 1862

Diese Auswanderungswelle hatte mehrere Ursachen. Neben einem hohen Geburtenüberschuss war ein Auslöser die preußischen Agrarreformen, die 1807 mit dem berühmten, in Memel erlassenen Oktoberedikt begannen. Sie befreiten die Bauern und Gutsbewohner vom mittelalterlichen Feudalwesen mit seinen persönlichen Abhängigkeiten und Dienstpflichten aus der verhassten Leibeigenschaft. Man sprach daher auch von Bauernbefreiung, aber die Wirkungen waren zwiespältig. Endlich war freie Orts- und Berufswahl erlaubt, und auch das Heiraten nunmehr ohne Erlaubnis möglich, was vermehrt Ehen in den ländlichen Unterschichten nach sich zog, für deren oft reiche Kinderschar eine Kleinsthofstelle nicht auskömmlich war.
Zudem musste für die Ablösung der alten Pflichten wie Fron-, Gespann- und Gesindedienste der Gutsherr entschädigt werden, was bei den Kleinbauern mangels Barvermögen meist mit Land erfolgte. Viele Hofstellen schrumpften dabei so stark, dass sie verkauft werden mussten – aus Bauern wurden Tagelöhner. Auch entfielen nun die Schutzpflichten des Gutsherrn für seine Bauern, etwa bei Missernten, Seuchen, Blitzschlag oder Krankheit.
Mit den Reformen wurde der Bauer ein selbständiger Unternehmer auf eigenes Risiko, was vom liberalen ost- und westpreußischen Oberpräsidenten Theodor von Schön durchaus gewollt war. Fallende Getreidepreise führten dann aber rasch zum Zwangsverkauf des Hofes. Die Armut der Unterschichten wurde verschärft durch die Mechanisierung, denn sie verdrängte ländliches Nebengewerbe wie die Leinenweberei, die ihren Beitrag zum Gesamteinkommen kleinbäuerlicher Schichten beitrug und reduzierte den ganzjährigen Personalbedarf der Güter, was zur saisonalen Wanderarbeit führte.
Die Arbeitslosigkeit und Armut waren hoch – Auswanderung schien für viele die einzige Perspektive. Der Verlust der ländlichen Bevölkerung blieb über Jahrzehnte hoch, Ostpreußen ein im Vergleich zum übrigen Deutschland äußerst dünn besiedeltes Land.

Der in Königsberg geborene und dort noch ausgebildete Hübner war seinerzeit ein anerkannter Genremaler. 1838 ging Hübner an die Düsseldorfer Akademie und wurde dort Gründer des “Vereins Düsseldorfer Künstler”. Ein vielbeachtetes Gemälde stellte auch die Not der schlesischen Weber dar. Hübner war bekannt für seinen realistischen, wenig idealisierenden Stil.

Objekt der Woche #17 – Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Mittwoch, 2. Mai 2018

Der 1875 in Schlesien geborene Grafiker Heinrich Wolff hatte seine gründliche künstlerische Ausbildung 1891 an der Breslauer Kunstschule begonnen, an den Kunstakademien in Berlin und München fortgesetzt. 1900 gründete er eine private Schule für Grafik in München.
1902 berief der Direktor der Königsberger Kunstakademie, Ludwig Dettmann, Heinrich Wolff als Lehrer für freie Grafik. Unter ihm erlange die künstlerische Grafik in Königsberg hohes Ansehen. Sein 33 Jahre währende Akademietätigkeit prägte die ostpreußische Kunst der Zeit mit. Wolffs Arbeiten wirken durch ihre malerische Darstellungsweise der Landschaften, Stadtansichten als auch in den vielen Bildnissen.

Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Heinrich Wolff, Selbstbildnis, Radierung um 1910

Als Portraitist erlange Wolff so viel Anerkennung, dass ihm die medizinische Fakultät der Universität Königsberg dafür den Doktor h.c., ehrenhalber, verlieh. Nach seiner Pensionierung 1935 kehrte Wolff nach München zurück, wo er 1940 verstarb. Er gehört bis heute zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Lehrerschaft an der einstigen Königsberger Kunstakademie. Das Selbstbildnis wird in der neuen Dauerausstellung in der Grafikabteilung zu sehen sein.

Objekt der Woche #16 – Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

Mittwoch, 25. April 2018

Die zwei hohlen Silberbohnen sind Zeugnis einer alten Tradition zur Wertschätzung des Philosophen Immanuel Kants (1724-1804).
Der „Weltendenker“ Kant hatte zeit seines Lebens nie seine Heimat Ostpreußen verlassen. Informationen über das Geschehen in der Welt sammelte er in regelmäßigen Gesprächen seiner Tischrunde, deren Kreis bunt gemischt war, darunter Kaufleute, Banker, Militärs, Ärzte, Theologe und Literaten.

Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

Zwei silberne Bohnen, vermutlich 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

William Motherby, Arzt, Landwirt und wie sein Vater Robert Motherby ein Freund von Kant, lud in Gedenken der letzten Geburtstagsfeier Kants am 22.4.1803 zwei Jahre später die damaligen Teilnehmer zu einem Gedächtnisfest ein. Daraus wurde eine jährliche Tradition, die zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde Kants“ führte und bis 1945 in Königsberg, später dann in Göttingen und seit 2011 wieder in Königsberg/Kaliningrad fortgeführt wurde.
Die in einen Kuchen eingebackene Bohne bestimmte auf der Versammlung der Gesellschaft am 22.04 eines jeden Jahres ihren Finder zum „Festordner“ (Präsident) der Gesellschaft (daher auch „Bohnenkönig der Bohnengesellschaft“ genannt), der im Folgejahr eine Festrede zu halten hat.
Die zwei silbernen Bohnen stammen aus dem Nachlass der Königsberger Familie von Hippel. Der Königsberger Bürgermeister und Polizeidirektor Theodor Gottlieb Hippel der Ältere (1741-1796) war ein Verfechter der Aufklärung, eng mit Kant befreundet und regelmäßiger Gast seiner Runde.

Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen ab 1915

Freitag, 20. April 2018

Vortrag von Dr. Nils Aschenbeck am 18. April 2018
Der Architekturdozent und Journalist Dr. Nils Aschenbeck gab am Mittwochabend im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg einen ausführlichen Einblick in die Entstehungs- und Ursprungsgeschichte der Architektur des Wiederaufbaus in Ostpreußen aus der Reformarchitektur, welche seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs den architektonischen Zeitgeist prägte.
Die Reformarchitektur, eine Geste des Protests gegen den Historismus, gegen Biedermeier, Schnörkel und alles, was vorgibt, etwas zu sein, das es gar nicht ist, wollte an erster Stelle eines: ein beginnendes Jahrhundert einleiten, das am absoluten Nullpunkt startet und organisch, naturbezogen und ehrlich wächst. Es sollte eine Architektur des Unbewussten sein, die örtliche Besonderheiten und Charakterzüge der ansässigen Menschen zur Grundlage nahm und keine große Planung oder Symmetrie anstrebte. Um 1900 wurden althergebrachte Werte umgewertet. Was bisher als Wahrheit galt, bezweifelte oder lehnte man gar ab. Neue Ideale und Wahrheiten wurden gesucht.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach und Ostpreußen zum Kriegsschauplatz wurde, übertrug sich angesichts zerstörter Städte die bis dato ungebrochene Begeisterung der deutschen Bevölkerung für den „Reformkrieg“ auch auf den Wunsch nach Wiederaufbau, nach einem besseren, neuen Aufbau der zerstörten Gebiete. Private wie öffentliche Gelder flossen nach Ostpreußen, eben nicht nur, um Zerstörtes auszubessern, sondern um Idealstädte zu formen – moderne, sachliche Orte bar aller scheinheiligen Verzierungen, die den Menschen angeblich krank machten. Dieser Modernisierungsschub für Ostpreußen führte gar dazu, dass Flüchtende späterer Jahre angesichts Westdeutschlands die Stirn runzelten und staunten, „wie provinziell hier doch alles sei“.

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Dr. Nils Aschenbeck während seines Vortrags im Osptreußischen Landesmuseum

Die Architektur des Wiederaufbaus ist ein wichtiges Stück ostpreußischer Kulturgeschichte, das nach der Niederlage 1918 bald verdrängt, nicht mehr beachtet und noch heute in architekturhistorischen Fachkreisen weitestgehend ignoriert wird. Auf die Reformarchitektur folgte schnell eine stark international ausgerichtete Architektur. Formen, Gebäude, die prinzipiell an jeden Fleck der Erde passen und eine Allgemeingültigkeit in sich tragen sollten. Nils Aschenbeck betonte, wie schade er dies finde. Denn es war eine avantgardistische Architektur, Symbol eines zuversichtlichen Schrittes Richtung Zukunft, die in den Jahren zwischen der Jahrhundertwende und dem Kriegsende entstand. Der Glaube daran, mit dem neuen Jahrhundert eine neue Architektur, ja: eine neue Gesellschaft, neue Kinder, neue, bessere Menschen in neuer Kleidung formen zu können, war stark und zuversichtlich. Diese neue Architektur sollte wieder bei den Wurzeln, bei der Natur anfangen, um rein von jeglichem Ballast sein zu können. Viele Loggien und Balkone lockten die Menschen an die Luft, dem Zeitalter der Tuberkuloseerkrankungen wollte man endgültig den Gar ausmachen. Vorhänge wurden in Häusern und Wohnungen der Reformarchitektur vergeblich gesucht – Sitzpolster galten bereits als Zugeständnis.
Obwohl auch im Museum auf ominöse Sitzpolsterungen verzichtet wird, war die Aufmerksamkeit der Zuhörer von Nils Aschenbecks Vortrag bis zum Ende ungebrochen und mündete zum Abschluss in einer angeregten Diskussionsrunde, in der Fragen geklärt und Erinnerungen an bestimmte Orte und ihre architektonischen Besonderheiten in Ostpreußen ausgetauscht werden konnten.

Svenja Szalla, Praktikantin

Objekt der Woche #15 – Geflügelte Termite in Naturbernstein

Mittwoch, 18. April 2018

Ein kleines Insekt, eingeschlossen in fossilem Baumharz, das vor mindestens 35 Millionen Jahren aus einem Baum austrat. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Kiefernart. Sie wuchs in einem Wald irgendwo in Nord-, Mittel- oder Osteuropa im Eozän genannten, frühen Abschnitt der Erdneuzeit, des Tertiärs.

Geflügelte Termite in Naturbernstein

Geflügelte Termite in Naturbernstein

Zu dieser Zeit war das Klima in Europa sehr viel wärmer als heute. Subtropische Wälder bedeckten riesige Landflächen. Die im Bernstein eingeschlossene kleine Termite ist ein hervorragender Beweis für warmes Klima, denn bis heute kommen diese Pflanzenfresser (Holzzerstörer) nur in tropischen und subtropischen Landschaften vor. Sie sind sehr empfindlich gegenüber Trockenheit und leben gut geschützt in Totholzstämmen und steinharten Erdhügeln. Nur für kurze Zeit entwickeln sich Geschlechtstiere mit Flügeln, die die Bauten verlassen, sich paaren und eine neue Kolonie gründen. Entsprechend selten werden Termiten als Inklusen im Bernstein gefunden, umso schöner, dass es in der neuen Bernsteinabteilung zu sehen sein wird.